Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1993/94 > 139  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Auszeichnung für Gertrud Luckner

Ansprache des Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl

Am 16. Dezember 1987 wurde Frau Dr. Gertrud Luckner mit dem Sir-Sigmund-Sternberg-Preis ausgezeichnet. Wir bringen die wichtigsten Ansprachen, um unsere Hochachtung vor der Gründerin des Freiburger Rundbriefes zu bezeugen. Red.

Sehr gern bin ich der Bitte des Internationalen Rates der Christen und Juden gefolgt, im Rahmen dieser Feierstunde Ihnen, sehr verehrte Frau Dr. Luckner, den diesjährigen „Sir Sigmund Sternberg Award“ zu überreichen . . .

Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, über die politische Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Religionsgemeinschaften im allgemeinen und der christlich-jüdischen Verständigung im besonderen zu Ihnen zu sprechen. Denn ich denke, es ist kein Zufall, daß der Internationale Rat der Christen und Juden jetzt zum zweiten Male einen handelnden Politiker gebeten hat, diesen Preis zu überreichen: Im vergangenen Jahr war es der israelische Staatspräsident Chaim Herzog.

Dr. Luckner und Bundeskanzler KohlUnd ich denke, es will auch etwas besagen, daß dieser Preis nicht ausschließlich für herausragende Leistungen im Bereich der christlich-jüdischen Zusammenarbeit verliehen wird, sondern ganz allgemein auch für Verdienste um den Dialog über Religionsgrenzen hinweg.

Die Verständigung zwischen Religions- und Konfessionsgemeinschaften ist stets auch Arbeit für den Frieden. Aus eigener geschichtlicher Erfahrung wissen nicht zuletzt wir Deutschen, daß konfessionelle Spaltung sich nicht nur in theologischen Disputationen niederschlägt: Für die Menschen hat sie meistens sehr konkrete– oft genug bittere– Folgen.

Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 auch die umgekehrte Erfahrung gemacht: Evangelische und katholische Christen fanden auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Überzeugungen zusammen. Sie werden verstehen, daß ich als einer, der schon in jungen Jahren politisch aktiv wurde, auf das Beispiel meiner eigenen Partei hinweise. Der intensive Dialog zwischen den Konfessionen, die fruchtbare Zusammenarbeit evangelischer und katholischer Christen hat bewirkt, daß bei uns jahrhundertealte Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden konnten. Ich bin sicher, daß dies einer der wichtigsten Beiträge zum inneren Frieden in unserem Land gewesen ist.

Die Lage im Nahen und Mittleren Osten bietet ein aktuelles und besonders aufschlußreiches Beispiel für den Einfluß religiöser Gegensätze auf die Politik. Dabei denken wir zuerst an jene fundamentalistischen Strömungen, die auf dem langen Weg zu einem dauerhaften und sicheren Frieden in dieser Region immer neue Hürden aufbauen.

Es liegt in der Natur des Menschen, daß keine Religionsgemeinschaft völlig frei ist von der Gefahr des Fanatismus. Wer und auch dies wollen wir mit der heutigen Feierstunde bekunden– zum Dialog über Religionsgrenzen hinaus bereit ist, wirkt dieser Gefahr entgegen.

Im Interesse des Friedens brauchen wir das Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen. Ich nenne bewußt die drei großen Religionsgemeinschaften, die im gleichen Raum ihren Ursprung haben und die durch grundlegende Überzeugungen miteinander verbunden sind: namentlich durch den Monotheismus, also den gemeinsamen Glauben an den einen Gott, und in der Verpflichtung auf die Zehn Gebote.

Es ist eine alte Erfahrung, daß gerade Familienstreitigkeiten oft mit besonderer Erbitterung ausgetragen werden. Juden, Christen und Muslime gehören zu einer großen Familie. Während seines historischen Besuchs in der Synagoge von Rom erklärte Papst Johannes Paul II., die Juden seien „unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“. Das ganze Dokument findet sich in FrRu 37/38 (1985/86) 3-5 (zit. 4). Dies ist ein sehr schönes Bild, und ich denke, wir dürfen in dieses Bild auch die Muslime einbeziehen.

