Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1392  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Sophia (Zosia) Braun

Klage des Herzens

Gedanken nach einem Besuch in Warschau

Die orthodoxe Jüdin Sophia Braun war vom 18.–22. April 2013 seit 1968 zum ersten Mal wieder in Polen – als offizieller Gast bei den Gedenkfeiern in Warschau anlässlich des 70. Jahrestages des Beginns des Warschauer Gettoaufstands. Im Rahmen der Veranstaltungen wurde das Museum der Geschichte der polnischen Juden teileröffnet. Im Folgenden berichtet Sophia Braun über ihre persönlichen Eindrücke.1 Der folgende Text wurde von ihr persönlich zur Übersetzung aus dem Polnischen (Theo Mechtenberg) und zur Veröffentlichung freigegeben.

Während des Sabbatgebets in der Warschauer Nozyków-Synagoge fragte mich eine Dame (vermutlich eine Konvertitin): „Sie kommen wohl oft nach Polen?“ Völlig unvorbereitet antwortete ich:

„Ich komme aus Israel nach Polen, um zu weinen. Aber machen Sie sich bitte keine Gedanken: Mitunter sind es Tränen des Schmerzes, des Leidens, manchmal aber auch der Freude. Diesmal überwiegen aber wohl Tränen der Freude.“

Ich komme aus Tel Aviv, und keiner schießt auf mich, niemand beleidigt mich.2 Im Verlauf dieser unvergesslichen vier Warschauer Gedenktage lernte ich ein neues Polen und neue Polen kennen – für mich eine große Ehre und eine tiefe innere Bewegung. Diese Veränderungen, angefangen mit den offiziellen Ansprachen vor dem Gettodenkmal, und die zufälligen Gespräche mit Kindern und Erwachsenen auf den Straßen Warschaus erfüllten mich mit Optimismus und mit dem Glauben, dass Tikkun ha-Olam (die Verbesserung/Wiederherstellung der Welt) mit Tikkun Omalot beginnt, mit der Verbesserung der einzelnen kleinen Welten.

Die Mentalität der Gesellschaft wandelt sich! Das ist überwältigend und bewirkt Veränderungen eines jeden von uns zum Besseren, zu mehr Menschlichkeit und Freundschaft. Sinne und Herzen taten sich auf – wohl bei uns allen! Die polnische Regierung und die zuständigen Behörden boten Programme auf höchstem Weltniveau. Durch die Präsenz der Diplomaten und Vertreter von Kultur und Bildung aus aller Welt war dies eine Botschaft an die ganze Welt.

Unvergesslich bleibt das Gebet von Kantor Malowany vor dem Denkmal. Für mich verband es sich mit El Male Rachamim3 – wie konnte es an diesem Ort zu einer solchen Tragödie kommen? Und unvergesslich die Worte, tief aus dem Herzen des Kantors gesungen: „Imcha sman wesichram schel hamerazechim wehaposchim hanazim“ („In deiner Hand ist [die] Zeit [wo es geschah] und [die] Erinnerung an die Mörder und die Nazi-Verbrecher“).

Die damit verbundenen Ereignisse währten einen Monat, vom Ausbruch des [Warschauer Getto-]Aufstandes am 19. April 1943 bis zu seiner Niederschlagung am 16. Mai (die Zerstörung der Großen Synagoge am Tlomackie-Platz), nach jüdischem Verständnis der offizielle Jahrestag (schloschim / dreißig Tage). Viele meiner Freunde erlebten ebenso wie ich die äußerst emotionalen und außergewöhnlichen Ereignisse als tiefe Erschütterung.

Und wieder lebte die Erinnerung an Eltern und Verwandte auf. Schrecklich, was hier geschah, wie sie dieser Hölle entronnen sind! Doch die meisten fanden hier ihr Ende. Unsere Generation erlebt dies immer wieder aufs Neue.

