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Gertrud Luckner
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Prof. Dr. Karl S. Bader

Gruß- und Gedenkworte für Gertrud Luckner zum 60. Geburtstag

In testimonium caritatis

Seit Wochen, da Freunde und Mitarbeiter von Gertrud Luckner mich baten, von ihrer Betreuungsarbeit aus eigenem Wissen zu erzählen, zermartere ich mir den Kopf mit der Frage: Wann sind wir uns eigentlich zuerst begegnet? Beim besten Willen: ich vermag mich an Tag und Stunde nicht zu erinnern. Sie verlieren sich im Dschungel jener Jahre, da man wie im Irrenhaus lebte und zeitweilig sich fragte, wer nun eigentlich irr sei – alle die anderen oder am Ende doch wohl man selbst?

Im Dschungel jener Zeit, in der man sein eigenes Ich nicht zeigen durfte und immer in Gefahr stand, es in Gespräch und Haltung doch durchschimmern zu lassen; einer Zeit, in der man am besten tat, überall und nirgends zu sein oder doch immer an zwei Orten zu sein, um der immer bedrohlicher werdenden Gefahr unausweichlichen Mitmachenmüssens halbwegs zu entgehen. Da verlieren sich leicht die feineren Konturen zeitlicher Differenzierung: war es da, war es ein andermal, gestern oder vorgestern?

Als Jurist neigt man dazu, wenn die Erinnerung sich trübt, die Akten zu befragen. Irgendwo, in irgendeinem Speicherraum des Freiburger Justizgebäudes, liegen vielleicht noch die 1945 dorthin verbrachten Aktenreste des Büros der Herren „Dr. K. S. Bader, Dr. Hans Eisele, Rechtsanwälte“. Hans Eisele, mein junger Sozius und Mitarbeiter, der dem Regime nie auch nur den kleinsten Tribut zollte, verlor in dem von diesem Regime angezettelten Krieg sein Leben. Ihn kann ich nicht mehr fragen.

Aber auch die besagten Akten werden von der ersten Begegnung mit Gertrud Luckner nichts berichten. Denn das, was wir miteinander besprachen, lieferte man nicht den Akten und der Möglichkeit der Kundbarmachung aus. Und selbst wenn es Akten gäbe, in denen unter versachlichenden Schnörkeln etwas von jenen Dingen stünde: ich würde sie nicht befragen, weil ich sie nicht mehr verstünde.

Das ist ja eines der Stigmata jener Zeit und ein fortdauerndes Unheil jener Jahre, dass man weder sie noch sich selbst mehr richtig versteht, weil man sich in der allgemeinen Verlogenheit selbst täglich und stündlich zu verleugnen hatte. Und wenn man dies bedenkt, begreift man, wie schwer es die Zeitgenossen und wie schwer es erst recht die Historiker haben, aus überkommenen Papieren etwas zu erfahren, „wie es gewesen“. Hier versagt selbst ein Rankesches Genie; die Deutung muss nach dem erfolgen, was nicht geschrieben steht.#

Die Umgebung aber, in der ich Gertrud Luckner traf, an sie erinnere ich mich allerdings lebhaft. An das bescheidene Büro des Rechtsanwalts Dr. Bader, Kaiser- (nein, damals hieß es: Adolf-Hitler-) Straße 239 am Martinstor, in das man von der Sackgasse her über eine Art Hintertreppe kam. Lage und Größe waren unwichtig, wichtig nur, dass dieses Büro zwei Doppeltüren hatte, die jeweils innere gepolstert. Solche Doppeltüren zeigten in jenen Tagen eine merkwürdige Gemeinsamkeit, gleich ob dahinter ein Arzt, Rechtsanwalt oder Makler hauste: sie erlaubten die Rückkehr zum eigentlichen Ich.

Viele haben jenen kleinen Raum in jenen Jahren betreten, „Arier“ und „Nichtarier“, „nichtarisch Versippte“ und wie die rassischen Kategorien sonst noch hießen, und immer wieder geschah dasselbe. Kaum war die Doppeltür zum Vorzimmer, wo die brave, ahnungslose (oder nichts ahnen wollende) Sekretärin saß, geschlossen, kam das Innere des Besuchers zum Vorschein. Es war wie eine Art geistigen Erbrechens. Zuerst ein Blick nach dem Telefon (in besonderen Fällen bei überdurchschnittlich Ängstlichen, kam sicherheitshalber die Haube darüber) und nach dem hermetisch geschlossenen Fenster – dann ging es los.

