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Michael J. H. Zimmermann

Das Bad Dürrheimer Friedrich-Luisen-Hospiz

Einst ein Paradies für jüdische Kinder

Weit über 11 000 jüdische Kinder suchten im Bad Dürrheimer Friedrich-Luisen-Hospiz zwischen 1912 und 1939 Heilung und Erholung: von der Einweihung durch den Israelitischen Oberrat Badens bis zur Zwangsschließung durch die Nationalsozialisten. Als „Paradies für jüdische Kinder“ war es gedacht und wurde als solches während eines Vierteljahrhunderts von seinen Gästen erlebt. Das „Erholungsheim für israelitische Kinder und minderbemittelte Erwachsene“, in dem Knaben von drei bis fünfzehn Jahren, Mädchen und junge Frauen gar bis zum 25. Lebensjahr aufgepäppelt wurden, war rasch in der ganzen Judenheit berühmt.

Auch für die Eltern von Helma Essinger aus dem badischen Lichtenau hatte das höchstgelegene Solbad Europas einen so guten Klang, dass sie ihre Tochter mehrfach dorthin zur Erholung schickten, 1935 zum letzten Mal. Gern erinnert sich die hochbetagte Helma Maier (geb. Essinger) in Ramat Chen, Israel, an wohltuende Sole und Sonnenbäder, an „lustige Abende“ mit Theateraufführungen, Scharaden und Pfänderspielen („Ich sitze hier und schneide Speck, und wer mich lieb hat, holt mich weg“), an Ausflüge, „bei denen wir lauthals das Dürrheimer Lied sangen“. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, wenn sie daran denkt, wie „wir uns an einem Samstag, an dem wir ja nicht pflücken durften, auf die Erde setzten, um die Walderdbeeren direkt mit dem Mund vom Stängel zu essen“. Da musste selbst der Rabbiner schmunzeln.

Im September 1906 hatte der Synodalausschuss der badischen Israeliten beschlossen, das Erholungsheim auf der Baar zu errichten und zum Andenken an die Goldene Hochzeit des Badischen Herrscherpaares nach Großherzog Friedrich I. und seiner Frau Luise „Friedrich-Luisen-Hospiz“ zu benennen. Herzen und Geldbeutel hatten sich für die gute Sache aufgetan; allein aus der großherzoglichen Schatulle kamen 8000 Mark. „Durch Sammlungen in den Städten Deutschlands, wobei sich Pforzheim besonders hervortat, sowie durch sonstige Stiftungen sind große Beträge gezeichnet worden“, sodass schon am 12. Juli 1911 der erste Spatenstich getan werden konnte.

Friedrich-Luisen-Hospiz - Annonce„Friedrich-Luisen-Hospiz“
Inserat.

Repro: Michael J. H. Zimmermann.

Vorlage: Stadtarchiv Bad Dürrheim.
 

Am 28. Juli 1912 fanden sich zur Einweihung des Friedrich-Luisen-Hospizes die Spitzen von Staat und Verwaltung ein; aber auch aus der jüdischen Gesellschaft weilte vor Ort, was Rang und Namen hatte. Zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten fanden sich „alle Teile der badischen Judenheit“ ein, da auch die Karlsruher Austrittsgemeinde1 ihren Vertreter entsandte. Der „Prachtbau mit sehr schöner Fassade in herrlicher Lage“ war zur Aufnahme von 76 Kindern ausgelegt. Bis 1932 wurde die Kapazität auf 105 ausgebaut, 150 sollten es nach dem Willen des Geheimen Regierungsrates David Hugo Mayer werden, der dem Oberrat lange vorstand. Schon am 9. Dezember 1913 hatte er den Grundstein für eine Stiftung zum weiteren Ausbau des Heimes gelegt, das ihm, seiner Frau Marie und dem Sohn Paul zum Lebenswerk wurde. Um auch „Minderbemittelten gegen geringes Entgelt und auch ganz Armen Aufenthalt zu gewähren“, hatte Dr. Mayer im selben Jahr den „Verein für das Friedrich-Luisen-Hospiz“ gegründet, für dessen Gedeihen seine Frau sorgte: 1931 zählte die wohltätige Gemeinschaft mit Sitz im Israelitischen Landesstift zu Karlsruhe 2400 (!) Mitglieder.

