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Helmut Röhrbein-Viehoff

„Höre, Israel!“

Eine Auslegung zu Baruch 3,9–15.32–4,4

Der Lesungstext der Osternacht aus dem Buch Baruch beginnt mit einem Weckruf: „Höre, Israel!“ Es ist der Auftakt zum Glaubensbekenntnis Israels, das ein frommer Jude zweimal täglich, morgens und abends, rezitiert.

Sch’ma Jisrael, Adonaí Eluhénu, Adonai ächád!
Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig!

Dann folgt die Aufforderung, diesen einen und einzigen Gott zu „lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5). „Höre, Israel!“ – Mit dem Hören fängt aller biblische Glaube an (vgl. Röm 10,14). Auch der „Gehorsam des Glaubens“ (Röm 1,5) kommt von solchem Hören. Hörbereitschaft, „Horchsamkeit“ ist also gefragt, hören auf das, was Gott uns sagen will, hören auf „die Gebote des Lebens“.

Damit ist schon ein Missverständnis abgewehrt: Die Gebote Gottes – allen voran die „Zehn Gebote“ – werden dem Menschen nicht von oben auferlegt, er wird nicht fremdbestimmt. Vielmehr weisen sie den Weg zum Leben, zeigen wie menschliches Leben gelingen kann. Die (schriftliche und mündliche) Tora, wie sie das Judentum im Laufe seiner dreitausendjährigen Geschichte entfaltet hat, ist kein fremdes „Gesetz“, sondern „Weisung“, Wegweisung zum Leben, Einweisung auf einen Weg, der das Leben glücken lässt.

Die Tora ist gewissermaßen die Rahmenordnung, das Grundgesetz, wonach das Gottesvolk seinen Weg durch die Geschichte geht. Unterstellen wir also niemals mehr dem Judentum „Gesetzesfrömmigkeit“! Ein toratreuer Jude lebt den Glauben nicht theoretisch, sondern praktisch: im Gehen (Halacha) des Weges gemäß der Tora. Psalm 1 preist solche Menschen selig:

„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht!“ (Ps 1,1–2).

Über seine Weisung – die Tora! – nachsinnen. Das hebräische Wort für nachsinnen bedeutet auch „murmeln“. In der Verdeutschung der Bibel von Martin Buber / Franz Rosenzweig lauten deshalb diese beiden Verse:

„O Glück des Mannes, der nicht ging im Rat der Frevler,
den Weg der Sünder nicht beschritt,
am Sitz der Dreisten nicht saß,
sondern Lust hat an SEINER Weisung,
über SEINER Weisung murmelt tages und nachts!“

Nachsinnen, murmeln: das meint ein Bewegen, Meditieren, Sich-aneignen, ein Wiederkäuen, Einverleiben, Verinnerlichen. Gottes Weisung bleibt mir nicht äußerlich, sie wird mir zueigen, zum inneren Gesetz meines Lebens, an dem ich meine Freude, meine „Lust“ habe. Ja, es ist eine Lust, zu leben im Gleichklang mit Gottes Willen! „Glücklich der Mann!“ Auch die Frauen dürfen sich hier mitgemeint fühlen.

„Er [solch ein Mensch] ist wie ein Baum,
der an Wasserbächen gepflanzt ist,
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt,
und dessen Blätter nicht welken.
Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen“ (Ps 1,3).

Der erste Psalm des Psalters, des Gebet- und Gesangbuchs Israels, das auch das Gebet- und Gesangbuch Jesu war und in der Folge zum Gebetund Gesangbuch der Kirche geworden ist, eröffnet die Reihe der 150 Psalmen. Psalm 1 stellt gewissermaßen das Eingangsportal dar, durch das ich hindurchschreiten muss, um die weiteren Psalmen in rechter Weise zu beten. Wenn ich so bete – in der Gesinnung, die durch diesen Eingangspsalm vorgezeichnet ist –, dann gewinne ich Einsicht, gewinne ich Weisheit im biblischen Verständnis. Genau dazu lädt der Anfang der Lesung aus dem Buch Baruch (3,9) ein:

„Höre, Israel, die Gebote des Lebens;
merkt auf, um Einsicht zu erlangen!“

Aufmerken, Aufmerksamkeit. Für die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) war dies ein Grundwort ihrer Spiritualität: die Haltung der Aufmerksamkeit, das Hören auf die leisen Stimmen um uns herum, die uns hinweisen auf das, was wirklich wichtig ist.

