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GŁnter Brakelmann

Luther und die Juden

Nach den Kreuzzügen und den vielfältigen Massakern an den Juden im Mittelalter ist am Beginn des 16. Jh. erneut eine Zunahme der Polemik gegen die Juden zu konstatieren, auch bei Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, der 1519 das „judenfreie“ Frankreich preist. Der katholische Theologe Johannes Eck (1486–1543) vertrat die These vom Ritualmord. Johannes Pfefferkorn (1469–1522/23) forderte nach seiner Taufe 1505 in Köln in seinen antijüdischen Traktaten, alle hebräischen Bücher außer dem AT zu beschlagnahmen und zu verbrennen, die Juden aus den Städten zu vertreiben und regelmäßige Predigten gegen die Juden zu halten.1  Dagegen stand Johannes Reuchlin (1455–1522), der die entscheidenden Werke für die Verbreitung der hebräischen Sprache schrieb. In seiner wichtigsten Schrift, „Der Augenspiegel“, einem Gutachten für den Kaiser, wendet er sich gegen eine unterschiedslose Vernichtung des Talmuds. Er schrieb gegen die Kölner Dominikaner, die einen „Handspiegel gegen die Juden und ihre Schriften“ herausgegeben hatten.

Luthers Auftakt

1514 bittet Georg Spalatin, Hofkaplan und Sekretär bei Luthers Landesherrn Friedrich dem Weisen, den Professor Luther um ein Gutachten zu Reuchlins „Augenspiegel“ und zum Streit zwischen Reuchlin und den Kölnern.2  Luthers Fazit lautet: „In seinem (Reuchlins) ganzen geschriebenen Ratschlag ist mir absolut nichts begegnet, was gefährlich wäre.“ Von dieser Zeit an befasst sich Luther immer mehr mit dem Problemfeld Juden – Christen. In seinen Vorlesungen über die Psalmen, den Römer-, Galater- und Hebräerbrief finden sich exegetische Passagen über dieses Thema, ebenso in seiner Auslegung des Magnificats. In seiner Römerbriefvorlesung (1515–1516) geht es ihm um eine zentrale theologische Auseinandersetzung mit den Juden. Seine zentrale Aussage ist: Gerechtigkeit gibt es nur durch Christus. Er argumentiert:

„Es könnten und möchten wohl die Juden sagen: Wir hören das Gesetz und kennen es, und wir sind das auserwählte Volk aufgrund des Gesetzesbundes vom Berge Sinai. Die (Heiden) Völker aber (könnten und möchten wohl) sagen: Wir haben das Gesetz nicht kennen gelernt, darum entschuldigt uns unsere Unkenntnis. Er aber (Paulus) antwortet einem jeden: Nein! Es bedeutet nämlich ‚Gerechtsein bei Gott’ dasselbe wie ‚gerecht gemacht werden bei Gott’. Denn nicht, weil einer gerecht ist, wird er von Gott anerkannt, sondern weil einer von Gott anerkannt wird, darum ist er gerecht [...]. Niemand aber wird als gerecht anerkannt, der nicht das Gesetz durch das Tun erfüllt. Niemand aber erfüllt es, der nicht an Christus glaubt. Und so behauptet der Apostel den Schluss, dass niemand ohne Christus gerecht ist, niemand (ohne ihn) das Gesetz erfüllt“ (32 f.).

Judentum ist für Luther eine Gesetzesreligion im Unterschied zur christlichen Gnadenverkündigung. Gerechtigkeit kommt nicht aus Gesetzeserfüllung oder aus der Beschneidung. Auch Abraham wurde vor der Beschneidung aus Glauben gerechtfertigt, nicht durch seine Werke. Die Juden müssen zum Glauben Abrahams zurückgerufen werden, aber: nicht ganz Israel lässt sich zurückrufen, doch ein Teil wird schon vor der Endzeit gläubig und so gerettet werden (33 f.). Israels Erwähltsein als Volk Gottes bleibt trotz ihrer Verstockung bestehen (34)

Da nun die christliche Liebe für das Gute wirkt, gilt das auch für die Juden (34, zu Röm 9–11). Deshalb spricht sich Luther gegen die Verleumdungen der Juden aus:

„Mit Gewalt und Verfluchungen wollen sie Juden bekehren. Gott aber möge ihnen widerstehen“ (34 f.).

