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Helmut Röhrbein-Viehoff

Gott führt sein Volk in die Freiheit

Auslegung zu Ex 14,5–15,1

Ein Aramäer ohne Heimat war mein Vater.

Er zog nach Ägypten,
er lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten,
er wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk.

Die Ägypter behandelten uns schlecht;
sie machten uns rechtlos,
sie legten uns harte Fronarbeit auf.

Wir schrieen zu Jahwe, dem Gott unserer Väter.
Jahwe hörte unser Rufen,
er sah unsere Rechtlosigkeit,
unsere Arbeitslast und Ausbeutung.

Jahwe führte uns aus Ägypten
mit starker Hand und hocherhobenem Arm,
unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern.

Er brachte uns an diese Stätte,
er gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen.

Und siehe, nun bringe ich die besten Früchte des Landes,
das du mir gegeben hast, Jahwe!

(Dtn 26,5–10; Übersetzung: Prof. P. DDr.Georg Braulik OSB, Wien)

Dieser Text ist die „Geburtsurkunde“ Israels, das sogenannte „geschichtliche ,Credo’“ des von Gott auserwählten Volkes. Alljährlich zum Erntedankfest (Schavuot) sollte der Israelit mit diesem Glaubensbekenntnis im Tempel vor Gott treten.

Es ist ein erstaunliches Dokument! Kein hehrer Stammbaum, kein goldener Ursprungsmythos! Vielmehr die ständige mahnende Erinnerung: Wir, das Volk Israel, kommen aus ganz bescheidenen Verhältnissen. Und alles, was wir haben, haben wir uns nicht selbt verdient, sondern ist uns geschenkt worden! Was in dieser „Geburtsurkunde“ Israels, in diesem „Credo“, als Bekenntnis vor Gott zum Ausdruck gebracht wird, das erzählt das Buch Exodus in epischer Breite. Demnach sind die Ursprünge Israels doch sehr bescheiden:

„So setzte man Fronvögte über sie, um sie mit Zwangsarbeiten zu bedrücken, und sie mussten dem Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramesse bauen“ (Ex 1,11).

Der hier erwähnte Pharao hat keinen Namen; er bleibt anonym, eine Chiffre für die anonymen Mächte, die in jedem pharaonischen System der Unterdrückung herrschen. Anders dagegen JHWH, der Gott Israels, der sich dem Mose im brennenden Dornbusch geoffenbart hat (Ex 3,13–15). Dieser Gott hat einen Namen, ist ansprechbar, lässt sich rühren von der Not seines Volkes. Er ist ein Gott, der hört und sieht (Ex 3,7; vgl. Dtn 26,7). Sein Name – „JHWH“ – ist Programm: „Ich bin da für euch“, „Ich werde mit euch sein“, oder: „Ich werde mich erweisen, als der ich mich erweisen werde.“ JHWH ist ein Gott, der sich nicht definieren lässt! Aber er ist ein Gott, der mit den Menschen geht.

Historisch fragend stoßen wir auf den Pharao Ramses II., der von 1292–1225 v. Chr. regierte. Aus ägyptischen Quellen wissen wir, dass zu seiner Zeit ein großer Teil der unteren Bevölkerungsschicht zum Arbeitsdienst auf staatlichen Großbaustellen herangezogen wurde, wie etwa zum Bau der Städte Pitom und Ramesse im östlichen Nil-Delta. Über den Auszug der Israeliten aus Ägypten gibt es dagegen keine geschichtlichen Zeugnisse. Aus ägyptischer Sicht handelte es sich anscheinend um eine Petitesse, eine „quantité négligeable“, eine Belanglosigkeit, keiner Erwähnung wert. Die Bibel hingegen nennt die Zahl von 600 000 Männern, dazu Frauen und Kinder, die aus Ägypten ausgezogen sind; realistisch muss man von einer Schar von 100 bis 150 Personen ausgehen.

