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Prof. Dr. Otto Michel

Der Stand des Gespräches zwischen Christen und Juden

In evangelischer Sicht

1. Wenn das Lukasevangelium berichtet, dass Jesus am Synagogengottesdienst teilnahm und die Prophetenlektion vorlas, dann dachte es nicht daran, dass Jesus den Gottesdienst gefährden oder gar stören wollte, sondern es glaubte an einen inneren Zusammenhang zwischen der Geschichte, der Tradition, dem Glauben des Judentums und der Verkündigung Jesu (Lk 4,16–30). Der „Geist Gottes“ gewährleistete eine echte Kontinuität zwischen dem Alten und Neuen Bund, und Frage hinter dem nun sich abspielenden Geschehen.

Wenn ganz entsprechend Paulus auf seinen Missionsreisen mit großer Regelmäßigkeit den Synagogengottesdienst besucht, dann steht er im Dienst der urchristlichen Verkündigung, aber der Bericht ist doch nicht so gemeint, als sei der Besuch in der Synagoge lediglich ein Anknüpfungspunkt für die Mission (Apg 13,14; 16,13; 17,2. 10. 17). Es geht wirklich um das Schicksal Israels selbst in diesen Ereignissen, und sie werden tatsächlich zu dramatischen Entscheidungen der Geschichte.

Das Gespräch mit Israel wird in der Zeit der Mission und der Gemeindebildung ein sogar den Gottesdienst selbst bestimmendes Geschehen, und es wird zur Grundlage der apostolischen Wirksamkeit. Die Fähigkeit, den Juden ein Jude zu werden und den Menschen unter dem Gesetz das Wort von der messianischen Gebundenheit zu sagen, ist für Paulus ein Stück des Evangeliums selbst (1 Kor 9,19–23). Es handelt sich bei Paulus nicht um einen nicht überwundenen Pharisäismus, sondern um eine Möglichkeit seines apostolischen Auftrags selbst.

2. Das heutige Gespräch mit dem Judentum darf nicht vergessen, dass es trotz aller Gebundenheit an die Schrift an einem ganz anderen Zeitpunkt der Geschichte, an einer für uns nun bedeutsamen Zeitenwende erfolgt. Auch die Traditionen haben ihre weitere Geschichte hinter sich, und die theologische Existenz ist von der Gegenwart geprägt. Wir knüpfen nicht da an, wo der neutestamentliche Weg aufhört, sondern da, wo unsere eigene Vergangenheit zur Gegenwart wird.

Viele Unklarheit würde beseitigt, wenn man sich bewusst würde, dass wir eine ungeheure Geschichte zu verarbeiten haben, die nicht wieder rückgängig gemacht oder vergessen werden kann. Wir können wohl als Christen den Menschen jüdischen Glaubens vorwerfen, dass sie an der Treue zum Gesetz festgehalten haben, aber wir haben auch eine Ahnung davon bekommen, dass diese Treue zum Gesetz diese Geschichte des Judentums aufs Tiefste hat prägen können.

Wir verstehen auch, warum das Judentum auf dem Weg des Gesetzes hat bleiben können, wie auch das Judentum seinerseits immer besser lernen könnte, welch ein Geheimnis auf der messianischen Gebundenheit liegen kann (1 Kor 9,21). Der leidenschaftliche Eifer, der sachliche Widerspruch und die polemische Lästerung, die nach Apg 13,45 aus einer Art „Konkurrenzneid“ erwachsen sein sollen, wie die Kommentare wollen, sind doch weithin einer ernsthaften Verzweiflung an der Geschichte und an allem Menschsein gewichen.

3. Die beiden Wege des Judentums und des Christentums sind heute so weit auseinander getreten, dass man sich in Wahrheit kaum wirklich kennt. Zur Zeit des Neuen Testamentes stand das Christentum weithin unter dem Druck jüdischer Gewalt und Ordnung, aber wir können heute ja nicht vergessen, dass diese Epoche weithin vorbei ist. Die alten urchristlichen Gemeinden sind von umfassenden, weltweiten Kirchen und christlichen Gemeinschaften abgelöst worden, und das Judentum musste sich jahrhundertelang christlichen und islamischen Völkern anpassen, die eine harte Herrschaft ausüben konnten. Schon Paulus konnte ahnend vom Bedränger sagen: „Und ihren Rücken sollst du immerzu beugen“ (Röm 11,10), und dies ist in nicht geringem Maße geschehen.

Wir haben jetzt eine Generation vor uns, die nur wenig von der Geschichte dieser vergangenen Jahrhunderte weiß, die auch kein wirkliches Bild vom lebendigen Judentum hat. Die Kirche hätte eigentlich die Aufgabe, ihre Verkündigung, soweit sie das Judentum betrifft, ernsthaft zu überprüfen und sich selbst im lebendigen Gegenüber, im Gegensatz und Unterschied, in Einheit und Verwandtschaft mit ihm wieder zu erkennen. Die christliche Theologie hat es aber weithin versäumt, den Werdegang der jüdischen Geschichte aufzuarbeiten, sodass die christlichen Gemeinden ein ausreichendes Bild vom lebendigen Judentum hätten gewinnen können.

