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Yizhak Ahren

Vergegenwärtigung der Wüstenzeit

Eine Betrachtung zum Laubhüttenfest

Warum werden fast alle Sukkot (Laubhütten) mit Früchten und mit Bildern geschmückt? Weil es im Talmud (Schabbat 133 b) heißt, dass man bei der Anfertigung bzw. beim Kauf von Objekten, die für eine Gebotsausübung erforderlich sind, auf die Schönheit dieses Gegenstandes Wert legen soll. Der talmudische Text nennt einige Beispiele, u. a. eine prächtige Laubhütte (Sukka). Gedanken über ästhetische Fragen bei der Gestaltung der Laubhütten sind also durchaus angebracht.

Wichtiger als Überlegungen zu Gestalt und Ausstattung der Laubhütte ist jedoch die Frage, warum die Tora von uns Juden das Wohnen in einer Laubhütte verlangt. Über den Grund dieser Mizwa (Gebot) brauchen wir nicht zu spekulieren, denn die Schrift erklärt uns den Sinn dieses Gebotes:

„In Sukkot sollt ihr wohnen sieben Tage; alle in Israel sollen wohnen in Sukkot. Damit eure Nachkommen es wissen, dass in den Hütten ich habe wohnen lassen die Kinder Israels, als ich sie aus dem Lande Mizraim führte: Ich bin der Ewige, euer Gott“ (Wajikra [Lev], 23,42 f.).

Die Laubhütte.
Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882).
Aus dem Zyklus „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“.
 
Laubhütte - Moritz Oppenheim 
Das Wohnen in Sukkot soll uns also jedes Jahr im Herbst eine bestimmte Epoche aus der Gründungszeit wieder vor Augen führen.

Warum aber ist das Wissen um die eigene Geschichte überhaupt so wichtig? Weil Menschen von den Erfahrungen ihrer Vorfahren profitieren können. Wer die richtigen Lehren aus der Geschichte zieht, kann verhängnisvolle Irrwege in der Gegenwart vermeiden. Historisches Wissen hilft uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Eine eigentümliche Erinnerungskultur kennzeichnet das jüdisch-religiöse Leben. In der Pessach-Nacht, in der wir die Errettung aus der Sklaverei in Ägypten feiern, lesen wir in der Pessach-Haggada:

„In jedem Geschlecht [in jeder Generation] ist der Mensch verpflichtet, sich vorzustellen, er selbst sei aus Ägypten gezogen.“

Eine ähnliche Identifikation mit den Vorfahren findet auch am Sukkot-Fest statt; in gewisser Weise ahmen wir freiwillig das Leben derjenigen nach, die in der Wüstenzeit, in der Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten, in (Laub-)Hütten (Sukkot) leben mussten. Das biblische Gebot, in Sukkot zu wohnen, hat vielerlei Deutungen erfahren. Angeführt sei hier eine Interpretation, die Rabbiner Samson Raphael Hirsch (vgl. S. 69 ff. i. d. H.) 1837 in seinem großartigen Buch Chorew, Versuch über Jisraels Pflichten in der Zerstreuung, erläutert hat.

In der Übergangszeit – zwischen der Befreiung aus der Sklaverei und dem Einzug in das Gelobte Land – waren die Israeliten ganz auf den göttlichen Schutz, den man als Vorsehung bezeichnet, angewiesen. Man kann von einer Zeit der Einübung in Gottvertrauen (hebr.: „Emuna“) sprechen. Damit diese Grunderfahrung nicht in Vergessenheit gerät, errichten Juden jedes Jahr nach Jom Kippur schöne Laubhütten! Rabbiner Hirsch betont, dass die in der Wüste erlernte Glaubenshaltung nie an Aktualität verloren hat:

„Du aber, wieder in die Wüste zerstreutes Israel, ziehe in die Sukka und erkenne, dass Gott deine Väter in ihrer ersten Wüstenwanderung erhielt. – Er ist auch mit dir in dieser Wüstenwanderung.“

Die Weiterxistenz des jüdischen Volkes, trotz zahlreicher Verfolgungen, beweist seiner Ansicht nach die Wirksamkeit der Vorsehung. (Auch nichtjüdische Denker haben übrigens im Fortbestand des jüdischen Volkes einen Gottesbeweis gesehen.) Niemand wird behaupten, eine Haltung des Gottvertrauens sei in unseren Tagen leicht zu erringen; ihre zentrale Bedeutung im jüdisch-religiösen Leben ist jedoch unbestreitbar. Gegen Ende der Wüstenzeit mahnte Moses in einer seiner letzten Reden:

„Und du sollst gedenken des ganzen Weges, den dich geführt der Ewige, dein Gott, schon vierzig Jahre in der Wüste, um dich leiden zu lassen, um dich zu versuchen, um zu erkennen, was in deinem Herzen ist: ob du beobachten wirst seine Gebote oder nicht. So ließ er dich leiden und hungern und speiste dich mit dem Man, das du nicht gekannt und nicht gekannt deine Väter, um dich zu lehren, dass nicht durch das Brot allein der Mensch lebt, sondern durch alles, was aus dem Munde des Ewigen geht, lebt der Mensch“ (Dewarim [Dtn] 8,2–3).