Im Laufe der biblischen Erzählung vom Exodus stoßen wir zwar auf zahlreiche exakte, teilweise detaillierte Zeit- und Ortsangaben: „Es war bei Pi- Hahirot vor Baal-Zefon“ (Ex 14,9). Beim Versuch, die Route des Auszugs nachzuzeichnen, haben sich allerdings mindestens drei verschiedene Varianten ergeben. Widersprüche, Unklarheiten, Ungereimtheiten und Wiederholungen zeigen sich auch im Text vom Durchzug durch das Rote Meer:

In Ex 14,21 heißt es, dass das Meer „durch einen starken Ostwind“ trockengelegt wurde. Gleich anschließend lesen wir: „und das Wasser spaltete sich“, und der folgende Vers stellt uns vor Augen, wie „rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand“ (Ex 14,22). Das funktioniert aber nicht mit einem Ostwind! Nach Ex 14,23.25 befanden sich die Ägypter, als das Wasser zurückflutete, mitten im Meer. Nach Ex 14,27 waren sie jedoch schon am jenseitigen Ufer, von wo aus sie fluchtartig umkehrten.

Durchzug durch das Rote Meer.

London, British Library,
Add. ms 27 210, fol. 14v, d.

Durchzug durch das Schilfmeer

Das handelnde Subjekt ist einerseits JHWH, der „mit mächtiger Hand an Israel gehandelt hatte“ (Ex 14,31), und andererseits „Mose, sein Knecht“ (ebd.), der im Auftrag Gottes „seine Hand über das Meer ausstreckte“ (Ex 14,21.27).

Exegeten erklären, dass es sich um zwei unterschiedliche Überlieferungen handelt, zwei ursprünglich selbständige Texttraditionen, die eine vorexilisch, die andere exilisch bzw. nachexilisch, aus denen später eine Erzählung wurde. In unserem Zusammenhang wollen wir den Text jedoch nicht exegetisch bearbeiten; wir lesen ihn so, wie er dasteht, in seiner kanonischen Gestalt.

Die Exodus-Überlieferung, die Gründungslegende Israels, erzählt die unwahrscheinliche Rettung aus tödlicher Bedrohung. Das wird zur Schlüsselerfahrung Israels, die immer wieder neu erzählt und aktualisiert wird. Entsprechend heißt es in der Pessach-Haggada, dem „Rollenbuch“, welches dem Pessach-Seder zugrunde liegt, mit dem das achttägige Fest beginnt:

„In allen Zeitaltern ist jeder verpflichtet, sich so zu betrachten, als ob er gleichsam selbst aus Ägypten ausgezogen wäre. [...] Nicht unsere Väter nur hat der Heilige, gelobt sei Er, erlöst, sondern auch uns mit ihnen; denn so sagt die Schrift: Und uns hat Er von da weggeführt, um uns hierher zu bringen und uns das Land zu geben, das Er unsern Eltern zugeschworen hat.“

Es geht also um Vergegenwärtigung im Hier und Jetzt. Wir sind gemeint! Es geht um je neue Aktualisierung, um existentielle Aneignung: kein einmaliges Ereignis, kein Damals, sondern ein Heute! Auch die aus Afrika zwangsimportierten Sklaven in Amerika haben dieses Exodus-Motiv auf sich bezogen. In dem bekannten Negro-Spiritual „When Israel was in Egypt’s land” lautet der Kehrvers: „Go down, Moses, Way down in Egypt land, Tell old Pharaoh, Let my people go!“

Die „Neger-Sklaven“ wollten niemanden nach Ägypten schicken, zu einem Herrscher, der bereits vor mehr als 3000 Jahren gestorben war. Ihr „Ägypten“ war dort, wohin sie verschleppt worden waren: in den Südstaaten Amerikas. Und auch die lateinamerikanische „Theologie der Befreiung“ hat sich eben diesen Text auf ihre Fahnen geschrieben, gleichsam als Magna Charta ihrer „Option für die Armen“.

Was aber kann das Exodus-Motiv für uns hier in der wohlhabenden Bundesrepublik Deutschland heute bedeuten? Um das herauszufinden, müssen wir die Landschaften unseres eigenen Lebens, unserer Gesellschaft und unserer Biographie in den Blick nehmen.

