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Gertrud Luckner
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Leo Baeck: Vorbild religiöser Bewährung

In der Promotionsurkunde der Freien Universität Berlin, die Dr. Leo Baeck zu seinem 80. Geburtstag anläßlich seiner Ernennung zum Ehrendoktor überreicht wurde, heißt es unter anderem:

„... der durch sein Wirken als Lehrer an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, durch sein Wirken in und für Berlin, dem ein großer Teil seiner Lebensarbeit gehörte, durch seinen schöpferischen Anteil an der religionswissenschaftlichen Forschung und durch die menschliche Größe, mit der er in schwerster Zeit gegen seelische Verwirrung und politische Verwilderung auftrat und sein priesterliches Amt erfüllte, ein Vorbild religiöser Bewährung gab.“

Dr. Baeck hat – obwohl er es hätte können – sich nicht in Sicherheit gebracht. Es war sein Wille – solange auch nur ein deutscher Jude in Deutschland war – sein Leben zur Verfügung zu stellen. Das in Bolivien erscheinende ‚Echo’ überschreibt den Beitrag: ‚Leo Baeck 80 Jahre! Triumph christlich-jüdischer Zusammenarbeit!’ und erinnert daran, daß durch das Wirken von L. Baeck ein großer Teil der deutschen Juden durch Auswanderung das Leben retten konnten (vgl. Nr. 12/15. S. 42).

Bundespräsident Heuß gedachte in seiner Grußbotschaft zum jüdischen Neujahrsfest besonders Dr. Baecks und sagte, daß die vielen ihm zu seinem 80. Geburtstag zuteil gewordenen Ehrungen auch „dem geistigen und moralischen Beitrag gelten. den er, stellvertretend für andere, Deutschland und der Menschheit geleistet hat.“

Aus dem weltweiten Echo zum 80. Geburtstag von Dr. Leo Baeck am 23. Mai 1953 veröffentlichen wir aus der kath. Wochenzeitung ‚Michael’ vom 24. 5. 53:

„Er war Nummer 187 894:

Der Name Leo Baeck ist vielen Deutschen der jüngeren Generation unbekannt. Die anderen werden sich seiner erinnern als eines aufrechten, gütigen Menschen, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg an die Spitze des deutschen Judentums trat und ihm einen neuen Impuls gab. Heute steht Dr. Leo Baeck, der am 23. Mai 1953 80 Jahre alt wurde, an der Spitze der Weltvereinigung für progressives Judentum. Die Werke des greisen Rabbiners, dessen Kraft nach allen Demütigungen ungebrochen ist, gebieten Respekt und Dankbarkeit. Wo immer er auftrat, betonte er die Verpflichtung zur Menschlichkeit, verkündete er die Lehre von Glaube, Liebe, Vertrauen und Gerechtigkeit, bemühte er sich, die Beziehungen zwischen Judentum und Christentum enger zu gestalten.

Die Wiege des nunmehr 80-Jährigen stand in Lissa bei Posen. Er studierte in Breslau und auf der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums an der Berliner Universität. Seine wissenschaftlich-schriftstellerischen Werke trugen ihm sehr bald den Ruf einer schöpferischen, unabhängigen Persönlichkeit ein. Bereits 1905 hatte er mit seinem Werk „Das Wesen des Judentums“, das in 8 Auflagen erschien und bis ins Japanische übersetzt wurde, sein reiches schriftstellerisches Schaffen eingeleitet. Diesem Werk folgten andere, wie z. B. „Die romantische Religion“, „Wege des Judentums“, „Aus drei Jahrtausenden“ usw.

Der Erste Weltkrieg unterbrach für einige Jahre das Schaffen dieses nimmermüden Geistes. Als Feldrabbiner stand Leo Baeck bis 1918 an den deutschen Fronten. Dann kehrte er nach Berlin zurück. 1922 wurde er Vorsitzender des „Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland“. Damit trat erstmalig ein eifriger Verfechter des liberalen Judentums an die Spitze des deutschen Rabbinerverbandes. Später erschien Baeck als Beirat für jüdische Angelegenheiten im preußischen Kultusministerium. wo seine aktive Mitarbeit sehr geschätzt war.

