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Elisabeth Fuchshuber-Weiß

Die Würzburger „Judensteine“

Das Erbe einer mittelalterlichen Gemeinde

Dem Gegenstand „Jüdische Friedhöfe in Aschkenas“ hat der Historiker Alfred Haverkamp 2011 in dem Aufsatzband „Die Welt des Mittelalters“1 eine kurze, sehr fundierte Abhandlung gewidmet. Jüdische Friedhöfe sind für Haverkamp unter den europäischen Schauplätzen des Mittelalters ganz besondere Stätten der Erinnerung und Areale einer geradezu zeitlos verdichteten Gedenkkultur. Nachrichten über die größte Hinterlassenschaft mittelalterlicher jüdischer Grabsteine in Aschkenas konnte Haverkamp in seinen Text nicht aufnehmen. Denn diese Hinterlassenschaft, 1435 Grabsteine und Steinfragmente, wurde zwar 1987 in Würzburg entdeckt und nach und nach freigelegt, doch erst 2011, zeitgleich mit Haverkamps Aufsatz, erschien darüber das hier zu besprechende Werk.2

Zwischen der Auffindung der ersten, seit dem 16. Jahrhundert als Grabsteine entfremdeten, zerstörten und ihrer Sprache beraubten „Judensteine“ im Januar 1987 und der Fertigstellung der umfassenden Dokumentation lagen 25 Jahre sorgfältigster Bergungsarbeit, Restauration und Erforschung der Steine. Nach und nach waren die Steine im Würzburger Stadtteil Pleich freigelegt worden. Gemeinsam gaben vier renommierte Wissenschaftler den verlorenen und verstummten Steinen ihre Sprache wieder. Es waren die drei Professoren und profunden Kenner von Judentum und jüdischer Geschichte Karlheinz Müller (Emeritus Universität Würzburg), Simon Schwarzfuchs (Emeritus Tel Aviv) und Abraham (Rami) Reiner (Universität Be’er Scheva) sowie die Paläografin Edna Engel (Nationalbibliothek Jerusalem). Einen weiteren Beitrag lieferte der Geologe Wolfgang Trapp. Ohne zusätzliche Helfer jedoch, darunter die Universität Würzburg3 samt ihren unermüdlich beim Bergungseinsatz tätigen 175 Studierenden der katholisch-theologischen Fakultät, und ohne die Zuwendungen namhafter Stifter und Stiftungen, allen voran die German-Israeli-Foundation (GFI), hätte die Edition kaum in der vorliegenden, vorbildlichen Form fertiggestellt werden können.

Und nicht zuletzt waren es vor Ort die Israelitische Gemeinde Würzburg und ihr Vorsitzender David Schuster (1910–1999), die sich für die Bergung, Erforschung und Bewahrung der Steine nachdrücklich einsetzten. Schuster war sich von Anfang an bewusst, welch historischer Wert und welch religiöse Kraft in den Steinen steckte. Ihm, der 38 Jahre lang – von 1958 bis 1996 – der Gemeinde vorstand, ist die Edition gewidmet. Sein Sohn, Dr. Josef Schuster, der seit 1998 die Gemeinde leitet, ließ die Steine unterirdisch in einem Raum verwahren, über dem sich heute das gesamte neue Gemeindezentrum „Shalom Europa“4 erhebt, einschließlich des Jüdischen Museums. Im Museum sind einige historisch und kultisch besonders ausdrucksstarke Steine ausgestellt.

Die in drei Bände unterteilte Edition bietet in Band 1 in einer Einleitung – die Aufsätze sind in Deutsch oder Englisch abgefasst – alles Wichtige und Wissenswerte zum Gesamtbestand der Steine. In Band 2 und 3 folgt die Dokumentation der Grabsteine und ihrer Inschriften. Jeder Stein, jedes Steinfragment ist in hervorragender Qualität schwarz-weiß fotografiert, jede Inschrift auf (Neu-)Hebräisch und zeilengleich in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Diverse Indices, erstellt von den Autoren Müller, Reiner und Schwarzfuchs, beschließen die Edition. Sie listen die zitierten Schriftstellen, den Namenkorpus (ggf. hebr. u. dt.) sowie Kennzeichen des Sprachgebrauchs der Inschriften auf.

