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Wieland Zademach

Ein Rabbiner für die Christen

Erinnerung an Robert Raphael Geis (1906–1972)

Bereits Anfang der 50er Jahre kehrte Rabbiner Robert Raphael Geis aus dem Exil nach Deutschland zurück, um mit nichtjüdischen Deutschen das Gespräch zu führen. Der jungen Generation brachte er die Geschichte und das religiöse Selbstverständnis des Judentums nahe, um so deren Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft zu schärfen. Den Angehörigen der Kriegsgeneration hörte er zu, wenn sie das seelsorgerliche Gespräch mit dem Rabbiner suchten. Vor allem aber engagierte er sich mit großem Einsatz für den Neubeginn des jüdisch-christlichen Dialogs in der Bundesrepublik.

Kleine biografische Skizze

Am 4. Juli 1906 in Frankfurt/Main geboren, wuchs Geis in einem wohlhabenden assimilierten jüdischen Elternhaus auf.1 Durch den frommen Großvater in Kassel wird ihm die Hinwendung zum Judentum und die Nähe zum synagogalen Geschehen vermittelt, sodass früh der Berufswunsch entsteht, Rabbiner der jüdischen Reformbewegung zu werden. Sein Studium beginnt er 1925 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, und parallel dazu studiert er an der Berliner Universität Neuere Geschichte, – ein Zeichen dafür, dass er sein deutsches Erbe genauso ernst nimmt wie sein jüdisches. Zu seinen Lehrern zählen Leo Baeck, Martin Buber und Franz Rosenzweig. 1930 promoviert Geis zum Dr. phil. an der Universität Köln, und 1932 legt er die wissenschaftliche Rabbinatsprüfung in Berlin ab.

Es folgen 20 „Wanderjahre“ eines unruhigen Lebens mit vielen Stationen – zunächst in München, Mannheim und Kassel. Nach einer Inhaftierung im KZ Buchenwald (November 1938) konnte er im Februar 1939 nach Palästina ausreisen. Als liberaler Rabbiner kann Geis in Palästina nicht Fuß fassen und auch keine akademische Laufbahn einschlagen. Er arbeitet als Privatgelehrter und verschiedentlich als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hebräischen Universität. Zudem wird sein zionistisches Ideal von der harten Wirklichkeit Palästinas erschüttert. Im Nationalismus – auch im jüdischen – erkennt er eine „Zeitkrankheit von unvorstellbarem Ausmaß“.

Als nach dem Ende des Krieges sowohl die Berichte über das unfassbare Ausmaß der Verbrechen in den Konzentrationslagern nach Palästina dringen wie auch über die schwierige Lage der Überlebenden in den DP-Camps (DP = displaced person), fasst Geis den Entschluss, so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzukehren, um den Überlebenden in den Lagern beizustehen. Über die World Union for Progressive Judaism in London kehrt er mit seiner Frau Susanne2, die er 1945 in Jerusalem geheiratet hatte, nach Europa zurück. Nach Stationen in London, Zürich und Amsterdam folgt schließlich im Frühjahr 1952 die Rückkehr nach Deutschland: Geis wird zum Landesrabbiner von Baden mit Sitz in Karlsruhe berufen.

Neue Enttäuschungen

Parallel zu seiner Tätigkeit als Rabbiner strebt Geis einen Lehrauftrag an einer deutschen Universität an. In einem Brief an Bundespräsident Theodor Heuss versucht er diesen von der Notwendigkeit zu überzeugen, Lehrstühle für jüdische Geistesgeschichte an deutschen Universitäten einzurichten. Für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit wie auch für die künftige Gestaltung eines deutsch-jüdischen Miteinanders bildet die Erziehung der akademischen Jugend zu einem vorurteilsfreien Verständnis des Judentums eine grundlegende Voraussetzung. Leider bleiben alle seine Bemühungen in dieser Richtung erfolglos. Eine eigene Lehrtätigkeit kann er lediglich in Freiburg i. Br. im Rahmen des „Studium generale“ ausüben sowie in studentischen Kreisen in Heidelberg und Bonn.