Christen und Juden sollen einander in Güte annehmen,

„wie Christus sie angenommen hat. Denn er hat nicht nur die Juden, damit sie sich nicht überheben, sondern ebenso die Völker aus reiner Barmherzigkeit angenommen. Daher haben beide Grund zum Lobe Gottes, nicht aber zum Streit miteinander“ (35).

Jetzt schon sollen Christen das jüdische Volk „wegen der Erwählten in Ehren halten. So nämlich ist das jüdische Volk eine ‚heilige Menge’ wegen der Erwählten“ (35 f.), und:

„Nach ihrem Leiden werden die Juden als letztes der Völker zum wahren Glauben umkehren, ganz Israel wird am Ende der Zeit durch Gottes Gnade gerettet werden (36 f.). Das Leiden der Juden dient der Welt und auch den Juden zum Heil“ (37).

Luther ist in der Zeit der beginnenden Reformation kein Judenfeind, aber ein an seinem Schriftverständnis gebundener Kritiker des Judentums. Wie er die scholastische Schriftauslegung hinter sich gelassen hat, so lehnt er auch die rabbinische Schriftauslegung ab. Am Gottesverständnis scheiden sich für Luther die Geister: „Nur durch Christus erkennen wir das Wesen Gottes.“ Sein Problem ist die „Halsstarrigkeit“ der Juden:

„Doch auch dies ist bedauernswert, dass die Synagoge immer mit von der Kirche abgewandtem Gesicht verharrt, das heißt mit dauerndem Hass. Anerkennen kann und will sie diese nicht, den Hass legt sie nicht ab und erreicht dennoch nichts gegen sie, ist vielmehr ständig auf der Flucht und zum Zurückweichen gezwungen. Das haben wir bis heute vor Augen, wie es an den Juden geschieht, sodass ihr Zustand nicht besser mit wenigen Worten ausgedrückt werden kann, als dass sie mit dem Rücken Zugewandte dahingegeben sind, so sehr dem Hass und dem Erdulden von Übeln ausgeliefert“ (46).

In dem Hass der Juden auf die Kirche sieht Luther den Grund für ihre reale geschichtliche, gesellschaftliche und politische Situation. Er, der das Alte Testament christologisch auslegt, kann deshalb eine Bevorzugung der Juden wegen ihrer natürlichen Abstammung von Abraham nicht akzeptieren, aber er glaubt an eine gemeinsame endzeitliche Versöhnung aller Juden und Christen:

„[...] auch die Juden und Völker werden sich bekehren und anbeten [...] damit es in Christus weder einen Juden noch einen Griechen gibt [...]. Alle werden in Christus eins sein [...]. Juden und Christen werden gemeinsam Gott anbeten: sie sind alle eins in Christus, von einer Erde, zu einem Gott, in einem Glauben, in einem Evangelium – sollen sie dienen ohne Unterschied“ (48).

uch in der Zeit vor Worms und in Worms (1521) geht Luther kontinuierlich auf das Problem Christen – Juden ein. Das Thema berührt das Zentrum seiner Theologie. Ausführungen zum Thema finden sich in seinem „Sermon von Betrachtung des heiligen Leidens Christi“, im „Sermon vom Wucher“ (1519) und in seiner Schrift „Von den guten Werken“ (1520).

In seiner Vaterunser-Auslegung, in der sich sogar ein Fürbittengebet für die Juden findet, und in seinen Passionspredigten wendet er sich gegen die übliche Beschimpfung der Juden in den Passionspredigten (1521). Darüber hinaus setzt er sich für das Erlernen der hebräischen Sprache ein und für die Einrichtung von Lehrstühlen für Hebräisch.

Ein Zwischenergebnis

Luthers projüdische Haltung hat in diesen Jahren ihren Grund in der Auslegung von Römer 9–11, nach dem das Heil dem ganzen jüdischen Volk gilt, und in dem allgemeinen Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Von seinem Schriftverständnis her setzt er sich kritisch mit der jüdischen Auslegungsgeschichte des Alten Testaments auseinander. Dabei lehnt er die traditionellen altkirchlichen und mittelalterlichen antijüdischen Stereotypen als Hinderungsgrund für die Bekehrung von Juden zum christlichen Glauben ab. Auch in den Schriften, die er auf der Wartburg verfasst („Die Auslegung des ,Magnificat’“ und die „Kirchenpostille“, 1521–1522), bleibt er bei seiner frühreformatorischen Linie. Zentral bleibt seine These: Einzige Ursache für der Juden Elend ist die Ablehnung Jesu Christi.

