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Gertrud Luckner
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Leo Baeck

Dieses Volk

Jüdische Existenz

Diese Selbstdeutung der jüdischen Existenz, die Leo Baeck, der nun bald 82-Jährige frühere Berliner Rabbiner und Lehrer an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, unter dem Titel „Dieses Volk“ vorlegt, ist ein beeindruckendes Buch. Angefangen und in seinen zwei ersten Teilen geschrieben als innere Rechenschaft vom jüdischen Leben in der Zeit des anhebenden Dritten Reiches in Berlin, dem Ort, den Baeck auch in der Zeit steigender Bedrängnis nichtverlassen wollte, in seinen beiden letzten Teilen in Theresienstadt, wohin Baeck 1943 verschleppt wurde, auf Blättern, die vor den Augen der Späher immer neu versteckt werden mußten, zu Ende geschrieben, und dann erst hinterher als Zeugnis vom wirklichen Wesen des Judentums einer weiteren Öffentlichkeit, für die diese innere Rechenschaft ursprünglich gar nicht bestimmt gewesen war, zugänglich gemacht.

Man möchte erwarten, daß sich auf dieses Nachdenken über das Wesen jüdischer Existenz die dunklen Schatten jener bösen Zeit der Zertretung und Entwürdigung des jüdischen Menschen legen möchten. Man könnte es verstehen, wenn die Rede hart und zornig würde und das Gericht über die Menschen herabgerufen würde, die den Wehrlosen schändeten. Von alledem ist im ganzen Buche, wenn schon die Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Schmähungen des Judentums im Hintergrunde zu spüren ist, nichts zu finden. Dafür aber ist in einer wahrhaft freien, von aller Verkrampfung und Komplexen gelösten Menschlichkeit die Sinndeutung jüdischen Wesens und sein besonderer Auftrag im Ganzen der Völkerwelt sichtbar gemacht. Es spricht daraus ein Adel der Gesinnung, vor dem man sich nur in Hochachtung — und wohl auch in heimlicher Beschämung — neigen kann.

Baecks Deutung der „jüdischen Existenz“ (diese Bezeichnung findet sich im Untertitel des Buches) vollzieht sich nicht im freien Nachdenken über das Judentum, sondern als eine ständige Interpretation der im Alten Testament sich findenden Grundworte über dieses Volk, seinen Ursprung und sein Ziel, wie denn ja schon der Buchtitel „Dieses Volk“ eine alttestamentliche Redeweise über Israel wiedergibt. Auf dem zweiten Blatt ist Jesaja 43,21 zitiert: „... dieses Volk, das Ich mir gebildet habe, Meinen Ruhm wird es künden.“

Gewiß steht dann auch immer wieder die ganze folgende Geschichte dieses Volkes vor Augen, die Zeit der Talmudlehrer, die mittelalterliche jüdische Philosophie, die kabbalistische Mystik und der Chassidismus. Aber eigentlich tragende Grundlage ist die Aussage des Alten Testamentes. Von hier kommt alles her, auf diese Quelle bezieht sich immer neu die Erinnerung und das Sich-Zurechttasten dieses Volkes. So wird sich denn auch jeder, dem das Alte Testament köstlich ist, von dieser Deutung der alttestamentlichen Aussagen angerufen wissen und nach dem richtigen Verständnis der alttestamentlichen Aussagen gefragt fühlen.

In vier Kreisen ordnet Baeck sein Nachdenken über das Wesen des jüdischen Volkes. „Der Bund“ ist der erste von diesen Kreisen überschrieben. Israel ist darin ein Volk eigener Art, daß es an seinem Anfang die Offenbarung des Einen, der hinter allem Vielfältigen ist, weiß. Er erteilt ihm den Auftrag des Lebens. Dieser Auftrag umfaßt von Anbeginn an das ganze Leben und wehrt der sonst allenthalben üblichen Scheidung des Lebens in die zwei Sphären eines geistigen und eines materiellen Lebens. Rationales und Nichtrationales sind hier von Anfang an in einer unscheidbaren Ganzheit verbunden.