Weil ihm diese Lehrtätigkeit sehr am Herzen liegt, verlagert er sie notgedrungen auf den außeruniversitären Bereich und entwickelt eine intensive Vortragstätigkeit im Rahmen der christlich-jüdischen Begegnung. Zudem erwies sich seine Arbeit als Rabbiner in den jüdischen Gemeinden ziemlich frustrierend. Zahlenmäßig dominierten Juden osteuropäischer Herkunft das Leben in den neuen Gemeinden, meist ehemalige DPs, für die es keine Rückkehr in die Heimat gab, und die zu alt oder zu krank waren, um sich eine neue Existenz in den USA oder in Israel aufbauen zu können. Sie standen der neuen deutschen Umwelt ablehnend gegenüber und erst recht ihm, Rabbiner Geis, der in ihren Augen das deutsche Judentum verkörperte.

Die Wunschvorstellung von Geis, im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland etwas bewirken zu können, zerbrach schlicht an der Realität. Für die Gemeindeglieder steht die Sicherung der Existenz im Vordergrund, nicht die Beschäftigung mit religiösen Fragen. Deutsche Juden als Gegenüber gibt es so gut wie nicht mehr. Der Intellektuelle Robert Raphael Geis gibt 1956 sein Rabbineramt auf und engagiert sich künftig nur noch privat für die jüdische Gemeinschaft. Seine Hoffnung, an die deutsch-jüdische Tradition vor der Schoa anknüpfen zu können, hatte sich als Illusion erwiesen.

Geis als deutscher Jude und Seelsorger

Die von Geis verinnerlichte Synthese von Deutschtum und Judentum lässt ihn auch noch nach den nationalsozialistischen Verbrechen an seiner deutschjüdischen Identität festhalten. Er bringt sein Selbstverständnis auf den Punkt mit einem Satz von Franz Rosenzweig: „Sollte man mich zwingen wollen, mein Deutschtum von meinem Judentum zu trennen, so würde ich diese Operation nicht lebend überstehen.“3 Nach den Enttäuschungen sowohl im akademischen Lehrbetrieb wie auch im Rabbineramt findet Geis schließlich sein ihn erfüllendes und ihm auf „den Geist geschnittenes“ Wirkungsfeld im christlich-jüdischen Dialog.4 Dort findet er Menschen, insbesondere unter den Mitgliedern der früheren Bekennenden Kirche, die, das Entsetzen über die Schoa reflektierend, bereit sind, eigene Glaubenstraditionen kritisch zu hinterfragen, und die ein besseres Verhältnis zum Judentum gewinnen wollen. Seine vielfältigen Kontakte zu christlichen Deutschen lassen ein dreifaches Motiv seines Engagements erkennen: ein seelsorgerliches, ein pädagogisches und besonders ein theologisches.

Das seelsorgerliche Anliegen wird besonders deutlich an Geis’ nahezu freundschaftlicher Beziehung zu Albert Speer, Hitlers ehemaligem Rüstungsminister. Speer hatte sich, im Gegensatz zu den meisten Mitangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, zu seiner Schuld bekannt und Mitverantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen übernommen. 1969 nimmt Geis, durch ein Fernsehinterview des aus der Haft entlassenen Speer angeregt, Kontakt zu ihm auf, worauf sich ein reger Briefwechsel entwickelt. Als gläubiger Jude versichert er Speer, dass auch er „unter dem Verzeihen steht, denn Sie sind heute ein sehr aufrechter Mensch“.5 Speer antwortet, dass Geis „das Zentrum aller meiner Zweifel und Bedrückungen in einer wohltuenden, auf die Dauer vielleicht sogar erlösenden Weise“ berührt habe.6