Zurückhaltend in den ersten Sätzen, dann wie ein Sturzbach hervorquellend, ein Gemisch aus Empörung, Ekel und Scham, das Sichauflehnen gegen Gewalt und Unrecht, gegen Doppelzüngigkeit und offene Schamlosigkeit, die da draußen, jenseits der Doppeltüren, herrschten. Der Dauerbewohner besagten Büros, dessen gewohnt und bis zum Ende der Prozedur weiter an der Zigarre rauchend, musste warten, bis der Anfall vorüber war. Dann konnte man darüber reden, wie man „Denen“ auf ungefährliche oder doch nicht allzu riskante Weise ein Schnippchen schlagen konnte.

Ich verstehe heute vollkommen, dass Advokaten und alle, die hinter der privaten Doppeltüre saßen, dem Regime zuwider waren und jeder Despotie zuwider sein müssen. Hier hatten sich ja unkontrollierbare Bezirke geistiger Freiheit erhalten, verlorene Inseln allerdings. Ich verstehe es besser als damals, welchem Misstrauen gerade der Rechtsanwalt, „Rechtsvertreter“, wie die Gestapo-Dienststellen, „Rechtswahrer“, wie maliziös-euphemistisch die offizielle Parteisprache ihn nannten, überall begegnete, und ich wundere mich nachträglich, dass man ihm nicht mehr auf den Leib rückte, wie es heutzutage die roten Gewalthaber im Osten tun, auch insoweit von den Nazis profitierend. Ein Misstrauen übrigens nicht nur bei Partei und Polizei, sondern auch im Justizpalast selbst und erst recht im Gerichtssaal, wo man sich, auch außerhalb des Strafprozesses, vorkam wie der Gehilfe des Diebs. Irgendwie folgte aber auch ihm, dem Rechtsanwalt, der Schatten des spürerischen Gestapomannes, den er selbst nicht wahrnehmen, allenfalls ahnen konnte. Erst hinter den Doppeltüren blieb der Schatten zurück, um verärgert durch das Schlüsselloch zu erhaschen ...

Ja, dort und in diesem Milieu traf ich erstmals mit Gertrud Luckner zusammen. Sie kam als Helferin in irgendeiner Sache, ich weiß nicht mehr in welcher, jedenfalls nicht in der eigenen. Wann wäre Gertrud Luckner je in eigener Sache und nicht als Helferin gekommen? Es gab da Mittelsleute, deren Namen man nur zu nennen brauchte, um Vertrauen zu schaffen, und dieses Vertrauen war schon da, als wir zu sprechen begannen. Ohne dieses Vertrauen wäre sie auch gar nicht erst in mein Büro gekommen, und wir wären seitdem, in mehr als zwanzig Jahren, nicht miteinander in Verbindung geblieben ohne jenes Vertrauen, das auf dem Willen beruhte, in diesem Zustand der Dauerüberschwemmung noch einiges zu retten und einigen zu helfen. Einigen – einigen wenigen jener Geschmähten und Verfemten, die in jenen Tagen in geheimnisvolle Weite mit dem klaren Endziel der Ausrottung gebracht werden sollten und denn auch gebracht wurden.

Wir standen, das war Gertrud Luckner ebenso klar wie mir, auf verlorenem Posten, und unsere Insel würde, das wussten wir genau, über kurz oder lang überschwemmt werden. Aber wir waren, vorerst wenigstens, willens, zum Nachbarinselchen zu schwimmen und vielleicht auch noch einem der dem Ertrinken Nahen einen Rettungsring zuzuwerfen – zum Weiterschwimmen von Insel zu Insel.

Sicher weiß Gertrud Luckner heute noch besser als ich, was wir damals und dann zu vielen Malen besprachen, um was es im Einzelnen ging. Ich muss bekennen, dass ich ein schlechtes Gedächtnis habe, am meisten für Namen. Aber darauf kommt es ja heute auch nicht an. Und es ist auch nicht verwunderlich, wenn man Daten und Namen durcheinander wirft. Denn es reihte sich ein Unheil an das andere.

