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Elina Krass

Russische Juden in Deutschland

Wieder Fremde?

Adolf Hitler wollte ein judenfreies Deutschland. Dass heute in Deutschland wieder ungefähr 203 000 Juden leben zeigt, dass dieser Plan nicht aufgegangen ist, und es ist gleichzeitig ein Zeichen des Vertrauens der russischen Juden zum modernen Deutschland.

„Russische Juden“ – ein widersprüchlicher Begriff

In der Sowjetunion waren die Juden mit der russischen Kultur vertraut, ihre Muttersprache war Russisch, – und trotzdem gehörten sie nicht ganz dazu.1 Ich erinnere mich gut an eine Episode in der fünften Klasse: Weil die Lehrerin sich verspätet hatte, gelangte das Klassenbuch in die Hände meiner Schulkameraden. Auf der Klassenliste war neben jedem Namen die Nationalität notiert. Ein Schüler las vor: Russe, Russin, Ukrainer, Ukrainerin und so weiter. Neben meinem Namen stand „Jüdin“. In der Klasse herrschte absolute  Stille. Ich spürte die Spannung, ich wusste nicht, was in der nächsten Sekunde passieren würde. Ich fühlte eine fremde Welt, der ich nicht angehörte. Ich wusste: Es gibt mich und es gibt sie. Es gibt etwas, das mich von  den anderen unterscheidet. Was es bedeutet, Jüdin zu sein, wusste ich nicht.  Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, anders zu sein. Denn auch als ich  nach Deutschland kam, hat sich daran kaum etwas geändert. Auch hier gehörte  ich nicht zur Mehrheit. Aber es kränkte mich nicht mehr.

In der Sowjetunion bezeichnete das Wort „Jude“ nicht die religiöse, sondern die nationale Zugehörigkeit. Die meisten Juden kannten sich in Religionsangelegenheiten überhaupt nicht aus. Die Regierung wollte ein sowjetisches  Volk, in dem die kommunistische Ideologie jede Religion ersetzte. So wurden wir der eigenen jüdischen Tradition entfremdet. Das Wort  „Jude“ war nur noch ein Schimpfwort – Ausdruck der vielen negativen Eigenschaften, die den Juden zugeschrieben werden. Antisemitismus war eine  alltägliche Erscheinung und Teil der Politik. Klauseln legten sogar fest, wie viele jüdische Abiturienten an Hochschulen oder Universitäten aufgenommen  werden durften.

Es gab nur ganz wenige, die den Satz „Ich bin ein Jude“ mit erhobenem  Kopf aussprachen. Es bedurfte großen Mutes, und den hatte nicht jeder. Die Jungen in den Arbeitervierteln hatten es noch schwerer als die Mädchen. Man musste darauf gefasst sein, verspottet oder gar geschlagen zu werden. Trotzdem haben sich die meisten Juden in der ehemaligen UdSSR als Teil  der Gesellschaft verstanden. Nicht einmal im Traum hätte man sich vor 25  Jahren vorstellen können, einmal nach Deutschland auszuwandern.

Vielen russischen Juden fiel diese Entscheidung nicht leicht. Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Heimat heilig ist und dass nur ein Verräter sie freiwillig verlässt. Außerdem war, laut sowjetischer Ideologie, Deutschland noch immer dem Nazi-Regime gleichgesetzt, das deutsche Volk ein Feind-Volk. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir noch ganz von den negativen Bildern, die wir aus dem Fernsehen und dem  Kino kannten, geprägt. In der deutschen Sprache, so hatten wir es gelernt, hörten wir die Sprache der SS-Offiziere nachklingen. Zwar kannten und schätzten wir Bach und Beethoven, Kant und Feuerbach, Schiller und Goethe,  aber die Bilder von der Vernichtung der Juden, die Erzählungen der Bekannten oder Verwandten über das, was während des Krieges geschah, wirkten viel stärker.

