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Schwartz, Daniel R.

Studies in the Jewish Background of Christianity

WUNT 60, Tübingen, Mohr (Siebeck) 1992, 304 Seiten.

Rezension

Ein Vertreter einer neuen Generation von Historikern des Zeitalters Jesu, des Paulus, Johannes des Täufers und der Tempelzerstörung (70 n.Chr.), meldet sich hier zu Wort. Daniel Schwartz, ein Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem, ist ein international hoch respektierter Kenner des Josephus Flavius, dieses ergiebigsten Geschichtsschreibers der damaligen Zeit. Josephus ist aber nicht die einzige Primärquelle. Schwartz kann ebensogut mit den Qumrantexten, mit dem Neuen Testament, mit Schriften der Kirchenväter und mit Pseudepigraphen des Alten und Neuen Testaments umgehen. Halb ärgerlich, halb neidisch meinte kürzlich ein professoraler Kollege, Schwartz meistere sein wissenschaftliches Instrument so exakt, daß er mit deutschen Dissertanten des 19. Jh. zu vergleichen sei. Seit damals sei kaum mehr so Exaktes herausgekommen. Dahinter verbirgt sich ein Lob. Man stößt in seinem Buch auf Probleme der vier Jahrhunderte vor und nach Christus (besonders von ca. 170 v. - ca. 200 n. Chr.), die sonst meist pauschal und nebulos abgehandelt werden. Schwartz achtet auf Nebensächliches, um Hauptsächliches deutlicher in den Blick zu bekommen.

Nachdem Pompeius im Jahre 63 v. Chr. in Jerusalem einmarschiert war und den Tempel betreten hatte, war, laut Schwartz, das Hauptproblem des jüdischen Volkes „der Widerspruch zwischen der Existenz des Tempels in Jerusalem, dem Palast-Sitz des Gottes Israel in der Hauptstadt Seines Staates, und der Tatsache der Oberherrschaft durch eine fremde — die heidnisch-römische — Macht“ (9 f.). Im Grunde war die Spiritualität aller maßgeblichen Gruppen in frühjüdischer Zeit von priesterlich-kultischen Vorstellungen gefüllt. Es gab jedoch Spannungen zwischen priesterlichem Perfektionismus und einer mehr auf die reale Lage Rücksicht nehmende — aber ebenfalls priesterlich geprägte — Tora-Frömmigkeit. Verschiedene Polemiken des Paulus und der Qumranleute gegen das Gesetz sind von daher zu verstehen (23). A propos Paulus und das Neue Testament: Schwartz kennt sick philosophisch, exegetisch und quellenkritisch sehr gut aus und scheut sich nirgends vor Auseinandersetzungen mit christlichen Exegeten oder Historikern. Bei ihm ist auch nicht die leiseste jüdisch-apologetische Haltung zu bemerken.

Zur Frage nach den Ursachen und Wirkungen der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) wartet er mit detaillierten Informationen auf. Die Qumraner betrachteten schon im 2. Jh. v. Chr. den Jerusalemer Tempel als entweiht und verödet. Sie warteten sehnsüchtig auf den Tag, da sie in die Jerusalemer „Wüste“ zurückkehren und den wahren Kult wieder herstellen könnten. Ihre Gemeinschaft und ihre Siedlung betrachteten sie in Opposition zu Jerusalem als Residenzort Gottes im Exil (37). Da die Qumraner ihren Einfluß indirekt auch auf Johannes den Täufer und auf Paulus ausüben konnten, sind sie zusammen mit dem werdenden Christentum als eine frühjüdische Bewegung zu betrachten, die gegen eine schon damals für möglich gehaltene Tempelzerstörung geistig gewappnet war. Mehrmals kommen auch die direkten Ursachen für den ersten jüdischen Aufstand gegen Rom (66—74 n. Chr.), in dessen Verlauf der Tempel zerstört wurde, zur Sprache. Laut Josephus Flavius (Bell 2,409-417) spielte beim Ausbruch des jüdischen Aufstandes die Frage eine Hauptrolle, ob weiterhin Opfer von Heiden (d.h. von den unterdrückerischen Römern) angenommen werden dürften. Die Priesterzeloten verneinten dies emphatisch und stützten sich dabei auf die damals weithin selbstverständliche Meinung, es sei unstatthaft, daß das heilige Land, in dem der Gott Israels der alleinige Herrscher sei, von Fremden beherrscht werde. Also müsse der Tempelkult und das heilige Land von der heidnischen „Befleckung“ gereinigt werden. Der Aufstand gegen die römische Übermacht müsse gewagt werden. Josephus bleibt bei seinen Ausführungen über die damals aufgeflammten innerjüdischen Streitigkeiten einigermaßen vage. Vor allem kann oder will er nicht deutlich sagen, was die Gegner meinten, als sie den Zeloten entgegenhielten, die jüdisch-priesterlichen Vorfahren hätten „stets Opfer von fremden Völkern angenommen“ (Bell 2,417). Schwartz löst dieses historisch verquickte Problem, indem er indirekte Aussagen und Nebenbemerkungen des Josephus aufgreift. Nach ihm wurden Geschenke und Tempel-Weihegaben von nichtjüdischen Herrschern und Vornehmen in Jerusalem sozusagen „auf Rechnung“ (a conto) angenommen. Aber die Umsetzung dieser Geschenke zu Opfergaben und Weihegeschenken geschah nach genauen jüdisch-kultischen Vorschriften. Die Verweigerung der Annahme von indirekten Gaben der Heiden für den Tempel durch die Zeloten stellte in diesem Sinne eine kriegstreibende Provokation dar (111-116). Aus vielen Seiten des Buches wird deutlich, daß die Tempelzerstörung des Jahres 70 n. Ch. eines der wichtigsten geschichtsbestimmenden Ereignisse der Spätantike war. Es wirkt von daher wie selbstverständlich, daß sich Schwartz auch mit dem um 130 n. Chr. geschriebenen frühchristlichen Barnabasbrief beschäftigt (147—153). Aus dem vierten Vers des 16. Kapitels liest er einen Hinweis auf jüdische Tempel-Wiederaufbaupläne heraus.

