Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1423  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Monika Beck

Franz Werfel (18901945)

Vermittler zwischen Juden und Christen

Franz Werfel, einer der bekanntesten deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war mit seinem literarischen Bemühen um eine Annäherung zwischen Juden und Christen seiner Zeit weit voraus, erklärte Prof. Dr. Magda Motté bei einer Tagung im „Dietrich-Bonhoeffer-Haus“ in Jülich (29. August 2014) zum Thema „Autoren jüdischer Herkunft zu Versöhnung und Frieden“. Gleichzeitig zeugt Werfels Werk von einem tiefen Sinn für Frieden und Menschlichkeit.1

Franz Werfel wurde am 10. September 1890 in Prag, einem der großen Zentren deutsch-jüdischer Kultur, geboren. Seine Eltern, deutsch-böhmische Juden, waren wohlhabende Fabrikanten. Dem Christentum begegnete er erstmals in der Volksschule der Piaristen in Prag. Bereits mit einundzwanzig Jahren gelang ihm der literarische Durchbruch mit dem Gedichtband „Der Weltfreund“. In Prag und später in Leipzig und Wien bewegte er sich im Kreis bekannter deutschsprachiger jüdischer Autoren wie Franz Kafka, Walter Hasenclever, Egon Erwin Kisch, Robert Musil u. a. Als Lektor im Kurt Wolff Verlag in Leipzig begegnete er auch Rainer Maria Rilke.

Im Ersten Weltkrieg diente Werfel in der österreichischen Armee an der ostgalizischen Front. Aufgrund seiner literarischen Begabung wurde Werfel 1917 in das k. u. k. Kriegspresseamt in Wien versetzt. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und später im amerikanischen Exil schuf er ein umfangreiches episches, dramatisches und lyrisches Werk.

Im Frühjahr 1929 unternahm Franz Werfel eine Nahostreise. In Damaskus war er von der Not der aus der Türkei vertriebenen Armenier tief erschüttert. „Ich werde [den] Völkermord an den Armeniern publik machen“, schwor er sich damals, und so entstand sein zweibändiger historischer Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Er erzählt darin aber auch von Türken, die den Genozid verurteilten, und die ihren armenischen Freunden während der Verfolgung beistanden. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ wurde 1933 veröffentlicht, in dem Jahr, als die Tragödie von Werfels eigenem jüdischen Volk ihren Anfang nahm.

Im gleichen Jahr wurde Werfel (trotz einer Loyalitätserklärung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime!) aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, und wie die Schriften vieler anderer jüdischer Autoren wurden auch seine Bücher verbrannt. 1940 floh er erst nach Paris und nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich von Sanary-sur-Mer durch Südfrankreich nach Spanien. Bei einer Zwischenstation in Lourdes gelobte er, falls er wohlbehalten Amerika erreichen würde, ein Buch über Bernadette Soubirous und ihre Marienerscheinungen zu schreiben. „Das Lied von Bernadette“, 1941 in den USA erschienen, wurde ein großer Erfolg und bereits kurz nach seinem Erscheinen verfilmt. Werfel verstand es, sich intensiv mit christlichen Themen zu befassen und trotzdem seinem Judentum treu zu bleiben. „Ich bin im Fühlen und Denken bewusster Jude“, schrieb er 1926, als sein Drama „Paulus unter den Juden“ erschien. Franz Werfel starb am 26. August 1945 in Beverly Hills/Kalifornien (USA).

„Die wahre Geschichte vom [geschändeten und] wiederhergestellten Kreuz“

Werfels freundschaftlicher Dialog mit Christen war nicht nur wegen der politischen Lage jener Zeit ein durchaus gefährliches Unternehmen, sondern auch angesichts der judenfeindlichen Einstellung der Kirchen. 1942, drei Jahre vor seinem Tod, erschien als Teil des nicht fertiggestellten Romans „Cella oder die Überwinder“ im Privatdruck die Erzählung „Die wahre Geschichte vom [geschändeten und] wiederhergestellten Kreuz“2, die von der Vertreibung der Juden aus der kleinen österreichischen Gemeinde Parndorf berichtet. Die Auslöschung der jüdischen „Siebengemeinden“ des Burgenlandes begann nicht erst mit der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, sondern bereits am 11./12. März 1938.

„In Parndorf“, schreibt Werfel in seiner Erzählung, „lebte eine kleine Gemeinde von Juden [...]. In allen Bezirken und Ortschaften des schmalen, aber langgedehnten Burgenlandes lebten solche Gemeinden, in Eisenstadt und Mattersdorf, den großen Städten, in Kittsee und Petronell [...] und in Rechnitz, weit unten im Süden. [...] Auf zwei Dinge waren die burgenländischen Juden stolz: auf ihre gelehrten Männer und auf ihre Bodenständigkeit. Im Gegensatz zu andern jüdischen Stämmen nämlich hatten sie den Fluch der Wanderschaft und Heimatlosigkeit längst vergessen.“3

Die zwei Protagonisten der Erzählung, der katholische Kaplan Ottokar Felix und Rabbiner Dr. Aladar Fürst, sind gute Freunde – lange vor dem christlich-jüdischen Dialog, der „mit dem Blut von sechs Millionen jüdischen Opfern erkauft wurde“ (Schalom Ben-Chorin). In bemerkenswerter Weise formuliert der Rabbiner seine Meinung zum Thema „Judenmission“:

„Ich weiß nicht, Hochwürden, [...] warum die Kirche solchen Wert darauf legt, die Juden zu taufen. Kann es ihr genügen, unter hundert streberischen oder schwächlichen Renegaten vielleicht zwei oder drei echte Gläubige zu gewinnen? Und dann, was würde geschehen, wenn sich alle Juden der Welt taufen ließen? Israel würde verschwinden. Damit verschwände aber auch der einzige reale fleischliche Zeuge der göttlichen Offenbarung aus der Welt. Die heiligen Schriften nicht nur des Alten, sondern auch des Neuen Testaments würden damit zu einer leeren und kraftlosen Sage herabsinken wie irgendein Mythos der alten Ägypter und Griechen. Sieht die Kirche diese tödliche Gefahr nicht ein? Und gar in diesem Augenblick der totalen Auflösung? ... Wir [Juden und Christen] gehören zusammen Hochwürden, aber wir sind keine Einheit. Im Römerbrief steht geschrieben, wie Sie wohl besser wissen als ich: ‚Die Gemeinde des Christus fußt auf Israel’. Ich bin überzeugt davon, daß, solange die Kirche besteht, Israel bestehen wird, doch auch, daß die Kirche fallen muß, wenn Israel fällt ...“4

Am 11. März 1938 erfolgt der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Der junge Peter Schoch gehört schon länger zu den braunen Schlägertrupps, die sich der Juden entledigen wollen. Er und seine Braunhemden treiben am Tag des „Anschlusses“ die Juden aus Parndorf an die ungarische Grenze. Kaplan Felix begleitet freiwillig die Vertriebenen. An der Grenze lässt der ungarische Major Brot und Kaffee unter den erschöpften Juden verteilen. Die Braunhemden sehen missbilligend zu, können aber nichts unternehmen. Die Freundschaft mit Ungarn ist den Nationalsozialisten noch wichtig.

Kaplan Felix hat für die Kinder des Rabbiners eine Flasche Milch besorgt. Noch bevor er sie dem Rabbiner geben kann, schreit Schoch: „Alle Männer antreten!“ In der Hand hält er ein Hakenkreuz, das er aus einem hölzernen Grabkreuz aus dem nahen Friedhof durch „flüchtig angenagelte Querbrettchen“ improvisiert hat. Er hält es dem Rabbiner hin und befiehlt ihm, das Hakenkreuz zu küssen.

Der Rabbiner nimmt das Kreuz, knickt die lose angenagelten Seitenbrettchen wieder ab, überreicht es dem Kaplan und beginnt in Richtung Grenze zu laufen. Plötzlich beginnt jemand zu schießen. Schwer verletzt bricht der Rabbiner zusammen, und die Braunhemden „trampelten mit ihren genagelten Stiefeln auf ihm herum“. Dann wird er in die Grenzstation getragen, wo er bald darauf stirbt. Beeindruckt von der heroischen Tat des Rabbiners, lässt der ungarische Major, entgegen dem offiziellen Befehl, Frauen, Kinder und Greise die Grenze passieren. Die verbliebenen Männer flüchten nach Norden über die tschechische Grenze.

„Durch seinen Tod rettete Aladar Fürst seine Gemeinde“, sagt Ottokar Felix, der von dem Tag an „mit den Kindern Israels von Land zu Land“ wandert. Jahre später, als er die Geschichte im amerikanischen Exil erzählt, fügt er hinzu: „Ein jüdischer Rabbi hat das getan, was ich, der Priester Christi, hätte tun müssen ... Er stellte das geschändete Kreuz wieder her ...“5

Während in Europa der Krieg tobte, Menschen in den Vernichtungslagern ermordet wurden und die USA kurz vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg standen, beendete der Kaplan seine Erzählung mit den Worten:

„Aber viel mehr steht auf dem Spiel als Freiheit und anständiges Leben, das geschändete Kreuz nämlich, ohne das wir in Nacht versinken müssen. Und Gott allein weiß, ob eine ganze Welt wird tun dürfen, was der kleine Jude Aladar Fürst getan hat mit seinen schwachen Händen.“6

* Monika Beck M. A., 1953 in Rumänien geboren, ist Fachjournalistin für Judentum und christlich-jüdischen Dialog in Deutschland. Beck arbeitete 28 Jahre für die einzige deutschsprachige Tageszeitung in Israel, die Israel Nachrichten, Tel-Aviv, bis zur Einstellung der Zeitung im Januar 2011.

  1. Vgl. Clauß Peter Sajak, Der hartnäckige Wanderer. Franz Werfel im Spannungsfeld von Judentum und Katholizismus, in: FrRu NF 7 (2000) 91–98; Wolfgang Treitler, Abi – Mutter des Jeremia. Franz Werfels Prophetenroman „Höret die Stimme“, in: FrRu NF 17 (2010) 272–282.
  2. Die wahre Geschichte vom wiederhergestellten Kreuz, in: Das Franz Werfel Buch, hg. von Peter Stephan Jungk, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1986, S. 282–309.
  3. Die wahre Geschichte vom wiederhergestellten Kreuz (Anm. 2), S. 285 f.
  4. Ebd., S. 287.
  5. Ebd., S. 307.
  6. Ebd., S. 309.

Jahrgang 22 / 2015 Heft 1 S. 47−50


top