Vom theologischen Urteil über die Juden zu unterscheiden ist der Umgang mit den Juden. In der Auslegung zum Magnificat postuliert Luther:

„Darum sollen wir die Juden nicht so unfreundlich behandeln, denn es sind noch zukünftige Christen unter ihnen und werden es noch täglich. [...] Wenn wir christlich lebten und sie mit Güte zu Christus brächten, das wäre wohl das rechte Maß. Wer wollte Christ werden, so er sieht Christen so unchristlich mit Menschen umgehen? [...] Wollen sie nicht, lass sie in Frieden fahren [...]“ (67).

In seiner „Kirchenpostille“ (1522) ruft er zu Fürbitte und Opfer auch für gegnerische Juden auf und hofft angesichts des nahenden Weltendes auf ihre Bekehrung (68 f.). Aber schon jetzt gehören Christen und Juden zu der einen alle umfassenden Gesellschaft:

„Wie ich nun mag mit einem Heiden, Juden, Türken, Ketzer essen, trinken, schlafen, gehen, reiten, kaufen, reden und handeln, also mag ich auch mit ihm ehelich werden und bleiben, und kehre dich nichts an der Narren Gesetze, die solches verbieten [...]“ („Vom ehelichen Leben“, 1522, ebd. 70).

Und in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ (1523) heißt es:

„Lieber, willst du Ketzerei vertreiben, so musst du den Griff treffen, dass du sie vor allen Dingen aus dem Herzen reißest und gründlich mit Willen abwendet. Das wirst du mit Gewalt nicht beenden, sondern nur stärken [...]. Denn ob man gleich alle Juden und Ketzer mit Gewalt verbrennte, so ist und wird doch keiner dadurch überwunden noch bekehrt“ (71).

Daraus zieht er in einem Brief an den konvertierten Juden Bernhard 1523 die Konsequenz: Anstatt Judenhetze mit ihrer „höchst geschmacklosen Rohheit und eselhaften Ignoranz“ ist ihnen das „goldene Licht des Evangeliums“ anzubieten (73).

„Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“

1523 fasst Luther seine Positionen zusammen und baut sie argumentativ aus in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“:

„Darum will ich aus der Schrift erzählen die Ursachen, die mich bewegen, zu glauben, dass Christus ein Jude sei, von einer Jungfrau geboren, ob ich vielleicht auch der Juden etliche möchte zum christlichen Glauben reizen. Denn unsere Narren, die Päpste, Bischöfe, Sophisten und Mönche, die groben Eselsköpfe, haben bisher mit den Juden gefahren, dass wer ein guter Christ gewesen wäre, hätte wohl ein Jude zu werden gemocht. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel gesehen den Christenglauben regieren und lehren, so wäre ich eben eine Sau geworden denn ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt als wären es Hunde und nicht Menschen; haben nichts mehr kundgetan als sie zu schelten und ihr Gut nehmen [...]. Keine christliche Lehre hat man ihnen beweiset, sondern nur der Päpsterei und Möncherei unterworfen“ (74 f.).

An die Stelle von Diffamierung und Unterdrückung soll die Evangeliumsverkündigung treten:

„Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, es sollten ihrer viele rechte Christen werden und wieder zu ihrer Väter, der Propheten und Patriarchen Glauben treten [...]. Wenn die Apostel, die auch Juden waren, also mit uns Heiden so gehandelt hätten wie wir Heiden mit den Juden, so wäre nie einer von den Heiden Christ geworden [...]. So sind wir (Christen) dennoch Heiden, und die Juden von dem Geblüte Christi; wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn“ (75 f.).

Hier wird eindeutig die heilsgeschichtliche Priorität der Juden von Luther anerkannt. Er will nun den Juden nahe bringen, dass Jesus der von ihnen erhoffte Messias ist. Dazu legt er Gen 3,15; 22,18; 2 Sam 7,12 und Jes 7,14 als messianische Weissagungen der Jungfrauengeburt aus. Entscheidend aber ist ihm als erster Schritt, dass die Juden den Menschen Jesus als den gekommenen Messias anerkennen. Und später mögen sie lernen, dass dieser Mensch wahrhaftiger Gott ist. Sein abschließender Rat:

„Darum wäre meine Bitte und Rat, dass man säuberlich mit ihnen (den Juden) umginge und sie aus der Schrift unterrichte, so möchten etliche ihrer herbeikommen. [...] Will man ihnen helfen, so muss man nicht des Papstes, sondern christliche Liebe an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit gewähren lassen, werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei und mit uns zu sein, unsere christliche Lehre und Leben zu hören und zu sehen. Obwohl etliche halsstarrig sind, was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen. Hierbei will ich’s diesmal bewenden lassen, bis ich sehe, was ich gewirkt habe. Gott gebe uns allen seine Gnade. Amen“ (80).