Insgesamt sind 1455 Steine aus der Zeit zwischen 1147 und 1346 erfasst. Neben den 1435 Steinen aus der Würzburger Pleich wurden 20 Steine des gleichen Zeitraums aus anderen nahegelegenen Fundstellen integriert. Warum sich darunter keine Steine für die nach dem Rintfleischpogrom 1298 ermordeten Juden befinden, erklärt sich daraus, dass deren Leichname aus der Stadt verbracht und außerhalb Würzburgs verbrannt worden waren. Anschaulich beschreibt Karlheinz Müller in Bd. 1 die gesamte Bestandsgeschichte. Der geologische Beitrag Wolfgang Trapps siedelt die Steine aus der Pleich zeitlich in der Trias und räumlich – bei aller Vorsicht – in der direkten Nachbarschaft und näheren Umgebung Würzburgs an, was ohne Weiteres plausibel erscheint, spielte ja wohl bei der Beschaffung der Steine die Transportfrage eine gewichtige Rolle.

Würzburger Grabstein 

Würzburger „Judenstein“.
© Israelitische Gemeinde
Würzburg.

Die paläografische Analyse der Inschriften beginnt mit der Darlegung des methodischen Ansatzes, erläutert sodann die Schritte bei der Datierung und Klassifizierung der Steine samt der Unterteilung in die sechs Gruppen A bis F unter Zuhilfenahme datierter zeitgleicher Manuskripte oder Steine von anderen Fundorten und veranschaulicht schließlich die so gewonnene Typologie anhand von Detailfotos mit eingezeichneten Schriftvergleichen. Edna Engels profunde Untersuchung liest sich wie eine spannende Enthüllungsgeschichte, in der schließlich fast alle Fragen beantwortet werden.

Gleichzeitig bewundert man die kalligrafische Durchformung der Schriftzeichen. Aufgrund der neuartigen paläografischen Vergleichsmethode und bei Berücksichtigung der Einzelheiten des jüdischen Kalenders sowie des Brauchtums während des liturgischen Jahres blieb die Datierung von lediglich 120 der insgesamt 1455 Grabsteine offen. 410 Steine waren „explizit datiert“, ihnen konnten 926 Steine paläografisch zugeteilt und daher als „nicht explizit datiert, aber via Vergleich datierbar“ klassifiziert werden. Einer (Nr. 1337) konnte aufgrund paläografischer und chronologischer Erwägungen nachvollziehbar zugewiesen werden. Karlheinz Müller hat diese sensationellen Ergebnisse eingangs von Band 2 nochmals übersichtlich zusammengestellt. So empfiehlt es sich, bevor man sich den Steinen und ihren Inschriften selbst zuwendet, diesen Beitrag, zumal er auch die übrigen Editionsgrundsätze von Band 2 und 3 erläutert, zu lesen.

Die Einleitungsbeiträge von Band 1 befassen sich mit den weiteren Themen „Jüdischer Friedhof“ und „Jüdische Grabsteine“, dabei deren allgemein- historische, kultische, personengeschichtliche und kulturelle Relevanz hervorhebend: Simon Schwarzfuchs schreibt zum mittelalterlichen jüdischen Friedhof generell und gibt einen detaillierten Überblick über die Grabsteine des Würzburger Friedhofs und ihres Nameninventars. Karlheinz Müller rekonstruiert die Geschichte des mittelalterlichen Friedhofs innerhalb der Stadt von der Errichtung 1147 bis zur Zerstörung unter Fürstbischof Julius Echter v. Mespelbrunn, der ab 1576 auf dem Friedhofsgelände das Juliusspital erbauen ließ. Abraham (Rami) Reiner erläutert Rolle und Bedeutung der auf den Grabsteinen festgehaltenen Titulaturen sowie die zeitgenössische epitaphische Stilistik. Abschließend widmet sich Karlheinz Müller der Geschichte der Würzburger Judengemeinde in dem Zeitraum, aus dem die Grabsteine stammen.5

Die Einleitungsbeiträge erfassen neben dem individuellen Profil der Steine auch den Quellenwert der Sammlung als Ganzes. So etwa ergeben sich aus der onomastischen Analyse der Personennamen Rückschlüsse auf Namentraditionen in Aschkenas. Die Titulaturen auf den Inschriften sind gleichzeitig Zeugnisse eines regen Gemeindelebens, wobei manche der genannten Rabbiner, Prediger und Schreiber auch aus literarischer Überlieferung belegt sind, andere ohne ihre Grabinschrift gänzlich vergessen wären. Die in einigen Inschriften festgehaltenen persönlichen Charakterisierungen bilden Schattierungen eines frommen Lebens ab, wie es sich innerhalb der Gemeinde herausgebildet hatte. Auch 200 Jahre jüdisches Erinnerungs- und Gedenkbrauchtum lassen sich rekonstruieren.

