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Karl Borgmann, Gertrud Luckner, Hans Lukaschek, Karl Thieme

20 Jahre danach ...

Zum 9. November 1958

Mit freundlicher Genehmigung des Süddeutschen Rundfunks bringen wir das dort gehaltene Gespräch von Dr. Karl Borgmann, Dr. Gertrud Luckner, Bundesminister a. D. Dr. Hans Lukaschek, Prof. Dr. Karl Thieme.

„Kamerad war bist du, Kamerad wo, bleibst du? Es sind viele Jahre her, seit wir uns zuletzt gesehn, und ich höre von dir nichts mehr.“

Ein Schlager, der aus jeder Musiktruhe zu hören ist, eine flotte Musik, nach der man tanzen kann. Doch so wie dieser Schlager beginnt, begann früher ein Marschlied, das auch heute noch vielen deutschen Menschen furchtbar in den Ohren klingt. Denn dieses Marschlied mußten die Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück jeden Morgen singen, wenn sie – zur Nacht, nach vierstündigem Steh-Appell, früh um vier Uhr – als kahlgeschorene Menschen auf die Arbeitsplätze getrieben wurden, und als Minister Lukaschek im März 1946 Gertrud Luckner, vormals Häftling von Ravensbrück, in Berlin, traf, begrüßte er sie mit dem bitteren Vers: „Kamerad, wo bist du.“ Denn er saß in jener Zeit in Ravensbrück gefesselt im Bunker, und Frau Luckner war im Lager.

Jeden Morgen hörte Lukaschek die Frauen dieses Lied singen. Das war vor vierzehn Jahren. Es war das Ende der furchtbaren Zeit, die 1933 begann, als das Unrecht Herr wurde; und die heute vor zwanzig Jahren, am 9. November 1938, jedem deutlich werden konnte, in den Tagen, als in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser brannten.

Diese Tage dürfen wir nicht, vergessen und nicht verdrängen. Darum haben wir vier Personen aufgesucht: den vormaligen Bundesvertriebenen-Minister Dr. Hans Lukaschek, Frau Dr. Gertrud Luckner aus Freiburg, Herrn Dr. Karl Borgmann, ebenfalls wie sie vom Deutschen Caritasverband, und Professor Dr. Karl Thieme vom Auslands- und Dolmetscherinstitut der Mainzer Universität in Germersheim, und unsere Frage an alle war: was wollen wir heute tun?

Dr. Hans Lukaschek:

Nun jährt sich nach zwanzig Jahren wieder der fürchterliche Tag, der 9. November 1938, und wenn die Erinnerung daran heute in uns aufsteigt, dann ist es zunächst einmal die Scham, daß unser gutes deutsches Volk so den Verstand und alle Erinnerung an moralische Gebote verlieren konnte, daß Derartiges überhaupt möglich war. Ich erinnere mich bedrückend daran, wie Frau Dr. Luckner zu mir nach Breslau kam, wo ich Anwalt war, ausgeschieden aus jeder Nazigesellschaft wirkte, und mich bat, doch mittätig zu sein, den nötigen Schutz und die Fürsorge für die Juden zu organisieren. Das taten wir, so gut das überhaupt möglich war, denn es war ja sehr wenig möglich.

Aber wer nun die Ereignisse dieses Abends in der Erinnerung wieder aufsteigen sieht: Ich war zufällig zu Gast bei einem lieben jüdischen Freund, dem Enkel des berühmten Geheimen Justizrats Dr. Lasker, eines der Mitschöpfer des Bürgerlichen Gesetzbuches, und dort rollten sich die Ereignisse ab. Und da ich noch, weil ich ja dem Rechtswahrerbund nicht angehörte und angehören durfte, der einzige oder einer der ganz wenigen war, die Juden noch vertreten konnten, so kamen alle die Frauen, deren Männer ja unmittelbar nach diesem schrecklichen Abend verhaftet wurden und nach Buchenwald kamen, zu mir um Hilfe. Ich konnte wenig helfen, aber worauf es ankam, ich konnte wenigstens den guten Willen beweisen und ihnen mein Herz öffnen und überlegen, was man tun konnte, wenn diese Menschen wieder zurückkommen – und ich habe sie dann zurückkehren sehen in einem körperlichen und geistigen Zustand, den ich nie vergessen werde.