Das jüdische Volk wird hier ermahnt, die in der „Schule der Wüstenwanderung“ gemachten Erfahrungen stets zu beherzigen. Für die Zukunft des auserwählten Volkes ist es von entscheidender Bedeutung, die Beziehung zum Ewigen nicht aus dem Blick zu verlieren: Durch die Befolgung der Gebote der Tora bleibt der Kontakt mit dem Ewigen erhalten. Der damals vom Ewigen mit seinem Volk geschlossene Bund (hebr.: Brit) gilt auch heute noch und verpflichtet uns Juden, auf Gottes Wegen zu wandeln. Bereits die Wüstengeneration hat zu spüren bekommen, dass es Menschen gibt, die den Wunsch hegen, die Israeliten zu vernichten. In der Tora lesen wir:

„Gedenke, was dir Amalek getan bei deinem Auszug aus Ägypten. Der dich traf auf dem Wege und deinen Nachtrab erschlug, all die Schwachen hinter dir – du aber warst matt und müde und fürchtetest Gott nicht“ (Dewarim [Dtn] 25,17–18).

Manche Juden lesen diese Verse täglich nach dem Morgengottesdienst! In jeder Generation gibt es tatkräftige Judenfeinde. Aber wir haben Gottes Zusicherung, dass die brutalen Gegner Israels ihr Endziel nicht erreichen werden. Allerdings sind wir aufgefordert, treu unseren Teil des Bundes zu erfüllen. Sollte uns die Gottesfurcht abhanden kommen, dann kann ein neuer Amalek plötzlich zuschlagen. Daher die Mahnung: Die in den Jahren der Wüstenwanderung gelernten Lektionen sollten wir im täglichen Leben beachten.

Im Talmud (Megilla 31 a) wurde als Prophetenlesung für den ersten Tag von Sukkot „Sacharja“ Kapitel 14 festgelegt. Raschi (Schlomo ben Jizchak), der klassische Kommentator aus Worms, erklärt, diese Auswahl sei deshalb erfolgt, weil hier prophezeit wird, dass eines Tages auch Nichtjuden das Sukkot-Fest in Jerusalem feiern werden. Der Prophet kündigt allen Völkern, die in jener Zeit am Sukkot-Fest nicht nach Jerusalem pilgern werden, eine harte Strafe an: „Auf sie wird kein Regen fallen“ (Sach 14,17).

Beim Hören dieser Prophezeiung drängen sich zwei Fragen auf. Warum sollen die Völker ausgerechnet am Laubhüttenfest nach Jerusalem hinaufkommen und nicht an den anderen Wallfahrtsfesten? Und warum wurde gerade Regenausfall1 als Strafe angedroht?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich die Bedeutung von Sukkot klarmachen. Wie bereits erwähnt, erinnern die Laubhütten an die Vorsehung des Ewigen. Auf Gottes Hilfe sind alle Menschen angewiesen. Durch ihre Pilgerfahrt nach Jerusalem an Sukkot demonstrieren die Völker ihre Dankbarkeit für Gottes Segen. Denjenigen aber, die, wie vom Propheten vorausgesagt, „an jenem Tag“ meinen werden, ohne Gottes Fürsorge auskommen zu können, soll das Ausbleiben des Regens eine Lehre erteilen: Auch sie können ohne die Fürsorge Gottes nicht existieren!

„Wer dann übrigbleibt von allen Völkern, die gegen Jerusalem gezogen sind, wird Jahr für Jahr hinaufziehen, um den König, den Herrn der Heere, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern. Wer aber nicht nach Jerusalem hinaufzieht von allen Stämmen der Erde, um [...] den Herrn der Heere anzubeten, bei dem wird kein Regen fallen“ (Sach 14,16 f.).

Was die Israeliten in der Wüste erfuhren, werden nach Sacharjas Prophezeiung eines Tages alle Völker als wahr und ewig gültig anerkennen müssen.

Jeder, der sich selbst erniedrigt, den erhöht der Heilige, gelobt sei Er;
und jeden, der sich selbst erhöht, den erniedrigt der Heilige, gelobt sei Er.
Vor jedem, der die Größe sucht, flieht die Größe;
und nach jedem, der vor der Größe flieht, sucht die Größe (Talmud, Eruwin 13b).


* Prof. Dr. Yizhak Ahren, Jerusalem, war bis zu seiner Pensionierung Privatdozent für  Psychologie an der Universität Köln.

  1. Zum Zeitpunkt des Laubhüttenfestes (Ende des Sommers) ist in Israel bereits seit mindestens sechs Monaten kein Regen gefallen. Je früher der erste Regen fällt (Oktober), desto besser ist die Ernte des nächsten Jahres. Das Ausbleiben des Regens bedeutete somit einst Hungersnot und Tod, Regen dagegen Leben.

Jahrgang 22 / 2015 Heft 1 S. 43−46.


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