So wird dieses Volk in besonderer Weise das Volk der Leiblichkeit des Geistigen, oder, wie Baeck sagt, „ein Volk der Bedeutung“, nicht nur Volk „einer“ Geschichte, sondern Volk „der“ Geschichte und darin zugleich Volk der Menschheit werden. Aber dieses nun eben nicht nur als Volk des Privilegs, sondern als das Volk des Bundes, dem alles, was ihm gegeben ist, Schöpfung und Offenbarung, und zugleich Auftrag und Gesetz wird. Alles, was an dieses Volk herankommt, kann nur von dem Einen herkommen, zu dem allein es sich hin bestimmt weiß. In allem aber wird ihm zugleich die Forderung dieses Einen entgegentreten. Eine Welt, die sich erst denkend erfassen ließe, wobei dann hinterher auch noch von einer Ethik zu reden wäre, kennt es nicht. Sondern alles von dem Einen Herkommende ist auch sofort in eine Verantwortung hineingegeben, über der auch das Gericht als Möglichkeit steht. Das so gerufene Volk ist als das zum Bund gerufene „Knecht Gottes“.

„Das ist das Ideal, daß sie alle Helfer Gottes, Knechte Gottes heißen dürfen, indem sie alle daran mithelfen, daß der Bund, den Gott geboten, das Gesetz, das Gott gegeben hat, zum Zeugnis des Lebens auch unter den Menschen werde“ (30).

Dabei darf Gesetz nicht als neutrale Ordnung verstanden werden. In ihm begegnet der Eine, er selber. Gehorsam gegen das Gesetz ist der Wille zu dem Einen. Oder, wie an anderer Stelle schön formuliert werden kann:

„Glaube ist daher kein gebotener Glaube – du sollst glauben, das wäre hier ein fremdes Wort –, sondern ein gebietender Glaube ... er ist weder die Orthodoxie noch die Ekstase, sondern er ist die Wahl des Standortes und damit des Wesens“ (34).

„Der Auszug“, heißt ein zweites Kapitel. Daß Israel durch den Auszug aus Ägypten erst Volk geworden ist, bedeutet für dieses Volk mehr als eine lediglich historische Erinnerung. Hier sieht es sich in seinem Wesen bestimmt. Hier lernt es aber zugleich die Menschheit begreifen. Denn so werden ja alle Völker dieser Menschheit geführt, daß sie, aus dem Geheimnis des Anfangs aufsteigend nach einer Zeit des Wanderns einmal nach den festen Grenzen und damit auch nach einer bestimmten Geschichte greifen und ihre Verantwortung auf sich nehmen. Aber wieder zeigt es sich, daß dieses Volk, so sehr es in seiner besonderen Berufung um seine Besonderheit weiß und sie immer bewußter in aller Entschlossenheit behauptet, doch, weil es um die Einheit aller Dinge weiß, seine eigene Geschichte nie abgesehen von der Geschichte der Welt verstehen kann.

So erzählt das Alte Testament in seinem ersten Buch von der anfänglichen Einheit der Menschen, ihrer Sonderung. die von da herkommt, daß Menschen mehr sein wollten als nur Menschen. Es weiß vom Ruf an seinen Vater Abraham, der ihn um der Menschheit willen, damit er ein Segen würde, traf. Es weiß um die Gerichte Gottes über diesem Geschehen – etwa dem Gericht, das über Ägypten geschah, und weiß gerade darin, daß es nicht am Menschen ist, solche Gerichte zu vollziehen und Rache zu üben. Es weiß von der Gnade der Befreiung aus Ägypten und davon, daß es daraufhin ein singendes, den Befreier lobpreisendes Volk zu werden hatte. Von dieser Befreiung her hat es den Beginn seiner Geschichte datiert. Datierte Rom seine Geschichte vom Bau und der Befestigung einer Stadt her, Griechenland von seinen olympischen Spielen, da die Griechen Zuschauer und Gestalter im „Schauspiel für Götter und Menschen“ waren, so Israel von seiner großen Freiheit her.

