Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1395  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Horst F. Rupp

Die jüdischen Herbstfeste

Hartwig Behr1 zum 60. Geburtstag in freundschaftlicher Verbundenheit gewidmet.

Eines der wichtigsten Erfahrungsraster menschlichen Lebens ist das der Zeit. Wir brauchen Zeitstrukturen, um unsere Erfahrungen in unser Leben zu integrieren. Bekannt sind auch bildliche Darstellungen der menschlichen Lebenszeit bzw. der menschlichen Lebensphasen, beispielsweise die „Septem aetates hominis“, die sieben Alter des Menschen, wie sie der böhmische Pansoph und Bischof Jan Komensky, besser bekannt als Johann Amos Comenius (1592–1670), in seinem „Orbis sensualium pictus“ von 16542 dargestellt hat. Bei Comenius sind die Lebensphasen stufenförmig in einer aufsteigenden und in einer abfallenden Linie abgebildet und gedeutet, wobei der Lebenshöhepunkt, die höchste Stufe menschlicher Existenz, im reifen Erwachsenenalter angesiedelt ist. Die Summe und die erlebte Fülle dieser Stationen machen die Individualität eines jeden menschlichen Lebens aus. Zur universalen zwischenmenschlichen Verständigung benützen wir im bürgerlichen wie auch im religiösen Leben periodisch wiederkehrende Zeiteinteilungen (Kalender), die die Erfahrung der Zeit in ein Raster bringen.

1. Jüdische Zeiteinteilung

Die jüdische Zeitrechnung geht von der Erschaffung der Welt aus, wie sie in den Schöpfungserzählungen im ersten Buch Mose (Genesis) dargestellt wird. Danach entspricht das Jahr 2003 dem jüdischen Jahr 5763. Wie der christliche Kalender, orientiert sich auch der jüdische Kalender an den Phasen des Mondes. Die zwölf Monate haben entweder 29 oder 30 Tage, so daß pro Jahr im Vergleich zum Gregorianischen Kalender ca. 10 Tage fehlen. Um eine Verschiebung der natürlich-biologischen Jahreszeiten zu verhindern, ergänzt der jüdische Kalender im Abstand unterschiedlicher Jahre einen Schaltmonat, und zwar den Monat Adar Scheni (oder Adar II). Die Monate haben folgende Bezeichnungen: Tischri, Cheschwan, Kislev, Tevet, Schawat, Adar, Nissan, Ijar, Siwan, Tammus, Aw und Elul.

Das Sieben-Tage-Schema der jüdischen Woche wurde auch von der christlichen Welt übernommen. Ursprünglich war der jüdische Schabbat auch der urchristliche Fest- und Herrentag. Aus Gründen der Unterscheidung der christlichen Tochterreligion von der jüdischen Mutterreligion wanderte der Herrentag weg vom Schabbat, dem siebten Tag, und hin zum Sonntag, dem ersten Tag der Woche.

2. Der religiöse Festkalender des Judentums

Im jüdischen Jahresfestkreis wird an wichtige Ereignisse in der Geschichte des Judentums erinnert und das Schicksal des gesamten jüdischen Volkes mit dem Leben des einzelnen Juden verknüpft. Die Heilsgeschichte des israelitischen Volkes wird auf diese Weise sozusagen individualisiert und vom Einzelnen als sein eigenes konkretes Schicksal erlebt und verinnerlicht.

Das religiöse Jahr im Judentum beginnt im Herbst am 1./2. Tischri3 mit dem jüdischen Neujahrsfest „Rosch ha-Schana“, was wörtlich übersetzt „Kopf“, „Beginn“ oder „Spitze des Jahres“ bedeutet. Am 10. Tischri folgt mit „Jom Kippur“, dem Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Vom 15. bis zum 21. Tischri wird das siebentägige Fest „Sukkot“ („Laubhüttenfest“) gefeiert. Abgeschlossen wird der Reigen der Herbstfeste am 23. Tischri mit „Simchat Tora“, dem Tora-Freudenfest. Diese Feste werden auch als die „hohen Festtage“ bezeichnet, da sie den Höhepunkt des jüdischen Festjahres verkörpern.