Mit dieser Schrift erreicht die religionsgeschichtliche wie theologische Interpretation der jüdischen Religion ihren Höhepunkt. Auch seine Empfehlungen zum Umgang mit den Juden dürften einen politisch-kulturellen Fortschritt in ihrer Zeit bedeuten: alle Gewaltanwendung und alle diskriminierenden Gräuelmärchen sollen ein Ende haben. Der liebende Umgang ist der beste Weg, sie für den christlichen Glauben zu gewinnen. Sie sollen in die Gesellschaft voll eingegliedert werden. Sie müssen keine besondere Kleidung tragen, es gibt keine Ehehindernisse und keine Kontaktverbote mehr. Das gilt auch für die Juden, die noch „halsstarrig“ bleiben.

Entscheidend in seiner Wertung jüdischer Schriftauslegung bleibt für ihn die Christologie nach dem Konzil von Chalcedon (451), das Christus als „wahrhaftig Menschen“ und „wahrhaftig Gott“ bekennt. In den reformatorischen Schmalkaldischen Artikeln von 1537 heißt es:

„Dass Jesus Christus, unser Gott und Herr, sei um unserer Sünde willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferstanden, und er allein das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt, und Gott unser aller Sünde auf ihn gelegt hat. Item: Sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade und durch die Erlösung Christi in seinem Blut, von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will. Und auf diesem Artikel steht alles, was wir wider den Papst, Teufel und die Welt lehren und leben. Darum müssen wir dessen ganzgewiss sein.“3

Von dieser theologischen Grundkonzeption her ergeben sich Luthers Einschätzungen der jüdischen Theologie, die für ihn eine Theologie der Werkgerechtigkeit ist, der gegenüber er die Glaubens- und Gnadengerechtigkeit stellt. Luther redet immer von seinen exegetischen Erkenntnissen der Schrift her. Zehn Jahre lang hat er eine Genesisvorlesung und viele Predigten über alttestamentliche Texte gehalten. Es ist für ihn im Blick auf die Juden vorrangig eine theologische Auseinandersetzung, in der es um die Wahrheitsfrage geht. Und hier macht er keine Abstriche. Hier ist für ihn der sog. status confessionis (der Bekenntnisfall) gegeben. Nationale, politische und gesellschaftliche Fragen spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle.

Was bislang bei ihm überhaupt keine Rolle gespielt hat, sind rassische Fragen. Judentum ist für ihn Religion. Um den Kontrast zu katholischen Stimmen zu zeigen, sei nur an Luthers Gegenspieler Johann Eck erinnert. Dieser forderte u. a. das Verbot der Schmähung christlicher Lehre und Sitte, ein Ausgangsverbot für Juden in der Karwoche, das Tragen von Kennzeichen auf der Kleidung (gelber Ring), keine Zulassung für öffentliche Ämter, ein Verbot der Beschäftigung christlicher Dienstboten, ein Verbot von Ehen mit Christen und ein Wucherverbot.

Vom Reformator zum konsequenten Antijudaisten

1537 kommt es zu einem Kontakt mit Josel von Rosheim, dem Vorsteher der Juden am Kaiserlichen Hof. In Luthers Brief an ihn deutet sich, wenn auch noch verhalten, ein Umbruch seiner bisherigen Position gegenüber den Juden an (112 f.). In den Jahren von 1538 bis 1543 lässt sich Luthers Weg vom judenfreundlichen Reformator zum konsequenten Antijudaisten gut rekonstruieren. Was hat ihn zu seiner allmählichen Wende getrieben? Luther meinte zu erkennen, dass die jüdische Kritik am christlichen Glauben und die Weigerung, sich in das corpus christianum durch die Taufe einzugliedern, die religiösen und moralischen Grundlagen und damit die Einheit der Bevölkerungen im Glauben und in der gesellschaftlichen Ordnung gefährde.