Fast zwei Jahrtausende lang hat der Bruderzwist zwischen Juden und Christen ein friedliches Zusammenleben beider Gemeinschaften immer wieder behindert– und das ging meistens zu Lasten der jüdischen Minderheit. Zeiten der Aufgeschlossenheit füreinander folgten Zeiten der Verfolgung, der Vertreibung, des Gettos. Gewiß: Wir müssen unterscheiden zwischen religiös motiviertem Antijudaismus und rassistischem Antisemitismus. Aber daß der eine ungewollt eine der Bedingungen dafür schuf, daß der andere sich ausbreiten konnte, läßt sich wohl kaum bestreiten.

Die entsetzlichen Folgen dieser geistigen und sittlichen Verirrung sind bekannt: vor allem der von den Nationalsozialisten planvoll durchgeführte millionenfache Mord an den europäischen Juden. Wir Deutschen wollen und werden dies nie vergessen.

Nach 1945 galt es, aus diesen schrecklichen Erfahrungen Lehren zu ziehen: Im freien Teil ihres Vaterlandes haben die Deutschen es getan, indem sie unter anderem jeder Form von Diskriminierung eine klare Absage erteilten. Im Artikel 3 unseres Grundgesetzes heißt es hierzu:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Christen aller Länder und aller Konfessionen setzten sich zum Ziel, den religiös motivierten Antijudaismus zu überwinden. Sie, sehr verehrte Frau Dr. Luckner, haben diesem Prozeß des Umdenkens mit Ihrem „Freiburger Rundbrief“ ganz wesentliche Impulse gegeben. Zahlreiche kirchenamtliche Erklärungen von evangelischer und katholischer Seite sind Anlaß zur Hoffnung, daß ein geschwisterliches Miteinander von Christen und Juden für immer mehr Menschen selbstverständlich wird – ein Miteinander, in dem das Trennende nicht mehr den Blick auf das Gemeinsame verstellt.

Wenn wir Ihnen, sehr verehrte Frau Dr. Luckner, heute danken, dann beziehe ich in diesen Dank ausdrücklich auch die vielen nationalen Organisationen für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit ein, die sich unter dem Dach des Internationalen Rates der Christen und Juden, unter dem Dach des Martin-Buber-Hauses in Heppenheim zusammengeschlossen haben.

Christen und Juden haben mehr Gemeinsamkeiten, als manche immer noch meinen: das Vertrauen auf die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen; die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit, der Einzigartigkeit und der unveräußerlichen Würde jedes Menschen; den Glauben, daß uns die Schöpfung anvertraut ist, damit wir sie erhalten und weitergestalten – als Gottes Helfer und Gefährten, wie Martin Buber es einmal ausgedrückt hat. Das Gebot der Nächstenliebe, das viele Christen für eine Besonderheit der neutestamentlichen Ethik halten, finden wir beispielsweise schon im 3. Buch Mose (19,18).

Weltbejahung, nicht Weltflucht, zeichnet den Glauben der Juden und Christen aus – und zugleich der Rückbezug auf eine Wirklichkeit, die unsere Welt übersteigt. Ein solcher Glaube ruft uns in die Verantwortung und bewahrt uns zugleich vor Überheblichkeit, vor der Vergötzung von Macht und vor der Illusion, wir könnten den Himmel auf Erden errichten; dieser Irrtum hat den Menschen das Leben immer nur zur Hölle gemacht.

So gesehen ist die Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Überzeugungen stets auch ein Politikum – ein Politikum im besten Sinne des Wortes, das gerade für uns Deutsche große geschichtliche Bedeutung gewonnen hat.

Aus: „Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung“, Nr. 146, 1233, Bonn, 18.12.1987.

Laudatio von Landesrabbiner Dr. N. Peter Levinson

Daß der Internationale Rat der Christen und Juden Sie, liebe Frau Dr. Luckner, heute durch den Bundeskanzler an dieser Stätte ehren kann, ist für uns alle Anlaß zu Freude und Stolz. Hätten Sie sich dies in den dunklen Tagen von Ravensbrück vorstellen können, wo Sie nicht wissen konnten, ob Sie jenen Ort des Schreckens jemals wieder lebendig verlassen würden?