Friedrich-Luisen-Hospiz - Postkarte 

„Friedrich-Luisen-Hospiz“ − Postkarte
Repro: Michael J. H. Zimmermann.
Vorlage: Stadtarchiv Bad Dürrheim.

Prächtig entwickelte sich die jüdische Anstalt und half, den guten Ruf Dürrheims weit über Badens Grenzen hinaus zu verbreiten: Aus ganz Süddeutschland und der Schweiz, aber auch aus Preußen, England und Algerien tummelten sich hier die Kinder; selbst katholische Kinderheime profitierten von dem Aufschwung, wie Großherzogin Luise bei ihrem Besuch am 28. August 1913 feststellen konnte. Unter dem Jubel der Kinder, die freudig das Lied „Ans Badnerland“ anstimmten, wurde sie von Vertretern des Oberrats, der Zentralverwaltung und des Lokalkomitees begrüßt: Kaum ein Name der wichtigen jüdischen Familien aus der Baar fehlte im Empfangskomitee: Guggenheim (Donaueschingen), Lion (Villingen) und Marx (Geisingen) sind genannt. Unter einem guten Stern schien das Hospiz zu stehen, das „alle Israeliten Badens ohne Unterschied der religiösen Richtung“ geschaffen hatten, „dem aber auch aus nichtjüdischen Kreisen vielseitige Sympathie entgegengebracht“ wurde, wie es in seiner Weiherede Rabbiner Moritz Steckelmacher beim Lobpreis des Einen Gottes gewürdigt hatte: „Im Judentum wie in den anderen monotheistischen Religionen gehört Liebe und Barmherzigkeit gegen alle Menschen, zunächst aber gegen die Schwachen und Elenden, zu den obersten religiösen Grundsätzen.“


Oberin Bettina Falk.
Repro: Michael J. H. Zimmermann.
Vorlage: Stadtarchiv Bad Dürrheim. 

„Streng rituell geführt“ wurde das Friedrich- Luisen-Hospiz. Darüber, dass (auch) in der Küche alles koscher zuging, wachte als Oberin bis 1924 Dorothea Kochmann, die es verstand, „die Schönheiten der religiösen Einrichtungen auch für solche Kinder eindrucksvoll und erhebend zu gestalten, denen sie im Elternhause nicht dargeboten worden waren“. Auch unter der Ägide ihrer Nachfolgerin Bettina Falk konnten „alle Kinder ohne Unterschied die schönsten Eindrücke von der jüdischen Religion für das ganze Leben mitnehmen“. Die Oberaufsicht hatte bis 1926 Bezirksrabbiner Dr. Joseph Spitz, dann Dr. Mordechai Bohrer, den Helma Maier heute noch als tiefreligiöse gütige Respektsperson vor Augen hat, die den Kindern die Achtung vor dem Alter lehrte, sie in den Ge- und Verboten unterwies und mit ihnen zu feiern verstand. An einen Vortrag über seine Reise nach Eretz Israel erinnert sich Helma Maier gut – und dass er es, bereit zur Auswanderung, als Ziel vor Augen hatte. Bohrer hat dem Friedrich-Luisen-Hospiz in der Zeit zunehmender Bedrängnis ein schönes Denkmal gesetzt: Am 24. Oktober 1935 schrieb er in der Zeitschrift „Der Israelit“:

„Die große, prächtige ‚Mesusoh’ (Mesusa = Schriftkapsel am Türpfosten), die dem Eintretenden gleich am Hauptportale den ersten jüdischen Friedensgruß entbietet, zeugt lebendig von dem Geiste der Reinheit und der Heiligkeit, dem dieses Haus von Anbeginn diente. Nicht erst unter dem Druck äußeren Geschehens, sondern schon bei der Gründung, bewusst und gewollt, wurde dieser erstklassigen Erholungsstätte für unsere jüdische Jugend der heilige Stempel der jüdischen Tradition aufgeprägt. Vorbildlich und herzerquickend ist alles eingerichtet und organisiert, was der Erfüllung und Verwirklichung strengster jüdischer Eigenart dient. Die Priesterin dieses reinen Tempels helfender Nächstenliebe, Schwester Oberin, kräftig unterstützt von gleichgesinnten, wackeren Helfern, wacht mit Argusaugen darüber, dass die streng rituelle Führung nicht nur eine theoretische, papierene Existenz friste, sondern dass – nach jenem bekannten Prophetenworte – auf jedem Topfe stehen könnte: ,Heilig dem Ewigen’!

Wer als Gast den Zauber eines Freitagabends (Erev-Schabbat) oder eines Festtages in dieser jüdischen Kindergemeinde miterleben darf, der fühlt sich so beglückt, der ist so erfüllt von all dem jüdischen Erleben, dass er den innigsten Dank empfindet gegen all die Edlen, die von G’tt gewürdigt wurden und gewürdigt sind, an diesem heiligen, großen Werke aufbauend und weiterbauend fördernd und erhaltend mitzuwirken. Der große Speisesaal wandelt sich unter den flinken Händen zahlreicher Helferinnen rasch in ein ,Beth ha-Knesset’, in eine Synagoge – die Thorarolle fehlt nicht! –, von der man mit dem Volksdichter singen und sagen möchte, dass es ‚in jedem Winkelchen lacht’.

Die langen Stuhlreihen füllen sich pünktlich mit fröhlichen, festlich gekleideten jüdischen Kinderchen, Knaben und Mädchen aus Nah und Fern, auch das Ausland ist vertreten, wobei die Mädchen die rückwärtigen Stuhlreihen besetzen. Aus dem Kreise der Kinder selbst schreitet dann ein ‚Barmizwohknabe’ (Bar Mizwa), seiner Würde bewusst, gravitätisch zum ,Chasen’ (Vorbeter) ans Pult, ohne die Kritik seines ,Kahal’ (der Gemeinde) auch nur im geringsten zu fürchten, von der ganzen ,Gemeinde’ in beglückender Weise begleitet. Der Sohn des verewigten Begründers (David Mayer, 1854–1931) selbst hat für die hohen Feiertage sehr schöne und eigenartige hebräische Melodien für die Kinder geschrieben und so einen wirklich vorbildlichen Jugendg’ttesdienst gestaltet. Hier wird das jüdische Kind lebendiges Glied dieser heiligen jüdischen Kindergemeinde, es wird aus seiner unglücklichen geistig-seelischen Isolierung mit all den Gefahren an Min- derwertigkeitskomplexen glücklich herausgehoben und mit echten, bewussten, (wahrhaft!) tausendjährigen jüdischen Werten segensreich erfüllt.

Von welcher Lebensnotwendigkeit ist dieses jüdische Gemeinschaftsbewusstsein für das jüdische Kind gerade in unserer Gegenwart!“ Der achtjährige Mannheimer Heinz Zach schildert die Feier des Schabbat in seinen Worten 1932: „Wir gingen in den ‚Schabbosanzügen’ in den G’ttesdienst. Er war im Spielsaal. Ein ‚Sefer’ (Tora-Rolle) war auch da. Ein junger Herr betete vor. Wir sangen ‚Lecho Daudi’ (Lied zur Bewillkommnung des großen Ruhetags der gold’nen Zeit) und noch manches andere. Die Melodien kannte ich noch nicht. Zum Schluss sangen wir ‚Adon Olam’ (Hymne, welche die Ewigkeit und Einheit Gottes sowie das menschliche Vertrauen in seine Vorsehung preist). Nach dem ‚Kidduschmachen’ (Sprechen des Segens über einen Becher Wein) aßen wir ein gutes Schabbosessen. Wir sangen ‚Schirhamalaus’ (Dank an den ,Schöpfer alles Guten’). Nach dem ‚Benschen’ (Segnen) gingen die Kleineren ins Bett.