In den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich auch in der UdSSR etwas geändert. Zum ersten Mal hörte man von den Verbrechen Stalins und seiner Mittäter. Es war eine Zeit des „Neu-Überdenkens“: der  Geschichte des eigenen Landes, oft auch der Geschichte der eigenen Familie.  Wir Juden bekamen wieder zu spüren, dass die sogenannte „Völkerfreundschaft“  (aus dem Kehrvers der russischen Nationalhymne) nur sowjetische Propaganda war. Die Organisation „Die Erinnerung“ verbreitete wieder antisemitische Flugblätter und bedrohte mit ihren Aktionen das Leben  vieler Juden, vor allem in Moskau und Sankt Petersburg. Auch in meiner Heimatstadt Charkow in der Ukraine gab es Gerüchte von einem bevorstehenden Pogrom. Ich werde nie vergessen, wie die beste Freundin meiner Mutter anrief und sagte: „Ihr könnt zu uns kommen. Wir haben einen großen Keller und werden euch verstecken. Ich werde es nicht zulassen, dass euch etwas zustößt.“

Die Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern, fiel niemandem  leicht. Ehen zerbrachen, wenn einer der Partner mit der Emigration nicht einverstanden war oder den Anforderungen des Lebens im neuen Land nicht gerecht werden konnte. Es war nicht leicht, sich vom seinem Umfeld zu trennen, von Arbeitskollegen, Verwandten, Freunden, von bekannten Straßen und von geliebten Gegenständen, mit denen viele persönliche Erinnerungen verbunden waren, und sich in die Ungewissheit der Fremde zu begeben. Am schwierigsten war es für jene, die ihre Kinder oder Eltern zurücklassen mussten. Jugendliche und Menschen mittleren Alters wussten  sich in dem neuen Umfeld eher zu behaupten. Am schwierigsten war es für die, die nur schwer eine Arbeitsstelle finden konnten. Diese Situation führte nicht selten in die Depression, wie das Gedicht einer 28-Jährigen zeigt:

„[...] Wer wird meine Seele retten? Wer gibt mir Kraft zu handeln?
Einen Tag, noch einen, noch einen, noch einen.
Alles bleibt dort, wo es war.
Kein Impuls, um aufzustehen, kein Impuls, um auszugehen.
Keine Freude, keine Freunde.
Ich habe den Grund unter den Füßen verloren.
Ich habe das Gefühl, mein Leben sei gestohlen.
Und wer ist der Dieb? Natürlich bin ich es selbst. [...].

Am einfachsten war die Anpassung an die neue Lebenssituation für die Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter. Aber auch für viele Jugendliche war der Anfang mit Schwierigkeiten verbunden. Eine Frau, die im  Alter von vierzehn Jahren nach Deutschland kam, hat mir über ihre erste Woche an einer deutschen Schule erzählt: „Alles war mir fremd, ich konnte  kein Wort verstehen. Die Lehrerin hat es aber zugelassen, dass mein Vater eine Woche lang beim Unterricht dabei sein durfte. Später fühlte ich große Dankbarkeit der Lehrerin gegenüber. Sie hat mir die ersten Schritte in Deutschland erleichtert.“

Am schwierigsten hatten es die Älteren, vor allem wenn sie einsam waren oder es hier geworden sind. Inwieweit man sich im neuen Land einleben konnte, hing von vielen Faktoren ab: vom Schulabschluss und von der Ausbildung;  davon, ob die Entscheidung von der Person selbst getroffen wurde oder ob sie nur „mitkam“, um sich nicht von der Familie trennen zu müssen; von der persönlichen inneren Motivation, sich den neuen Herausforderungen  zu stellen, und von vielen anderen Faktoren.

Dass der Erfolg von der persönlichen inneren Einstellung jedes Einzelnen abhängt, hat der russische Schriftsteller Anatolij Rybakov in seinem hervorragendem Roman „Der schwere Sand“ beschrieben:  „Die Situationen, in die wir gelangen, sind oft nicht von uns gewählt, aber  wie wir diese Situationen meistern, hängt ausschließlich von uns ab.“ Aber Integration ist auch von der Gesellschaft abhängig, von ihrer Bereitschaft, sich dem Dialog mit den Einwanderern zu stellen und Probleme gemeinsam zu lösen.