Das Buch Baruch beginnt allerdings mit dem Eingeständnis, dass Israel nicht aufmerksam war, nicht gehorcht hat:

„denn wir haben gegen den Herrn gesündigt und ihm nicht gehorcht. Wir haben auf die Stimme des Herrn nicht gehört und die Gebote nicht befolgt, die der Herr uns vorgelegt hat. Von dem Tag an, als der Herr unsere Väter aus Ägypten herausführte, bis auf den heutigen Tag waren wir ungehorsam gegen den Herrn, unseren Gott. Wir hörten sehr bald nicht mehr auf seine Stimme“ (Bar 1,17–19 f.).

Und weiter:

„Wir haben nicht auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes gehört und auf alle Reden der Propheten, die er zu uns gesandt hat. Jeder von uns folgte der Neigung seines bösen Herzens; wir dienten anderen Göttern und taten, was dem Herrn, unserem Gott, missfällt“ (Bar 1,21 f.).

Gottes Offenbarung vom Sinai, die Tora des Mose, die Mahnung der Propheten: das alles hat nichts genützt. Darum musste Israel in die Verbannung, ins Babylonische Exil (586–538 v. Chr.). Gott hatte es angekündigt:

„Hört ihr nicht auf meine Stimme, dann wird diese unzählbar große Volksmenge zu einer kleinen Minderheit werden unter den Völkern, wohin ich sie zerstreue. Denn ich weiß, dass sie nicht auf mich hören werden; sie sind ja ein halsstarriges Volk. Doch im Land ihrer Verbannung werden sie es sich zu Herzen nehmen. Sie werden erkennen, dass ich der Herr, ihr Gott, bin. Dann gebe ich ihnen ein verständiges Herz und Ohren, die hören“ (Bar 2,29–31).

Bar 3,10–4,4 reflektiert dann in Form eines Selbstgesprächs das Geschick, die Berufung und das Vorrecht Israels. Es beginnt mit einer Frage:

„Warum, Israel, warum lebst du im Gebiet der Feinde,
siechst dahin in einem fremden Land,
bist unrein geworden, den Toten gleich,
wurdest zu den Abgeschiedenen gezählt?“ (Bar 3,10–12).

Die selbstkritische Antwort lautet:

„Du hast den Quell der Weisheit verlassen.
Wärest du auf Gottes Wegen gegangen,
du wohntest in Frieden für immer“ (Bar 3,12–13).

Der „Quell der Weisheit“ – für Israel ist das nicht die Philosophie, die „Liebe zur Weisheit“, die aus eigenem Vermögen entspringt. „Die Griechen suchen Weisheit“, schreibt Paulus an die Korinther (1 Kor 1,22b). Diese Anstrengung des Geistes ist aller Ehren wert, letztlich jedoch vergeblich, weil wir damit im Grunde doch immer nur bei uns selber verbleiben. Für biblisches Denken geht es – gerade umgekehrt – darum, von sich selber abzusehen und ganz Ohr zu sein für das, was nur Gott uns sagen kann: „Wie Großes Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9b). „Weise“ im biblischen Sinne werden wir, indem wir dem „Sch’ma Jisrael“ folgen:

„Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig!
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,4–5).

So ist die Aufforderung von Bar 3,14 zu verstehen:

„Nun lerne, wo die Einsicht ist, wo Kraft und wo Klugheit, dann erkennst du zugleich, wo langes Leben und Lebensglück, wo Licht für die Augen und Frieden zu finden sind.“

„Lernen“ und „erkennen“, „Einsicht“ und „Klugheit“ – das sind durchaus biblische Vokabeln. Nicht umsonst stehen Lernen und Studieren im Judentum bis heute ganz hoch im Kurs; wir Christen könnten uns davon durchaus eine dicke Scheibe abschneiden!

Aber „lernen“ und „erkennen“, „Einsicht“ und Klugheit“ haben im jüdischen Denken eine entscheidend andere Bedeutung. Es geht nicht um einen Aufstieg zu Gott, den wir denkerisch aus eigener Kraft vollziehen könnten, denn „wer hat je den Ort (der Weisheit) gefunden? Wer ist zu ihren Schatzkammern vorgedrungen?“ (Bar 3,15).

In Bar 3,16–31 wird gedanklich durchgespielt, wo und wie man die Weisheit suchen kann. Bei den Herrschern dieser Welt? Bei den Reichen, den Künstlern? In Kanaan, in Midian, in Arabien? Bei Dichtern und Wissenschaftlern? Vielleicht bei den sagenhaften Riesen der Urzeit? In den Weiten des Weltalls oder jenseits des Ozeans? – Alles Fehlanzeige! Die wahre Weisheit findet man dort nicht: „Keiner weiß ihren Weg, niemand kennt ihren Pfad“ (Bar 3,31). Nur „der Allwissende kennt sie; er hat sie in seiner Einsicht entdeckt“ (Bar 3,32a).