In Freiburg zündeten sie wie anderswo die Synagoge an – „sie“: natürlich nicht die unübertreffbar sogenannten „Freiburger Boppele“, sondern ein paar gemietete und in der Nacht herangeschleppte Subjekte, denen wir dann nach 1945 vergeblich nachspürten. Ich habe das Bild des Freiburger Synagogenbrandes noch deutlich vor mir. Auf dem morgendlichen Weg von der Wohnung zum Büro kam ich über den Holzmarkt, verspürte Brandgeruch, fuhr weiter und vermied den Umweg über die Universität, den ich zunächst instinktiv einschlagen wollte. Im Büro die unsicher klingende Stimme der Sekretärin: „Man hat die Synagoge angezündet.“ Hinter der Unsicherheit verbarg sich Scham. Ich weiß noch genau, dass ich keine Antwort darauf gab. Spontane Empörung des Volkes? In Freiburg so spontan, dass mir zur Mittagszeit der gute Gastwirt Hödle, bei dem Ricarda Huch und andere, auch Juden, zeitweise Unterschlupf fanden, in aller Treuherzigkeit zuraunen konnte, es seien am Ende doch wahrscheinlich die Juden selbst gewesen ...

Unterdessen wurden dann, und in meinem chronologischen Bewusstsein herrscht einiges Durcheinander über das, was alles unterdessen geschah, die badischen Juden nach dem Pyrenäenlager verbracht, unter ihnen die tapfere und immerzu fröhliche Erika Sinauer, deren alte Mutter, nicht transportfähig zurückgelassen, mir schluchzend auf der Straße berichtete, wie es zugegangen. Unterdessen verschwanden die wenigen und letzten der noch Zurückgelassenen, tauchten unter oder wurden nachgeschickt.

Und unterdessen war ja der Krieg ausgebrochen, dieser verbrecherisch vom Zaun gebrochene Krieg, und schlagartig entvölkerte sich Freiburg, dem, in solcher Nähe der Grenze, wider alles Erwarten nichts geschah. Langsam kamen die ängstlich gewordenen Mitbürger zurück, soweit man sie nicht gleich „zu den Waffen“ holte. Mit knapper Not entging ich der Einziehung – nicht zu den Waffen übrigens, sondern zur Schaufel, zur Schanzarbeit im Westwall. Es gab auch danach noch Gnadenfristen für den bald vierzigjährigen Ungedienten; sie wurden nicht in Freiburg ausgehandelt, sondern in Donaueschingen, ich komme darauf zurück.

Aber der Kreis wurde enger und enger; als Mann in mittleren Jahren fiel man im Straßenbild schon auf und wurde von dem und jenem, ich weiß sehr wohl von wem, darob schief angesehen. Immerhin – unterdessen war mein Auto zur Wehrmacht eingezogen worden – das Auto, in das man die allergeheimsten Beratungen, auch solche mit Gertrud Luckner, verlegte, wenn selbst die Doppeltür nicht mehr auszureichen schien.

Der Winter des ersten Kriegsjahres verging, tatenlos im Westen; wir hatten so etwas wie Schonzeit. Am Tag des deutschen Einmarsches im Elsass der erste, „kleine Luftangriff“, unschuldige Opfer, vermutlich Opfer eines deutschen Irrtums. Die ersten elsässischen Gefangenen, rauchgeschwärzt, am Wiehrebahnhof. Eben, vor der Abfahrt nach Donaueschingen, sehe ich Gertrud Luckner daherradeln. Wohin? Unterwegs wie immer, von einem zum andern. Ein weiteres, müdes halbes Jahr.

Frankreich ist zusammengebrochen, die tückische Ruhe hebt von Neuem an. Der Klienten werden immer weniger, es lohnt sich kaum, das Büro aufrechtzuerhalten. Aber doch, es lohnt sich. Durch die Kaiserstraße radelt Gertrud Luckner, sieht mich, hält ruckartig an, steigt ab; wir begrüßen uns, wobei sie mit unvergesslicher Bewegung den Kopf leicht wendet, um nach dem schattenhaften Verfolger zu sehen. Verabredung in mein Büro. Nach einigem, etwas unheimlichem Warten kommt sie. Sie habe, meint sie lachend, in der Winkelfahrt durch die Gässchen den Schatten abgehängt. Kein „Fall“ führt sie her, nur eine Lagebesprechung, Wir sind ja schließlich mitten im Krieg.

