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Yizhak Ahren

„Ecclesia und Synagoga“

„Umwertung“ eines mittelalterlichen Kunstwerkes

Im 13. Jahrhundert war es nicht ungewöhnlich, in christlichen Sakralbauten das Figurenpaar „Ecclesia und Synagoga“ aufzustellen. Die zwei weiblichen Figuren personifizieren die „siegreiche“ Kirche (Ecclesia) und die „unterlegene“ Synagoge. Einige schöne Beispiele kann man im Handbuch der Ausstellung „Monumenta Judaica“1 betrachten.

Ecclesia und Synagoga 
Ecclesia und Synagoga.
Initiale T aus dem Codex Th 26, 14. Jh.,
Arsenal-Bibliothek, Paris,
Nachzeichnung von Cahier-Martin.
Nicht zu übersehen in all diesen Abbildungen ist die missliche Lage der Synagoge: Ihr Stab ist zerbrochen und ihre Augen sind mit einer Binde verdeckt, weil sie Jesus nicht als Messias erkennt. Das Christentum triumphiert – das Judentum hat seine Existenzberechtigung verloren.

Im Bamberger Dom sind Ecclesia und Synagoga sogar zweimal vorhanden: Am sogenannten Fürstenportal sind heute Kopien zu sehen; die Originale hat man in den Dom gestellt, um sie vor Witterungsschäden zu schützen.

Was geht einem heutigen Betrachter dieses mittelalterlichen Kunstwerkes durch den Kopf? Ein tüchtiger Ikonograph könnte über dieses Thema eine Diplomarbeit schreiben. Hier soll jedoch auf die bemerkenswerten Ausführungen des Erzbischofs von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, zu dem „anstößigsten“ (31) aller Kunstwerke im Bamberger Dom hingewiesen werden.

Synagoga im Bamberger Dom 

Figur der Synagoga
im Bamberger Dom.
Aus: Erzbischof Ludwig Schick,
„Was der Bamberger Dom
uns sagen kann“, S. 33.
Foto: Thorsten Melnicky.

„Einige wohlmeinende Christen haben [uns] schon geraten, diese beiden Skulpturen zu entfernen, weil sie immer wieder Ärgernis geben. Dieses Ansinnen ist zwar verständlich, aber es kann ihm nicht entsprochen werden. Die Synagoge muss bleiben! Kunstwerke aus der Öffentlichkeit verbannen [...], hat noch nie etwas Gutes bewirkt. Aber man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Was kann uns die Synagoge heute sagen?“ (31)

Schick beschreibt die „anstößige“ Synagoge und fällt dann das Urteil:

„Sie werten die jüdische Religion, das jüdische Volk und den jüdischen Gottesdienst ab [...]. [...] die frühere Sicht auf das Judentum, die die Skulpturen und Bilder der verschleierten Synagoge verbreitet haben, [hat] den Antisemitismus gefördert und sowohl die schrecklichen Taten der Judenpogrome im Mittelalter als auch den Holocaust durch die Nazis mitbedingt.2 Die Synagoge in unserem Bamberger Dom soll stehen bleiben, aber sie soll jedem sagen: ,So nie wieder!’ [...] Sie soll den Betrachtern sagen: So sind Christen mit ihren älteren Geschwistern, den Juden, umgegangen! ,Das darf nie wieder geschehen’, soll sie immerfort mahnen!“ (32)

Diese neue Sichtweise, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil mit Nostra aetate 4 wieder in Erinnerung gebracht und bekräftigt wurde, ist für Christen von großer Bedeutung. Sie dürfen nie vergessen, dass das Judentum Wurzel und Fundament des Christentums ist.3

Figur der Synagoga am Strassburger Münster 

„Synagoga“
am Südportal des Straßburger Münsters.

„Weder wir noch unsere Nachfahren sind von der Tendenz befreit, das jüdische Volk wieder für blind zu erklären. Wenn wir Christen das tun, entfernen wir uns von unseren eigenen Wurzeln, ohne die wir nicht leben können. Wenn wir das Judentum nicht anerkennen als den Baum, auf den wir ,aufgegepfropft’ sind (vgl. Röm 11,17–24), trennen wir uns von unseren Wurzeln“ (32).

„Wer als Christ und Kirche ,die Synagoge’ für blind erklärt, der beraubt sich selbst des Augenlichtes. Er wird kurzsichtig und blind“ (34). „Christen dürfen also [...] keine andere Religion missachten [...] oder [...] für blind erklären“ (35)

Der Lyriker Ernst Stadler (1883–1914) hat die Figuren von „Ecclesia und Synagoga“ in einem Gedicht4 thematisiert. Er legt dem Baumeister des Straßburger Münsters (um 1230) das Bekenntnis in den Mund, er habe der Besiegten, der Verstoßenen, eine Seele gegeben, und wertet damit ein früheres antijudaistisches Kunstwerk in rührender Weise um!

[...] meine Seele, Schönheit ferner Kindertage
und mein tief verstecktes Leben
hab ich der Besiegten,
der Verstoßenen gegeben. [...]
Die süßen Augen
mussten eine Binde tragen,
Dass rührender durch dünne Seide
wehe ihrer Wimpern Schlagen.
Und Lieblichkeit der Glieder,
die ihr weiches Hemd erfüllt,
Hab ich mit Demut
ganz und gar umhüllt,
Dass wunderbar
in Gottes Brudernähe
Von Niedrigkeit umglänzt
ihr reines Bildnis stehe
.

 

Prof. Dr. Ahren, Jerusalem, lehrte bis zu seiner Pensionierung am Psychologischen Institut der Universität Köln; Autor etlicher Veröffentlichungen über Kultur- und Medienpsychologie.
Thema des Beitrags ist das Kapitel „Die Synagoge mahnt zur Achtung der Juden und aller Religionen“ in: Erzbischof Ludwig Schick, Was der Bamberger Dom uns sagen kann, Heinrichs- Verlag GmbH, Bamberg 2012, 31–35.

  1. Monumenta Judaica, Handbuch, hg. von Konrad Schilling, Joseph Melzer Verlag, Köln 1963, Abbildungen Nr. 67–70. Vgl. auch Herbert Jochum (Hg.), Ecclesia und Synagoga. Ausstellungskatalog Alte Synagoge Essen. Regionalgeschichtliches Museum Saarbrücken 1993.
  2. Vgl. Franz Böhmisch, Exegetische Wurzeln des Antijudaismus im Ecclesia-Synagoga-Motiv, in FrRu NF 8 (2001) 258–268.
  3. Vgl. Franz Mußner, Der Jude Jesus, in: FrRu NF 21 (2014) 55–59.
  4. „Gratia divinae pietatis adesto Savinae de petra dura per quam sum facta figura“ (1914). 4) „Die Gnade Gottes sei mit Sabina, von deren Hand aus hartem Stein gehauen ich als Figur hier stehe.“

Jahrgang 21 / 2014 Heft 2 S. 117–119



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