Wahre Weisheit steht nur Gott zu Gebote. In dieser Weisheit hat Gott alles geschaffen: die Erde gegründet und mit Tieren bevölkert, das Licht entsendet und die Sterne auf ihre Posten gestellt, auf dass sie „leuchten mit Freude für ihren Schöpfer“ (vgl. Bar 3,32b–35). Dieser Gedanke, dass die Weisheit Gottes von Anfang an mit im Spiel war, wird auch im Buch der Sprichwörter ausgedrückt. Da sagt die Weisheit von sich selbst:

„Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege,
vor seinen Werken in der Urzeit;
in frühester Zeit wurde ich gebildet,
am Anfang, beim Ursprung der Erde.

Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren,
als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.
Ehe die Berge eingesenkt wurden,
vor den Hügeln wurde ich geboren.

Noch hatte er die Erde nicht gemacht
und die Fluren und alle Schollen des Festlands.

Als er den Himmel baute, war ich dabei,
als er den Erdkreis abmaß über den Wassern,
als er droben die Wolken befestigte
und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer,
als er dem Meer eine Satzung gab
und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften,
als er die Fundamente der Erde abmaß,
da war ich als geliebtes Kind bei ihm.

Ich war seine Freude Tag für Tag
und spielte vor ihm allezeit.
Ich spielte auf seinem Erdenrund,
und meine Freude war es,
bei den Menschen zu sein“ (Spr 8,22–31).

Die ganze Schöpfung, das ganze Schöpfungswerk hat etwas Spielerisches an sich, atmet Leichtigkeit! Und vor aller Schöpfung ist es die präexistente göttliche Weisheit, die das Prinzip dieser Schöpfung bildet, die als die göttliche Kreativität alles Geschaffene durchwaltet. Sie ist sein „geliebtes Kind“. – Hören wir hier nicht die himmlische Stimme, die bei der Taufe Jesu ruft: „Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Mk 1,11), und wieder bei seiner Verklärung: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören!“ (Mk 9,7)?

Der Hymnus aus dem Brief an die Gemeinde von Kolossä knüpft direkt an die alttestamentliche Tradition der schöpferischen göttlichen Weisheit an und bekennt:

„In ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden,
das Sichtbare und das Unsichtbare [...].
Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand“ (Kol 1,16 f.).

Doch der Gott der Bibel ist nicht „tolerant“: Er ist nicht religionspluralistisch, nicht einer unter anderen, sondern der Eine und Einzige: „Das ist unser Gott; kein anderer gilt neben ihm“ (Bar 3,36). Er allein „hat den Weg der Weisheit ganz erkundet“ (Vers 37a).

Dann nimmt der Text eine überraschende Wendung:

„Er hat sie – die Weisheit – Jakob, seinem Diener, verliehen, Israel, seinem Liebling“ (Vers 37b).

Jakob – Israel: das ist der Ehrenname des Volkes Gottes.

„Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“, sagt die göttliche Weisheit von sich (Spr 8,31b). Doch die Bibel behauptet, dass die göttliche Weisheit sich nicht gleichmäßig, nicht nach dem Gießkannen-Prinzip über die Menschheit verteilt habe, sondern sich – höchst einseitig – bei „Jakob, seinem Diener“, bei „Israel, seinem Liebling“ niedergelassen habe. Derselbe Gedanke findet sich auch im Buch Jesus Sirach. Dort sagt die göttliche Weisheit von sich selbst:

„Über alle Völker und Nationen hatte ich Macht.
Bei ihnen allen suchte ich einen Ort der Ruhe,
ein Volk, in dessen Land ich wohnen könnte.

Da gab der Schöpfer des Alls mir Befehl;
Er, der mich schuf, wusste für mein Zelt eine Ruhestätte.
Er sprach: In Jakob sollst du wohnen,
in Israel sollst du deinen Erbbesitz haben.

Vor der Zeit, am Anfang, hat er mich erschaffen,
und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht.

Ich tat vor ihm Dienst im heiligen Zelt
und wurde dann auf dem Zion eingesetzt.
In der Stadt, die er ebenso liebt wie mich, fand ich Ruhe,
Jerusalem wurde mein Machtbereich.

Ich fasste Wurzel bei einem ruhmreichen Volk,
im Eigentum des Herrn, in seinem Erbbesitz“ (Sir 24,6b–12).

