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Franz Mu▀ner

Der Jude Jesus

Wenn etwas historisch gesichert ist, dann dies, dass Jesus von Nazareth ein Jude war, denn seine Mutter war eine Jüdin. Auch die Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,9) bezeichnet Jesus als Juden:

„Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“

Als ich auf diese Weise auf einer Tagung vom „Juden Jesus“ sprach, kam ein katholischer Bischof mit dem Einwand: Vom „Juden Jesus“ dürfe man nicht sprechen. Ich will deshalb im Folgenden den Erweis bringen, dass man mit Recht vom „Juden Jesus“ sprechen dürfe und müsse.

I. Der Gott Israels, Jesus und die Tora

Jesus bekannte sich zu Jahwe, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

„Viele werden von Osten und Westen kommen und sich (zu Tisch) legen mit Abraham und Isaak und Jakob“ (Mt 8,11);

„[...] wann ihr seht Abraham und Isaak und Jakob“ (Lk 13,28); „[...] nicht last ihr das euch Gesagte von Gott, (dem) sagenden: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?“ (Mt 22,32);

„Daß aber erweckt werden die Toten, zeigte auch Moyses beim Dornbusch, wie er nennt (den) Herrn den Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs“ (Lk 20,37).1

Jesu Treue zur Tora ist in ganz besonderer Weise ausgesprochen in Mt 5,17:

„Meint nicht, daß ich kam, aufzulösen das Gesetz oder die Propheten; nicht kam ich aufzulösen, sondern zu erfüllen.“

Dieses sehr jüdische Wort des Juden Jesus kann zusammen mit Mt 5,18 als „Eröffnungstext“ bezeichnet werden: Es eröffnet das Corpus der Bergpredigt und zugleich das Gesetz des Messias, seine Tora. Nach dem Neutestamentler Josef Zmijewski beinhaltet das Gesetz des Messias Jesus „ein Dreifaches“:

1. In heilsgeschichtlicher Hinsicht ist das Ende des Gesetzes und der Propheten gekommen (Mt 11,12 f., Lk 16,16).

2. In „soteriologischer Hinsicht gilt: Entscheidend für das Verhältnis des Menschen zu Gott und damit für sein Heil sind das ‚Begreifen’ der Basileia (Mt 11,12; Lk 16,16) und das glaubende Jasagen zu Jesus als ihrem Bringer (Mt 10,32, Mk 1,14 f. u. a.)“.

3. „In ethischer Hinsicht folgt daraus: Die Basileia wird zum entscheidenden Handlungsprinzip, wie für Jesus selbst [...] so auch für seine Jünger.“2 Die Tora des Messias lässt Jesus als Juden erkennen.

II. Jesus im Tempel und in Nazareth

Jesus von Nazareth kam in den Tempel in Jerusalem und lehrte dort. Das tat nicht bloß der zwölfjährige Jesus.

„Und hineingehend ins Heiligtum, begann er hinauszuwerfen die Verkaufenden, sagend ihnen: Geschrieben ist: Und (es) wird sein mein Haus ein Haus (des) Gebets, ihr aber machtet es zu einer Höhle von Räubern. Und er war lehrend täglich im Heiligtum. Die Hochpriester aber und die Schriftkundigen suchten ihn zu vernichten, und die Ersten des Volks, und nicht fanden sie, was sie tun (könnten), denn das ganze Volk klammerte sich (an ihn), ihn hörend“ (Lk 19,45–48).

Nur ein Jude durfte im „Heiligtum“, im Tempel lehren. Die Volksgruppen, mit denen es Jesus zu tun hatte, waren Juden; speziell die Pharisäer.3

Nazareth, eine Stadt in Galiläa, war der Heimatort Jesu.

„Und zurückkehrte Jesus in der Kraft des Geistes in die Galilaia. Und Kunde ging aus über ihn in der ganzen Umgegend. Und er lehrte in ihren Synagogen, verherrlicht von allen. Und er kam nach Nazara, wo er aufgezogen worden war, und hineinging er nach seiner Gewohnheit am Tag des Sabbats in die Synagoge, und aufstand er zu lesen“ (Lk 4,14–16).