Nun haben vermutlich viele beim Hören oder Lesen dieses Textes ein Problem: die Befreiung der einen wird mit dem Tod der anderen erkauft. Um ein angemessenes Verständnis des Textes zu gewinnen, sind die in der Leseordnung für die Osternacht weggelassenen Verse (Ex 14,5–14) zur richtigen Einordnung unverzichtbar. Da zeigt sich: es geht nicht um „die Ägypter“, nicht um das ägyptische Volk, sondern um die gewaltige Militärmaschinerie Ägyptens:

„Sechshundert auserlesene Streitwagen nahm er mit und alle anderen Streitwagen der Ägypter und drei Mann auf jedem Wagen“ (Ex 14,7).

„Die Ägypter setzten ihnen nach; alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter zogen hinter ihnen ins Meer hinein“ (Ex 14,23).

„Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao“ (Ex 14,28).

Ein riesiger Kriegsapparat rollt da auf das Häuflein der Flüchtenden zu. Die Großmacht Ägypten mobilisiert ihre ganze militärische Streitkraft, um Israel nachzusetzen! Auf der einen Seite das ohnmächtige, unbewaffnete, hilflose kleine Volk mit Frauen und Kindern. Auf der anderen Seite eine perfekt durchorganisierte Weltmacht mit Infanterie und Kavallerie, das pharaonische System, das seine ganze Potenz auffährt, ein Schreckensszenario, in dem die Unterdrückungsmaschine zur Mordmaschine zu werden droht. Ziel ist ja, nach der missglückten „Vernichtung durch Zwangsarbeit“, die endgültige Vernichtung der fliehenden Israeliten! Wir kennen diese Form der „Vernichtung“ aus unserer deutschen Geschichte gegenüber den Juden. Da kann man von den Opfern nicht Mitleid mit den Tätern erwarten oder gar einfordern! Und dennoch reflektiert die jüdische Tradition dieses Problem. Im Talmud heißt es:

„Als sie die Vernichtung der Ägypter sahen, wollten die Engel einen Gesang anstimmen, aber Gott gebot ihnen Schweigen und sprach: ‚Das Werk meiner Hände ertrinkt im Meer, und ihr wollt singen!’“ (bMeg 10b; San 39b).

Im Buch des Propheten Jesaja lesen wir, dass Gott auch die Ägypter segnet:

„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19,25).

Entsprechend bejubeln Mose und das Volk nach ihrer Rettung nur den Untergang des militärischen Apparates – „Rosse und Wagen warf er ins Meer!“ (Ex 15,1) –, nicht jedoch den Tod der Ägypter.1  Ein Kampf von Mann zu Mann hat auch nicht stattgefunden. Im Gegenteil, die Israeliten selbst sind nicht aktiv am Geschehen beteiligt, sie sind nur Zuschauer, Augenzeugen ihrer eigenen Rettung, denn Mose sagt zu ihnen:

„Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen, und schaut zu, wie der HERR euch heute rettet! [...] Der HERR kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten“ (Ex 14,13–14).

Und dann zieht das Volk fast wie in einer liturgischen Prozession „auf trockenem Boden ins Meer hinein“ (Ex 14,22).

Letztlich ist es ein Kampf der Götter, der hier stattfindet: JHWH, der Gott Israels, kämpft gegen Pharao, der sich als Gottkönig verehren lässt. JHWH, ein Gott auf Seiten der Unterdrückten, auf Seiten derer, die – ausgebeutet – irgendwann nur noch „Müll“ und Abfall“ sind, wie Papst Franziskus in seinem programmatischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ vom 24. November 2013 formulierte. Ein Gott, der den Schrei seiner Menschen hört (Ex 14,10), ihr Elend sieht und Partei ergreift.

Der Gott Israels stemmt sich der lebensbedrohlichen Übermacht entgegen, hält die Wasser zurück, bahnt einen Weg durch das Ungangbare, schafft Zukunft, wo kein Ausweg in Sicht ist. Er blickt auf das Lager der Ägypter, bringt es in Verwirrung, indem er die Räder an ihren Wagen hemmt. Er kämpft ohne Waffen, er setzt nur das Kriegsgerät außer Gefecht. Und so erweist Gott am Pharao seine Herrlichkeit. Denn nicht nur Israel, auch „die Ägypter sollen erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich am Pharao, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweise“ (Ex 14,18).