Im Jahresfestkreis folgt dann „Chanukka“ (15. Kislew bis 2. Tewet), das achttägige Lichterfest zur Erinnerung an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels durch die Hasmonäer nach dem Makkabäeraufstand im 2. Jahrhundert v. Chr. Am 14. Adar wird „Purim“ gefeiert, ein karnevalsähnliches Freudenfest in Erinnerung an die Errettung der persischen Juden durch Königin Esther.

Gleichsam am den Herbstfesten gegenüber liegenden Pol des jüdischen Festjahres liegt „Pesach“ (15. bis 21. Nissan), das Fest der ungesäuerten Brote in Erinnerung an die Befreiung und den Auszug aus Ägypten.

Fünfzig Tage nach Pesach (am 6. Siwan) beendet „Schawuot“ („Wochenfest“) den Festzyklus. Neben der Erinnerung an die Offenbarung der Zehn Gebote am Berg Sinai und die Vergegenwärtigung der Erwählung Israels ist Schawuot auch das Fest der ersten Feldfrüchte.

3. Rosch ha-Schana

Das Neujahrsfest Rosch ha-Schana am 1./2. Tischri ist kein lautes Freudenfest, sondern eher eine Zeit stiller Gewissenserforschung und ernster innerer Sammlung. Die Ehrfurcht vor dem Tag des himmlischen Gerichts, an den an Rosch ha-Schana erinnert wird, ist verbunden mit der Freude auf Erneuerung. In der Synagoge wird das traditionelle Widderhorn, der Schofar, geblasen. Die Klänge dieses Instrumentes sollen bewirken, daß Gott in seinem Gerichtshandeln der Kinder des Volkes Israel im Guten gedenkt, sich ihrer erbarmt und ihre Sünden verzeiht.

„An Rosch ha-Schana symbolisiert das Schofar-Blasen die Königsherrschaft Gottes über die ganze Welt. Es ist eine Verbindung zwischen der eschatologischen Idee des Gottesreiches und der biblischen Auffassung vom Gericht als der Aufgabe des Königs: Gott, König der Könige, gedenkt aller Taten der Menschen und bestimmt ihr Geschick.

Der Klang des Schofar erschüttert und vergegenwärtigt, daß man vor dem höchsten aller Gerichte steht. Er ruft zur Umkehr, erinnert an das Versprechen Israels bei der Offenbarung am Berg Sinai, nach Gottes Lehre zu leben [...] und so verwandelt er (sc. der Schofar) die Angst in Freude auf die messianische Zeit. [...]

Die besondere Festlichkeit des Tages und das Verlangen nach Läuterung und Reinheit drücken sich in der Farbe Weiß aus. Man kleidet sich weiß. Manche tragen an diesem Tag das weiße Totenkleid [...]. Auch in der Synagoge ist alles weiß, der Vorhang vor dem Toraschrein, die Mäntelchen der Torarollen. Eine weiße Decke schmückt das Vorlesepult. An diesem Tag wird Gott als König, Richter und Erlöser der Welt verehrt.“4

Rosch ha-Schana 

Rosch ha-Schana, von Joan Landis.
Aus einem jüdischen Kalender für September 2000 bis Dezember 2001.