Hier hat Israel aber auch gelernt, sich von dem bloß Großen, Mächtigen zu unterscheiden. Es hat auch in der Folge immer wieder gewagt, als Kleines ein Eigenes zu sein. Hier hat es aber auch das Achten auf das Schwache, den Fremdling, den Armen, das Tier gelernt – war es doch selber Fremdling gewesen in Ägypten. So ist für dieses Volk das Recht immer von Gott her bestimmt worden und nicht Sklave der Macht geworden. Dieses Volk wird sich nie der einfachen Macht der Tatsachen beugen können, sondern die Unruhe in all dem scheinbar durch die Macht der Tatsachen als Recht Erwiesenen bleiben. Es wird sich weder einer „Philosophie der Entschuldigung“ noch auch einer „Frömmigkeit der Entschuldigung“, die nur zu besänftigen und die, welche leiden, mit dem pallium caritas, dem „sanften Gewand der Liebe“ zu umhüllen sucht, verschreiben können. Es wird dadurch ein den Völkern bisweilen unbequemes Volk, weil es auf seinem Wege bleibt.

„Das Soziale und das Humane behielten die Bestimmtheit der Rechtssatzung, und die Erinnerung an das Haus der Knechte bewahrte vor der Vergeßlichkeit“ (69 f.).

Dieses Volk, das Geschichte nicht als Kreis, sondern nur als Weg sehen kann, bleibt auch in seiner Zukunftssehnsucht voll des Sozialen und Humanen.

Unter dem Stichwort „Offenbarung“ unternimmt es Baeck, zu zeigen, wie das Volk des Alten Testamentes, das von seinem Buche, dem Alten Testament, nicht zu trennen ist, doch in einer steten Offenheit gegenüber neuer Offenbarung steht.

„Der neue Tag sprach, und die alte Wahrheit wurde aufgerufen, daß sie ihm auch ihre Antwort gehe“ (83).

Zweierlei ist dabei bedeutsam. Alles Neue, das gehört werden will, findet seine Grenze im Gebot, das nie verflüchtigt oder spiritualisiert wird. Andererseits aber kommt es in diesem Volke, das vom Glauben an die immer neue Offenbarung lebt und diese sich formuliert – Baeck möchte hier das Wort Poesie“ einführen („Von den Menschen der Prosa und der Interessen, auch denen in seiner Mitte, wird es daher selten begriffen“ [8]) –, nie zur Formulierung eines Dogmas. In der Offenbarung wird das ganze Volk angesprochen. zugleich aber ist jeder einzelne aufgerufen. So entsteht das eigentümliche Phänomen der „Gemeinde“, das von der Masse ebenso zu unterscheiden ist wie von der aus der Sakramentsgemeinschaft erwachsenen Kirche, und in der eine doppelte Moral – diejenige der Gemeinschaft und diejenige des einzelnen – wesensmäßig unmöglich ist. Aus dem Dekalog- und den Offenbarungen Gottes an Mose, in denen Gott sich als der „Ich bin“ (Exodus 3,14) in der Einheit von Sein und Ich offenbart und zugleich (Exodus 33,16–23) sichtbar macht, daß er der Erbarmende ist, werden weitere Züge der alttestamentlichen Offenbarung deutlich.

Es ist für das Volk des Alten Testamentes bezeichnend, daß es sich bei all seinem Gerufenwerden zum Unsichtbaren, zur Idee, nicht aus der gegenständlichen Wirklichkeit herauslösen läßt.

„Nie ist auf das Unsichtbare, aber auch nie auf das Sichtbare Verzicht geleistet worden. Schon der Zug zum Gebote, der den Menschen zur Formung und Gestaltung des Daseins hinweist, hat dahin gewirkt ... Das Metaphysische wird zum Imperativ“ (120 f.).

Am Beispiel der alttestamentlichen „Weisheit“, wie sie sich etwa in den beiden Büchern Hiob und Prediger erkennen lässt, die beide an den Rand menschlichen Verstehenkönnens führen und doch zeigen, wie der alttestamentliche Mensch im Gebote Gottes stehen bleibt, kann dieses recht deutlich werden.

„In dieses Volk sind darum keine festen Sätze des Bekenntnisses hineingestellt worden. Gott will in seiner Mitte sein, die Schechina (d. h. Gott in seiner Thronerscheinung) in ihm den Platz haben. Gott ist hier nicht der offenbare Gott, sondern der offenbarende Gott“ (130 f.).

