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Moshe Navon

Gottes Segen Awrahams Segen

Gedanken zur Paraschat „Lech Lecha“ (Gen 12,1–3)

Pfarrerin Hildegard Günther gewidmet (1938–2015).
„Möge ihr Gedenken ein Segen werden.”

Am zweiten Schabbat des jüdischen Monats Marcheschwan (Cheschwan) wird beim Morgengottesdienst in der Synagoge die Paraschat1  „Lech Lecha“2   (Bereschit [Gen] 12,1–3) gelesen:

Und der Ewige sprach zu Awram3 : Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsort und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Und ich werde segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verwünschen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Bereschit [Gen], 12,1–3).

Der Ausdruck „du sollst ein Segen sein“ (we-heje bracha) bedeutet, dass Awram dazu berufen ist, der Segen des Heiligen, gesegnet sei Er, zu werden. Denn Gott kann man nicht beschreiben; man kann ihn nur als etwas uns Bekanntes darstellen. Der Atheist weiß nicht, welchen Gott er verleugnet. Daher kann sein Unglaube auch den Unfassbaren nicht erreichen. Aber der unfassbare Gott erreicht uns auf seine Art und Weise.

In unserem Wochenabschnitt (Gen 12,1–3) erreicht Gott uns durch Awraham und durch den persönlichen Segen, den Er Awraham zugesagt hat. Gottes Gegenwart, die Schechina, steigt zu uns herab. Gott kommt aus Seiner Unfassbarkeit, durch Tausende von Generationen, von Awraham bis zu uns, wie auf den Stufen einer endlosen Leiter. Er steigt zu uns herab auf Tausenden von Stufen, aber die allerletzte Stufe betritt Er nicht. Dorthin müssen wir Ihm entgegengehen, zu Ihm hinaufsteigen:

„Und ich werde segnen, die dich segnen!“

Der Segen, mit dem der Ewige Awraham und seine Nachkommen segnet, kommt auch auf uns und öffnet uns die Quellen des Lebens. Sind wir jedoch zu ängstlich, mit Awraham auf diese Stufe, die für jeden von uns persönlich zugeschnitten ist, hinaufzusteigen, und Awraham mit Segen zu empfangen, dann bleiben die Quellen unseres Lebens für uns verschlossen.

Heute gibt es viele Meinungsverschiedenheiten, was das jüdische Volk ist: Eine religiöse Gemeinschaft, eine nationale Gemeinschaft oder beides, oder weder das eine noch das andere. Unser Tora-Abschnitt antwortet auf diese Fragen sehr einfach und sehr konkret: Wenn du Awraham [den Fremden] mit Freude und mit Segen empfängst, kannst du zu seinen gesegneten Nachkommen gehören. Aber was bedeutet, ein Segen sein?

„Und der Ewige sprach zu Awram: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein! Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Familien der Erde“ (Bereschit 12,1–3).

Das Wort „Segen“ (Bracha) hat auf Hebräisch eine zusätzliche Konnotation, weil es eine ähnliche Wurzel hat wie das Verb „hiwrich“ („Pflanzen durch einen Ableger vermehren“). In dieser Ähnlichkeit liegt die zusätzliche Bedeutung: Gottes Gegenwart, die Schechina, vermehrt sich durch Awraham und seine Nachkommen in allen Familien der Erde. Sie vermehrt sich von Mensch zu Mensch!

„Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes“ (Dietrich Bonhoeffer).

Das Unmögliche gibt sich somit selbst weiter – von Mensch zu Mensch, von Awraham zu jedem, der Awraham segnet („Und ich will segnen, die dich segnen“).

Aber was passiert, wenn Awraham und seine Nachkommen Fluch statt Segen empfangen? Ist es möglich, ein Segen zu sein für jene Menschen, die Awrahams Nachkommen hassen und verfluchen? In diesem Fall kehrt der Segen zu Gott zurück, und mit dem Segen kehren auch Awraham und seine von Gott gesegneten Nachkommen zu Gott zurück und verwurzeln sich umso tiefer in Gottes Ewigkeit: Awraham und die von Awraham Gesegneten steigen im Sinne von „Kiddusch ha-Schem“4  auf zu Gott. Die Tora gibt uns einen Hinweis, wie Segen – wie die Ableger einer Pflanze – vermehrt werden kann:

„Und Gott, euer Gott, wollte Bileam nicht hören und verwandelte für euch den Fluch in einen Segen“ (Dewarim [Dtn] 23,6).