Mit dem Blasen des Schofar beginnt und endet der Festkreis von Rosch ha-Schana bis Jom Kippur. Als Symbol für ein gutes „süßes“ Jahr werden an Neujahr in Honig getauchte Äpfel gegessen. Der Fisch wird ganz (mit Kopf = Rosch) serviert. Das geflochtene Brot (Challa) wird an Neujahr rund geformt. Nach einem altem Volksbrauch geht man an Rosch ha-Schana an einen Fluß oder eine Quelle und rezitiert Bußgebete (z. B. Mi 7,18-12; Ps 118,5-9; Ps 33; Ps 130). Dabei ins Wasser geworfene Brotkrümel und das Leeren der Taschen symbolisieren das Wegwerfen der Sünden. Das „Kapporetschlagen“ am Vorabend von Jom Kippur ist ein umstrittener Brauch: Ein Hahn oder eine Henne wird über dem Kopf geschwungen. Die dabei gesprochenen Sühnegebete weisen auf das stellvertretende Sterben des Tieres hin. Der Ziegenbock (vgl. S. 244 f. i. d. H.) trägt ebenfalls die Sünden der Menschen hinweg. Der Name der Gesühnten wird in das (aufgeschlagene) Buch des Lebens eingetragen (vgl. S. 242 i. d. H.).

Hermann Fechenbach (1897–1986) beschreibt, wie das tauberfränkische Judentum vor dem Ersten Weltkrieg das jüdische Neujahrsfest beging:

„Der Abendgottesdienst wurde von der ganzen Familie besucht. Vater im schwarzen Anzug mit weißer Krawatte und Zylinder, Mutter in ihrem besten Kleid, mit einem weißen Häubchen auf dem Kopf, Siegfried, Rosel und ich in unserer neuesten Feiertagskleidung. Die Synagoge war festlich beleuchtet, und in den beiden Kronleuchtern brannten viele Kerzen. Überall lagen weiße Decken auf, und selbst die heilige Lade hatte einen weißseidenen mit Silber bestickten Vorhang. Männer und Frauen vertauschten ihre Schuhe mit Filzpantoffeln, zogen sich das weiße Sterbehemd über und bedeckten den Kopf mit einem weißen Käppchen.

Diese Bekleidung, überhaupt die ganze Festesstimmung entsprach der ernsten Bedeutung dieses Gottesdienstes. Man wußte hier von der Waage des Gerichtes zu erzählen: das offene Buch liege zum Einschreiben bereit, und jeder müsse bestrebt sein, für das kommende Jahr in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden. Alle standen betend, und sich auf die Brust schlagend, bekannten sie: ,Wir haben gesündigt’, und baten um Verzeihung. Der neugebildete Synagogenchor, der schon Wochen vorher seine Lieder in unserem Wirtschaftssaal einstudiert hatte, pries in Lobliedern die Allmacht Gottes.

Zum Abschluß klangen die Schofartöne, die tief unsere Herzen trafen, und wir durchlebten im Geist noch einmal all unser Tun im vergangenen Jahr. Man wünschte sich gegenseitig ein gesegnetes Jahr, und die Familien gingen gemessenen Schrittes nach Hause. Hier war schon alles vorbereitet.“5

Der Neujahrstag Rosch ha-Schana ist gleichzeitg der Beginn einer zehntägigen Bußzeit, die ihren Höhepunkt am Versöhnungstag Jom Kippur erreicht.

4. Jom Kippur

Die durch Tage der Buße verbundenen Feste Rosch ha-Schana und Jom Kippur symbolisieren das jährlich wiederkehrende himmlische Gericht. An Rosch ha-Schana wird das Urteil für das kommende Jahr über jeden einzelnen Gläubigen geschrieben und am Jom Kippur, am letzten der zehn Bußtage, besiegelt. Während dieser intensiv erlebten zehn Tage geht es nicht um  historische Reminiszenzen, sondern ausschließlich um die gegenwärtige Existenz, um die Frage nach der Ausrichtung des Lebens eines gläubigen Juden. Zehn Tage lang steht er vor Gott in einer gewissenhaften Selbstprüfung.

„Auch wer das ganze Jahr nicht in die Synagoge geht, kommt an diesem Abend, um ,mit den Sündern’ zu beten. Das Licht vieler Kerzen, weiße, silberdurchwirkte Vorhänge und Decken schmücken die Synagoge. In diesem Licht, in dieser Stille, beginnt die Weihe des höchsten Festes, erklingt das Gebet, das nur am Vorabend des Jom Kippur vorgetragen wird: das Kol Nidre [alle Gelübde]. Man fleht, daß die Worte aufsteigen mögen, daß Er die Stimme höre, Gebet und Bekenntnis wohlwollend aufnehme [...].