Von „Wüste und Land der Väter“ handelt der letzte Gedankenkreis. Baeck bedenkt hier das eigenartige Gegenüber von Wüste und Fruchtland, das durch die ganze alttestamentliche Zeit, nicht nur die Frühzeit hindurch, für Israels Denken bedeutsam ist. Bei den großen Lyrikern unter den Propheten, einem Hosea und Jeremia, ist es zu sehen:

„Von des Volkes großer Bereitschaft für Gott, die, wenn Gott verlangt, auch eine Bereitschaft zur Wüste sein muß, sprach zu ihnen die Wüste, und sie haben davon gedichtet“ (138).

„Eine Poesie. die vorher nicht gekannt war, ist hier aufgegangen, die Poesie von dem freien Entbehren und Verneinen und Verzichten um Gottes Willen“ (139).

So ist Israel von seiner Wüstenzeit her ein Puritanismus eigen geworden, der bereit ist, um Gottes Willen auch auf Güter zu verzichten. Von da her ist dieses Volk auch bereit geworden, nachdem die zweimalige Zerstörung des Tempels den Weg freigemacht hatte, einen Gottesdienst ohne Opferdienst und Priestertum zu schaffen.

„Die Jahre der Wüste waren zur Idee geworden, die im Seelischen der Jahrhunderte blieb“ (143).

Von da her konnte der Alltag, das Unfeierliche, seine Feierlichkeit gewinnen. Es ist von da her zu verstehen, daß in der Folge auch das Land, in welches das Volk aus der Wüste kam und welches das Volk gleich mit all seinen Gefahren anfiel und ihm die Stille der Wüste zu rauben drohte, ein anderes Land werden mußte. Israel hat sich hier die Reinheit erkämpft, die es auch weiterhin zu bewähren hatte.

„In der Antike, inmitten einer Welt, in der weithin der Phallus seine Kulte hatte, und dann im Mittelalter, in einer Welt, in der Trunksucht und Unzucht und die Rohheit auf gemeinsamem Wege weithin durch die Völker schritten, blieb dieses Volk, als ganzes, für dies alles unnahbar; es blieb eine Welt für sich, ein Volk auf reinem Boden“ (160 f.).

Das Hohelied und das Büchlein Ruth sind Zeichen der Natürlichkeit, in die Liebe und Ehe im Alten Testament zu stehen kommen. Nur in dieser Reinheit konnte Kanaan für Israel ein Boden der Freiheit werden, konnte es auch geschehen, daß hier der Mensch um das Recht auch des Mitmenschen am Boden wußte und dieses Recht achtete. So konnte sich die Freude am Besitz und die Freude am Wohltun verweben.

„Eine eigentümliche Poesie hat sich darin entfaltet, die Poesie der beschaulichen, stillen, alltäglichen Mildtätigkeit, ein Idyll des Liebeswerkes“ (167). „Die Poesie des Wohltuns ist ein Stück der Lebenspoesie dieses Volkes“ (168).

So ist auch die auffallende Diesseitigkeit und Verhaltenheit an Worten über ein Leben über den Tod hinaus zu verstehen. Im Sabbat, den Mensch und Land halten sollen (Sabbatjahr), spricht sich das Wissen um die Ruhe des Menschen und des Landes aus, zugleich die Zuordnung zum Geheimnis Gottes, das vom Menschen nicht zu lüften ist („Manches Kapitel der Religionsgeschichte könnte überschrieben werden: Das verstoßene Geheimnis“ [172]), aus. So ist Israel seinem Lande treu geblieben; auch in der Zeit, da es körperlich von ihm getrennt wurde, ist es ihm seelisch verbunden gewesen. In der Treue ist wohl der entscheidende Charakterzug dieses Volkes zu erkennen.

„In seinem Bleibenden, Ewigen, heißt der Bund: Gesetz, in seinem Menschheitlichen, seinem in Zeit und Raum Gebundenen heißt er: Treue. Die Treue ist das Ebenbild des Gesetzes. Durch sie trägt der Mensch ein Dauerndes, Beständiges in die irdische Vergänglichkeit hinein. Durch sie versöhnt er die Einzigartigkeiten und Einmaligkeiten“ (178).