Ist das größenwahnsinnig? Unverschämt? Überheblich? Arrogant? Ist es ein Ärgernis, dass Israel sich nach wie vor als „auserwähltes Volk“ versteht, als „Eigentum des Herrn“, als „sein Erbbesitz“? Israel hat sich diese Rolle nicht selber ausgesucht. Gott selbst hat Israel zu seinem Volk gemacht.

„Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe,
wie ich euch auf Adlerflügeln getragen
und hierher zu mir gebracht habe.

Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört
und meinen Bund haltet,
werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein.

Mir gehört die ganze Erde;
ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern
und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19,4–6a).

Warum hat Gott sein Volk auf „Adlerflügeln“ getragen und „hierher zu mir“ gebracht? Gott selbst gibt die Antwort:

„Damit ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum seid.“

Das hebräische Wort für „besonderes Eigentum“ („segolá“) ist ein Fachbegriff z. B. aus dem Eherecht: „Segolá“ ist der persönliche Besitz, den die Braut in die Ehe mitbringt, der ihr persönliches Eigentum bleibt, und den sie auch im Falle einer Scheidung als ihr Eigentum behält.

So ist Israel für Gott nicht irgendein Volk unter anderen, sondern etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges. Gott unterscheidet zwischen Israel (das die Bibel „’am segolá = Eigentumsvolk“ nennt) und zwischen allen anderen Völkern (den „gojim“).

Unterscheidung ist überhaupt ein wichtiges biblisches Wort. Schon im Anfang der Schöpfung schied Gott zwischen Licht und Finsternis (Gen 1,4). Er machte ein Gewölbe (das Firmament) und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes (Gen 1,7); er schied Meer und Land (Gen 1,9) und schließlich Tag und Nacht (Gen 1,14). Ohne Scheidung, ohne Unterscheidung herrscht Chaos, „tohu wabóhu“ (Gen 1,2), „Irrsal und Wirrsal" (Martin Buber). Erst die Unterscheidung bringt Ordnung in die Welt, macht das Chaos zum Kosmos. Ordnen heißt unterscheiden!

Dieselbe Unterscheidung, die Gott zwischen seinem Eigentumsvolk Israel und den Gojim vornimmt, vollzieht auch Israel unter den zwölf Stämmen Jakobs. Der Stamm Levi ist ausgesondert als der priesterliche Stamm der Leviten, die stellvertretend für das ganze Volk am Heiligtum Dienst tun.

Und genau diese Verhältnisbestimmung wird nun auf das Verhältnis zwischen Israel und den anderen Völkern übertragen: Israel steht stellvertretend für die ganze Menschheit vor Gott – „als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk“ (Ex 19,6a). Was die Priesterschaft innerhalb Israels für das ganze Volk bedeutet, das soll Israel innerhalb der Menschheit für alle anderen Völker bedeuten: ein lebendiges Zeugnis für den lebendigen Gott! Im Buch Deuteronomium spricht Mose in seiner großen Abschiedsrede, in seinem Testament, zu den Israeliten:

„Du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört. Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und auserwählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern“ (Dtn 7,6–7).

Es sind also keine außergewöhnlichen Eigenschaften, die Israel zum „Volk Gottes“ qualifizieren. Israel hat zu seiner Erwählung nichts dazugetan. Seine Berufung ist die freie Wahl Gottes. Seine Liebe ist nun einmal nicht auf Ägypten, nicht auf Assyrien und nicht auf Babylonien oder auf sonst eine kulturell hochstehende Großmacht gefallen, sondern – völlig unverdient! – auf das kleine Volk Israel.

„Israel, mein Liebling!“ (Bar 3,37).

Das ist kein Privileg, kein Vorzug! Das ist eine Aufgabe, die schnell zur Last, zur Bürde werden kann. Juden haben oft genug in ihrer dreitausendjährigen Geschichte erfahren müssen, dass ihre Erwählung ihnen eher geschadet als genützt hat, dass es kein Vorteil ist, Jude zu sein, dass das „Joch der Tora“ schwer zu tragen ist.

Oft genug war und ist Israel in Versuchung, „zu sein wie alle anderen Völker“. Darum kommen die Israeliten auch zum Propheten Samuel mit der Bitte:

„Setze jetzt einen König bei uns ein, der uns regieren soll, wie es bei allen Völkern der Fall ist“ (1 Sam 8,5b).

Samuel versucht, ihnen in abschreckenden Farben auszumalen, was „die Rechte des Königs, der über euch herrschen wird“, sein werden (vgl. 1 Sam 8,11–18).