Jom Kippur war der Tag im Jahr, an dem der Mensch von allen Vergehen, auch denjenigen, die im Lauf des Jahres ungesühnt geblieben waren, geläutert werden sollte. Diese Aufgabe, der längste und äußerst komplexe Tempeldienst, oblag dem Hohenpriester (bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels). Zu diesem Ritus gehörten unter anderem Opfergaben, Sündenbekenntnisse, das Aussetzen eines Sündenbocks in die Wüste (vgl. Lev 16,22) sowie das Betreten des Allerheiligsten, das nur an diesem Tag geboten und nicht ungefährlich war.“6

Im Mittelpunkt des Jom Kippur, des höchsten aller Feiertage, stehen die göttliche Gnade und der Einzelne, der zu Gott, zur Umkehr gerufen wird, um geläutert zu werden. Der Jom Kippur sühnt Sünden zwischen dem Menschen und Gott, nicht jedoch Sünden zwischen Mensch und Mensch, bevor nicht der Mensch sich mit seinem Mitmenschen versöhnt hat. Berichtigen, Wiederherstellen, Umkehr, dies ist das Zentrum des Geschehens zwischen Gott und Mensch am Jom Kippur. Nach dem mittelalterlichen Gelehrten Maimonides liebt Gott den Menschen, der seine Sünden bereut und umkehrt, mehr als den, der nicht gesündigt hat.

Der Gläubige, der sich an Jom Kippur vor Gott läutert, wendet sich vom Alltagsgeschehen ab, verrichtet keine Arbeit und verzichtet auf alle leiblichen Genüsse, damit seine ausschließliche Aufmerksamkeit allein auf Gott gerichtet ist. Die Enthaltung von Essen, Trinken und Sexualität sowie das Verbot, sich zu waschen und zu salben, sind nicht Zweck des Feiertags, sondern symbolisieren Abwendung vom Materiellen und Hinwendung zu Gott, da alles Irdische nicht von Bestand ist.

An Jom Kippur steht der einzelne Gläubige direkt vor seinem Gott. So wie Gott den Menschen dereinst nach seinem Tun richten wird, so tritt er an diesem Tag vor das göttliche Gericht, bekennt die eigene Schuld vor Gott und bittet, in der Hoffnung auf Erhörung, um Gnade. Das Gericht Gottes, das sonst in der eschatologischen Endzeit angesiedelt ist, ist an diesem Tage erfahrbare Gegenwart. Der einzelne Gläubige legt jedes Geheimnis seines Lebens offen – als habe er das Leben hinter sich gelassen und stehe vor dem Tod. Er läutert sich und weiß sich von Gott akzeptiert und erhört. In diesem Sinne ist Jom Kippur der jährliche Tag der Erlösung. Und als Fest der Erlösung verknüpft der Tag Momente tiefster Erschütterung und höchster Seligkeit.

5. Das Laubhüttenfest (Sukkot)

Das außerhalb des Judentums wohl bekannteste der jüdischen Feste ist Sukkot, das Laubhüttenfest (vgl. Joh 7,2). Nach Ansicht vieler ist es das farbigste des jüdischen Festzyklus. Es ist zum einen eine Art Erntedankfest, bei dem Gott für die Früchte des vergangenen Jahres gedankt wird. Zum anderen wird an Sukkot auch schon um Regen für das kommende Jahres gebetet. Die mit diesem Fest verbundene Freude kommt in Dtn 16,13–15 zum Ausdruck:

„Das Laubhüttenfest sollst du sieben Tage lang feiern, nachdem du das Korn von der Tenne und den Wein aus der Kelter eingelagert hast. Du sollst an deinem Fest fröhlich sein, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, die Leviten und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deinen Stadtbereichen wohnen. Sieben Tage lang sollst du dem Herrn, deinem Gott, das Fest feiern an der Stätte, die der Herr auswählt. Wenn dich der Herr, dein Gott, in allem gesegnet hat, in deiner Ernte und in der Arbeit deiner Hände, dann sollst du wirklich fröhlich sein.“

Sukkot ist auch eingebettet in die Heilsgeschichte des Volkes Israel. In seiner biblischen Entstehungsgeschichte wird auf die Wüstenwanderung des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten verwiesen. Mit dem jährlich sich wiederholenden siebentägigen Wohnen in der Laubhütte soll an diese Zeit der Nähe und des Schutzes durch Gott erinnert werden:

„Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen [...], damit eure kommenden Generationen wissen, daß ich die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten herausführte“ (Lev 23,42 f.).

Eine eindrückliche und anschauliche Schilderung, wie im heutigen Israel das Laubhüttenfest gefeiert wird, findet sich bei Efrat Gal-Ed:

„Mein Großvater, klein, alt und sehr fromm, baute jedes Jahr seine Sukkah auf dem engen Balkon, im Seiteneingang seines bescheidenen Hauses in Haifa. Jedes Jahr machte er aus denselben Holzbalken das Hüttengerüst, die Wände waren aus Palmzweigen und Laub und das Dach aus runden dunkelgrünen Palmwedeln und graugrünen Pinienzweigen, die er frisch von den Bäumen seines Gartens geschnitten hatte.

Von außen war die Laubhütte grün, innen strahlte sie weiß, da die Wände mit weißen Laken behängt waren. Nachts konnte man durch das Dach Mond und Sterne sehen. Geschmückt war die Sukkah mit dem in der Tora vorgeschriebenen Feststrauß aus vier Pflanzenarten. Das sind: ’etrog (Paradiesapfel), lulaw (Palmzweig), hadass (Myrtenzweig) und ‘arawah (Bachweidenzweig). Der gelbe Paradiesapfel lag in einer mit Samt ausgekleideten Schachtel aus Olivenholz und verströmte seinen hellen Duft, der sich mit den dunkleren Düften der Zweige, der brennenden Festkerzen, der Äpfel und Granatäpfel, des Honigs und des Festbrotes vermischte. Manchmal kam der Geruch frischer Erde nach dem ersten Regen hinzu.

Auf dem weiß bedeckten Tisch lagen seine alten Gebetbücher und das Buch Kohelet, ,Der Prediger Salomo’, das man während der Festwoche liest und studiert. Wenn wir meinen Großvater während des Festes besuchten, lud er uns sofort in die Laubhütte zum Essen ein und sprach dort leise den Segen: ,Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns geboten hat, in der Laubhütte zu wohnen’, und seine schwarzen Augen funkelten in Freude.“7

6. Simchat Tora

Den Abschluß der religiösen Feste im Monat Tischri bildet das Fest Simchat Tora (22. Tischri), das Fest der Freude an der Tora. Es schließt direkt an Sukkot an und ist gleichsam der jüngste Bestandteil des Sukkot-Festes. Bekannt ist es erst seit dem Mittelalter. Mit Simchat Tora endet und beginnt der Jahreszyklus der Lesungsabschnitte aus der Tora beim synagogalen Schabbatgottesdienst.

„Die Tora, das manifestierte heilige Wort, ist Bindeglied zwischen dem Volk Israel und Gott, das Studium der Tora höchstes Gebot, Ende und Anfang des Zyklus höchste Freude. Die Männer, die mit der Vorlesung geehrt werden, heißen ,Bräutigam’ der Tora und des An- fangsabschnitts, chatan Tora und chatan Be-re’schit.