Mehr und mehr geht es darum, die Verbindung mit den Verschleppten herzustellen. Die Drähte zu ausländischen Hilfsstellen sind weithin zerschnitten, man sollte sie wieder zusammenflicken. In den kontrollierten Briefen der Mittelsleute wird die Geheimsprache so kraus, dass man sie nicht mehr versteht. Es sollte jemand nach Basel fahren. „Gut, ich will es versuchen.“

November 1940. Bei der letzten Musterung ist mir vom Standortältesten, einem Offizier der alten Schule und Freund meines Prinzen, augenzwinkernd ein nochmaliger kurzer Aufschub bewilligt worden. Dass meine Archivarbeit in Donaueschingen kriegswichtig sei, konnte er kaum glauben; ich glaubte es selbst nicht und erst recht nicht die anderen. Die Ausrede ist nach einigem Überlegen zur Hand.

In Blumberg, im Randen nahe der Schweizer Grenze, läuft das Dogger-Erzbergwerk, gänzlich unrentabel zwar, aber vorerst unentbehrlich, auf hohen Touren. Man sucht nach neuen Schürfstätten. Vielleicht können die alten Akten im nahen Schaffhausen Aufschluss geben. Passbüro und Wehrmachtkontrolle gehen darauf ein. Noch fehlt aber das Visum der Schweiz. Der schweizerische Generalkonsul in Mannheim, der mich von vielen Verteidigungen seiner in Grenz- und Devisenhändel verwickelten Landsleute her kennt, ruft nach Eingang meines Antrages selbst an: „Das ist aber etwas ganz anderes als das, was Sie sonst in die Schweiz geführt hat, Herr Doktor!“ Aber er versteht das leise Räuspern; am nächsten Tag ist das Visum da.

Über Basel und Zürich, nicht eben auf dem nächsten Weg, nach Schaffhausen. In Basel Konferenz mit dem Methodistenprediger, bei dem allerlei Verbindungsfäden mit überseeischen Hilfsstellen zusammenlaufen. Vorerst verständliches Misstrauen; die Karte mit dem Namenszug von Gertrud Luckner verscheucht es. Die Nachrichten sind überbracht, wir selbst erfahren einiges, was sich als nützlich erweisen kann. In Zürich Besprechungen mit den alten Freunden. Man lebt in großer Sorge, ob die Schweiz doch noch angegriffen werde.

Freund A. M., wie immer unvergleichlich unterrichtet, gibt Ratschläge mit und empfängt Bericht von dem, was wir über die Vernichtung der Geisteskranken wissen und über die mutige Haltung des Episkopats. Ein Rechtsanwaltskollege besorgt Briefe an die Künssberg-Kinder, die, in alle Welt zerstreut, auf Nachricht von der verfolgten Mutter, der Witwe Eberhard v. Künssbergs, warten. Sie hat vorübergehend Unterschlupf in unserem Dachstübchen in Freiburg-Littenweiler gefunden. Das Geschäft in Schaffhausen ist in zehn Minuten erledigt.

Natürlich hat das Staatsarchiv keine brauchbaren Akten. Der gute Staatsarchivar Dr. Werner braucht sich also nicht viel Mühe zu geben, ihm kann man übrigens auch sagen, was Wahrheit und was Ausrede ist. Zum letzten Mal für viele Jahre passiere ich die vertraute Grenzstelle, an der mich jetzt SS-Leute kritisch mustern, und sage dem Eiland des wehrbereiten Friedens Valet. Vielleicht für immer?

Gertrud Luckner kommt in diesen Tagen, um zu erfahren, wie es in Basel gegangen, ist beglückt über die Nachrichten, aber tief beunruhigt zugleich über die hier sich rasch verschlimmernde Lage. Schweigend, nur leise nickend, nimmt sie zur Kenntnis, dass ich demnächst den grauen Rock anziehen müsse, wie es mir der Grandseigneur mit dem feinen Fingerspitzengefühl, mein Gönner Prinz Max zu Fürstenberg, geraten hat: „Jetzt ist es für Sie höchste Zeit, Bader, zu den Soldaten zu gehen!“ Das Archiv wird Joseph Wohleb, der Bruder Leos, des späteren badischen Staatspräsidenten, betreuen, die Anwaltskanzlei wird geschlossen.