Am Schabbosmorgen wurde ‚gelaient’ (aus der Schrift gelesen), wenn ‚Minjan’ (regulärer jüdischer Gottesdienst, der die Versammlung von zumindest zehn religionsmündigen Männern erfordert) war: Im Heim waren auch Jungs, die ‚Barmizwoh’ (religionsmündig) waren. Dann kamen noch Kurgäste vom Herrn Frant (aus der streng rituell geführten Pension ‚Waldeck’). ‚En Kelohenu’ (Hymne zum Ausgang des Morgengottesdienstes) sangen wir auch zusammen. Nach dem G’ttesdienst gingen wir zum Frühstück und zum Spaziergang. Am Nachmittag waren zwei Ruhestunden. Für uns war der schöne ‚Schabbos’ um halbacht schon zu Ende, weil wir ins Bett mussten. Deshalb konnten wir beim ‚Hawdolo ausmachen’ (bei der Zeremonie zum Schabbat-Ende mit Wein-, Gewürz- und Lichtsegen) nicht dabei sein. Wein bekamen wir keinen. Denn für hundert Kinder hätten wir viele Flaschen gebraucht. Aber es war doch schön, und wir hatten beinahe immer feines ‚Schabboswetter’.“

Unverkennbar „ein wahrhaft jüdisches Haus“ war das Dürrheimer Friedrich-Luisen-Hospiz, wie es den religiösen Vorstellungen der Familie David H. Mayers entsprach und ihrem Bemühen, die jüdische Wohlfahrt zu befördern. Wie froh wurde hier das Laubhüttenfest (Sukkot) gefeiert und der Tag der Gesetzesfreude (Simchat Tora)! Oder das dem großen Ölwunder sich dankende Lichterfest (Chanukka) zum Gedenken an die Wiedereinweihung des Zweiten Tempels in Jerusalem:
„Wie strahlten die Augen der Kleinen, als sie endlich in den festlich geschmückten Saal herein durften, die vielen Lichtchen angezündet und die alten lieben Gesänge angestimmt wurden! Dann kamen für jedes einzelne süße und reizende Überraschungen, teils von ihren Angehörigen, teils in überaus reichem Maße von edeln Freundinnen des Hospizes gestiftet und von den kinderlieben Schwestern hübsch zurechtgemacht. Herz, Augen und Mund feierten ein schönes Fest. So war der erste Abend. Und der zweite stand ihm nicht nach, denn da durften die Kinder Theater spielen. Und wie prächtig haben sie es gemacht! Die schönsten Märchen zogen an uns vorüber; über allem aber stand die Chanukkageschichte, mit Innigkeit gespielt und gesungen.“

Das zehnjährige Bestehen des Hospizes wurde 1922 gebührend gefeiert: „Besonders verschönt wurde die Feier durch gesangskünstlerische Darbietungen der Sopranistin Elisabeth Friedberg und des Baritonisten Paul Mayer. Später folgte eine fröhliche Veranstaltung der Kinder mit lustigen Szenen und Gesängen und graziösen Tänzen.“ 1937 konnte das Jubiläum „des ein Vierteljahrhundert Gesundheit und Glück spendenden Hauses“ nur noch mit einer schlichten, doch weihevollen Feierstunde begangen werden. Hebräische Lieder erklangen, einstudiert und teilweise komponiert von Paul Mayer. Er hielt die feurige Festrede: „Vergesst die Leidenschaft nicht, hütet die heilige Flamme der Begeisterung. Wir sind das Volk des Trotzdem. Erlahmen wir nicht in unserer Arbeit!“