An Geis’ Verhalten wird deutlich, dass er sich nicht zu pauschalen Verurteilungen hinreißen, aber auch nicht leichtfertig Vergebung walten lässt. Er hat den einzelnen Menschen vor Augen und öffnet sich dort, wo er ernst gemeinte Bußfertigkeit und Reue erkennt. Zudem geht sein Blick in Bezug auf Schuld und Verantwortung über das Leid des jüdischen Volkes hinaus, wenn er das Schweigen der Weltmächte sowohl Hitler gegenüber wie auch – in der Gegenwart – die Verhältnisse in Vietnam, Südamerika, Südafrika oder den Rassismus in Amerika anspricht: „Das fürchterliche Sterben, das Foltern, das Verhungern ist nicht zu Ende. Wer da nicht verzweifeln will, wer kämpfend an vielen Fronten steht, der muss das ‚Ja’ zu dem einzelnen Menschen wieder und immer wieder sich erkämpfen. Sie kann ich als Kameraden ansehen, weil Sie ehrlich sind. Herrn Globke7 [...] würde ich die Hand nicht reichen.“8

Geis als Pädagoge und Theologe des Dialogs

Mittels intensiver Vortragstätigkeit und vieler Publikationen, wie etwa sein Buch „Vom unbekannten Judentum“9 (1961), versucht Geis, ein dem jüdischen Selbstverständnis gemäßes Bild des Judentums zu vermitteln. Exemplarisch für sein pädagogisches Anliegen war die große Studientagung der Evangelischen Studentengemeinde Darmstadt „Antisemitismus – Judentum – Staat Israel“ (November 1958). Anlass zu dieser vom damaligen Studierendenpfarrer Herbert Mochalski initiierten Tagung gaben zahlreiche antisemitische Vorkommnisse sowie der Wunsch der Studierenden, etwas über das ihnen völlig unbekannte Judentum zu erfahren.

Geis referierte über „Das religiöse und geistige Selbstverständnis des heutigen Judentums“. Neben Geis sprachen Eugen Kogon über die „Judenverfolgung im Dritten Reich“, Adolf Freudenberg über „Geschichtliche Wurzeln des Antisemitismus“, Erika Küppers betonte in ihrem Vortrag „Juden und Christen gehören zusammen“ theologische Gemeinsamkeiten, und Moshe Tavor informierte über „Die geistigen Wurzeln des Zionismus bis zum Staate Israel“. Diese einige Jahre später sorgfältig dokumentierte Tagung10 markiert geradezu einen Wendepunkt in der akademischen Geschichte des christlichjüdischen Dialogs und gab Anstöße, die erst später reiche Früchte tragen sollten.

Allen damals Beteiligten gemeinsam war die aktive Gegnerschaft zum Nationalsozialismus aus einer christlichen Überzeugung heraus, die sich nicht auf die „religiöse Privatsphäre“ beschränkte. Deutlich wurde aber auch, dass die jeweiligen Institutionen nur sehr bedingt hinter diesen Exponenten eines Neuanfangs im Verhältnis von Christen und Juden standen. Auch in dieser Hinsicht zeichneten sich spätere Auseinandersetzungen ab, begründet in der Problematik, wie sich religiöse Überzeugungen im gesellschaftspolitischen Handeln ausdrücken. In der Tradition Martin Bubers war Rabbiner Geis der Überzeugung, gemeinsam mit den christlichen Partnern auf die Verwirklichung des „Königtums Gottes“ hinwirken zu können. Die Erinnerung daran, dass Israel einst JHWH zu seinem unmittelbaren und ausschließlichen Volkskönig ausgerufen habe (z. B. Jes 33,22; 52,7 u. ö.), führt notwendigerweise zu einer Zusammenschau der politischen und der religiösen Sphäre.