Wir treffen uns noch einige Male, Gertrud Luckner und ich, bevor ich in den ersten Februartagen 1941 im Freiburger Kornhaus, mit einigen Hundert anderen Bedrückten, in der unbekannten und ins Unbestimmte führenden Welt des Soldaten untertauche.

Was danach geschah, weiß ich, soweit es nicht mich selbst angeht, nur vom Hörensagen, das meiste von Gertrud Luckner selbst, einiges aus Akten der Gestapo, die ich als späterer Generalstaatsanwalt zu sehen bekam. Um jene Zeit hatte man das Netz längst über Gertrud Luckner ausgebreitet und war bereit, es zusammenzuziehen; und sie wusste es. Sie wusste es und ging tapfer, Tag für Tag, weiter von einem zum andern, um dort zu helfen, wo vielleicht noch zu helfen war.

Als man sie eines Tages holte, blieb ihr keine Zeit, ihr Notizbüchlein zu beseitigen. Es stand wohl nicht viel drin, denn es gab wahrlich wenig zu schreiben. Unter einigen Adressen stand aber auch, ohne näheren Zusatz, der Name „Bader“. Man wusste, sagte mir lange danach einer meiner ehemaligen Beamten der Freiburger Kriminalpolizei, genau, wer das war. Aus unerfindlichen Gründen forschte man nicht weiter nach. Der Rechtsanwalt Bader, über den man seit dem Prozess gegen das jüdische Ehepaar Rabinovitsch und seit der „Stürmer“-Hetze, die das Verfahren entfachte, Akten führte, war ja bei den Soldaten. Und während ich auf einem braungelben Kasernenhof Gewehrgriffe erlernte und von den Unteroffizieren als „taube Nuss“ betitelt wurde, holten sie die Häscher.

1943 kehrte ich zu einer in Freiburg stationierten militärischen Einheit in das „Heimatkriegsgebiet“ zurück. Alles verlor sich im einheitlichen Grau. Die Kontakte schwanden bis zu völliger Erstarrung. Es fehlten so viele, dass man das Fehlen des Einzelnen überhaupt nicht mehr registrierte. „Wo, Freunde, seid ihr denn geblieben?“ Irgend jemand raunte mir zu, Gertrud Luckner sei verschwunden. Ich glaubte sie längst tot, als das alte Freiburg am 27. November 1944 in Schutt und Asche ging und plötzlich weitere Tausende fehlten. Ich glaubte dann meine eigene Familie verdorben, als ich im Juli 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft nach Freiburg zurückkehrte: „Und sieh: ihm fehlt kein teures Haupt.“ Im Gegenteil, es war noch ein kleines Häuptlein, unser Sohn, hinzugekommen.

Drei Tage nach der Heimkehr in das unversehrte Haus im stillen Littenweiler, wo es noch 1944 in unserer Straße keine Hakenkreuzfahne gegeben hatte und wo man jetzt auch von der Besatzungsmacht wenig verspürte, zog ich in die Diensträume der Staatsanwaltschaft Freiburg, aus denen man mich 1933 mit Schimpf vertrieben hatte, als „kommissarischer Oberstaatsanwalt“ ein. Aus dem Dschungel der Nazizeit war der totale Ruin emporgewuchert. Gut, dass man keine Muße zu Überlegungen hatte und auch gar nicht nach der eigenen Meinung gefragt wurde. Nun galt es einfach zuzugreifen, um, ganz von unten her, wieder anzufangen.

Eines Tages, als ich durch die Falkensteinstraße ging und unvermittelt auf ein weibliches Wesen stieß, das die Züge von Gertrud Luckner trug, hielt ich an, wischte mir die Augen. Ja, sie war es! Wir fielen uns, nicht ganz wörtlich zu nehmen, in die Arme. In fünf Minuten war erzählt, was zu erzählen war. Im Grunde nur: „Wir sind noch einmal davongekommen!“

Hier Konzentrationslager mit der unvorstellbaren Entwürdigung des Menschen; dort sinnloser Rückmarsch bis ins hinterste Bayern, Gefangenschaft nach schon beendetem und verlorenem Krieg. Und rings herum die Ruinen: die Ruinen der Häuser, Menschen und Institutionen. Wichtiger die zweite Frage nach dem „Was nun?“ Mit heiterem Staunen vernahmen wir beide, tot oder verschollen geglaubt, voneinander, wo wir gelandet waren.