Band 1 und der Einleitungstext von Band 2 bilden das Entree zum Dokumentationsteil, zu den Abbildungen der Steine und der Wiedergabe und Auslegung ihrer Inschriften. Band 2 dokumentiert die explizit datierten Grabsteine der Gruppen A bis F von Nr. 1 bis 410 und erfasst die durch Vergleich datierbaren Steine der Gruppen A bis C von Nr. 411 bis 860. Band 3 dokumentiert die Gruppen D bis F der letzteren Kategorie (Nr. 861 bis 1336) und widmet sich abschließend den verbliebenen, nicht mehr datierbaren Grabsteinen (Nr. 1337 bis 1455).

Die Dokumentation zeichnet sich durch eine eigene Ästhetik, Historizität und Religiosität aus, bewegt sich zwischen visuellem Reiz, kultureller Überlieferung und biblischer Offenbarung. Ihre Durchsicht Seite für Seite wird zu einer fesselnden Lektüre. Fasziniert verfolgt man, wie jeder Stein sich in eine kalligrafisch gestaltete Skulptur verwandelt, aus sich heraus spricht und individuelle Erinnerung und zeitlose Frömmigkeit widerspiegelt, und man empfindet Respekt vor dem Können der mittelalterlichen Steinmetzen (stone cutters), die den rauen Stein glätteten, bildeten und beschrifteten.

Würzburger Grabstein 

Würzburger „Judenstein“.
© Israelitische Gemeinde
Würzburg.

Ein angemessener wissenschaftlicher Apparat begleitet jeden Stein. Es gibt Kommentare zu den Datierungen, zu den Schreibweisen und zum paläografischen Layout, es gibt Deutungsvarianten und Ergänzungsvorschläge zu fragmentarischen Inschriften. Dass hier manche Zuweisung und Deutung strittig sein kann, wird nicht verhehlt. Auch auf weitere Besonderheiten wird aufmerksam gemacht. Es gibt Hinweise auf verwandtschaftliche Beziehungen der Bestatteten, man erfährt von Doppelbestattungen (Stein Nr. 349 u. 350), oder formale Eigenheiten werden hervorgehoben – etwa die runde Gestaltung einer Grabinschrift (Stein Nr. 24). All dies belegt, wie viel Achtsamkeit und Sorgfalt jedem Stein zuteil wurde, und wie viel fachliche Kompetenz und gleichzeitig Vorsicht, bisweilen auch Zweifel angesichts der Überlieferungslage, am Werk war. Die Beforschung der einmaligen Würzburger Steinsammlung wird weitergehen.

Die realen Steine bilden symbolisch den Unterbau und das Fundament der Würzburger jüdischen Gemeinde und ihres Zentrums „Shalom Europa“. Sie sind an einer würdigen Stelle aufbewahrt. Das ihnen gewidmete Werk dokumentiert ihre Entstehungsgeschichte, ihr Verschwinden und ihre Wiederentdeckung. Vor allem aber hat es das historische Gedächtnis und die spirituelle Kraft der Steine zu neuem Leben erweckt – eine einmalige Bereicherung für die Judenheit in Würzburg und Aschkenas und eine unverzichtbare Ergänzung der Geschichtslandschaft Frankens und Deutschlands.


  1. Johannes Fried / Olaf B. Rader (Hg.), Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 2011, 70–84.
  2. Karlheinz Müller / Simon Schwarzfuchs / Abraham (Rami) Reiner (Hg.) unter Mitarbeit von Edna Engel, Die Grabsteine vom jüdischen Friedhof in Würzburg aus der Zeit vor dem Schwarzen Tod (1147–1346). Bd. 1 Einleitungen; Bd. 2 Die Inschriften Teil I; Bd. 3 Die Inschriften Teil II. Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte. Reihe IX: Darstellungen aus der fränkischen Geschichte, Bd. 58. Würzburg 2011. 2104 Seiten m. zahlr. Abb.; hebr. u. dt. Indices.
  3. Karl Grün, Die Judensteine aus der Würzburger Pleich. Bericht über die Ausstellung im Foyer der Neuen Universität Würzburg (Mai 2002), in: FrRu NF 9(2002)312–314.
  4. Shalom Europa: Das neue Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg, in: FrRu NF 8(2001)194–197.
  5. Karlheinz Müllers Beiträge sind aktualisierte Kapitel aus seiner mittlerweile vergriffenen Monografie: Die Würzburger Judengemeinde im Mittelalter. Von den Anfängen um 1100 bis zum Tod Julius Echters (1617), Mainfränkische Studien Bd. 70, Würzburg 2004.

Jahrgang 20 /2013 Heft 3 S. 204−208.


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