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Edgar Feuchtwanger / Bertil Scali

Als Hitler unser Nachbar war

Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus

Wenn ein Junge in die biblische Geschichte eintaucht und sich vorstellt, David zu sein, um seinen Nachbarn mit der Steinschleuder zu töten, dann könnten wir glauben, der Nachbar heiße Goliath. Aber es ist nicht der Kampf zwischen David und den Philistern, den der kindliche Augenzeuge Edgar Feuchtwanger in der Rückblende seines Lebens erzählt. Es ist der Schrecken des Naziterrors, der die glücklichen Kindheitstage in Münchenhinwegfegt – besetzt mit dem Bild seines Nachbarn Adolf Hitler.

Edgar ist der stille Beobachter einer Dekade, die immer größere Kreise zieht und die Feuchtwangers von angesehenen Deutschen zu entrechteten und gejagten Juden macht. Adolf Hitlers antisemitisches Propagandawerkzeug Mein Kampf kündigt diesen Prozess bereits an. In der zehnjährigen Rückblende ist jedem Jahr ein entsprechender Passus daraus vorangestellt.

Es ist eine großbürgerliche Familie, in die Edgar 1924 hineingeboren wird. Sein Vater Ludwig Feuchtwanger ist Leiter und Verleger bei Duncker und Humblot. Sein Onkel Lion ist Schriftsteller und veröffentlicht 1925 den Roman Jud Süß. Verwandt sind sie mit dem einflussreichen Kunstsammler Otto Bernheimer.

Edgar ist Kind in einer Zeit der sozialen Umbrüche und Verwerfungen. Der Erste Weltkrieg und die junge Republik produzieren Gewinner und Verlierer. Auf der einen Seite die großbürgerliche Familie Feuchtwanger, die teilhat an den Goldenen 20er Jahren. Ein scheinbar unbeschwertes Leben zwischen Parkett, Klavier und Oper, Tanz unter Konfettiregen und Kaffeehausatmosphäre im Münchner Fürstenhof, Schokoladeneis mit Sahne, Ferien am See und Fahren im Cabriolet. Auf der anderen Seite die sozial Verelendeten, die von der Mutter täglich versorgten Bettler.

Der Erste Weltkrieg hinterlässt eine Massenarmut, die sich mit dem Schwarzen Donnerstag 1929 noch verstärkt. Der Börsencrash, der auch Edgars Onkel Heinrich trifft, bringt die ohnehin schon taumelnde Weimarer Republik ins Wanken. Zudem drückt der verlorene Krieg auf die junge Republik. Die französische Schmach sitzt tief. Selbst die Kinder haben diese Symbolik in ihrem Spiel übernommen. Edgar trägt auf dem Schlachtfeld siegreiche Kämpfe gegen die Franzosen aus. Die Verantwortliche für den verlorenen Krieg heißt: Weimarer Republik. Einen Gegenpart verkörpert das von Bertil Scali zur literarischen Figur gemachte Kindermädchen Rosie, die symbolische Trägerin der politischen Überzeugungen Rosa Luxemburgs, und damit ein deutliches Zeichen gegen den Nationalstaat, gegen den Militarismus und gegen den Revisionismus.

Der Zeitgeist ist überall spürbar. Die Eltern sprechen nur noch über „Jude, Krieg, Hitler“. Die politische Instabilität und das stetige Wachsen der radikalisierenden Kräfte werden an den Aufmärschen vor dem gegenüberliegenden Haus des ‚Nachbarn‘ Adolf Hitler sichtbar.

Während die extremen Kräfte die Republik bedrohen, wächst die rechte Gefahr mit dem Erstarken der NSDAP. Edgars Vater sieht es als Fehler an, dass Hitler nach dem Putsch 1923 seine Strafe nicht abgesessen hatte. Die geringe Haftstrafe und die Aufhebung des Verbots der NSDAP weisen darauf hin, dass die Stützen der Republik keine Republikaner waren. Fast jeder Fünfte hatte der NSDAP seine Stimme gegeben, und in dem Maße, in dem sich der Anteil für die NSDAP bei der Reichstagswahl im Sommer 1932 nochmals erhöhte, steigerte sich auch die Hetze gegen die Juden. Eine Hetze mit dunklen Folgen, die Edgars Onkel Lion bereits in seinem 1930 veröffentlichten Roman Erfolg beschrieben hatte. Es war ein Kassandraruf der heraufkommenden Nazigefahr, der ungehört blieb. Ungehört blieben auch die für Edgars Vater bedrohlichen Aussagen Adolf Hitlers in Mein Kampf, ein Kampf, den Hitler gemeinsam mit Deutschland, mit der deutschen Bevölkerung, gegen die „jüdisch-marxistische Brut“ führt.