Und so rollte sich dann alles ab, das Geschehen, das seinen Anfang nahm im Jahre 1933. Und wir stehen heute, wie ich hervorheben möchte, tief bedrückt, da das Geschehen wieder in die Erinnerung über die zwanzig Jahre hinweg kommt, und wir können heute erstens einmal tun, was überhaupt in unsern Kräften steht, um den Schaden etwas auszugleichen, aber vor allen Dingen wollen wir mit dieser Erinnerung unsere Verpflichtung betonen und unser Herz öffnen für all das Leid, und ihnen die Hand reichen; allen denen, sei es die im Ausland sind, sei es den wenigen, die wieder in Deutschland sind und das Gefühl haben müssen, daß wir das nicht vergessen; und daß wir helfen wollen, wo es nur irgend angeht.

Die heutige Zeit ist ja bedrückend genug, und unsere Erinnerung und unsere Gedanken gehen ja auch wieder mit Angst hinüber nach Israel. Aber da möge sie doch das trösten, was der 120. (121.) Psalm sagt, ihnen allen eine feste Gewißheit sein: „Es schläft und schlummert nicht, der hütet Israel.“

Frau Dr. Gertrud Luckner:

„In den Tagen des Synagogensturmes hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist entscheidend, daß das nicht geschah“, schreibt Reinhold Schneider in seiner Autobiographie „Verhüllter Tag“. Er, der rechtzeitig erkannt hat, „daß wir damals längst in der Zeit standen, da ein vergeblicher Protest der einzig erreichbare Wert war“.

Als ich damals von Stadt zu Stadt zog und Menschen suchte, um denen noch zu helfen, die in die Vernichtung hinausgingen, und zu dem Bischof von Rottenburg kam, der damals in Bad Krumbad verbannt war, weil er nicht in seine Diözese zurückdurfte, und ihm sagte: „Exzellenz, ich suche Hilfe für die Juden Ihrer Diözese“, da stand er spontan auf und sagte: „Es ist und bleibt unsere größte Schuld, daß wir geschwiegen haben, als die Synagogen brannten; unsere christlichen Kirchen werden auch noch brennen.“

Und Reinhold Schneider hat immer wieder auch von der Enttäuschung der Menschen gesprochen, die auf dieses Wort gewartet haben. Er sagte von seinem Freund, von Jochen Klepper, dessen erschütterndes Tagebuch „Unterm Schatten Deiner Flügel“ uns vor zwei Jahren geschenkt worden ist, der mit Frau und Stieftochter in den Tod ging, als er seine Stieftochter vor der Deportation nicht mehr retten konnte. Jochen Klepper hat die Enttäuschung nie verwunden, „daß die Kirche als Kirche zu den Freveln am Tempel geschwiegen hat“.

Und Leo Baeck, der vor zwei Jahren in London gestorben ist, der in Deutschland geblieben war, bis er deportiert wurde, und ausgehalten hat bei den deutschen Juden, und der dann zuerst auch mit unter denen war, die die Versöhnung für Deutschland wollten, und die erste Hand bot, er sagte am 9. November 1953:

„Wie oft sehen wir, ob wir wollen oder nicht, die  Bilder jener Nacht vor uns treten, wie oft hören wir noch die Stimmen, die damals erschollen: ,die Synagogen brennen’. In jener Nacht ist auch, ob wir das wissen wollen oder nicht, an die Kirche Hand angelegt worden, denn die Synagoge ist geschichtlich und geistig die Mutter der Kirche. Jüdische und christliche Gotteshäuser haben letzten Endes ein unteilbares Schicksal. Was dem einen angetan wird, wird auch dem andern zugefügt.“

So manche Tage nach diesem Ereignis hat sich dies in Deutschland denn auch deutlich gezeigt.