Die Juden drohten im Zuge der Konfessionalisierung der Territorialstaaten ein religiöser, politischer und gesellschaftlicher Störfaktor zu werden. Sie spalteten ein einmütiges Zusammenleben auf dem Fundament einer von reformatorischer Theologie bestimmten politischen und gesellschaftlichen Ordnungswelt. Auch fürchtete Luther um die religiöse Standhaftigkeit der lutherischen Bevölkerung gegenüber der jüdischen Kritik an einzelnen christlichen Dogmen, wie z. B. am Trinitätsdogma. Es erbost ihn, dass bei den jüdischen Angriffen auf die Gottheit Christi die Christen als „unvernünftig“ dargestellt werden. Jüdische Bekehrungsversuche an Christen werden von Luther als endzeitliche Wirren interpretiert. Etliche Christen haben sich sogar „beschneiden lassen und glauben, der Messias oder Christus sei noch nicht gekommen und der Juden Gesetz müsse ewiglich bleiben [...]“ (119). Die jüdischen Forderungen von Beschneidung und Feier des Sabbattages können aber nicht geduldet werden (119 f.), vor allem nicht jüdische Schmähungen Jesu und Marias (120 ff.).

Zwischen 1539 bis 1542 können wir noch ein Schwanken Luthers zwischen Sympathie und Feindschaft feststellen. Vor allem aber muss er sehen, dass seine Erwartungen von 1523 nicht eingetroffen sind. Die Juden bleiben in ihrer Mehrheit theologisch das „halsstarrige Volk“ und sie bilden immer offener ein unruhiges Element in der christlichen Gesellschaft. Auch wenn er in dieser Phase seine Kritik an den Juden verstärkt, er bleibt bis an sein Lebensende immer bei seiner Ablehnung von direkter Gewalt. Und er kann die Juden preisen als die Verfasser der Heiligen Schrift und empfindet Hochachtung für die Juden, die Stadt, Land und Tempel verloren haben und immer auf der Flucht sind. Und immer wieder stellt er die Frage, warum Gott zu ihrem Elend schweigt.

Wie Luther 1523 seine theologischen und missionarischen Überlegungen in seiner frühen Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ zusammengefasst hat, so schreibt er genau zwanzig Jahre später eine Kampfschrift gegen die Juden: „Von den Juden und ihren Lügen“. 1542 schrieb ein Rabbiner gegen Luthers „Ein Brief wider die Sabbather“ (1538). Luther antwortet mit einer sehr langen Schrift (394 Abschnitte). Sie beginnt mit den Worten:

„Ich hatte mir wohl vorgenommen, nichts mehr von den Juden noch gegen die Juden zu schreiben. Aber weil ich erfahren, dass die elenden, heillosen Leute nicht aufhören, auch uns, das sind die Christen, an sich locken, habe ich dies Büchlein ausgehen lassen, damit ich unter denen erfunden werde, die solchem giftigen Vornehmen der Juden Widerstand getan und die Christen gewarnt haben, sich vor den Juden zu hüten. Ich hätte nicht gemeint, dass ein Christ sich sollte von den Juden narren lassen, in ihr Kummer und Elend zu treten [...]. Es ist mein Vorhaben nicht, dass ich wollte mit den Juden zanken oder von ihnen lernen, wie sie die Schrift deuten oder verstehen. [...] Viel weniger gehe ich damit um, dass ich die Juden bekehren wolle; denn das ist unmöglich“ (132 f.).

Es wird eine Schrift der Darstellung der christlichen Lehre gegenüber jüdischen Auslegungen der Schrift, gegenüber jüdischer Frömmigkeit und gegenüber jüdischen Lebensweisen.4  Es wird die antijudaistische Schrift Luthers. Nach einer Einleitung aus acht Thesen, von denen jede mit „Hüte dich vor den Juden“ endet, gliedert sich die Schrift in drei Hauptteile und in ein Schlusskapitel.

Zunächst geht es gegen den Alleinanspruch der Juden, Gottes Volk zu sein. Sie rühmen sich, Abrahams Samen zu sein, sie rühmen sich ihres Adels und Geblüts:

„[...] wir Heiden sind gegen sie in ihren Augen nicht Menschen, sondern kaum wert, dass wir von ihnen als arme Würmer eingeschätzt werden [...]“.

Lange Seiten handelt er über diesen Punkt der Verachtung der Christen durch die Juden (Thesen 9 ff.). „Der andere Grund und Ruhm der Juden wider die Christen ist die Beschneidung“ (Thesen 30 ff.). „Der dritte Grund und Ruhm der Juden ist das Gesetz, ihnen von Gott gegeben“ (Thesen 67 ff.). „Der vierte Grund und Ruhm der Juden vom Lande Canaan“, die Besitznahme des gelobten Landes (Thesen 85 ff.).