Nun, Justizgebäude und Werthmannhaus liegen in Freiburg i. Br. nicht weit voneinander. Die Doppeltüren waren nicht mehr nötig. Aber sonst tat vieles, alles sozusagen, not. Die Not des Alltags verbot ein Programm. „Man hilft, wo man helfen kann!“, eine typische Luckner-Feststellung. Nur gab es so viele die Hilfe nötig hatten, und so wenige, die helfen konnten!

Wieder radelte Gertrud Luckner von einem zum andern. Einmal lud ich sie samt ihrem Fahrrad in mein „Dienstauto“, ein verbogenes Vorkriegsmodell mit ständig platzenden Reifen; der des Wegs kommende Polizist wollte das „ordnungswidrige“ Mitführen des Rads verhindern, worauf ich den Herrn Polizeipräsidenten vom Generalstaatsanwalt grüßen ließ. Verdutzt stand der Hüter des Gesetzes da; ich brachte die der Erschöpfung nahe Radfahrerin nach Hause.

Es ging langsam, langsam voran. Im Werthmannhaus baute Gertrud Luckner, tatkräftig von den Freunden in- und außerhalb des Caritasverbandes unterstützt, die Verfolgtenfürsorge auf. Zunächst ging es um Hilfe für die wenigen, meist uralten jüdischen Menschen, die übrig geblieben waren. Dann immer weitere Kreise der Verfolgten, Juden und Christen. Niemand, der in echter Not war, sollte ohne Hilfe bleiben.

Nach langen Gesprächen mit Gertrud Luckner wurde das schwierige und heikle Problem der kriminellen KZ-Insassen aufgegriffen. Sollte man sie von Hilfe ausschließen, sich selbst überlassen und von Neuem auf die schiefe Bahn gelangen lassen? Die damals in Freiburg erscheinende „Gegenwart“ öffnete, nicht ganz ohne Bedenken, dafür ihre Spalten.

Der Artikel, öfters nachgedruckt, brachte dem Freiburger Generalstaatsanwalt überwiegend Kopfschütteln, auch bei den Kollegen, sogar anonyme Beschimpfungen und Drohungen ein. Aber er wirkte, wenn auch leider mehr bei den Hilfsstellen als bei denen, für die Hilfe gefordert wurde. Viele von ihnen sind nicht mehr straffällig geworden, ergriffen die helfende Hand und ließen sich einordnen. Aber viele auch setzten die Hilfe auf dem Schwarzen Markt um, und mehr als einer landete wieder im Gefängnis oder Zuchthaus.

Während ich so und bei der alltäglichen Justizarbeit, zusammen mit dem Freunde Paul Zürcher und einem Häuflein von politisch Unbescholtenen, versuchte, zu einem bescheidenen Teil aus den Trümmern des Rechtsstaates, den die Nationalsozialisten zugrunde gerichtet hatten, das Brauchbare herauszuziehen und durch Neuzutaten zu reparieren, ging nebenan im Werthmannhaus Gertrud Luckner den Weg des Samaritertums.

Fäden in alle Welt wurden gesponnen; von überall her meldeten sich die Vertriebenem, aus Amerika, Australien, vor allem aber aus Israel. Eine der ersten und gewichtigsten Fürsprecherinnen Deutschlands in dem zum Staat erwachsenden jüdischen Teil Palästinas wurde zu einer Zeit, da der begreifliche Hass erst recht emporzüngelte, Gertrud Luckner, deren Taten und Schicksal unantastbar machten.

Und während die alsbald zum Bürokratenkrieg erstarrende Entnazifizierung ihr Wesen oder Unwesen trieb, Schuldige und Mitläufer sich im Sturm auf die Entlastungszeugnisse, die bald sogenannten „Persilscheine“, den Rang abliefen, knüpfte Gertrud Luckner überall dort an, wo sie einst geholfen hatte. Die Verfolgten von gestern wurden unter ihren Händen zu Helfern, zu Helfern selbst für ehemalige Verfolger.