Nach unserem jüdischen Glauben sind Trauer und Gedächtnis der Toten durch das Gesetz geregelt. Trauer ist nicht Traurigkeit, nicht Depression, – sondern Schmerz, Schrei des Herzens! Das Leben muss weitergehen. U bacharta bachaim! Und du wähltest das Leben, damit du lebst (Dtn 30,19).

Ich reiste nach Warschau mit meinem Bekannten Herzel S. aus Tel Aviv. Ein typischer Israeli. Seine Eltern kommen aus dem Irak. Für ihn war es sehr interessant, „polanim“ kennen zu lernen, und warum Polen (Polin) in Israel so wichtig ist.4 In aller Kürze hier seine Eindrücke:

„Es waren die vier eindrucksvollsten Tage meines Lebens. Erst jetzt wurde mir hier die ganze Tragödie des jüdischen Volkes bewusst – und was die Schoa bedeutet. Doch ich erlebte zwei Nationen, Polen und Juden, die den schrecklichen Krieg erlitten und gemeinsame Erinnerungen haben. Dieses ‚doppelte Gedächtnis’ – das war für mich das innerlich Bewegendste und Außergewöhnlichste.

In Israel spricht man darüber nicht; die Darstellung ist dort eine andere. Diese gemeinsamen Erinnerungen an diesem Ort schaffen eine neue Geschichte und neue mitmenschliche Beziehungen. Ich lernte nichtjüdische ‚polanim’ kennen; ich achte und schätze sie sehr. Es gibt nirgendwo einen Staat, der das Gedächtnis jener Gemeinschaft, die es nicht mehr gibt, so hoch in Ehren hält.

Ich kehre nach Israel zurück, um noch mehr das gute Los zu schätzen, dass ich im eigenen Land lebe. Niemals werde ich die Warschauer Erlebnisse vergessen, die mein Denken über die Gerechten der Völker der Welt, über Polen und die Polen veränderte – ich werde ihr Repräsentant sein.“

Bewegend war auch die Begegnung mit einer großen Gruppe polnischer Kinder im „Beit Hamidrasz“ auf dem Kalvarienberg, wo vor dem Krieg der Rebbe Megur zu Hause war und die chassidischen Schüler studierten. Heute kommen die Kinder, um sich z. B. einen Film über Janusz Korczak anzuschauen, denn er ist ihr Held und das Symbol jüdischer Lehrer. An den Wänden hängen Porträts chassidischer Rabbiner, und die Kinder lernen verstehen, dass es keine polnische Geschichte ohne Geschichte der Juden gibt.

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden

ASKING, EXPLORING, DISCOVERING (fragen, erforschen, entdecken) ist das Motto des Museums. Zwar sahen wir nur das schöne und einzigartige Bauwerk, das bereits mit seiner Architektur viel aussagt. Erst in einem Jahr werden sich die Säle mit visuellen und pädagogischen Materialien füllen. Und eben hier möchte ich meine Hoffnung und meinen Glauben zum Ausdruck bringen, dass unsere Geschichte angemessen dargestellt wird, insbesondere jenes eigene Kapitel zur chassidischen Bewegung, die auf polnischem Boden entstand, welche die Schoa überdauerte und heute in Israel sowie in anderen jüdischen Zentren auf der ganzen Welt eine große Blüte erlebt. Wie werden die Antworten der chassidischen Autoritäten auf die drängenden Fragen nach einer Lebensphilosophie, nach dem Überleben und nach der Freude lauten?

Vielleicht können wir durch ehrliche und persönliche Beschäftigung mit diesen Begriffen die Welt der chassidischen Mystik wiederentdecken, die gerade der heutigen Generation viel zu sagen hat, die sich nach Werten und Zielen eines guten Lebens und des Überlebens sehnt – nach einem davar shalem mi lev schavur (ein vollkommenes Wort aus einem gebrochenen Herzen), wie es der Rebbe von Kotzk5 ausdrückte.