Der fremde Prophet Bileam, der Sohn Beohrs, sollte unsere Vorväter verfluchen, damit das fremde Volk (die Ammoniter und Moabiter) das Volk Israel vernichten könne. Aber Gott wollte keinen Fluch von Bileam hören (Jos 24,10) und hat diesen Fluch in einen Segen für Israel verwandelt. Rabbinerin Regina Jonas hat die Bileam-Erzählung (Bemidbar [Num] 22,1–24,25) im Konzentrationslager Theresienstadt mit der Anspielung auf den Awraham-Segen folgendermaßen kommentiert:

„Gott sagt zu Bileam: ‚Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet‘ (Bemidbar [Num] 22,12). Unser jüdisches Volk ist von G-tt in die Geschichte gesandt worden als ein ‚gesegnetes‘ [Volk]. Von G-tt ‚gesegnet‘ sein heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage Segen, Güte, Treue spenden. Demut vor G-tt, selbstlose hingebungsvolle Liebe zu Seinen Geschöpfen erhalten die Welt.

Diese Grundpfeiler der Welt zu errichten, war und ist Israels Aufgabe. – Mann und Frau, Frau und Mann haben diese Pflicht in gleicher jüdischer Treue übernommen. Diesem Ideal dient auch unsere ernste, prüfungsreiche Theresienstädter Arbeit: Diener Gottes zu sein, und als solche rücken wir aus irdischer in ewige Sphären. Möge all unsere Arbeit, die wir uns bemühten, als Diener Gottes zu leisten, zum Segen für Israels Zukunft sein, und [für] die der Menschheit.“

Gottes Ewigkeit lässt sich vergleichen mit einem Herz, das Blut auspumpt, welches wieder zum Herzen zurückkommt. So kommt auch der Segen, den Gott dem Mensch spendet, zu Gott zurück, um mit vermehrter Kraft zu den Menschen zurückzukehren.

„Als Diener Gottes rücken wir aus dem Irdischen in ewige Sphären [...], Segen zu sein für Israels Zukunft und für die [Zukunft] der Menschheit [...].“

Was in der Schoa für Regina Jonas und ihre Mitstreiter unerreichbar war, ein Segen für Israels Zukunft zu sein, ist jetzt, in unserer Gegenwart, die uns gegebene Verantwortung!

Wenn wir die antijüdischen Parolen, die auf deutschen Straßen wieder geschrieen werden, hören, hören wir auch die ewige Stimme unserer Väter und Mütter, die diesen Hass schon überwunden haben: „[...] in jeder Lebenslage Segen, Güte, Treue spenden“ (Regina Jonas).

Erinnern wir uns an das, was in jener furchtbaren Zeit Martin Buber den verschreckten Juden geschrieben hat:

„[...] ich sage es mit Furcht und Zittern. Zu ‚Israel‘ gehört geschichtlich dieses Schicksal, so in das Schicksal der Völker verflochten und so aus ihm entlassen zu sein [...]. Aber zu Israel gehört auch die Gnade, je in solcher Not den Urbund zu erneuern, durch den es entstanden ist.“ Leo Baeck schrieb über seine Erfahrung im KZ Theresienstadt: „Das war ein geistiges Ringen, das jeder leisten musste, nämlich in sich selbst und in seinem Nächsten mehr zu sehen als nur eine Transport- Nummer. Es war der Kampf um den eigenen Namen und um den des Anderen, der Kampf um die Individualität, das Geheimnis des Seins.“

Nur auf diese Art und Weise kannst Du, Israel, Deinen Urbund mit Gott erneuern, und Gott, Dein Gott, wird für Dich den schrecklichen Fluch in ewigen Segen verwandeln. Das Wasser eines ganzen Ozeans kann ein Schiff nicht zum Sinken bringen, solange es nicht in sein Inneres eindringt. Ebenso wenig kann uns die äußerliche Welle von Hass zu Fall bringen, wenn wir Gottes Segen für alle Menschen in uns tragen.


Rabbiner Dr. Moshe Navon, geb. 1954 in Sibirien, Studium in Jerusalem an der Hebräischen Universität, am orthodoxen Institut Machon Schalom Hartman und dem Hebrew Union College, ist Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde in Hamburg.
  1. Parascha (hebr.), Abschnitt aus der Toralesung im Synagogengottesdienst.
  2. „Lech Lecha“ (hebr. Geh!); Lesungsabschnitt aus Bereschit (Gen) 12,1–17,27. Der Beitrag bezieht sich nur auf die Verse 12,1–3.
  3. Der Erzvater Abram [hebr. Avram] wird erstmals in Gen 11,26 genannt: „Terach war siebzig Jahre alt, da zeugte er Abram, Nahor und Haran.“ Als Teil des Bundesschlusses (Gen 17,1–27) ergänzt Gott den Namen Abram zu Abraham: „Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham [hebr. Awraham] wirst du heißen; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt“ (Gen 17,5).
  4. Kiddusch ha-Schem (hebr.: „Heiligung des Namens“); vgl. K. Hanna Holtschneider, Kiddusch ha-Schem – Heiligung des Namens, in: FrRu NF 13 (2006) 2–15; Verena Lenzen, Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes. Kiddusch HaSchem, München 1995; dies.; Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes. Studien über die Heiligung des göttlichen Namens (Kiddusch HaSchem), Zürich 2002 (vgl. FrRu NF 14 [2007] 56–59).

Jahrgang 22  / 2015, Heft 3, S. 185−188.


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