Nicht alles allerdings konnte einfach abgetan und vergessen sein. Neben den Kampf gegen das sich versteckende Nichts-davon-wissen-Wollen und Nichts-mehr-davon-hören-Wollen musste die Abwehr bösartigen Aufflackerns treten. Neuen Verunglimpfungen, auch von behördlicher Seite, galt es vorzubeugen. Wo sich Schwerbelastete in Wort und Schrift erneut hervorwagten, musste ein Veto eingelegt werden. Nicht selten mussten Gertrud Luckner und ihr Kreis sich zum Wortführer berechtigten Protestes machen. Auch zwischen den verschiedenen Schichten und Lagern der Verfolgten selbst fehlte es an Verständnis, kam es zu Ausbrüchen von Hass, Neid und Missgunst.

Solche und manche andere bittere Erfahrungen führten dazu, dass sich um Gertrud Luckner ein Kreis bildete, der neben der Förderung der entwurzelten Verfolgten und neben der Wiedergutmachung erlittenen Unrechts vor allem dem zwischenmenschlichen Verständnis, der „Freundschaft zwischen dem Alten und dem Neuen Gottesvolk im Geiste beider Testamente“ dienen wollte.

Zum Sprachrohr all dieser Anliegen wurde der „Freiburger Rundbrief“. Unzählige Ansätze und Vorstöße waren notwendig, bis er in seiner späteren und heutigen Form zustande kam. Als besonders wichtig erwies sich die Verbindung, die Gertrud Luckner zu Karl Thieme aufnahm. Und schließlich galt es, Beziehungen mit Institutionen ähnlicher Richtung anzuknüpfen und den besonderen Charakter des Freiburger Kreises darin zu bestimmen.

Neben den als Herausgeber und Mitarbeiter des „Freiburger Rundbriefs“ Zeichnenden wären als ständige treue Berater andere Mithelfer zu nennen: unter den Heimgegangenen etwa der körperlich hinfällige, aber geistig regsame Reichsgerichtsrat a. D. Kurt Citron und Bundesminister a. D. Hans Lukaschek, unter den weiter in gleichem und verwandtem Sinne Wirkenden vor allem Prof. Franz Böhm und Rechtsanwalt Otto Küster. Es gehört zu meinen schönsten Erinnerungen an die überwiegend böse Zeit dieser Nachkriegsjahre, dass ich Gertrud Luckner zu Kongressen, die der Orientierung dienten, und zu Besprechungen mit den genannten und anderen Persönlichkeiten begleiten, gelegentlich auch sie vertreten durfte.

Damit sind wir aber aus dem Niemandsland der Verfolgungs- und ersten Nachkriegsjahre in die aktenmäßig und durch andere Zeugnisse belegbare Epoche gelangt, die hier, in dieser Erinnerungsskizze, keiner retrospektiven Erhellung bedarf. Wer erfassen und erfahren will, was Gertrud Luckner in diesen Jahren geleistet und ihrem durch Lagerhaft und Entbehrungen geschwächten körperlichen Kräften abgetrotzt hat, kann sich an die nun schon stattliche Reihe der „Rundbriefe“ halten. Eine Gesamtwürdigung wird übrigens erst aus größerer zeitlicher Distanz möglich sein.

Hier, wo es um die Erinnerung an die dunklen Jahre geht, möchte ich mich mit wenigen zusätzlichen persönlichen Mitteilungen begnügen, notwendig und erwünscht vielleicht in einer Umwelt, die dank dem raschen, vielleicht allzu raschen Aufschwung und beängstigend raschen Wachsen des äußeren Wohlstandes nicht mehr weiß oder wissen will, wie es damals, in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch, zugegangen.

Zur Aufräumungsarbeit gehörte auch die Feststellung der Umstände, die zu Gertrud Luckners Verhaftung geführt hatten. Dafür hatte sich nach seiner Auffassung auch der Freiburger Generalstaatsanwalt, obwohl er kein eigenes Aktenmaterial besaß, einzusetzen. Nach sorgsamem Vortasten fuhren denn eines Tages Gertrud Luckner und ich nach Düsseldorf, wo nach unseren Ermittlungen Gestapo-Akten aufgetaucht waren, die nicht in die allzu sorglose Aktenmühle der Alliierten gelangt waren.