Man hat auch in weiten Kreisen das Empfinden verloren, von der Geschichte, der Tradition und dem Glauben des Judentums etwas lernen zu können, man bleibt vielmehr bei einem bestimmten Misstrauen stehen, das sich abschließt und abkapselt. Die Fähigkeit, den Juden ein Jude zu werden, d. h. um des Evangeliums willen die messianische Gebundenheit jüdischen Menschen überzeugend deutlich zu machen, geht natürlich ganz verloren, ebenso das Werben um Israel, es sei denn, dass man es auf die Vereine für Judenmission abschiebt. Dass man selbst dadurch ärmer wird, ist die selbstverständliche Folge. Die Aufgaben, die wir nicht erfüllen, sind geistlich gesehen immer verlorenes Kapital.

4. Es ist unsere Aufgabe, vom paulinischen Bild des Ölbaums her zu denken und zu glauben (Röm 11,16 bis 24). Es geht hier um das wahre Israel und das Ausgeklammertsein des nichtglaubenden Judentums sowie das Eingegliedertwerden des Heidenchristentums in den edlen Stamm. Gottes Erwählung und Vollendung sind noch unabgeschlossen und unvollendet und stellen Kirche und Judentum vor eine gerade sie treffende Verantwortung vor der Geschichte, die Härte und Gnade zugleich enthält.

Beide sind gewarnt, Kirche und Judentum, nicht den Zusammenhang mit diesem Ölbaum zu verlieren. Das Besondere am Römerbrief besteht ja gerade darin, dass Härte und Gnade Gottes in einer ständigen Bewegung zueinander sind, also weder voneinander getrennt sind, noch sich gegenseitig ausschließen. Diese ständige Bewegung Gottes trifft das Judentum anders als die Kirche, aber die Kirche wird ebenfalls von ihr erfasst. Dass sie die Aufgabe hat, ihr Begnadetsein auch dem Judentum gegenüber zum Gehör zu bringen, ist in der Gegenwart keineswegs leicht, muss aber auch heute noch erfolgen.

Das begrenzte Ja Gottes zum Heidenchristentum („da auch du sonst abgeschnitten wirst“, Röm 11,22) sollte das christliche Gespräch mit dem Judentum grundlegend bestimmen. Der in theologischen Kreisen immer wieder geführte Kampf gegen den Begriff der „Heilsgeschichte“ trifft dessen romantische und idealistische Fassung, hat aber noch nicht deutlich gemacht, dass er die Kontinuität der christlichen Kirche mit dem wahren Israel wirklich zu erfassen und zu deuten vermag.

5. Durch den Besitz des Alten Testamentes werden wir immer wieder zu Beisassen Israels. Gott spricht im Alten Testament zunächst Israel an, nicht die christliche Kirche. „Tröstet, tröstet mein Volk“ (Jes 40,1) heißt das Gotteswort an Israel, nicht zuerst an die Kirche. Das heilsgeschichtliche „Prae“ der Synagoge will gewahrt werden. Unsere historisch-kritische Schriftforschung zeigt immer wieder auf, wie tief die Zusammenhänge zwischen der Heiligen Schrift und Israel hinabreichen.

esus ist Jude und weiß sich zunächst an Israel gewiesen (Mt 10,5–6). Auch er wahrt das heilsgeschichtliche Prae der Synagoge. Dass wir Heidenchristen Beisassen Israels sind und nicht Räuber, die geistlichen Besitz wegnehmen, sollten wir nicht vergessen. Sonst können wir nicht unser christliches Erbe gegenüber Israel recht verteidigen. Denn wir haben ein Erbe, dessen Verlust Israel arm macht.

Die große Not am Alten Testament, das unter uns nicht genügend gekannt, geschweige denn geliebt wird, ist doch wohl damit zu erklären, dass man in überheblicher Weise den Weg der Geschichte Gottes mit Israel zu überspringen versuchte. Gerade dann, wenn wir Geschichte zu überspringen versuchen, rächt sich dieser Fehler durch Verkümmerung unserer geistlichen Erkenntnis. Gerade dann, wenn wir zugeben, dass das Alte Testament zu Israel gesprochen ist und sich uns erst durch Jesus Christus schenkt und öffnet, können wir auch erkennen, wie und wo es über das Judentum hinausführt und hinausweist. Die Messianität Jesu und die apostolische Botschaft sind eine geschichtliche Erfüllung des Alten Testamentes, allerdings in einer ganz bestimmten Fassung christlichen Glaubens und Denkens. Andere geschichtliche Ausrichtungen sind allerdings möglich gewesen und haben sich auch erhalten.

Im Neuen Testament liegen zudem viele Züge, die in Spannung zum Alten Testament bleiben und das gegenwärtige Gespräch mit dem Judentum zu einem gefährlichen Wagnis werden lassen. Die Begriffe „Verblendung“ und „Verstockung“, sicherlich ganz entscheidende Begriffe in der Botschaft des Römerbriefes, bezeugen den ungeheuren Ernst jeder Glaubensentscheidung, sind aber für jede theologische Abstraktion gefährlich, weil sie rückschlagende Kraft besitzen. Sie stehen zwischen Erwählung und eschatologischem Gericht, bleiben Zeugnis, Feststellung und Warnung zugleich.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 23–24


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