Es ist eine ungemein reiche Skizze der biblischen Gedankenwelt, von der das Judentum nach der Baeckschen Sicht lebt. Sie vermag manches vom Geheimnis und den hohen Werten dieses besonderen Volkes von der innersten Mitte her zu beleuchten. Wenn nun im Anschluß an diesen Bericht doch einige Fragen ausgesprochen werden, so sollen es nicht Fragen von außen her sein, sondern lediglich Fragen, die dem, der vom Alten Testamente her kommt, angesichts der Baeckschen Entfaltung des alttestamentlichen Erbes im Judentum aufsteigen.

Es ist in dem Buch ohne Zweifel viel echte Erkenntnis alttestamentlicher Rede, die eine Zerreißung der Welt des Geistigen und der geschichtlichen Leiblichkeit nicht duldet, ausgesprochen. Und doch hinterläßt das Buch als Ganzes die Frage, ob die Realistik der alttestamentlichen Aussage in ihm voll zur Geltung gekommen ist. Am stärksten wird es einem im letzten Teil auffallen, wo Baeck von Wüste und Land redet, wie sehr hier doch eigentlich Wüste und Land zu „Vokabeln der Bedeutung“ geworden sind und nicht mehr in ihrem eigentlichen Sinn, den das Alte Testament ihnen beilegt, verstanden werden.

Nach alttestamentlichem Selbstverständnis ist das Land für Israel Unterpfand der göttlichen Nähe zum Volke. Verstoßung aus dem Lande ist die unheimliche Grenzmöglichkeit eines Verlustes des ihm freundlich zugewandten Angesichtes Gottes. Ein zweites Wüstendasein ist darum etwas anderes als nur eine im Glauben Israels immer vorhandene dialektische Gegenmöglichkeit zum Wohnen im Lande. Es geht darin nach Meinung der Propheten um etwas radikal anderes als „die Poesie von dem freien Entbehren und Verzichten um Gottes Willen“.

Der Verlust Jerusalems, des Ortes, an dem allein ein Altar für Gott errichtet werden darf, ist für den alttestamentlichen Glauben nicht nur etwas Äußerliches, das dann gar zu der wertvollen Weiterbildung zu einer kultlosen Gottesdienstform helfen kann. Es ist ein Hinausfallen in eine Heimatlosigkeit, die voller Fragen ist. Galutdasein ist Dasein unter der Frage. Ist Gott ohne den Ort, von dem im Deuteronomium immer wieder gesagt ist, daß Gott daselbst seinen Namen habe wohnen lassen, überhaupt noch nahe? Es hängt damit zusammen, daß bei Baeck nirgends ein leidenschaftlicher Ton des Verlangens nach einer Heimkehr ins verheißene Land, wie er sich – gewiß in einer eigenartig säkularisierten Form – dann im Zionismus Bahn gebrochen hat, zu hören ist.

Das alttestamentliche Volk scheint sich nach Baeck auch ohne sein ihm von Gott verheißenes Land in einer durchaus legitimen Daseinsform zu befinden, die keineswegs vom Glauben her einer Änderung bedarf. Das ist ohne Zweifel nicht die Sprache des Alten Testamentes selber. – Man wird von da aus noch weiter gehen und die Frage stellen müssen, ob nicht Baecks Ausführungen im Grunde auf eine weite human-soziale Menschheitsreligion führen, bei der die Beschränkung auf das Volk Israel eigentlich nur mehr die pädagogische Bedeutung eines Festhaltens der ehrwürdigen Volkstradition besitzt – in Wirklichkeit ist diese Volkstradition aber „Vokabel der Bedeutung“ für ein Tieferliegendes geworden.

Gewiß, Israel ist das Volk der Bedeutung – aber es ist aus Baeck nicht recht ersichtlich, warum man, wenn schon einmal die ausschließliche Bindung an das Land Kanaan und Jerusalem gefallen ist und alles so menschheitlich bezogen werden kann, nicht die Schranken des Volkes Israel fallen lassen und sich der Menschheit in dem Raum eines human-sozialen, geschichtskonkreten Gottglaubens öffnen sollte. Der Hinweis auf das „Gesetz“ schließt diese Möglichkeit keineswegs aus, da ja auch das „Gesetz“, ganz so wie Wüste und Land Vokabeln der Bedeutung geworden sind, bei Baeck nur in seinen menschheitlich bedeutsamen Zügen in Erscheinung tritt.