Solange sie es vermochten, wirkten die Juden in Bad Dürrheim segensreich im Friedrich-Luisen-Hospiz mit seiner Synagoge, die den kleinen Betsaal in der Waldstraße ersetzte, im israelitischen „Café Dreyfuß“ oder in der koscheren Pension „Waldeck“. Im Solbad an der Stillen Musel fanden über 11 000 Kinder Erholung an Leib und Seele, im Hospiz bestens betreut; jüdische Kindermädchen erhielten eine solide Ausbildung; unzählige Praktikantinnen lernten für Beruf und Leben. Unter den Oberinnen Dorothea Kochmann und Bettina Falk arbeiteten bis zu sechs Schwestern und 25 Personen in der Hauswirtschaft, darunter das Küchenmädchen Brunhilde Alexander; in der Pflege die Kinderpflegerin Camilla Baum; in der Erziehung die Kindergärtnerin Anna Friedland und die Lehrerin Berta Weil; in der Verwaltung die Sekretärinnen Dora Marx und Emilie Falk; Hausarzt war Paul Harraß. Sie taten ihren Dienst im „Dritten Reich“ unter erschwerten Bedingungen, mit dem zähen Willen eines „Volkes des Trotzdem“.

Sie harrten aus, als in der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 nicht nur Glas in Scherben geschlagen wurde: Auch das Friedrich-Luisen-Hospiz wurde von den Nationalsozialisten übel heimgesucht; immerhin wurden die Kinder vom Hausmeister Valentin Obergfell in den Keller des Gebäudes gebracht und so vor gewaltsamen Übergriffen geschützt. 1939 wurde das Kinderheim zwangsweise aufgelöst; zwei Jahre später musste die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland das Heimgebäude an die Berufskrankenkasse der Kaufmannsgehilfen in Hamburg „veräußern“.

Wie viele der liebevollen Menschen in Bad Dürrheim dem Rassenwahn des NS-Regimes zum Opfer fielen, ist kaum zu ermitteln. Als erster wurde Bezirksrabbiner Mordechai Bohrer im KZ Dachau bereits 1938 ermordet. Marie Mayer, die Mutter des Hospizes, 1941 in Gurs; ihr Sohn Paul Mayer, der volltönende Bariton, 1942 in Auschwitz, wo auch die Sopranistin Elisabeth Friedberg vergast wurde. Die Oberin Bettina Falk wurde zusammen mit ihrer Schwester Emilie Falk1942 in der Tötungsstätte Raasiku bei Reval ermordet, Schwester Trude Schwarz im KZ Jungfernhof in Riga, die Kindergärtnerin Anna Friedland 1942 im Warschauer Getto. Das Küchenmädchen Brunhilde Alexander wurde 1942 deportiert und gilt als „unbekannt verschollen“, ihre Eltern wurden in Nexon bei Limoges bzw. in Auschwitz ermordet. Die Kinderpflegerin Camilla Baum (unbekannt verschollen) und Kläre Käte Levi wurden vermutlich zur selben Zeit in Auschwitz ermordet, ebenso die Kinderpflegerin Jenny Levi, ihre Kolleginnen Edith Dannenberg und Hilde Fridenberg zusammen mit ihrer Mutter Berta Fridenberg und auch Ruth Hilde Weil.

Ein „Grab in den Lüften“ fanden auch Alice Lewin und Berthold Stern; Mina Stern (geb. Levy) und ihr Sohn Kurt Eli gingen im jüdischen Schtetl von Piaski, das für Tausende Juden zum todbringenden Getto wurde, zugrunde. Ilse Lewinski und Bianka Schuster gehörten zu den letzten in Dürrheim gemeldeten Jüdinnen; beide wurden im Getto von Lodz (Litzmannstadt) umgebracht. „Nach Polen abgeschoben“ und umgebracht wurden auch die Kinder Jutta Merser, Anna Helene Schuss (im Getto von Belzyce) und Philipp Steinbock …