Durch den Bund am Sinai seien Gott und Israel „theopolitisch“ zu einer Einheit zusammengeschlossen. Dass die Verwendung des Begriffs „Theopolitik“ bei Geis weit hinausgeht über einen Religionsbegriff im eingeschränkten Sinne seelischer Frömmigkeit und kultischer Gottesdienste hat Hans Joachim Kraus treffend charakterisiert: „Hier handelt es sich vielmehr von Anfang an um das Ganze des Lebens, um Existenz und Weg des Volkes im politischen Entscheidungsfeld. Anders ausgedrückt: es geht um die Verwirklichung des Reiches Gottes im Diesseits der Schöpfung, um die messianische Heraufführung eines neuen Zusammenlebens in Gerechtigkeit und Frieden.“11

Rabbiner Robert Raphael Geis Rabbiner Robert Raphael Geis.

Courtesy of the Leo Baeck
Institute New York.
Paul Arnsberg Collection.
AR 7206 (Foto undatiert).
 
R. Geis sucht die Gemeinschaft mit Christen, weil er durch die Katastrophe des Nationalsozialismus die Chance zu einem neuen Verstehen zwischen Christen und Juden gegeben sieht. Hitler bezeichne nicht nur das Ende der Epoche, die mit Konstantin dem Großen anhob; vielmehr habe die nationalsozialistische Verfolgung die lange vergessene Wirklichkeit wieder zu Bewusstsein gebracht, dass Juden und Christen aus derselben Wurzel leben. Man anerkannte die Märtyrerrolle, welche die Juden für alle Freiheitsliebenden hatten übernehmen müssen. Nach zweitausend Jahren des Missverstehens sei in den Kirchen bewusst geworden, dass der Christ mitgemeint ist, wenn man den Juden schlägt. Die Aufgabe der beiden gläubigen Minoritäten sei es nun, sich einander brüderlich beizustehen und geeint den Kampf für das Königtum Gottes auf Erden zu führen. Dieses neue Miteinander könne bewirken, „dass aus dem Furchtbaren der Vergangenheit in der Zukunft etwas wird, was die Vergangenheit dann wirklich überwindet“.12

Allerdings ist Geis, auch nach seinen eigenen Erfahrungen, Realist genug, um zu wissen, dass innerhalb der Kirche gegenwärtig nur eine Minderheit zum Umdenken bereit ist. Seine Gesprächspartner findet er vornehmlich in den Reihen der Bekennenden Kirche, deren Mitglieder während der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand13 geleistet und dafür Verfolgung oder gar den Tod auf sich genommen haben. Mit ihnen weiß er sich einig in der Überzeugung, dass der christlichjüdische Dialog nicht nur auf der theologischen Ebene geführt werden darf, sondern dass die Ebene des politischen Handelns unabdingbar dazu gehört: „Von der jüdischen Bibel her ist über alle jüdischen Epochen deutlich geblieben, dass die Grundlage der gläubigen Erwartung in der Konkretion des Bundes, der Erfüllung in der Zeit, der Herbeiführung des Gottesreiches liegt. Auch das Politische kann davon nicht ausgeklammert werden.“14

„Juden und Christen“ beim Evangelischen Kirchentag

Im Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“ fand Geis schließlich das Betätigungsfeld, auf dem er mit Intensität und Beharrlichkeit das Gespräch mit Christen führen konnte. In der Vorbereitung auf den Kirchentag 1961 in Berlin beauftragte der Kirchentagspräsident Reinold von Thadden-Trieglaff Persönlichkeiten wie Adolf Freudenberg, Heinrich Giesen und Helmut Gollwitzer mit der Gründung einer Arbeitsgruppe zum Schwerpunktthema ‚Juden und Christen’. Den Vorsitz übernahm Hans-Joachim Kraus, Professor für Altes Testament in Hamburg. Es war damals noch nicht selbstverständlich, dass auch Juden zu Wort kommen sollten und auch wollten. Neben Geis konnten der Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin (Jerusalem), Prof. Ernst Ludwig Ehrlich (Zürich) und die Soziologin Eva Reichmann (London) für die Teilnahme gewonnen werden, die alle bereits in die inhaltliche Planung einbezogen wurden.