Ganz entscheidend ist nun Luthers Versuch, die jüdische Bestreitung der Messianität Jesu aus der Hebräischen Bibel zu widerlegen. Durch die Auslegung von Gen 49,10; 2 Sam 23,1–7; Jer 33,17–26; Hag 2,6–9 und Dan 9,24 will er den historischen Nachweis der Messianität Jesu bringen. Dabei bleibt er in der traditionellen christlichen Auslegung und nennt die jüdischen Auslegungen durchweg „Lügen“.

Dann folgt ein Kapitel über die jüdischen Herabsetzungen der Person Jesu: Sie lügen über ihn, sie lästern und schmähen die Person Jesu, sie schelten ihn einen „Zauberer und Teufelszeug“. Und sie beschimpfen in ihren Synagogen generell die Christen. Sie bezeichnen Jesus als Hurenkind und verunglimpfen Maria als Hure, die vorzeitig empfangen und später noch andere Kinder gehabt habe. Daraus ergibt sich seine Frage:

„Was sollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? Zu leiden ist’s uns nicht, nachdem sie bei uns sind und wir solche Lügen, Lästern und Fluchen von ihnen wissen, damit wir uns nicht teilhaftig machen ihrer Lügen, Flüche und Lästerung. So können wir das unlöschliche Feuer göttlichen Zorns nicht löschen, noch die Juden bekehren. Wir müssen mit Gebet und Gottesfurcht eine scharfe Barmherzigkeit üben, ob wir doch etliche aus der Flamme und Glut erretten könnten. Rächen dürfen wir uns nicht. Sie haben die Rache am Halse, tausendmal ärger als wir ihnen wünschen möchten. Ich will meinen treuen Rat geben“ (148).Dann folgen sieben Ratschläge an die politischen Machthaber (149 ff.):

1) Anstecken der Synagogen und Schulen:

„[...] und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen sind und solches öffentliche Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben. Denn was wir bisher aus Unwissenheit geduldet – ich habs selbst nicht gewusst – wird uns Gott verzeihen. Nun wir es aber wissen und darüber frei vor unserer Nase den Juden ein solches Haus schützen und schirmen, darin sie Christus und uns belügen, lästern, fluchen, anspeien und schänden – wie droben gehört – das wäre ebenso viel als täten wir’s selbst und viel ärger, wie man wohl weiß.“

2) Zerstörung ihrer Häuser und Konzentration in Judenhäusern:

„[...] denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun wie die Zigeuner, auf dass sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande, wie sie rühmen, sondern in Elend (=Ausland) und gefangen, wie sie ohne Unterlass vor Gott über uns Zeter schreien und klagen.“

3) Konfiskation der Betbücher und des Talmuds:

„[...] darin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird“.

4) Verbot der Lehre durch Rabbiner [...] bei Leib und Leben [...]:

„Denn solch Amt haben sie mit allem Recht verloren, weil sie die armen Juden mit dem Spruch Dtn 17 (10 ff.) gefangen halten, da er gebietet, sie sollen ihren Lehrern gehorchen bei Verlust des Leibes und der Seelen, so doch Moses daselbst klar hinzufügt: ‚Was sie dich lehren nach dem Gesetz des Herrn’. Solches übergehen die Bösewichter und gebrauchen des armen Volks Gehorsam zu ihrem Mutwillen wider das Gesetz des Herrn, gießen ihnen solch Gift, Fluch und Lästerung ein.“

5) Aufheben des Geleites auf Straßen und des Aufenthaltes auf dem Lande:

„[...] denn sie haben nichts auf dem Lande zu schaffen, weil sie nicht Herren, noch Amtsleute, noch Händler oder desgleichen sind. Sie sollen daheim bleiben. Ich lasse mir sagen, es soll ein reicher Jude jetzt aufs Land reiten mit 12 Pferden (der will ein Kochab werden) und wuchert Fürsten, Herren, Land und Leute aus [...].“

6) Verbot des Wuchers, Beschlagnahmung ihrer Gelder:

„[...] alles, was sie haben [...], haben sie uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher, weil sie sonst keine andere Nahrung haben. Solches Geld soll man dazu brauchen (und nicht anders), wo ein Jude sich ernstlich bekehrt, dass man ihm davon auf die Hand gebe hundert, zweihundert, dreihundert Gulden nach Gelegenheit der Person, damit er eine Nahrung (Beruf) für sein arm Weib und Kindlein anfangen möge, und die Alten und Gebrechlichen damit unterhalte, denn solch böse gewonnenes Gut ist verflucht, wo man es nicht mit Gottes Segen in guten, nötigen Gebrauch wendet [...].“

7) Arbeitspflicht:

„[...] dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen, wie Adams Kindern (Gen 3,19) auferlegt ist. Denn es taucht nicht, dass man sie uns verfluchte Gojim (Heiden) wollten im Schweiße unseres Angesichts arbeiten lassen und sie, die heiligen Leute, wollten es hinter dem Ofen mit faulen Tagen, Festen und Pomp verzehren.“

Auch diese Schrift der „harten Barmherzigkeit“ enthält keine Aufforderung, Juden individuelle körperliche Gewalt anzutun. Was die Obrigkeiten aber nun als erstes tun sollen, ist die Ausweisung aller Juden aus den Städten und Ländern:

„Unseren Oberherren, die Juden unter sich haben, wünsche ich und bitte, dass sie eine solche scharfe Barmherzigkeit gegen diese elenden Leute üben wollten [...]. Will das nicht helfen, müssen wir sie wie die tollen Hunde ausjagen, damit wir nicht ihrer gräulichen Lästerung und aller Laster teilhaftig mit ihnen Gottes Zorn verfielen und verdammt werden [...]. Meines Gutdünkens wills da hinaus: sollen wir von der Juden Lästerung rein bleiben und nicht teilhaftig werden, so müssen wir geschieden sein und sie aus unserem Lande vertrieben werden. Sie mögen daran denken, in ihr Vaterland zu kommen (nach Palästina auswandern). Dann dürfen sie nicht mehr vor Gott über uns schreien und lügen, dass wir sie gefangen halten: wir auch nicht klagen, dass sie uns mit ihrem Lästern und Wucher beschweren. Dies ist der nächstliegende und beste Rat, der beide Partner in solchem Fall sichert [...]. Wenn ich Macht hätte über die Juden, wie unsere [...] Fürsten haben, wollte ich diesen Ernst mit ihrem Lügenmaul spielen“ (154).

Luther war sich der Härte seiner antijüdischen Position und der Härte seiner Forderungen an die Obrigkeit durchaus bewusst. Am Ende schreibt er:

„Es ist der Zorn Gottes über sie gekommen, woran ich nicht gern denke, und mir dies Büchlein zu schreiben nicht fröhlich gewesen ist [...]. Ach Gott, himmlischer Vater, wende dich und lassen deines Zornes über sie genug gewesen und ein Ende sei, um deines lieben Sohnes willen [...]. So hat auch hierin, hoffe ich, ein Christ, der sonst nicht Lust hat, ein Jude zu werden, so viel, dass er sich der blinden, giftigen Juden nicht allein wohl erwehren kann, sondern auch der Juden Bosheit, Lügen, Fluchen muss fein werden und begreifen, dass ihr Glaube nicht allein falsch, sondern sie gewisslich mit allen Teufeln besessen sind. Christus, unser lieber Herr, bekehre sie barmherziglich und erhalte uns in seiner Erkenntnis, welches das ewige Leben ist, fest und unbeweglich. Amen“ (157).

Bis zu seinem Lebensende am 18. Februar 1546 in Eisleben hat ihn das Thema Judentum beschäftigt. Nach seiner letzten Predigt am 15. Februar (drei Tage vor seinem Tod) fasst er in einer „Vermahnung wider die Juden“ noch einmal seine Motive für eine solche Position zusammen, die in entscheidenden Partien die Widerrufung der Schrift von 1523 sein dürfte.

„Nun ist’s mit den Juden also getan, dass sie unsern Herrn Jesus Christus täglich nur lästern und schänden. Dieweil sie das tun und wir es wissen, so sollten wir es nicht leiden. Denn soll ich den bei mir leiden, der meinen Herrn Christus schändet, lästert und verflucht, so mache ich mich fremder Sünden teilhaftig, so ich doch an meinen eigenen Sünden genug habe. Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden, sondern wegtreiben. Wo sie sich aber bekehren, ihren Wucher lassen und Christus annehmen, so wollen wir sie gerne als unsere Brüder halten. Anders wird nichts daraus, denn sie machen’s zu groß.