„Den Frommen setzt man keine Grabsteine, ihre Taten, das sind ihre Denkmäler!“ zitierte Rabbiner Bohrer jüdische Weisheit. Die Gott höhnen und seinen Geboten, schaffen sich in ihren Verbrechen das unvergesslich eigene. An die ermordeten Juden Bad Dürrheims erinnert das Bettina-Falk- Haus der heutigen Luisen-Klinik. Die Geschichte des Hauses war mit der Vernichtung derer, die es zu einer Pflegestätte jüdischen Lebens gemacht hatten, nicht zu Ende. Von 1941 bis 1945 wurde das Friedrich-Luisen-Hospiz als Reservelazarett zweckentfremdet, ja missbraucht. Vom Ende des nationalsozialistischen Deutschlands bis zur Gründung der Bundesrepublik nutzte es die französische Besatzungsmacht als Kinderheim. 1949 erhielt die Israelitische Landesgemeinde Baden das Heim im Restitutionsverfahren zurück. Sie verpachtete das Gebäude an die Gemeinde Bad Dürrheim, ab 1950 an das Diakonissen-Mutterhaus St. Chrischona in Bettingen bei Basel. 1954 wurde es durch den St. Chrischonaverband käuflich erworben, der darin das Kindersanatorium „Luisenheim“ einrichtete. 1990 wurde es an die „Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Gesundheitsforschung“ verkauft, die das Gebäude aufwändig und möglichst originalgetreu renovierte. In den Komplex der Luisen-Klinik eingebunden, erinnert es an die jüdische Geschichte Bad Dürrheims, die in Ortschroniken nur kurz erwähnt (oder übergangen) wird.

Im Gedenken
an die Opfer des NS-Regimes,
den benannten und den unbekannten,
Avital und Tovia Ben-Chorin zugedacht und Sven Soik;
den „Dürrheimer Kindern“:
Helma Maier, Kurt Salomon Maier und Hans (John) Rothschild;
den Mitstreitern:
Helmut Gabeli, Werner Kessl, Carsten Kohlmann,
Petra Kohlmann (†), Robert Krais und Andreas Lerbs.


Der Historiker Michael J. H. Zimmermann, Villingen-Schwenningen, setzt sich seit drei Jahrzehnten für das Gedenken an die Juden seiner Heimat, auch der nach Gurs deportierten jüdischen Bürger Villingens, ein. Im Jahre 2000 rief er die Bürgeraktion „Wider das Vergessen“ ins Leben. Zimmermann hat sich um den Erhalt jüdischer Kulturdenkmale und Kultgegenstände bemüht, Dokumente gesichert, Verbindungen zu Überlebenden hergestellt, Einladungen angeregt und begleitet, Vorträge gehalten, publiziert und überregional Ausstellungen kuratiert, darunter die Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg „Die Gutmanns. Geschichte einer jüdischen Familie“ (über sieben Jahrhunderte).

Der Beitrag ist eine bearbeitete und gekürzte Fassung seiner Rede zur Ausstellung der Schwenninger Museumsgesellschaft von 1834 zum Thema am 11. März 2012. Vgl. zum Thema auch Andreas Ludwig / Kurt Schilde, Jüdische Wohlfahrtsstiftungen. Rezension von Jutta Koslowski, S. 64–67 i. d. H.


  1. Die streng gesetzestreue Israelitische Religionsgesellschaft Karlsruhe (Adass Jeschurun) lehnte das Reformjudentum und die von ihm praktizierten Neuerungen im Synagogengottesdienst wie Orgelmusik, gemischten Chorgesang und Änderungen im Sidur (Gebetbuch) ab.
Dank ist denen geschuldet, die ihre Quellen sprudeln ließen:

Die Alemannia Judaica, das Stadtarchiv Bad Dürrheim, das Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, das Kreisarchiv des Landkreises Schwarzwald-Baar, das Stadtarchiv Karlsruhe, das Generallandesarchiv Karlsruhe und das Hauptstaatsarchiv in Stuttgart, das DFG-Projekt „Compact Memory – Internetarchiv jüdischer Periodika“, die Zentralarchive des Jüdischen Volkes in Jerusalem sowie die Gedenkstätte Yad Vashem, Joachim Hahn (Plochingen), Uri Kaufmann (Essen), Carsten Kohlmann (Oberndorf), Robert Krais (Ettenheim); Helma Maier und Kurt Salomon Maier haben mit ihren Sammlungen die Recherchen unterstützt und die vorliegende Veröffentlichung ermöglicht.


Jahrgang 20 / 2013, Heft 2, S. 120−127


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