Die Erzählung findet sich bei allen drei Synoptikern, am ausführlichsten bei Lukas (4,14–30). Jesu Auftreten erregte seine Landsleute.

„Und (es) wurde ihm übergeben (das) Buch des Propheten Isaias, und öffnend das Buch, fand er die Stelle, wo geschrieben war: (Der) Geist (des) Herrn (ist) auf mir, deswegen, weil er mich salbte, (ein Evangelium) zu verkünden Armen [...]. Und als er zusammengerollt hatte das Buch, zurückgebend (es) dem Diener, setzte er sich; und aller Augen [...] waren starrend auf ihn. Er aber begann zu sagen zu ihnen: Heute ist erfüllt worden diese Schrift in euren Ohren. Und alle zeugten für ihn und staunten über die Worte der Gnade [...] und sagten: Ist nicht ein Sohn Josephs dieser? [...] Und erfüllt wurden alle mit Wut in der Synagoge [...] und aufstehend warfen sie ihn hinaus aus der Stadt und führten ihn bis zum Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustoßen; er aber, hindurchgehend durch ihre Mitte, ging“ (Lk 4,17–23; 28–30).

III. Der Messias Jesus

Hier bewegt uns die Frage: Muss der Messias unbedingt ein Jude sein!4 Welche Antwort gibt die Heilige Schrift auf diese Frage?

Röm 15,8:

„Denn ich sage, daß Christos Diener geworden ist (der) Beschneidung“, er ist aufgrund der Beschneidung Jude geworden, Angehöriger des Volkes Israel, „gleichwie geschrieben ist: Deshalb werde ich mich bekennen zu dir unter Heiden und deinen Namen preisen. [...] Freut euch, Heiden, mit seinem Volk“ (Röm 15,9 f.), dem Volk Israel.

Gal 3,16:

„Dem Abraham aber wurden zugesprochen die Zusagen und seinem Nachkommen. Nicht sagt er: Und den Nachkommen, wie bei vielen, sondern wie bei einem: Und deinem Nachkommen, der ist Christos“, der Messias, als dem eschatologischen Verheißungsträger für Juden und Heiden.

Gal 4,4.5:

„[...] als aber kam die Fülle der Zeit, ausschickte Gott seinen Sohn, geworden aus einer Frau [der Jüdin Maria], geworden unter (dem) Gesetz [...].“

Gott hat das Heil ursprünglich an die Tora gebunden, die Gott dem Volk Israel und keinem anderen Volk gegeben hat. Aus diesem Volke stammt der Messias und Jude Jesus. Bei seinem Prozess hat sich Jesus vor dem Hohen Rat ausdrücklich als Messias bekannt. Pilatus fragt Jesus: „Du bist der König der Judaier“ (Mt 27,11)? Am Kreuz hängt Jesus, der „König der Judaier“ (Mt 27,29). „Dieser ist Jesus, der König der Judaier“ (Mt 27,37).

IV. Jüdische Jesusbücher

Die immer intensiver werdende jüdische Leben-Jesu-Forschung5 spricht offen vom Juden Jesus. Das Judentum erkennt Jesus von Nazareth als seinen „Großen Bruder“ (Martin Buber), der nicht bloß aus dem Judentum hervorgegangen ist, sondern bleibend zu den Großen des jüdischen Volkes gehört. Im Folgenden seien einige jüdische Stimmen zu Jesus angeführt.

Josef Klausner, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, stellte bereits 1930 fest, dass kein Jude die welthistorische Bedeutung Jesu und seiner Lehre leugnen kann. Jesus ist, so Klausner, für das jüdische Volk

„ein Lehrer hoher Sittlichkeit und ein Gleichnisredner ersten Ranges. [...] Und wenn einst der Tag kommen wird, wo diese Ethik die Hülle ihrer mystischen und mirakelhaften Umkleidung abstreift, dann wird Jesu Buch der Ethik einer der erlesensten Schätze der jüdischen Literatur aller Zeiten sein.“6

Dem Gesetz gegenüber blieb Jesus aber immer ein Jude, so Klausner.