Sie waren die erste von drei Deutschen – und die erste Frau –, die schon 1951 durch den Staat Israel offiziell eingeladen wurden. Ihre Liebe zu diesem Land und seinen Menschen ist bis zum heutigen Tag eine starke und andauernde Liebe geblieben.

Mein verehrter Lehrer Leo Baeck bat Sie schon 1949, nach London zu kommen, und meine Alma mater, das Hebrew Union College, verlieh Ihnen den Doctor honoris causa. Sie sind Ehrenbürgerin der Stadt Freiburg. Der jüdische Nationalfonds pflanzte anläßlich Ihres 60. Geburtstages einen Gertrud-Luckner-Hain in Israel. Und der damalige israelische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland überreichte Ihnen 1966 die Yad-Vashem-Medaille.

Sie sind Trägerin des Großen Verdienstkreuzes mit Stern der Bundesrepublik Deutschland und der Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der hier durch einen seiner Vorsitzenden und einige seiner früheren Vorsitzenden vertreten ist.

Der Sir-Sigmund-Sternberg-Preis des Internationalen Rates der Christen und Juden, der vom Vorsitzenden unseres Exekutivkomitees, Sir Sigmund Sternberg, vor drei Jahren ins Leben gerufen wurde, wird Ihnen heute als kleines Zeichen unserer Verehrung und Dankbarkeit durch den Bundeskanzler überreicht . . .

In einem Brief an Sie, Frau Dr. Luckner, vom 23. August 1941, den Sie in Ihrem mit Else Rosenfeld herausgegebenen Buch „Lebenszeichen aus Piaski“ abgedruckt haben, finden wir folgende Sätze:

„. . . Wie mir aus Zarki geschrieben wurde, sind Ihre zahlreichen Päckchen dort richtig angekommen und haben durch ihren zweckmäßigen Inhalt entscheidend dazu beigetragen, daß die Flecktyphus-Epidemie dort lokalisiert und zum Erlöschen gebracht werden konnte . . . Ich bin beauftragt, Ihnen den tiefgefühlten herzlichen Dank der dortigen Bevölkerung zu übermitteln für Ihre wahrhaft edle Menschenliebe und Uneigennützigkeit. Sie haben durch Ihre schnelle und praktische Hilfe den fast Verzweifelten körperlich zur Erhaltung ihres einzig noch verbleibenden Gutes, ihrer Gesundheit, verholfen. Sie haben ihnen aber darüber hinaus den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Ich persönlich kann diese neuaufkeimende, beglückende Einsicht, daß es in dieser Zeit der gegenseitigen Verhetzung doch noch wahre Menschenfreunde gibt, durch Ihre edle Tat miterleben, und ich danke Ihnen dafür auch aufs herzlichste! Ich habe durch Sie neuen Lebensmut und neue Zuversicht erworben . . . “

Ich meine, daß hier bereits alles gesagt ist: daß Sie unter ständiger Bedrohung und unter Einsatz Ihres eigenen Lebens viele Menschen vom sicheren Tode gerettet haben. Schon 1933 hatten Sie sich für die Verfolgten eingesetzt, zunächst auf eigene Initiative, später auch im Auftrag des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber. Sie waren in diesen Jahren ständig unterwegs, um zu helfen; zu lindern, Verstecke ausfindig zu machen, lebenswichtige Informationen weiterzugeben. Leo Baeck vermittelte Ihnen Namen von Kontaktpersonen und gab Ihnen ein Kennwort, das Ihnen die Türen der jüdischen Gemeinden öffnete.

Und wie viele Juden konnten damals durch Ihre Kontakte von Freiburg aus noch in die Schweiz entkommen! Sie haben mit Hanna Karminski, der Leiterin der Fürsorgeabteilung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, eng zusammengearbeitet. Sie wurde Opfer der Tyrannei ebenso wie Heinrich Stahl, Otto Hirsch, Cora Berliner, Julius Seligsohn und die vielen anderen, die auf ihrem Posten ausharrten, weil sie hierin ihre Verantwortung sahen. Am 24. März 1943 wurden Sie im Zug nach Berlin von der Gestapo verhaftet. Sie hatten 5000 Mark bei sich, die für die Juden Berlins bestimmt waren. Der allzufrüh verstorbene Pfarrer David Leuner schreibt in seinem Buch über die unbesungenen Helden, daß Sie wegen des „Verbrechens der Menschlichkeit“ verhaftet wurden.