„Doch das Volk wollte nicht auf Samuel hören, sondern sagte: Nein, ein König soll über uns herrschen. Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein“ (1 Sam 8,19 f.).

Samuel gibt – nach Rücksprache mit Gott – seinen Widerstand auf, und die Israeliten bekommen ihren König: Saul, der sich alsbald als Unglücksrabe erweist. „Wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ Wir wollen endlich normal sein – nicht besser, nicht schlechter, nicht anders als alle anderen! Wir wollen diese Last, etwas Besonderes zu sein, von uns schütteln. Wir wollen nicht weiter auffallen, keine Sonderrolle mehr spielen! Wir wollen nicht „heilig“ sein, sondern „weltlich“.1

Die Weisheit Gottes unterscheidet sich von menschlicher Weisheit!

„Dann erschien sie [die Weisheit] auf der Erde
Und hielt sich unter den Menschen auf“ (Bar 3,38).

Prophet Baruch 

Der Prophet Baruch.

„IN TERRIS VISUS EST
ET CUM HOMINIBUS
CONVERSATUS EST“
(Bar 3,38).

Wien, Sevitenkirche.

 
Gottes Weisheit, die unter uns „zeltet“, unter uns Wohnung nimmt2: Die jüdische Tradition spricht von der „schechina“3, von der „Einwohnung“ des unsichtbaren, unendlichen Gottes in dieser irdischen, endlichen Wirklichkeit, nicht nur in geistiger Gegenwart, sonder in realer Gestalt:

„Sie ist das Buch der Gebote Gottes, das Gesetz, das ewig besteht.“

Diese göttliche Weisheit hat sich inkarniert, materialisiert, konkretisiert in der Tora. Ihre göttliche Wegweisung gilt für alle Zeiten:

„Dies alles ist das Bundesbuch des höchsten Gottes, das Gesetz, das Mose uns vorschrieb als Erbe für die Gemeinde Jakobs“ (Sir 24, 23).

„Alle, die an ihr festhalten, finden das Leben,
doch alle, die sie verlassen, verfallen dem Tod“ (Bar 4,1b).

Darum sagt der Psalmist von dem Mann, der seine Lust hat an der Tora:

„Alles, was er tut, wird ihm gelingen“ (Ps 1,3).

Anders geht es den Frevlern, die mutwillig ohne Gott leben wollen:

„Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen,
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund“ (Ps 1,4b–6).

Damit Israel nicht in den Abgrund gerät, nicht dem Tod verfällt, endet das Buch Baruch mit der dringenden Mahnung:

„Kehr um, Jakob, ergreif sie [die Weisheit]!
Geh deinen Weg im Glanz ihres Lichtes!
Überlass deinen Ruhm keinem anderen,
dein Vorrecht keinem fremden Volk!
Glücklich sind wir, das Volk Israel;
denn wir wissen, was Gott gefällt“ (Bar 4,2–4).

So wie Psalm 1 mit einer Seligpreisung beginnt, so endet unsere Lesung aus dem Buch Baruch mit der Feststellung: „Glücklich sind wir [...]; wir wissen, was Gott gefällt.“ Eine kühne Behauptung! Nicht immer wissen wir, was Gottes Wille ist. Doch der Prophet Micha bringt es auf den Punkt:

„Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist,
und was der Herr von dir erwartet:
Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben,
in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott“ (Mi 6,8).


Helmut Röhrbein-Viehoff, Hamburg, von 1995 bis 2011 Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde St. Marien Hamburg-Bergedorf, seit 2014 Pastoralreferent am „Kleinen Michel“, zuständig für die theologische Erwachsenenbildung im Erzbistum Hamburg und die Ausbildung katholischer Religionslehrer, Lehrauftrag für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Hamburg. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag am 2. April 2014 im „Kleinen Michel“.

  1. Dieser Streit, der Konflikt zwischen religiösen und säkularen, zwischen orthodoxen und liberalen Israelis, geht bis heute quer durch das moderne Israel. Derselbe Riss geht auch mitten durch die Kirche. Als Papst Benedikt XVI. in seiner berühmten Freiburger Rede von der „notwendigen Entweltlichung der Kirche“ redete, waren die „Exegeten“ schnell zur Stelle, um dieses Wort, das eine Scheidung und Unterscheidung zwischen Kirche und Welt fordert, zu entschärfen.
  2. Vgl. den Johannes-Prolog: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ – wörtlich: „gezeltet“ (Joh 1,14a).
  3. Vgl. Clemens Thoma, Gott wohnt mitten unter uns, in: FrRu NF 14 (2007) 82–85.

Jahrgang 21 / 2014 Heft 4 S. 252−261.


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