Theologischer Ausgangspunkt der  gemeinsamen Arbeit war das „Verständnis des Bundes zwischen Gott und Israel“.15 Dieser Bund sei durch Christus nicht aufgehoben, sondern auf die Heiden ausgeweitet worden. Es gebe nur den einen ungekündigten Bund, der Juden und Christen umschließe. In der Konsequenz war man sich einig in der Ablehnung der Missionierung von Juden. Außer Frage stand jedoch für die christlichen Teilnehmer, dass Jesus der Messias Israels ist und als solcher grundsätzlich auch den Juden zu bezeugen sei; Dialog wurde als adäquate Form betrachtet, Juden das Christuszeugnis nahe zu bringen.

Auf dem Kirchentag in Berlin (Juli 1961) rückte das Randthema „Juden und Christen“ in das Zentrum des Kirchentagsgeschehens, wo einst aus Deutschland vertriebene Jüdinnen und Juden vor einem Publikum sprachen, das sich überwiegend aus Angehörigen der mittleren oder jungen Generation zusammensetzte. Die thematischen Schwerpunkte hatte die Arbeitsgruppenleitung auf das Bekennen der christlichen Mitschuld an der nationalsozialistischen Judenverfolgung gelegt sowie auf die bleibende Erwählung Israels und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.

Das Anliegen der Arbeitsgruppe, Christen zu Buße und Schuldbekenntnis zu rufen, wurde besonders deutlich während der von Gollwitzer geleiteten Bibelarbeiten. Da gab es keinen Strich unter die Vergangenheit, sondern nur brennenden Schmerz und bittere Anklage. Den Beitrag von Geis über den Sinn der Erwählung aus jüdischer Perspektive kommentierte Gollwitzer mit den Worten: „Etwas Unerhörtes ist hier geschehen. In der ganzen zweitausendjährigen Kirchengeschichte weiß ich keinen Fall, dass man – und noch dazu in brüderlicher Weise – einen Rabbiner hergerufen hat, um ihn zur christlichen Gemeinde über Israel sprechen zu lassen. Es ist etwas Neues, was hier angefangen hat.“16 

Geis selbst bringt die historische Bedeutung dieses Ereignisses zum Ausdruck: „Nach zwei Jahrtausenden des Missverstehens gibt eine grausige Gottesfinsternis jäh den Blick dafür frei, dass der Christ mitgemeint ist, wenn man den Juden schlägt.“

Und er zieht daraus die theologische Konsequenz: „Wo immer Feindschaft gegen das Judentum im Christentum seine blutigen Siege feiert, begegnen wir dem Heidentum im Christentum, nicht der frohen Botschaft Jesu.“17

Ein konkretes Ergebnis der Kirchentagsarbeit ist die von den christlichen Mitgliedern der Arbeitsgruppe abgegebene Erklärung „Juden und Christen“.18 Als gemeinsame theologische Überzeugung wird dort festgehalten: „Juden und Christen sind unlösbar verbunden. Aus der Leugnung dieser Zusammengehörigkeit entstand die Judenfeindschaft in der Christenheit. Sie wurde zu einer Hauptursache der Judenverfolgung. Jesus von Nazareth wird verraten, wenn Glieder des jüdischen Volkes, in dem er zur Welt kam, als Juden missachtet werden. Jede Form der Judenfeindschaft ist Gottlosigkeit und führt zur Selbstvernichtung.“19

Der Streit um die Judenmission als Bewährungsprobe

Der Euphorie von Berlin folgte bald eine Phase der Ernüchterung, als deutlich wurde, dass die Theologen der Arbeitsgemeinschaft innerhalb der evangelischen Kirche eine Position der Minderheit vertraten. Die massive Kritik entzündete sich an der Frage nach der Judenmission und gipfelte in dem Vorwurf, die Theologen der Arbeitsgemeinschaft würden aus einem Schuldgefühl heraus den christlichen Absolutheitsanspruch zur Disposition stellen.