Schwartz kennt sich durchwegs in der englischen, deutschen und israelischen Forschungsgeschichte aus. Der Leser/die Leserin seines Buches wird dauernd auf andere Bücher aufmerksam, die er/sie unbedingt auch noch lesen müßte, wenn er/sie die komplexe damalige Geschichte verstehen möchte. Das Nach-Lesebedürfnis wird besonders in jenen Abschnitten geweckt, in denen von den Pharisäern und Schriftgelehrten die Rede ist. Schwartz kennt die jüdischen und christlichen Pharisäerforscher mit antipharisäischer und mit propharisäischer Forschungstendenz. Vor allem kennt er die vielen Forschungswellen, in denen mit aufgepickten Zitaten aus Josephus, dem Neuen Testament und dem zweiten Makkabäerbuch immer wieder behauptet wurde, die Pharisäer seien die — gar normative — Hauptpartei Palästinas in frühjüdischer Zeit gewesen. Derzeit ist eine andere Forschungstendenz da: „Recent decades have seen the collapse of pan-Pharisaism. We now know that other varieties of first century Judaism must be taken very seriously, and that Josephus and rabbinic statements about Pharisaic hegemony must be taken with more than a grain of salt“ (90). Er wehrt sich auch mit erfolgreichen Argumenten gegen die weitverbreitete Auffassung, die Pharisäer hätten eine Theologie verfochten, wonach alle Israeliten (im Anschluß an Ex 19,6 und 2 Makk 2,17) „ein Königreich von Priestern seien“. Die Pharisäer seien also die ersten Verfechter des „allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“ gewesen. Das Neue Testament habe diese Auffassung von den Pharisäern übernommen. Nach vielen Textuntersuchungen tritt das Ergebnis zutage, daß den Pharisäern diese Vorstellung fremd war. Sie forderten einzig, daß das Ideal der „Heiligkeit“ von den Priestern her auf das ganze jüdische Volk ausgedehnt werde. „Heiligkeit konnte verallgemeinert werden, nicht aber die Kultpriesterschaft“ (66). Dies wird viele Theoretiker des allgemeinen Priestertums mit neuen Forschungsproblemen belasten! Auch für die Deutung der Schriftgelehrten des Neuen Testaments schlägt Schwartz ziemlich neue Wege vor. Aus der Beobachtung heraus, daß die Septuaginta das Wort „Schriftgelehrter (grammateus)“ in Zusammenhang mit Gesetzeslehrern, spirituellen Führern und levitischen Gerichtsbeamten wiedergibt, schließt er, daß die Schriftgelehrten des Neuen Testaments hauptsächlich aus dem Stand der Leviten kamen (92—98).

Nicht zu übersehen sind die vielen chronologischen Untersuchungen, die Schwartz anstellt. Wann genau trat Pontius Pilatus seinen Dienst als Statthalter Judaeas in Caesarea an, und wann wurde er wieder verdrängt (182—217)? Wann amtierte Ischmael ben Phiabi II als Hoherpriester in Jerusalem (218—242)? Wann schrieb Josephus seine Autobiographie, seinen „Jüdischen Krieg“ und seine „Altertümer“ (243—282)? Da Josephus Flavius selbst in Datumsfragen nachlässig vorgeht, muß zur genauen Eruierung von Jahren, Monaten und Tagen viel Forscherfleiß aufgewendet werden. Dies lohnt sich, weil die Chronologie bisweilen „ein archimedischer Punkt“ zur Bestimmung von Lebens- und Aktionsdaten des Paulus, des Pilatus, Jesu, der Zeloten etc. ist (218).

Professor Schwartz legt also ein Buch vor, an dem die Forschung nicht vorbeigehen kann. Es ist gut, daß sich die israelische Forschung erneut in eine ernsthafte historische und theologische Auseinandersetzung über die Schlüsselzeit um Jesus und die Tempelzerstörung einläßt.

Clemens Thoma


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 21-24


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