Das perfide System durchdringt langsam die Gesellschaft und zerstört selbst kindliche Bande. Edgars engster Freund Ralf kündigt ihm die Freundschaft, und in der Schule, wo Hitler heroisiert wird, ist er in den Pausen allein. Edgar beobachtet und fühlt den stetigen Wandel, den sein kommunistisches Kindermädchen Rosie für ihn entschlüsselt.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kommt die Bedrohung für die Feuchtwangers immer näher. Auf einer Lesereise in den USA beschließen Edgars Onkel Lion und seine Frau Marta (geb. Löffler), nicht nach Deutschland zurückzukehren. Neben den jüdischen Autoren sind auch nichtjüdische systemkritische Autoren wie Thomas Mann zur Emigration gezwungen. Je mehr die Weimarer Republik zerbricht, desto mehr diskutieren die Eltern über eine Auswanderung.

Mit dem Reichstagsbrand im Februar 1933, der Notverordnung und dem Ermächtigungsgesetz ist die Weimarer Republik beendet, sind alle Grundrechte außer Kraft gesetzt. Es wird bereits über das KZ Dachau gesprochen. Der Bruch mit dem Versailler Vertrag und der Austritt aus dem Völkerbund waren bereits ein eindeutiges Indiz für die Kriegsabsichten Hitler-Deutschlands gewesen. Im Januar 1935 erfolgt mit der Rückkehr des Saarlandes in das Deutsche Reich „die friedliche Eroberung“.

Die Entrechtung der Juden geht voran. Mit den Nürnberger Gesetzen erfolgt der Ausschluss aus den öffentlichen Ämtern, aus dem kulturellen Bereich und aus dem sozialen Leben sowie die Zerstörung der Einkommenssicherung. Vom Verlag Duncker & Humblot entlassen, empfängt Ludwig Feuchtwanger zu Hause die wenigen noch zu ihm haltenden Schriftsteller. Einige, wie Martin Buber, haben ein Veröffentlichungsverbot. Andere, wie der Staatsrechtler Carl Schmitt, brechen jeden Kontakt mit den Juden ab. Carl Schmitt, ein Steigbügelhalter Hitlers, Mitglied der NSDAP, Demokratiegegner und Judenhasser und mitverantwortlich für die Nürnberger Rassengesetze, vertritt die Meinung: „Der Jude hat zu unserer geistigen Arbeit eine parasitäre, taktische und händlerische Beziehung.“

Für Edgar ist die sich verändernde Realität schwer einzuordnen. Mit dem Nürnberger Parteitag im September 1935 ist offiziell festgelegt worden, dass er als Jude nicht dazugehört. Jetzt gibt es Arier und Nichtarier, Reichsbürger und Nichtreichsbürger und „Artverwandtes Blut“. Volljude, Mischling, Arier, die Zuweisung entscheidet über den Verlust von Bürger- und Menschenrechten und letztlich über Leben und Tod. Was einzig zählt, ist die Volksgemeinschaft, sichtbar im Film Triumph des Willens von Leni Riefenstahl, eine Propagandainszenierung, in der es einzig um den Führer und das deutsche Volk geht, in dem die jüdischen Edgars keinen Platz haben.

Von einem Tag zum anderen sind die Juden entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Verschwunden ist auch Edgars Kindermädchen Rosie. Sie ist jünger als 45 Jahre, und in ihr fließt deutsches Blut. Daher darf sie nicht mehr für Juden arbeiten. Edgars Blut ist auch deutsch.

Während der Vater über Radio Luxemburg Deutschland-Nachrichten empfängt, träumt Edgar von seiner Olympiateilnahme im Jahr 1936. Die olympische Idee beinhaltet die Völkerverständigung und menschliche Moral. Die Nürnberger Rassengesetze stehen dem entgegen. Zurecht fragen sich die Feuchtwangers, warum die internationale Staatengemeinschaft kein sichtbares Zeichen setzt. Einzig Edgar setzt ein Zeichen. Er sieht sich den Film Olympia von Leni Riefenstahl nicht an und freut sich über den schnellsten Mann der Welt, den Farbigen Jesse Owens.

Der Vater versucht ein Stück Normalität im Alltag aufrechtzuerhalten. Er kleidet sich wie zu seinen Verlagszeiten und arbeitet für eine kleine jüdische Gemeindezeitung. Doch der Alltag sieht anders aus. Er bringt soziale Ausgrenzung und Terror. An den Geschäften hängen Schilder: „Für Juden und Hunde Zutritt verboten“. Bereits zwei Jahre nach Olympia brennen die Synagogen, werden jüdische Menschen gejagt und vernichtet. Mit dem Novemberpogrom vom 9. zum 10. November 1938 zeigt der Terror sein wahres Gesicht.