Es ist eine ungewöhnliche Feier: Alle Tora-Rollen, reich geschmückt, werden ausgehoben, man trägt sie tanzend und singend um die Vorlesebühne, wie bei einer Hochzeit. Die Kinder halten Fähnchen, auf ihrer Stange steckt ein Apfel und in ihm eine brennende Kerze. Der Apfel verkörpert die Schönheit der Fülle, das Kerzenlicht die Weisheit der Tora. Auf der bemalten Fahne klebt ein Fensterchen, wenn man es öffnet, deckt man die Gesetzestafel auf.“8

Literaturempfehlungen

Im Erzähl- und Bildband „Die Wunder von Chanukka. Jüdische Fest- und Feiertage in Geschichten“, gesammelt und gestaltet von Ingetraud Skirecki (Aufbau-Verlag 2000)9 wird die narrative Struktur jüdischer Religion und Religiosität deutlich erkennbar. Die Religion will lebendige Gestalt gewinnen im Leben der Menschen in Form von Geschichten und Begebenheiten.

Eine bibliophile Kostbarkeit hat der Reprint-Verlag-Leipzig herausgegeben in einer faksimilierten Ausgabe des 1734 erschienenen Werkes von Paul Christian Kirchner „Jüdisches Ceremoniel, oder Beschreibung derjenigen Gebräuche, welche die Jüden sowol inn- als auch außer dem Tempel, bei allen und jeden Fest-Tägen, im Gebet, bey der Beschneidung, bey Hochzeiten, Auslösung der Erst-Geburt, im Sterben, bey der Begräbnüs und dergleichen, in acht zu nehmen pflegen“, versehen mit sehr eindrücklichen Kupferstichen aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Besonders zu empfehlen ist der zitierte Band „Das Buch der jüdischen Jahresfeste“ von Efrat Gal-Ed. Neben anschaulichen Texten finden sich auch diverse alte Stiche, die ein plastisches bild der Festbräuche des Judentums in der Tradition vermitteln.

Hans Bloemendal, Ein Licht an der Klagemauer und andere Geschichten zu den jüdischen Festen, Innaron Verlag, Zürich 1998, führt mit seinen Geschichten auf humorvolle Weise in den Geist und das Brauchtum jüdischer Feste ein.

* Dr. Horst F. Rupp ist Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Würzburg.
Dieser Text ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrags im Rahmen der „Jüdischen Kulturtage“ in Bad Kissingen – initiiert und organisiert von Hans-Jürgen Beck – am 9. Oktober 2002. Da sich der Beitrag vorwiegend an Schüler wendet, wurde sprachlich auf eine weitgehende Elementarisierung geachtet.

  1. Hartwig Behr ist ein exzellenter Kenner des Judentums im Taubertal und Mitautor des Werkes Hartwig Behr/Horst Rupp, Vom Leben und Sterben. Juden in Creglingen. Würzburg 1999, 2. Aufl. 2001 (vgl. FrRu 7[2000]205-207).
  2. Mir liegt von Comenius’ Werk eine ansprechend aufgemachte faksimilierte zweisprachige (lateinisch und deutsch) Ausgabe vor aus der Reihe Die bibliophilen Taschenbücher, Harenberg Verlag, Dortmund 2. Auflage 1979.
  3. Diese datumsübergreifende Angabe ist notwendig, weil ein jüdischer Tag am Abend mit dem Erscheinen des ersten Sternes beginnt und bis zum nächsten Abend andauert.
  4. Efrat Gal-Ed, Das Buch der jüdischen Jahresfeste, Insel Verlag, Frankfurt 2001, 112, 122.
  5. Hermann Fechenbach, Die letzten Mergentheimer Juden und die Geschichte der Familie Fechenbach, mit Holzschnittillustrationen von Hermann Fechenbach. Bad Mergentheim, o. J., 108 f.
  6. Efrat Gal-Ed (Anm. 4), 127, 131.
  7. Vgl. Efrat Gal-Ed (Anm. 4), 143.
  8. Efrat Gal-Ed (Anm. 4), 157 f.
  9. Vgl. FrRu 8(2001)69.

Jahrgang 10 / 2003 Heft 4 S. 248–256.


top