Ich habe einige meiner jüdischen Bekannten gefragt, ob sie sich in Deutschland zuhause oder als Fremde fühlen. Eine Bekannte sagte: „Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich kann nur sagen, dass es für den aktuellen Zeitpunkt eine richtige Entscheidung war, die ich für mein Leben getroffen hatte. Es ist nicht mein Land, es ist mir aber auch nicht fremd.“ Die Kinder und Jugendlichen, die schon viele Jahre in Deutschland leben, sagen, dass sie sich gut eingelebt haben und Deutschland als ihr Land sehen. Auch die Berufstätigen, bei denen die Integration gelungen ist, verstehen sich als ein Teil der deutschen Gesellschaft. Ob man mehr russischoder  deutschsprechende Freunde hat, ist unterschiedlich, ebenso die Frage, ob man sich politisch mehr über die Situation in Deutschland oder in den  GUS-Staaten informiert. Viele interessieren sich für die deutsche Kultur und Geschichte.

Diejenigen, die Deutsch lesen, entdecken dabei Persönlichkeiten, auf die Deutschland stolz sein kann, wie z. B. Nikolaus Groß, Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl, Beate Klarsfeld und viele andere. Sie erfahren auch Neues über die reiche jüdische Kulturgeschichte in Deutschland, die mit  Namen wie z. B. Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel, Else Lasker-Schüler oder Frida Levi verbunden ist; sie lernen die Geschichte großer jüdischer Familien kennen und empfinden sich als Nachfolger jüdischer Menschen,  die sich im Austausch mit den Intellektuellen ihrer Zeit befanden. Dann kommt ihnen das Land auch viel näher. Jene, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, verkehren zwangsläufig nur in russischen Kreisen und haben nur wenig Kontakte mit den Einheimischen. Ältere Einwanderer, die ich befragt habe, ob sie die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen,  als die richtige betrachten, sagen ganz klar: „Wenn ich nicht gekommen  wäre, wer weiß, ob ich noch am Leben wäre.“ Es gibt aber auch diejenigen, die sich einsam fühlen und keinen Gebrauch machen können von dem, was  den anderen hilfreich zur Verfügung steht.

Die Bedeutung unseres Dialogs mit anderen Religionen

Zum Dialog gehören immer zwei Partner. In unserem Fall ist es die Mehrheit, die uns aufnimmt, und wir, eine Minderheit, die sich in die neue Gesellschaft zu integrieren sucht. Je mehr beide Seiten an einer erfolgreichen Integration interessiert sind, desto eher kann man ein positives Ergebnis  erwarten. Warum es für die Gesellschaft wichtig ist, glücklich integrierte Nachbarn zu haben, muss nicht erklärt werden. Erreicht werden kann das  nur, wenn jeder seine Religion praktizieren und sich entfalten darf. Für die Einwanderer ist deshalb Dialog wichtig, um akzeptiert zu werden. Assimilation ist keine Lösung.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten die Juden in Deutschland nach dem Prinzip: „Draußen ein Deutscher, zu Hause ein Jude.“ Das hat nicht funktioniert. Auch unter einem Zylinder haben die Christen bei einem Juden immer eine Kippa gesehen. Es hat also keinen Zweck, eine einheitliche Ideologie oder Religion gründen zu wollen. Man muss stattdessen die vorhandene Vielfalt als eine Bereicherung sehen, man muss miteinander über alle aktuellen Probleme der modernen Welt sprechen, seien es städtische Angelegenheiten, der Kampf gegen Terrorismus, Umweltverschmutzung, Gewalt, Armut oder anderes mehr. Es gibt Themen, die allen gemeinsam wichtig sind, auch Vertretern anderer Religionen, seien es Muslime, Buddhisten oder Hinduisten. Aber die religiösen Unterschiede sollen weiterhin bestehen bleiben.