Der öffentliche Raum wird für Juden zur Sperrzone. Die gezielte Ausschaltung und Hetze spiegelt sich auch in der Presse wider, vorneweg Der Völkische Beobachter und Der Stürmer. Seitenweise Karikaturen über den Unglück bringenden Juden, der leicht an seiner Hakennase zu erkennen ist. Aber Edgar hat keine Hakennase. Antisemitische Karikaturen und schlimmste Verunglimpfungen gegen Juden heizen die Propaganda an. Die Juden sind „Betrüger, Verbrecher, Vergifter, Schwindler, Waffenschieber [...]“. Der Stürmer titelt permanent: „Die Juden sind unser Unglück“. Bereits im Juli 1934 lautet die Schlagzeile: „Wer ist der Feind? Weltkriegshetze und die Judenprotokolle von Basel. Europa am Schächtmesser“, und im Dezember 1938: „Ist die Judenfrage gelöst? [...] Der Kampf geht weiter“. Ein Kampf des deutschen Volkes gegen seine eigenen nichtkämpfenden Mitbürger. Der Antisemitismus brüllt seinen Terror heraus, er schlägt um sich. Für die Feuchtwangers wird ein Asyl immer dringlicher.

International ist man beunruhigt. Die Tschechei wird annektiert, und die internationale Politik ruft „Frieden“. Der Ruf nach Frieden hat jedoch seinen wichtigsten Inhalt vergessen: die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der jüdischen Bevölkerung. Mit der Reichspogromnacht ist die Hemmschwelle restlos überwunden. Edgars Vater wird von der Gestapo verschleppt. Wochen später erkennt Edgar ihn, abgemagert und entstellt, kaum wieder.

Edgar ist jetzt Jude und Israelit. So steht es im Schulzeugnis. Und einen zweiten Vornamen hat er auch bekommen. Jetzt heißt er Edgar Israel Feuchtwanger. Jeden Tag geht er am Haus Hitlers vorbei. 1938 fällt Weihnachten erstmalig aus. Die Eltern sind verzweifelt. Immer neue Schreckens meldungen über gefolterte und tote Juden belasten die Beziehung. Die Grenzen sind fast zu. Die internationale Staatengemeinschaft schirmt sich mit den auf der Konferenz von Evian 1938 beschlossenen rigiden Einreisemöglichkeiten gegenüber den um Hilfe suchenden Juden ab.

Dass die Feuchtwangers noch rechtzeitig nach Großbritannien flüchten können, haben sie den guten Kontakten Lion Feuchtwangers und der enormen finanziellen Unterstützung einiger Weniger zu verdanken. Sie, die als Emigranten bezeichnet werden, wandern nicht freiwillig aus. Sie sind Flüchtlinge, ihrer Heimat beraubt und auch ihres Vermögens. Das Reich bereichert sich und bestiehlt hemmungslos seine ausgegrenzten Bürger. Am 14.2.1939 reist Edgar zunächst allein nach Großbritannien aus. Die Feuchtwangers verlassen Deutschland gerade noch rechtzeitig. Denn ab 1941 sind die Fluchttüren endgültig geschlossen.

Im Nachwort weist Bertil Scali, der mit Edgar diese autobiografische Reise unternommen hat, auf die Bedeutung der biografischen Erinnerungsarbeit hin. In der Rückschau löst sich mehr und mehr das selbst erfahrene Geschehen von dem nur durch andere berichteten. Es hat lange gedauert, bis Edgar sich auf diese Spurensuche begeben hat und bereit gewesen ist, sich an das Deutschland seiner Kindheit zu erinnern. Er ist der kindliche, der jugendliche Augenzeuge gewesen, der jüdische Nachbar Adolf Hitlers. Gerade solche Augenzeugen wie er sind es, die uns Zeitgeschichte nicht anhand von Zahlen, sondern von und an Menschen sichtbar machen.

Ein ausgezeichnetes Zeitdokument, welches Geschichte, Politik und gesellschaftliches Handeln am Beispiel eines deutschen Jungen auf dem Weg zum entrechteten und gejagten Juden auf eine einzigartige Weise sichtbar macht. Kein Abriss von Zahlen und Fakten wie in Geschichts- und Sachbüchern. Hier wirken Menschen, denn politisches und gesellschaftliches Handeln erfolgt durch Menschen und wirkt auf Menschen. Dieses Buch gibt ihnen ein authentisches Gesicht. Das Kind Edgar vermag das Geschehen noch nicht einzuordnen, spürt aber die Angst. Auch der Leser verspürt sie, diese Ängste und die heraufkommende Gefahr. Die Frage ist, wie geht unsere Zeit damit um? Die Antwort: Durch das immer wieder Sich-Erinnern, denn sich erinnern heißt, die Wirklichkeit verstehen, und verstehen mag bedeuten, die mit Hass gefüllten Keimzellen rechtzeitig zu erkennen und die Hoffnung nicht zu verlieren, etwas dagegen setzen zu können.

Soraya Levin, Wolfenbüttel


Jahrgang 22 / 2015, Heft 2, S. 144−148.


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