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Eliach, Yaffa (Hrsg.)

Träume vom Überleben.  Chassidische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Titel der amerikanischen Originalausgabe: „Hasidic Tales of the Holocaust“. 1952 Oxford University Press. Aus dem Amerikanischen von Naomi Voll, Freiburg i. Br. Herder, 2. Auflage 1987. 208 Seiten.

Rezension

Bei diesem Buch handelt es sich um Berichte Überlebender der Schoa beziehungsweise um Berichte über die Schoa. Das Ergreifende an diesem Buche ist vor allem die Tatsache, daß die Herausgeberin Zeitzeugen sprechen ließ, die über ihr Erleben berichten.

Darunter findet sich z. B. auch eine Mitteilung über einen jungen Priester, zu dem eine Frau kommt, die ein Kind in Obhut genommen hatte, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden. Sie wandte sich an den jungen Pfarrer ihres Ortes, weihte ihn in ihr Geheimnis um die wahre Identität des Kindes ein, das man ihr anvertraut hatte, und wünschte, der Priester möge es taufen. Er hörte sich die Geschichte der Frau aufmerksam an und antwortete: „Und was war der Wunsch der Eltern, als sie Ihnen ihr einziges Kind anvertrauten?“ Die Frau erzählte von der letzten Bitte der Mutter, später das Kind über seine jüdische Herkunft aufzuklären und im Falle ihres Todes seinem Volke zurückzugeben. Der Pfarrer meinte, es sei nicht recht, das Kind zu taufen, solange die Hoffnung bestünde, Verwandte könnten das Kind zu sich nehmen. Er taufte daher das Kind nicht. 1949 gelang es dann Verwandten in Amerika, das Kind zu sich zu nehmen. Der Pfarrer, der das Kind dem Judentum erhielt, hatte den Namen Karol Wojtyla. Diejenigen, die heute vorschnelle Urteile über diesen Mann abgeben und sich nicht die Mühe nehmen, genau das zu lesen, was er wirklich sagt, täten gut, sich dieser Geschichte zu erinnern, selbst wenn diese nicht in ihre Vorurteile paßt.

Wir könnten viele Geschichten aus diesem Buche nacherzählen. Fast alle wären würdig, berichtet zu werden.

Eine jedoch möchten wir hier ausdrücklich erwähnen, weil sie in mancher Beziehung charakteristisch für die damalige Zeit ist. Die Überschrift lautet: „Jude, geh zurück ins Grab!“ Sie handelt von der Ermordung von mehr als 4000 Juden in dem Städtchen Eisysky in Litauen. Diese Geschichte ist auch deshalb nicht uninteressant, weil sie zeigt, daß es an vielen Orten während der Schoa gar nicht erst der SS bedurfte, sondern die Einheimischen erledigten statt ihrer das Mordprogramm. Das gilt für das Baltikum so wie es für Kroatien gilt und teilweise für die Ukraine. In unserer Geschichte sind es Litauer, die Juden in ein Massengrab hineinschießen. Ein junger Mann wird jedoch von den Salven nicht getroffen, überlebt und wendet sich an christliche Bauernfamilien, ihn zu verstecken. Von allen hört er jedoch nur: „Jude, geh zurück ins Grab“, bis er folgenden Einfall erhält: Am Waldrand geht er in das Haus einer Witwe, die ihm zunächst den gleichen Spruch entgegenhält. Er aber antwortete ihr: „Ich bin Euer Herr Jesus Christus, ich bin vom Kreuz herabgestiegen. Seht mich an — das Blut, die Schmerzen, das Leiden der Unschuldigen. Laßt mich ein!“ Da bekreuzigte sich die Witwe und fiel zu seinen blutigen Füßen nieder. „Boze moj, Boze moj“ (mein Gott, mein Gott), stammelte sie, immer wieder sich bekreuzigend. Die Tür wurde geöffnet. Zwi trat ein. Er versprach, ihre Kinder zu segnen, ihren Hof und sie selbst, doch nur unter der Bedingung, daß sie seinen Besuch drei Tage und drei Nächte lang geheimhalten würde und es keiner Menschenseele enthüllte, nicht einmal dem Pfarrer. Die Witwe gab ihm Kleider, Essen und warmes Wasser, um sich zu waschen. Bevor er das Haus verließ, erinnerte er sie noch einmal daran, daß der Besuch des Herrn ein Geheimnis bleiben muß, und zwar seiner besonderen Mission auf Erden wegen.

Wir sind relativ ausführlich auf dieses Buch eingegangen, weil es uns nicht mit abstrakten Zahlen und administrativen Maßnahmen der NS-Behörden konfrontiert, sondern mit dem individuellen Schicksal jüdischer Menschen, mit ihrem Leid, ihrem Tod oder aber auch ihrem Überleben. Die anspruchslose unpathetische Art dieser Darstellung ist eindrücklicher als manche ambitiöse Schriftstellerei, die mit der Geste des belehrenden Schulmeisters verbunden wird und gelegentlich nicht ohne Wichtigtuerei ist. Die schlichte Erzählweise einfacher Menschen sollte auch heute noch gerade Deutsche ansprechen, und jene Christen, die Sehnsucht nach unprätentiöser Frömmigkeit haben, können in diesem Buche manches finden, was ihnen entspricht. Für alle anderen jedoch ist dieses Buch auch ein Memorial, wozu Menschen fähig waren, Deutsche sowie auch andere, die ihre Untaten heute vehement verdrängen.

Ernst L. Ehrlich


Jahrgang 1 — 1993/93 Seiten 52-54


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