Dr. Karl Borgmann:

Den 9. November 1938 habe ich hier im Werthmannhaus verlebt. Als ich morgens auf mein Büro kam, das im 4. Stock lag, sah ich die rauchenden Trümmer der Synagoge, die gerade hier neben der Universität stand. Wir waren so erschüttert, daß wir glaubten, die Kirche würde nun einhellig protestieren gegen diese Unmenschlichkeit, denn man hatte ja schließlich Gotteshäuser verbrannt. Aber vielleicht war das zuviel erwartet.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als nun bei der immer größer werdenden Bedrängung der Juden persönlich zu helfen. Und es bildete sich bei uns ein kleiner Kreis um Frau Dr. Luckner und andere Persönlichkeiten, die Einzelhilfe versuchten. Man schickte sich gegenseitig verfolgte Juden zu, die eine Woche lang oder vierzehn Tage in einer Wohnung untertauchten. Wir hatten immer einzelne Juden, meistens waren es Frauen, auf unserer Mansarde wohnen. Vierzehn Tage lang, dann mußten sie weiter. Wir haben erlebt, daß alle diese Juden, die bei uns Unterkunft haben finden können, daß sie alle am Leben, geblieben sind. Und als dann im November 1944 Freiburg zerstört wurde, da bildete sich ein neues Asyl hier in der Nähe von Freiburg im Kloster Stegen, das von den Herz-Jesu-Priestern geleitet wird. Der dortige Rektor, er ist heute Missionar in Afrika, nahm jeden Juden bedenkenlos auf, den wir ihm zuschickten.

Es fragt sich nun, was man heute tun kann. Ich bin der Meinung, daß man diese sogenannte unbewältigte Vergangenheit nicht im großen Stil auf einmal bewältigen kann. Ich glaube, das Problem ist so schwierig, weil es sich um eine Verquickung von Schicksal und Versagen handelt. Was nicht geschehen ist, ist nicht alles aus Schuld nicht geschehen, sondern es ist aus einem Versagen und aus Schicksal nicht geschehen. Wir sollten, glaube ich, im kleinen Kreis zu arbeiten beginnen, und der kleinste Kreis ist die Familie. Eltern vergeben sich nichts, wenn sie sagen, daß sie auch versagten, auch aus einer begreiflichen Feigheit heraus nicht das getan haben, was sie eigentlich hätten tun können und hätten tun müssen.

Und das zweite ist in dem kleinen Kreis der Kirche. Es dürfte wohl auch einmal auf den Kanzeln über diese unaufgearbeitete Schuld etwas gesprochen werden. Wie kann man täglich bei der Messe das Confiteor sprechen und im öffentlichen. Leben so tun, als ob es dort keine aufzuarbeitende Schuld gäbe?

Das dritte wäre, daß unsere Schulen sich noch mehr mit dieser Frage beschäftigen. Es dürfte eigentlich nicht vorkommen, daß Abiturienten ein Gymnasium, vielleicht sogar ein humanistisches Gymnasium verlassen, ohne mit dieser Frage bekannt gemacht worden zu sein. Die Jugend ist dafür ansprechbar. Ich darf nur eines sagen; wenn es uns nicht gelingt, dieses Versagen oder diese Schuld aufzuarbeiten, dann besteht die große Gefahr, ja, ich glaube das mit Sicherheit zu sagen, es wird so kommen, daß sich Neurosen in unserm Volke bilden. Wie im privaten Leben eine Schuld, die nicht aufgearbeitet wird, zu einer Neurose wird, genau so ist es in einem Volksleben. Und wenn wir uns schon Christen nennen, dann sollte es uns besonders vom Menschlichen her, aber auch vom Christlichen her, eine ganz selbstverständliche Aufgabe sein, zu einer menschlichen, nur versöhnlichen, nur christlichen Haltung dem Judentum gegenüber zu gelangen. Das ist etwas, was uns nicht demütigt, sondern etwas, was uns eigentlich erst in unsere wirkliche Würde setzt.

