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Fisher, Eugene J.  (Ed.)

Interwoven Destinies. Jews and Christians through the Ages

(A Stimulus Book). New York 1993. Paulist Press. Paperback, 154 Seiten.

Rezension

Referate, die 1986 am 9. National Workshop on Christian-Jewish Relations in Baltimore gehalten worden sind, liegen hier in wissenschaftlich aufbereiteter Form vor. Der Titel des Sammelbandes ist signifikativ: Juden und Christen hatten und haben ein gegenseitig verflochtenes Schicksal: Sie haben interwoven destinies. Ihre letztlichen Bestimmungen sind ebenfalls nicht entflechtbar. Wenn dies einmal als Grundmaxime gesehen und anerkannt ist, dann muß auch das eingespielte Schwarz-weiß-Schema verschiedener jüdisch-christlicher Dialogiker (nicht nur der Antisemiten) bald einmal verschwinden. Weder in der Spätantike noch im Mittelalter war es so, daß die Christen nur die geistigen Aggressoren und die Juden nur die Verfolgten, die Abgesonderten und die heimlich gegen das Christentum opponierende Minorität waren. Von besonderem Interesse ist der zweite Teil des Buches: „The Parting of the Ways“. Dort werden Fragen behandelt, die sich aus der Trennung von Judentum und Christentum ergeben. Eine „Jewish Perspective“ wird von Martha Himmelfarb (47-61) und eine entsprechende christliche Perspektive von John G. Gager (62-76) geboten. Beide Autoren tendieren in die gleiche Richtung: Der sogenannte „Ketzersegen“ hat Judentum und Christentum im beginnenden 2. Jh. nicht vollständig voneinander geschieden. Verschiedene archäologische (z.B. Dura Europos und die große Synagoge von Sardis) und literarische Zeugnisse (z.B. die griechische Baruchapokalypse und das fünfte Esrabuch) zeigen vielmehr, daß Juden und Christen nicht exklusiv gegeneinander dachten und daß eine große „variety of Judaisms“ (48) unter Einschluß judenchristlicher Gruppen teilweise als möglich betrachtet wurde. Weder die Rabbinen noch Paulus noch Johannes Chrysostomus konnten sich mit ihrer konfrontierenden Ausdrucksweise bei ihren Gläubigen durchsetzen. Bis ins 6./7. Jh. hinein muß es Christen gegeben haben, die am Sabbat in die Synagoge gingen, um dann am Sonntag der christlichen Predigt in der Kirche zu lauschen.

Auch die mittelalterlichen Konflikte zwischen Juden und Christen — dargestellt von Jeremy Cohen und Edward A. Synan — müssen differenziert betrachtet werden. Einerseits kam von beiden Seiten her — von der jüdischen und von der christlichen — eine äußerst starke, unter der Gürtellinie liegende Polemik. Anderseits aber reflektierte die jüdische Polemik „the increased contact between Jews and Christians, offering substantive and strategic advice for disputing with clerics, and referring to debates between particular rabbis and churchmen“ (82). Auch auf christlicher Seite leuchtet spärliches Licht auf, etwa wenn Papst Gregor der Große sich gegen die „Zwangstaufe“ von Juden einsetzt, denn „wir sind als Hirten eingesetzt, nicht als Verfolger“ (94).

Das ganze Buch ist von dem Bemühen getragen, beiden Seiten für die ganze Geschichtszeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dieses Unterfangen erfordert noch viel umfangreichere Darstellungen. Aber dieser relativ kleine Band könnte eine Wende zu „a comprehensive understanding of Jewish and Christian history“ eingeläutet haben: In Zukunft wird es beim jüdisch-christlichen Dialog vermehrt darum gehen müssen, die „interwoven destinies“ von Juden und Christen deutlicher zum Zug kommen zu lassen.

Clemens Thoma


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 54-55


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