Die Schilderung dieser Reise schon in ihrem äußeren Ablauf würde die Feder eines erfahrenen Essayisten erfordern: sie war vom Elend der Bahnhöfe, Straßen und Züge begleitet. Es ging, im Jahre 1947, nicht ab ohne Hunger und Durst, primitive Unterkunft, nicht ab aber auch ohne Enttäuschungen und gerechten Zorn.

Die Akten wurden zwar leicht gefunden und vom Düsseldorfer Generalstaatsanwalt, einem wohlmeinenden, aber etwas umständlichen älteren Herrn, der mit dem als Ermittler und schließlich als Anzeiger auftretenden Freiburger Kollegen zunächst nicht viel anzufangen wusste, bereitwillig zur Verfügung gestellt.

Der Inhalt war erschütternd; ich habe kaum je anderswo so unmittelbaren Einblick in die von Grund auf verdorbene und verlogene Taktik der Gestapo erhalten. Einiges davon haben wir Seiner Eminenz, Kardinal Frings, der Gertrud Luckner und mir eine Audienz gewährte, berichtet; auch der Kardinal zeigte sich von diesem menschlichen Abgrund beeindruckt. Weniger allerdings die amtlichen, dann mit der weiteren Aufklärung beauftragten Stellen.

Das Verfahren verlief rasch im Sande. Aber das war für uns nicht das Entscheidende. Die Hauptsache war, dass wir nun schwarz auf weiß hatten und an die Nachwelt weitergeben konnten, was in den Jahren 1942/43 zwischen Freiburg und Düsseldorf geschehen war. Immerhin möchte ich eines sagen: wenn ich 1951, als mir der damalige Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen die Stelle des Generalstaatsanwaltes in Düsseldorf anbot, diesem und nicht dem Ruf an eine deutsche Universität gefolgt wäre, hätte ich ganz bestimmt jenes Verfahren erneut aufgegriffen.

Aber lassen wir das! Heute, wo es nicht um Anklage und Urteil, sondern um ein Wort der Erinnerung geht, liegt mir eine andere, ganz persönliche Rückwendung zur Not jener Zelt näher. Wir litten damals in der französischen Zone wirklich Not, am meisten im Jahr 1947, als auch die letzten eigenen Reserven verzehrt waren. Das Amt, das ich bekleidete, verbot alle Bemühungen um illegalen oder halb illegalen Zusatz, und zudem stand ich in einer kaum mehr überbietbaren Aktenfron.

Eines Tages, als ich beinahe glaubte, mit meinen körperlichen Kräften am Ende zu sein, rief mich Gertrud Luckner ins Werthmannhaus und überreichte mir mit der fast kindhaften Freude, die ihr Geben und Helfen immer begleitet, ein inhaltsschweres Liebesgabenpaket – die erste und einzige von ausländischen Freunden stammende materielle Hilfeleistung, die ich in jenen Notzeiten erhalten habe. Wichtiger als die wertvolle Gabe selbst aber war, wie sie gereicht wurde. Gertrud Luckners Freude am Helfen wird mir ebenso unvergesslich sein, wie die tiefe Bewegung meiner Frau und der laute Jubel der Kinder.

Und wirklich: es kommt eben nicht nur darauf an, dass geholfen, sondern immer auch darauf, wie geholfen wird. Der benefactores generis humani gibt es auch heute viele. Aber Wohltaten zu erweisen ist auch eine Kunst. Unsere tapfere Gertrud Luckner versteht sie. Die franziskanische Freude am Helfen und Geben, die unbezwingbare Heiterkeit, die sie in tiefsten eigenen Nöten bewahrte, die nie versiegende Tatbereitschaft haben, so scheint mir, ihren Grund letztlich in Gertrud Luckners Menschenbild, das im Menschen auch in der tiefsten Erniedrigung das Ebenbild Gottes sieht. Ihre humanitas ist nicht die Gabe der ratio, sondern die Frucht der fides, der alle echte caritas entspringt. Und so wollen denn auch diese Zeilen verstanden werden, die Gertrud Luckner, ihr, die ihr ganzes Sein und Selbst in den Dienst der Caritas gestellt hat, gewidmet sind: in testimonium caritatis.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 29–33


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