Richtungweisend ist auch das Jesus-Büchlein von David Flusser.7

„Um Jesus zu verstehen, ist die Kenntnis des zeitgenössischen Judentums unentbehrlich.“

Jesus von Nazareth war nach Flusser

„ein gesetzestreuer Jude [...]8, der nie vor der Notwendigkeit gestanden ist, sein Judentum der europäischen Lebensweise anzupassen“.

Von drei Punkten, so Flusser, kommt der Durchbruch: von dem radikalisierten Liebesgebot, von dem Ruf nach einer neuen Moral und von der Idee des Königreiches der Himmel. Jesus

„ist der einzige uns bekannte antike Jude, der nicht nur verkündet hat, dass man am Rande der Endzeit steht, sondern, dass die neue Zeit des Heils schon begonnen hat, nämlich mit Johannes dem Täufer“.9

Zweifellos ist Flussers Buch eine der beachtlichsten Leben-Jesu-Darstellungen aus jüdischer Hand.

Schalom Ben-Chorins kleines Jesusbuch10 wurde geschrieben

„aus dem Gefühl einer tiefen Verwandtschaft mit der Gestalt Jesu und der jüdischen Welt, in der er lebte, lehrte und litt“.

Jesus bleibt, so Schalom Ben-Chorin, „ganz auf der Linie der Schriftgelehrten seiner Zeit“, spricht aber „aus eigener Vollmacht [...]“.

„Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur ein Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich fasst, damit ich ihm nachfolge [...]. Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid eingegraben ist [...]. Es ist die Hand eines großen Glaubenszeugen in Israel [...]. Der Glaube Jesu einigt uns [...], aber der Glaube an Jesus trennt uns.“

Uns Christen einigt der Glaube an den Juden Jesus. Deshalb muss es für uns Christen auch selbstverständlich sein, vom Juden Jesus zu sprechen.


Prälat Franz Mußner, Passau, Prof. em. für biblische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Regensburg. wurde 1985 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Sein „Traktat über die Juden“ (1. Aufl. 1979) wurde in sechs Sprachen übersetzt.
  1. Alle nachfolgenden ntl. Zitate sind der Studienübersetzung „Münchener Neues Testament“ entnommen (Patmos Verlag, Düsseldorf 8. Aufl. 2007).
  2. Vgl. Josef Zmijewski s. v. „Gesetz“, in: NBL I (1991) 827.
  3. Franz Mußner, Traktat über die Juden, Neuauflage Göttingen 2009, 275–281 (Jesus und die Pharisäer).
  4. Vgl. auch Franz Mußner, Warum musste der Messias Jesus ein Jude sein? In: ders., Die Kraft der Wurzel. Judentum – Jesus – Kirche, Freiburg-Basel-Wien 21989, 89–92.
  5. Vgl. Franz Mußner, Traktat über die Juden (Anm. 3), 176–183; Gösta Lindeskog, Die Jesusfrage im neuzeitlichen Judentum, Uppsala 1938, Darmstadt 21973; Michael Brocke, Das Judentumsbild neuer Jesusbücher. Kritische Beobachtung christlicher Literatur, in: FrRu XXIII (1971) 30–39.
  6. Joseph Klausner, Jesus von Nazareth, Jüdischer Verlag, Berlin 1930, S. 573 f.
  7. David Flusser, Jesus in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Verlag, 1. Aufl. 1968.
  8. Vgl. Clemens Thoma, David Flusser: Aussagen in Briefen und Vorträgen, FrRu NF 8 (2001) 86–93; Alwin Renker, „Jesus ist kristallklares Judentum“. In Erinnerung an den Judaisten und christlich-jüdischen Theologen Professor Dr. Clemens Thoma (1932–2011), FrRu NF 19 (2012) 82–85.
  9. Vgl. Rabbiner Moshe Navon, Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth im Licht der jüdischen Quellen: in FrRu NF 19 (2012) 13– 23 (Teil 1) und FrRu NF 20 (2013) 2–10 (Teil 2).
  10. Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus. Der Nazarener aus jüdischer Sicht, Erstauflage 1967; Rezension von Odilo Kaiser OP in: FrRu XXIV (1972) 99–101; Neuauflage (SBW Bd. 4), Gütersloh 2005; Rezension von Monika Beck in: FrRu NF 15 (2008) 52–54.

Jahrgang 21 / 2014 Heft 1 S. 55–59


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