Sie sind unsere öffentlichen Feinde, hören nicht auf, unsern Herrn Jesus Christus zu lästern, halten die Jungfrau Maria eine Hure, Christum ein Hurenkind. Uns heißen sie Wechselbälge und Mahlkälber, und wenn sie uns alle töten könnten, so täten sie es gerne und tun’s auch oft, sonderlich die sich für Ärzte ausgeben, ob sie gleich je zu Zeiten helfen. Denn der Teufel hilft doch zuletzt versiegeln. So können sie auch die Arznei, so man in Welschland kann, da man einem ein Gift beibringt, davon eher in einer Stunde, in einem Monat, in einem Jahr, ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muss. Die Kunst können sie.

Darum seid unverworren mit ihnen als mit denen, die da nichts anders bei euch tun, denn dass sie unseren lieben Herrn Jesus Christus gräulich lästern, stehen uns nach Leib, Leben, Ehre und Gut. Noch wollen wir die christliche Liebe an ihnen üben und für sie bitten, dass sie sich bekehren, den Herrn annehmen, den sie vor uns billigerweise ehren sollten. Welcher solches nicht tun will, da setze es in keinen Zweifel, dass der ein verböster Jude ist, der nicht ablassen wird, Christum zu lästern, dich auszusaugen und – wo er kann – zu töten.

Darum bitte ich, wollet euch fremder Sünde nicht teilhaftig machen. Ihr habt Gott genugsam zu bitten, dass er euch gnädig sei und euer Regiment erhalte, wie ich noch täglich bete und beuge mich unter den Schirm des Sohnes Gottes. Den halte und ehre ich für meinen Herrn, zu dem muss ich laufen und fliehen, wo mich der Teufel, die Sünde oder anderes Unglück anficht. Denn er ist mein Schirm, soweit Himmel und Erde ist, und meine Gluckshenne, darunter ich krieche vor Gottes Zorn. Darum kann ich mit den verstockten Lästerern und Schändern dieses lieben Heilands keine Gemeinschaft noch Geduld haben.

Das habe ich als ein Landeskind euch zur Warnung wollen sagen zu letzte, damit ihr euch fremder Sünde nicht teilhaftig macht. Denn ich meine es ja gut und treulich mit beiden, mit den Herren und Untertanen. Wollen die Juden sich auch zu uns bekehren und von ihrer Lästerung und was sie sonst getan haben, aufhören, so wollen wir es ihnen gerne vergeben. Wo aber nicht, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden noch leiden“ (176).

Das waren Luthers letzte Worte zum Problem Juden – Christen. Nach den ausführlich dargestellten – und nach heutiger Erkenntnis überholten – theologischen Fragen bleibt die Frage nach der Wirkungsgeschichte der Judenschriften Luthers in den folgenden Jahrhunderten bis in die Zeit des Nationalsozialismus.5  Diese Frage bedarf einer eigenen ausführlichen Studie.


Dr. Günter Brakelmann, Prof. em. für Christliche Gesellschaftslehre und Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Antisemitismus und christlicher Widerstand im Dritten Reich. Nach einem Vortrag (gekürzt) in Bochum am 29.11.2011.
  1. Pfefferkorns Judenspiegel (1507) folgten die Schriften Der Juden Beicht (1508) und Der Judenfeind (1509), vgl. Heiko Oberman, Wurzeln des Antisemitismus, Berlin 1981, 7 ff.
  2. Walther Bienert, Martin Luther und die Juden, Frankfurt/M. 1982, 28 ff. Alle weiteren Seitenangaben zu diesem Werk erscheinen im Text (in Klammern).
  3. Bekenntnisschriften der Ev. Lutherischen Kirche, Göttingen 1952, S. 415 f.
  4. Luther greift insbesondere auf folgende Theologen zurück: Nikolaus von Lyra (1270–1349), Paulus von Burgos (1353–1435), Salvagus Porchetus (gest. ca. 1315) und auf die Schrift des Konvertiten Anton Margaritha (1492–1542), „Der ganze jüdische Glaube“ (1530/31).
  5. Vgl. Johannes Rau, Martin Luther und die Juden. Ansprache in Mülheim/Ruhr am 23. Februar 1983, FrRu XXXV/XXXVI 1983/84 Nr. 133–140, Dez. 1984, S. 58–60.


Jahrgang 20 / 2013, Heft 2, S. 107−119.


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