Über Religion zu sprechen, ist für Juden ein sensibles Thema. Hier im Westen ist die Frage, ob man katholisch ist oder evangelisch, fast so harmlos, wie die Frage nach dem Namen. Für uns Juden ist die Frage nach der religiösen  Zugehörigkeit aber nicht so einfach. Als ich vor zehn Jahren – ich lebte  erst seit etwa zwei Jahren in Deutschland – vor einer Klasse auf eine solche  Frage antworten musste, empfand ich sie als einen Eingriff in meine Privatsphäre. Ich wollte nicht öffentlich aussprechen, dass ich Jüdin bin. Heute habe ich kein Problem damit; aber für viele Juden ist die Frage nach der eigenen Identität eine schwierige Frage. Noch schwieriger wird es, wenn man  aus einer gemischten Familie stammt, in der ein Elternteil russisch-orthodox ist. Soll man sich dann als russisch-orthodox verstehen oder als Jude? Oder ist man dann keiner Religion zugehörig?

Der Prozentsatz der in Deutschland lebenden jüdischen Menschen, die die Gesetze der Tora befolgen und aus der UdSSR stammen, ist niedrig. Positiv ist, dass sich vor allem Jugendliche und junge Familien dafür begeistern. Seit 2010 gibt es auch hier in Essen einen Verein, der Familien mit koscherem Essen versorgt, und der die wöchentlichen Schiurim (Tora-Unterricht bei einem Rabbiner) und die Schabbatfeier organisiert. Interesse für die jüdische Tradition ist bei den neuen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden vorhanden. Hier sind in ersten Linie russischsprachige Rabbiner gefragt. Dass an den religiösen Veranstaltungen überwiegend ältere Gemeindemitglieder teilnehmen, ist aber nicht nur ein Problem des Judentums.

Miteinander reden und aufeinander hören, so das Thema dieses Tages, ist  für eine gelungene Integration absolut wichtig. Viel vorsichtiger bin ich mit  der Formulierung „miteinander leben“. In Wirklichkeit leben wir russischen Einwanderer meist in einer kleinen Gruppe von Menschen, die uns  nahe stehen; mit allen anderen bilden wir eher „Parallelgesellschaften“. Auch wir spüren, dass die Zeit, in der wir leben, von zwei Merkmalen besonders  gekennzeichnet ist: von der wachsenden Einsamkeit vieler Mitglieder unserer Gesellschaft und von der Globalisierung. Auch wenn die Individualität jedes Einzelnen groß geschrieben wird, müssen wir die  Anforderungen unserer Zeit gemeinsam meistern. Wir brauchen einander, und je mehr Achtung und Toleranz es in unserer Welt gibt, desto schöner wird unser Leben sein. Vor einigen Monaten hat mir mein Sohn Folgendes  berichtet: Ein Junge aus seiner Klasse hat einen anderen gefragt: „Weißt du, dass Jan ein Jude ist?“ „Nein, das wusste ich nicht“, sagte der andere, „aber es ist cool!“ Diese Antwort gibt mir Hoffnung, dass es in Deutschland für jüdische Kinder eine Zukunft geben wird2, dass sie sich als gleichwertige  Mitglieder der Gesellschaft fühlen werden.

Elina Krass ist Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Essen und jüdische Vorsitzende im Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Essen. Rede (gekürzt und bearbeitet) anlässlich der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit am 14. März  2011 in der Alten Synagoge Essen unter dem Motto Aufeinander hören – miteinander leben.

  1. Zum Thema „Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten“ vgl. Jan Arend, Jüdische Lebensgeschichten  aus der Sowjetunion. Erzählungen von Entfremdung und Rückbesinnung. Lebenswelten osteuropäischer Juden, Bd. 13. Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 2011.
  2. Anm. d. Red.: Der Vortrag von Elina Krass war noch nicht von der „Beschneidungsdebatte“  (vgl. S. 32–41 i. d. Heft, sowie FrRu NF 19[2012]313–316) überschattet.

Jahrgang 20 / 2013 Heft 1 S. 42−47.


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