Gegen diesen Vorwurf verteidigte Gollwitzer die Arbeitsgemeinschaft in einem Briefwechsel mit den konservativ-lutherischen Berliner Kirchenbriefen, indem er betonte, dass ein ernstzunehmender Christ natürlich niemanden, auch die Judenschaft nicht, als Adressaten seiner Botschaft ausklammern kann. In dieser und ähnlichen Äußerungen glaubt Geis, bei Gollwitzer missionarische Absichten zu erkennen. Es kommt zu einem heftigen Streit über die Begriffe Zeugnis und Mission, der in manchen Kreisen auch heute noch nicht ausgestanden ist. Es kam zu bitteren Auseinandersetzungen20, die aber wieder geklärt wurden und die Freundschaft zwischen Geis und Gollwitzer nicht zerstörten.

Geis hatte sich zu Recht gegen ein christliches Zeugnis verwahrt, das auf eine Bekehrung der Juden glaubt hinwirken zu müssen. Außerdem weist er darauf hin, in welch erbärmlicher Weise die Christen im Dritten Reich – auch in der Bekennenden Kirche – in ihrem praktischen Zeugnis versagt hatten, und fordert, dass deshalb dieses Zeugnis mit der gebotenen Zurückhaltung gegeben werde, und wenn, dann mit praktischer Tat anstatt mit Bekehrungspredigten. Indem sich Geis unter Hinweis auf die jüngste Vergangenheit gegen das nichts kostende und zu nichts verpflichtende verbale Zeugnisablegen wendet, klagt er darüber hinaus die Zusammenschau von historischer, persönlicher und theologischer Ebene ein. Die damaligen Auseinandersetzungen haben vor allem dahingehend auf die weitere Debatte eingewirkt, den „Zeugnis“-Begriff im jeweiligen Verwendungszusammenhang auf seine exakte Bedeutung hin zu überprüfen.

Eine wegweisende Klärung brachte schließlich die Studie der EKD „Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum“.21 Darin wird „Zeugnis“ beschrieben als „Haltung eines personenhaften Eintretens für Gott und seine Wahrheit“. Es wird ausdrücklich betont, dass das Zeugnis-Geben ein wechselseitiger Prozess ist, der sich zwischen gleichberechtigten Partnern vollzieht: „Christen und Juden begegnen einander als Zeugen in der Weise, dass sie jeweils ihre Glaubenserfahrung und Lebensform einbringen. Damit wäre ausgeschlossen, dass unterschiedliche Machtpositionen einseitig ausgespielt werden oder dass ein Partner als bloßer Sender, der andere als bloßer Empfänger einer Botschaft erscheint.“22

In der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim DEKT hatte Geis das Forum, von dem aus er in die christliche Öffentlichkeit hineinwirken konnte. Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Wirkung christlicher Aussagen auf Juden zu bedenken ist. Auch sein sehnlicher Wunsch nach einer akademischen Lehrtätigkeit erfüllte sich noch ansatzweise. 1969 bekam er eine Honorarprofessur für Judaistik an der Pädagogischen Hochschule Duisburg, und im Winter 1971/72 lehrt er als Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Allerdings ist er da bereits durch Krankheit geschwächt. Als Geis am 18. Mai 1972, dem Vorabend von Schawuot, stirbt, hinterlässt er ein geistiges und geistliches Erbe, das den christlich-jüdischen Dialog mit vielen Impulsen bis in die Gegenwart bereichert.23

* Dr. Wieland Zademach, Unkel, lehrt evangelische Theologie an der Johann Wolfgang Goethe- Universität in Frankfurt am Main.