Eine letzte Bemerkung:

Es gab sehr viele Konzerte und Musikveranstaltungen unterschiedlicher Art. Zur Eröffnung ein Konzert im Großen Theater unter Beteiligung des Symphonieorchesters aus Tel Aviv unter Leitung des Dirigenten Zubin Mehta. Dazu gab das Orchester des polnischen Rundfunks ein Konzert mit dem Werk Kol Nidre6 für Violoncello und Orchester sowie mit Werken des Komponisten Ernst Bloch. Für mich war auch das symbolisch. Wenn Worte Gedanken ausdrücken, dann ist die Musik eine Spiegelung unserer Seele – und die braucht keine Übersetzung.

Den Schlussakkord der Feierlichkeiten am 16. Mai bildete das Konzert „Klage des Herzens“ von Jerzy Maksymiuk. Doch daran nahm ich schon nicht mehr teil. In einer Rezension lese ich:

  1. „Dieses Konzert war eine Huldigung an alle ermordeten Juden sowie ein Gedenken an die Zerstörung der Großen Synagoge in Warschau.“

Und ich höre die Worte von Tuwim7:

„Wir polnischen Juden ...“

 


Sophia (Zosia) Braun, Tel Aviv, ist eine Nachgeborene (1946 geb.) des Holocaust. 1968 verließ sie Polen aufgrund des antisemitischen gesellschaftlichen Drucks.

 

  1. In ihren Überlegungen geht Sophia Braun mit keinem Wort auf den Zusammenhang zwischen dem Warschauer Gettoaufstand und der vom deutschen Volk zu verantwortenden nationalsozialistischen Judenverfolgung ein. Diese Kenntnis wird von ihr vorausgesetzt. Aber gilt dies auch für jeden Leser? Nimmt nicht mit dem Abstand der Zeit eine Geschichtsvergessenheit zu, die sich in der Sprache verrät, wenn z. B. von polnischen Konzentrationslagern und nicht von deutschen Konzentrationslagern auf polnischem Boden öffentlich die Rede ist? (Anm. d. Red.: Vgl. Theo Mechtenberg, Späte Ehrung für Jan Karski – und ein Fauxpas, in FrRu NF 20 [2013] 48 ff.).
  2. Mit dieser Aussage bezieht sich Sophia Braun offenbar auf die Bemerkung eines Beamten der polnischen Botschaft in Tel Aviv. Der hatte die Ablehnung ihres Antrags auf Wiedererlangung der ihr 1968 abgesprochenen polnischen Staatsbürgerschaft mit dem Satz begründet: „Schließlich wurde nicht auf Sie geschossen, um aus Polen auszureisen“ (vgl. http://www.aapjstudies.org/index.php?id=127).
  3. El Male Rachamim sind die ersten Worte eines Gebetes für die Verstorbenen. Ursprünglich wurde es für die während der mittelalterlichen Pogrome ermordeten Juden gesprochen.
  4. „polin“ (po – hier / lin – solltest du wohnen): Einer Legende zufolge verstanden die im Mittelalter verfolgten Juden „polin“ als Aufforderung, sich in „Polen“ unter „polanim“ (Polen) niederzulassen, wo sie sichere Aufnahme fanden. Und eben diese Erinnerung kennzeichnet auch das Museum der Geschichte polnischer Juden, an dem in hebräischer und polnischer Schrift „Polin“ zu lesen ist.
  5. Anm. d. Red.: Das Originalzitat des Rebbe von Kotzk (Menachem Mendel Morgensztern, 1787–1859) lautet: „En davar schalem joter mi-lev schavur“ (Nichts ist vollständiger als ein gebrochenes Herz).
  6. Anm. d. Red.: Das Kol Nidre (Alle Gelübde) ist das erste Gebet an Jom Kippur und damit auch der Name der ersten Gebetszeit am Abend.
  7. Anm. d. Red.: Gemeint ist der polnisch-jüdische Lyriker Julian Tuwim (1894–1953).

Jahrgang 21 / 2014 Heft 1 S. 19–22.


top