Professor Dr. Karl Thieme:

Herr Dr. Borgmann erinnerte uns daran, die Familie, die Schule und nicht zuletzt die Kirche habe hier an der moralischen Wiedergutmachung mitzuwirken. Und bei diesem letzten Stichwort, der Kiche, wird uns wohl bewußt, wo die echte Schwierigkeit liegt. Durch fast zwei Jahrtausende haben sich Kirche und Synagoge als Feinde empfunden, Christen und Juden.

War dieses Empfinden wirklich das letzte was zwischen ihnen möglich sein konnte? Das ist die Frage, die gerade uns beschäftigt; die wir uns bemühen, der Schule, der Familie und vor allem der Kirche, den Lehrern, all denen, die religiöse Unterweisung im Religionsunterricht geben, das nötige Material für moralische Wiedergutmachung an die Hand zu geben.

Der Kreis, der darum bemüht ist, sammelt sich um den sogenannten „Freiburger Rundbrief“, der den Untertitel hat, „Beiträge zur Förderung der Freundschaft zwischen dem Alten und dein Neuen Gottesvolk im Geiste beider Testamente.“ In der Arbeit, die uns seit zehn Jahren an diesem Rundbrief zusammengeführt hat, sind wir nun zu einer beglückenden Erkenntnis gekommen. Gewiß, Juden und Christen verstehen das was ihnen Gottes Offenbarung ist, verschieden, ja in ganz wichtigen Punkten gegensätzlich. Trotzdem, aber brauchen sie nicht Feinde zu sein. Auch evangelische und katholische Christen verstehen ja, seit ihrem Existieren, seit mehr als vier Jahrhunderten, die Offenbarung gegensätzlich und haben sich dennoch unter dem Druck gemeinsamen Leides, gemeinsamen Verfolgtwerdens in den letzten Jahrzehnten zu einander suchender Freundschaft hindurchgefunden.

Ähnlich steht es nun auch zwischen Christen und Juden. Im Neuen Testament selbst steht es ja geschrieben, insbesonders im 9.– .11. Kapitel des Römerbriefes des Apostels Paulus, daß am Ende der Zeiten eine Vereinigung von Christenheit und Juden stattfinden soll, daß sie einander dann wieder verstehen werden in der Anerkennung dessen, der gleicherweise beider König und Herr ist. Aus dieser Verheißung heraus kann und muß aber schon das  zwischenzeitliche Verhältnis der beiden Gruppen ein anderes sein, als es aus Kurzsichtigkeit einmal auf dieser, dann mehr auf jener Seite durch die Jahrhunderte, durch fast zwei Jahrtausende, gewesen ist.

Jeder Christ, der wirklich glaubt, daß Gott mit der Menschheit noch etwas vorhat, muß auch dem Neuen Testamente glauben, daß zu Gottes Heilsplan diese einstige Vereinigung von Christen und Juden gehört, muß daraus die Konsequenzen ziehen. Und es war das beglückende Erlebnis bei unserer Arbeit in den letzten zehn Jahren: Wenn man aufeinander hörte, dann ging es zwischen Juden und Christen so, wie es oft zwischen evangelischen und katholischen Christen, den Beteiligten an der sogenannten Una Sancta Arbeit, gegangen ist, daß man merkte, wieviel Gemeinsames auch in wichtigen Dingen doch schon jetzt vorhanden ist; daß man einander näher und näher kam.

Aus dieser Gewißheit heraus glauben wir: jeder, der sie teilen gelernt hat, wird es nicht schwer haben, sondern, letzten Endes leicht, an der moralischen Wiedergutmachung zu arbeiten, die Voraussetzungen dafür schaffen zu helfen, daß wenn ähnliche Versuchungen zum Versagen uns etwa wieder einmal bedrohen sollten, wir nicht so versagen werden, wie leider der größte Teil der Christenheit vor zwanzig Jahren versagt hat.


XI. Folge 1958/59 Nummer 41/44 S. 3–5

 



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