  1. 1) Vgl. Susanne Schütz, Robert Raphael Geis – ein Rabbiner für die Christen, in: Werner Licharz / Wieland Zademach (Hg.), Treue zur Tradition als Aufbruch in die Moderne. Visionäre und mahnende Stimmen aus Judentum und Christentum, Waltrop 2005, 325–360.
  2. S. Herzberg, geb. Landshut. Geis’ erste Frau war in Israel kurz nach der Heirat gestorben.
  3. Robert Raphael Geis, Gottes Minorität – Beiträge zur jüdischen Theologie und zur Geschichte der Juden in Deutschland, München 1971, 120.
  4. Robert Raphael Geis, „Gib, o Gott, dass in keines Menschen Herz Hass aufsteige!“ Rede anlässlich der Einweihung des Gedenksteins für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus auf dem jüdischen Friedhof in Kassel am 25. Juni 1950, FrRu III/IV, 1951/52, 5–7.
  5. Geis’ Brief an Speer vom 23.11.1969, in: Dietrich Goldschmidt (Hg.), Leiden an der Unerlöstheit der Welt. Robert Raphael Geis 1906–1972. Briefe, Reden, Aufsätze, München 1984, 340.
  6. Dietrich Goldschmidt (Anm. 5), 340.
  7. Hans Josef Maria Globke war als Ministerialrat des NS-Reichsinnenministeriums aktiv an der Vorbereitung der NS-Rassengesetze beteiligt. Ab 1953 war er Chef des Bundeskanzleramtes (Anm. d. Red.: vgl. S. 177, Absatz 2, i. d. H.), 1963 erhielt er das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland!
  8. Dietrich Goldschmidt (Anm. 5), 341.
  9. Rezensionen: von Karl Thieme in: FrRu XIII, 1960/61, 122; von Ernst Ludwig Ehrlich in: FrRu XXVII, 1975, 118 f.
  10. Adolf Freudenberg u. a., Antisemitismus – Judentum – Staat Israel, Frankfurt a. M. 1963.
  11. Hans-Joachim Kraus, Robert Raphael Geis – Dialog in prophetischer Perspektive, in: Heinz Kremers / Julius H. Schoeps (Hg.), Das jüdisch-christliche Religionsgespräch, Stuttgart 1988, 153.
  12. Robert Raphael Geis, Das religiöse und geistige Selbstverständnis des heutigen Judentums, in: Freudenberg (Hg.), Antisemitismus (Anm. 10), 101.
  13. Zum „jüdischen“ Widerstand sprach R. R. Geis bei einer Tagung der Heidelberger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit am 11. März 1963, FrRu XV, 1963/64, 98 f.
  14. Robert Raphael Geis / Hans Joachim Kraus (Hg.), Versuche des Verstehens. Dokumente jüdisch-christlicher Begegnung aus den Jahren 1918–1933, München 1966, 36.
  15. Robert Raphael Geis, Bund und Erwählung im Judentum, in: Saeculum 9(1958)125–35 (vgl. FrRu XI, 1958/59, 115).
  16. Helmut Gollwitzer, Einleitung zur Erklärung der christlichen Teilnehmer der AG. Zitiert nach: Susanne Schütz (Anm. 1), 346.
  17. Susanne Schütz (Anm. 1), 347.
  18. Text der Erklärung in: Fr Ru XIII 1960/61, 63 f.
  19. Susanne Schütz (Anm. 1), 348.
  20. Diese Auseinandersetzung, auch „Purim-Streit“ genannt, weil Geis seine erste große Kritik in eine Betrachtung zum Purim-Fest gekleidet hatte, findet sich ausführlich dokumentiert bei S. Schütz (Anm. 1), 349–359.
  21. Schriften der EKD, Gütersloh 2000. Vgl. den Kommentar von Ernst Ludwig Ehrlich, in: FrRu NF 7(2000)277–279.
  22. Ebd., 60.
  23. In memoriam Robert Raphael Geis s. A, FrRu XXIV, 1972, 112–114.

 


Jahrgang 20 / 2013 Heft 3 S. 190−199


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