Neun Wochen wurden Sie von der Gestapo verhört, bis man Sie in das berüchtigte Konzentrationslager Ravensbrück brachte; und als man Sie fragte, weshalb Sie den Zug bestiegen hatten, da Sie doch wußten, daß die Gestapo Sie beschattete, antworteten Sie: „Kein anderer hatte die Kontakte, ich mußte meine Pflicht tun!“

Im Mai 1945 wurden Sie befreit und kehrten nach Freiburg zurück. In Anlehnung an das Lied, das wir Juden an den Pessach-Abenden singen, hätte man sagen können, all dies sei genug gewesen - aber es gab für Sie, liebe Frau Luckner, kein Rasten und kein Ausruhen in Ihren Bemühungen, die Tränen zu trocknen und sich für ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen einzusetzen.

Zunächst bauten Sie die Abteilung Verfolgtenfürsorge für die vom Nationalsozialismus Verfolgten in der Freiburger Zentrale des Deutschen Caritasverbandes auf. Sie haben sie bis 1969 geleitet. Seit 1948 sind Sie die Herausgeberin des „Freiburger Rundbriefs“, wohl der wichtigsten Publikation im deutschen Sprachraum, die sich die Versöhnung und Annäherung von Christen und Juden zur Aufgabe gemacht hat. Unermüdlich arbeiten Sie an der nicht leichten Aufgabe.

Um diese „Rundbriefe“ auf dem letzten Stand zu halten, besuchten Sie mit Ihrem kleinen Aufnahmegerät die wichtigsten christlich-jüdischen Veranstaltungen, Evangelische Kirchentage, Katholikentage, Hochschulen, Akademien. Wichtige Referate erscheinen dann im FrRu im vollen Wortlaut.

Last not least: Sie haben vor einigen Jahren in Israel maßgeblich an der Errichtung eines Altenheims mitgewirkt, das ohne Sie nicht entstanden wäre. Ihre Initiative und Hingabe hat das alles bewirkt. Der eingangs zitierte Brief aus dem Jahre 1941 spricht davon, daß Ihr Tun den Verlassenen, den zu Tode Gehetzten den Glauben an die Menschheit erhalten hat. Gibt es etwas Größeres?

Wir Juden, die in dieses Land zurückgekommen sind, oft gegen den Willen unserer Schwestern und Brüder in der Welt, und die auch heute noch manchmal durch Ewiggestrige erschreckt und verunsichert werden, halten sich an Menschen wie Sie, Frau Dr. Luckner — und wir wissen dann, daß wir das Richtige getan haben.

Dank von Frau Dr. Gertrud Luckner

Ich bin sehr überwältigt von all Ihrer Güte und Liebe: davon, daß der Herr Bundeskanzler uns hierher eingeladen hat; von dem, was er gesagt hat - daß zwischen Christen und Juden hoffentlich eine Dauer des Friedens erwachsen möge.

Ich nehme diesen Preis mit Dank an, um den Dank weiterzugeben an all die, die damals bei der Emigration und der Immigration mithalfen, als keine Hilfe mehr möglich schien: in der Schweiz, in England und in den USA. Sie alle haben Nachrichten weitergeleitet und Brücken gebaut. Vielleicht waren es doch mehr Helfer, als man heute weiß.

Ich gebe den Dank auch weiter an all die Stillen im Lande, die bereit waren, u. a. ihre Adressen und Hilfe zu geben für Pakete und Nachrichten in das damalige Generalgouvernement Polen — solange dies noch möglich war —, um zu helfen, wenn man irgend etwas von Mensch zu Mensch tun konnte.

Ich möchte diesen Dank und die Freude, die Sie mir heute machen, weitergeben dürfen: im Andenken an die, denen wir nicht helfen konnten, die wir mit gebundenen Händen gehen lassen mußten, und in Erinnerung an die Würde, mit der sie schweigend gegangen sind. Ich danke Ihnen.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 14 - 20


top