Mit dem Einbruch des Nationalsozialismus und der Judenverfolgungen offenbarte sich die Größe dieses Menschen: Obwohl ihm mehrmals die Gelegenheit zur Auswanderung geboten wurde, blieb er in Berlin, um das Los seiner Gemeinde zu teilen. Heroisch nahm er alle Demütigungen auf sich und ging 1943 mit den wenigen zurückgebliebenen Berliner Juden in das Konzentrationslager Theresienstadt. Gütig, klug und streng stritt er gegen das Übel. Wo er bei seinen unermüdlichen Hilfeleistungen auftauchte, spendete er den dahinvegetierenden Todgeweihten Hoffnung, Mut und Zuversicht. Mochte auch dieses Werk seine physischen Kräfte übersteigen – niemals konnten Schmutz und Gemeinheit seinen Geist beugen oder brechen. Stolz trug er seine Nummer 187 894. Als einer seiner Leidensgefährten klagend fragte: „Was bleibt uns denn noch? Welches Recht?“ antwortete Leo Back: „Ein Recht bleibt uns, das uns nie genommen werden kann, nämlich das: sauber und anständig zu bleiben, und das Recht, Jude zu sein.“

Als Dr. Baeck im Januar 1943 in Theresienstadt ankam und ihm die Wächter höhnisch eine Wasserstelle im Hof zeigten, (es war 16° Kälte): ‚Hier können Sie sich waschen’, dankte Dr. Baeck und antwortete lebhaft: „Ich habe gehört, daß nichts für die Gesundheit so zuträglich ist wie kaltes Wasser.“

Rabbiner J. L. Liebmann berichtet im ‚Atlantik Monthly’ 1948: „Im Lager wurde Dr. Baeck zu einem ‚Pferd’ gemacht und vor einen Müllwagen gespannt.“ „Aber“, sagte Dr. Baeck mit einem Lächeln, „das war eine sehr glückliche Zeit, weil das andere ‚Pferd’ ein sehr bekannter Philosoph war. Wir hatten wunderbare Gespräche über Ethik und Religion, wenn wir den Abfall durch den Straßenschmutz zogen ...“

Nach der unmittelbaren Befreiung von Theresienstadt, wo von den 140 000, die durch das Lager hindurchgegangen waren, kaum 1900 überlebten1, übergaben die Russen, die das Lager befreiten, einige deutsche Wachmannschaften den Lagerinsassen zur Befriedigung ihrer Rachegefühle. Rabbiner Dr. Leo Baeck vermochte seine Lagergenossen zu überreden, diese Versuchung zu überwinden und keinem der Deutschen geschah etwas (ergänzt durch die Redaktion).

Nach der Befreiung ist Leo Baeck nach London übergesiedelt. Aber er ist sich selbst und der Menschlichkeit treu geblieben. Niemals kam ein Wort des Hasses oder der Verdammung gegenüber Deutschland oder dem deutschen Volk über seine Lippen. Für die Verbrennung seiner Bücher, für die Zerstörung seiner Gemeinde suchte er weder Rache noch Vergeltung. Auf den Trümmern einer unseligen Vergangenheit will er eine neue, bessere Zukunft aufbauen helfen.

Dr. Baeck hat besonders in den Jahren des Hungers, zum Teil unter großem persönlichen Verzicht, deutschen Menschen geholfen und viele Pakete nach Deutschland gesandt (Ergänzung d. Red.).

Aus dieser Gesinnung heraus sagte er nach dem Kriege, zu einer Zeit, da die Wogen des Ressentiments gegen alles Deutsche sich überschlugen:

„Ich danke aus ganzem Herzen den Deutschen, die meinen Glaubensgenossen in ihrer Bedrängnis zu Hilfe gekommen sind, und ich wünsche dem deutschen Volk nach seiner Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft eine glückliche Zukunft.“


  1. Vgl. Lederer, Ghetto Theresienstadt, London 1933.

 


VI. Folge 1933 /54 Februar 1954 Nummer 21/24, S. 36–37


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