Ein zweites hängt eng mit dem ersten zusammen. Gewiß zeichnet das Alte Testament Israel als das Volk, das von Gottes Gebot angeredet ist. In den Prophetenschriften wird daneben aber auch in erschreckender Schärfe deutlich gemacht, wie Israel an diesem Gebote scheitert. Das ist, wie neuere Untersuchung deutlich gemacht hat, etwa das große Thema des von Deuteronomium bis 2. Könige reichenden deuteronomischen Geschichtswerkes, das im hebräischen Kanon vom Buche Josua ab den sogenannten „vorderen Propheten“ zugerechnet wird. Und besonders scharf wird dieses in den Worten der vorexilischen Schriftpropheten laut. Eine Formulierung, wie sie bei Baeck (S. 164) zu lesen ist –

„Sicherlich hat es in diesem Volke immer und überall auch Raffgierige und Habsüchtige und Mißgünstige gegeben ... Aber auf das Ganze hin gesehen, waltet hier die Bereitschaft zur sozialen Pflicht, und sie entfaltet sich hier mehr, und auch nach anderen Grundsätzen und in anderer Weise als meist sonst in der Welt“ –,

ist jedenfalls in der Sicht der Propheten, die vom untrüglichen Gotteswillen her urteilen, schlechterdings nicht möglich, mag sie auch im relativen Vergleich vom Menschen her durchaus zutreffend sein. Das prophetische Wort ist demgegenüber der Meinung, daß gerade in dem von Gott auserwählten Volke Israel besonders scharf in Erscheinung trete, daß es ein Bestehenkönnen des Menschen vor dem heiligen Gott nicht gebe. Israel ist auch gerade darin „Volk der Bedeutung“. Ein Bestehenkönnen ist hier nur aus der freien Schenkung Gottes heraus denkbar. Diese ganze, nicht außerhalb des Alten Testamentes, sondern im Alten Testamente selber geschehende kritische Infragestellung gerade auch Israels vor dem heiligen Willen Gottes bleibt bei Baeck eigenartig verdeckt.

So kommt bei Baeck denn auch die ganze Glut der prophetischen Hoffnung auf ein Tun Gottes, das hier ein völlig Neues schenkt, nicht zum Ausdruck. Gewiß ist auch von einer Hoffnung des Volkes geredet, auch kann von messianischen Zügen die Rede sein. Aber im ganzen fällt die nach einer Zukunft sich ausstreckende Hoffnung des Alten Testamentes und sein gelegentlich sehr scharf ausgesprochenes „Noch- Nicht“ bei Baeck ziemlich aus. Das von ihm geschilderte Volk ist ein vorfindliches Volk, das sein Leben in seiner Bewährung am Gesetz besitzt, nicht ein Volk, das allein von einer neuschöpfenden Tat Gottes her leben kann – mag das dann mit Jeremia 31,31 ff. in dem Wort von dem neuen Bunde oder mit Jesaja 9,1 ff. in der Erwartung des Heilskönigs, mit Ezechiel 36,26 f. im Wort vom beschenkten neuen Herzen und neuen Geist oder mit Jesaja 53 in Hindeutung auf eine Gestalt, die die Sünden der vielen trägt, formuliert sein.

Damit stehen wir nun allerdings auf der Schwelle zum Gespräch zwischen Kirche und Synagoge. Dieses ist hier nicht zu führen. Die an Baeck gerichteten Fragen sind lauter Fragen, die zunächst ganz einfach vom Verständnis des Alten Testamentes herkommen. Steht nicht gerade das Alte Testament selber der menschlich so beeindruckenden Selbstdeutung des Judentums, wie wir sie Baeck danken, noch mit einer in letzte Tiefe greifenden Frage gegenüber?
Walther Zimmerli

Mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung ,Die Sammlung', vom Juni 1955 (10,6), S. 295 ff., entnehmen wir folgenden Beitrag über Leo Baeck, „Dieses Volk“ (vgl. Nr. 29/32, S. 61 f.).


IX. Folge 1956/57 Nummer 33 /36 S. 57–60.


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