„Herrlichkeit“ (hebräisch „kavod“) bedeutet ursprünglich Schwere, Gewicht, auch Wucht. Gottes „Herrlichkeit“ kommt da zur Geltung, wo er sich für die Unterdrückten einsetzt, wo er sich für die Schwachen stark macht. „Herrlich“ ist der Gott Israels gerade als ein Gott der Freiheit und der Befreiung! Standen am Anfang unseres Bibeltextes die Furcht der Israeliten vor den Ägyptern und Moses Aufforderung: „Fürchtet euch nicht!“ (Ex 14,10.13), so steht am Ende die Gottesfurcht, die sich ausdrückt in dem Lied, das Mose mit den Israeliten singt:

„Ich singe dem HERRN ein Lied,
denn er ist hoch und erhaben.
Rosse und Wagen warf er ins Meer“ (Ex 15,1).

Dieses Lied, das Mose mit den Israeliten singt, hat vermutlich erstmals Moses Schwester Mirjam mit ihren Gefährtinnen gesungen. Der Dreizeiler der Mirjam (Ex 15,21), so die Exegeten, gehört zu den ältesten Textbausteinen des Alten Testaments. Erst im Laufe einer späteren Redaktion wurde er zu einem längeren Lied erweitert und Mose in den Mund gelegt.

Gottesfurcht bedeutet also nicht Angst vor Gott, sondern ein Staunen, das umschlägt in dankbares Loben. Gottesfurcht bedeutet, Gott die Ehre zu geben, ihn als den einzigen Herrn anzuerkennen, Gott Gott sein lassen, denn er ist ein Gott der Menschen, zuverlässig, aber nicht manipulierbar.

Doch der Weg in die Freiheit ist mühsam. Kaum haben die Israeliten das „Sklavenhaus Ägypten“ hinter sich gelassen, fangen sie an zu murren:

„Gab es denn keine Gräber in Ägypten,
dass du uns zum Sterben in die Wüste holst?
Was hast du uns da angetan?

Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt?
Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe!

Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben;denn es ist für uns immer noch besser,Sklaven der Ägypter zu sein,
als in der Wüste zu sterben“ (Ex 14,11–12).

Ähnlich klagt das Volk, als es sich in der Wüste nach den sprichwörtlichen „Fleischtöpfen Ägyptens“ sehnt:

„Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten“ (Ex 16,3).

Der nostalgische Rückblick verklärt die Vergangenheit zum „goldenen Zeitalter“; die erlittene Unfreiheit erscheint als „bequeme Diktatur“.

Freiheit ist anstrengend, weil sie Verantwortung verlangt. Viel einfacher scheint es, sich einem Reglement zu unterwerfen, das jede Verantwortung abnimmt. Paulus erinnert uns daher im Brief an die Heidenchristen in Galatien: „Einst, als ihr Gott noch nicht kanntet, wart ihr Sklaven der Götter, die in Wirklichkeit keine sind. Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Mächten zurückkehren?“ (Gal 4,8–9). Und weiter mahnt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auferlegen!“ (Gal 5,1).

Die Freiheit der Kinder Gottes – das ist Gabe und Aufgabe zugleich, Zuspruch und Zumutung in einem. Gott mutet uns zu, in dieser Freiheit der Kinder Gottes unseren Weg zu suchen, zu finden und zu gehen – durch Wasser und Wüsten – das Abenteuer unseres Lebens in Richtung auf das Gelobte Land, das er uns verheißen hat, das von Jesus „Reich Gottes“ genannt wird: das „neue Jerusalem“, der „Himmel auf Erden“, Leben in Fülle, Leben, das bleibt.


Helmut Röhrbein-Viehoff, Hamburg, von 1995 bis 2011 Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde St. Marien Hamburg-Bergedorf, seit 2014 Pastoralreferent am „Kleinen Michel“, tätig in der theologischen Erwachsenenbildung im Erzbistum Hamburg und der Ausbildung katholischer Religionslehrer, Lehrauftrag für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Hamburg. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag am 20. März 2014 zur dritten Lesung der Osternacht (Ex 14,5–15,1), in einer Reihe während der Fastenzeit zu den sieben alttestamentlichen Lesungen der Osternacht.
  1. Anm. d. Red.: Vgl. Irmtraud Fischer, Warum lässt Gott Pharaos Elitetruppe ertrinken?, in: FrRu NF 19 (2012) 98–106.

Jahrgang 22 / 2015, Heft 2, S. 95−101.



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