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Gertrud Luckner
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Glaube, Liebe und Hoffnung für Israel

Aus dem Bericht über die Synode der Evangelischen Kirche in Berlin

Aus ,Junge Kirche’ (6/60 Dortmund, Juni 1960) S. 305 ff. bringen wir mit freundlichem Einverständnis der Schriftleitung den folgenden Ausschnitt:

Ohne Anhaltspunkt im Rechenschaftsbericht von Bischof Dibelius, aber auf Grund von Erwägungen im Rat der EKD, legte der Ausschuss der Synode eine Erklärung zur Frage „Antisemitismus“1 vor, die eine sehr lebhafte, gründliche und beachtenswerte Debatte auslöste. Es waren in erster Linie die Mitglieder der Synode Berlin-Brandenburg, die hier einen Rückfall hinter die von ihnen vier Wochen zuvor am gleichen Ort abgegebene Erklärung2 sahen.

Superintendent Rieger nannte den vorgelegten Entwurf blutleer und wenig herzlich. Unter Hinweis auf ein Wort von Hamann, dass die katholische Kirche unsere Mutter, die Synagoge aber unsere Großmutter sei, forderte er, dieses verwandtschaftliche Verhältnis, das uns mit Israel verbindet, stärker zum Ausdruck zu bringen.

Dr. Suchan hielt die Erklärung im ganzen für unannehmbar. Die stereotype Wiederholung von Warnungen habe die gegenteilige Wirkung von dem eigentlich beabsichtigten Zweck. Eine kirchliche Verlautbarung dürfe sich nicht in dem erschöpfen, was alle Welt sagt, sondern müsse die besondere Aufgabe der Christenheit zum Ausdruck bringen.

Beide Sprecher forderten die Synode auf, sich das Brandenburger Wort zu eigen zu machen und an ganz Deutschland zu richten. Welcher Art der Beitrag der christlichen Kirche zur Entstehung der Judenfeindschaft gewesen ist, zeigte Pfarrer Locher auf, der die theologisch völlig unzulängliche gedankliche Verarbeitung des Problems Israel verantwortlich machte für den unterschwelligen christlichen Antisemitismus. Vom Mittelalter her laufe bis in unsere Zeit eine Linie des Judenhasses, die zeige, dass in unserem Glauben und in unserem Kirchenverständnis etwas falsch sei.

Was heute zu sagen sei, könne in der Dreiheit „Glaube, Liebe und Hoffnung“ zusammengefasst werden: „Glaube”, dass die Verheißung Gottes über seinem Volk nicht aufgehoben sei, „Liebe“, die sich in praktischer Tat äußere, „Hoffnung“, dass Israel nach Gottes Wort wieder mit uns vereinigt wird.

Judenfrage als Christenfrage

Die von Pfarrer Locher angeschnittene Frage der Mitschuld der christlichen Kirche am Antisemitismus wurde von Professor Gollwitzer weitergeführt und konkretisiert. Judenfeindschaft existiere weder in Afrika noch in Asien, sondern nur im Bereich der christlichen Völker, und gerade in Deutschland sei die Geschichte des Judentums eine Geschichte des schweren Leidens. Nach einer fünfhundertjährigen Spanne des Zusammenlebens könnten wir den Juden eigentlich nicht mehr unter die Augen treten. Anstatt sie eifersüchtig zu machen auf die Herrlichkeit des Evangeliums, hätten wir das christliche Zeugnis ihnen gegenüber versäumt und uns so unglaubwürdig gemacht, dass uns heute das Wort Judenmission erschreckt und wir nicht mehr wissen, wie wir Israel das Evangelium von seinem eigenen Herrn bezeugen sollen.

Diese konkrete Erkenntnis gelte es auszusprechen; das sei bisher weder in dem Weißenseer Wort zur Schuld an Israel noch jetzt in der Brandenburger Erklärung scharf genug geschehen. Und wenn im Anschluss dagegen gesagt worden sei, dass unsere Gemeinden das noch nicht verstehen könnten, so sei dadurch mit unübertrefflicher Deutlichkeit ausgesprochen, wie sehr wir noch hinter dem Stand der Erkenntnis und des Tuns zurückgeblieben sind, zu dem wir eigentlich verpflichtet seien. Die Gemeinden wären noch zu unerschüttert und hätten noch nicht erkannt, dass die Judenfrage eine Christenfrage ist. Zu dieser Erkenntnis müsste die Synode beitragen.

Nicht Deklamation, sondern Erforschung der Ursachen

Zur Vermeidung von Missverständnissen stellte Professor Baiser als Vorsitzender noch einmal das Anliegen des Ausschusses heraus. Nachdem vom Bundestag wie von verschiedenen kirchlichen Gremien würdige und gute Stellungnahmen zu dieser Sache abgegeben worden seien, bestünde nun, wenn man noch einmal das gleiche in anderer Formulierung sagen wollte, die Gefahr der bloßen Deklamation. Dem habe die Vorlage entgegenwirken wollen.

Die Zeit für Deklamationen sei vorbei; wir sollten nun zu uns selber sprechen. Die lauten und tönenden Worte hätten allermeist für unsere jüdischen Freunde einen bitteren Nachgeschmack, das habe der Ausschuss vermeiden wollen.

So sehr diese Haltung grundsätzlich zu bejahen ist, so wenig sind doch in der vorgelegten Erklärung die Überlegungen, die dazu geführt haben, zum Ausdruck gekommen. Die Gefahr der Missdeutung liegt schon in den Worten und wurde durch die eigentümlichen Vorgänge bei der Abstimmung verstärkt.

Sensationelles Abstimmungsergebnis

Nach Abschluss der Debatte standen zwei Ergänzungsvorschläge zur Abstimmung. Professor Gollwitzer hatte beantragt, dem ersten Abschnitt der Erklärung den Satz anzufügen:

„Wer sie (unsere jüdischen Mitmenschen) schlägt, der schlägt uns.“

Man wird darüber streiten können, ob diese Formulierung sehr glücklich gewählt ist, jedenfalls hatte sich aber auf der Synode kein Protest dagegen erhoben – weder inhaltlich noch formal.

Es wirkte daher sensationell, als bei der Abstimmung über diesen Antrag nur etwa die Hälfte der Synodalen sich dafür aussprach. Noch sensationeller war das Resultat der Gegenprobe, die die gleiche Anzahl von Neinstimmen ergab. Die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses 47:47 wurde von lebhafter Unruhe und einem unüberhörbaren Zischen auf der Tribüne quittiert. Professor Gollwitzer zog daraufhin seinen Antrag zurück.

Man wird diesen Vorgang nicht – wie es bereits geschehen ist – dahin interpretieren dürfen, dass sich nun doch die Hälfte der Mitglieder der EKD-Synode als Antisemiten zu erkennen gegeben hätten – schon deshalb nicht, weil die Erklärung bei der Schlussabstimmung über den Gesamtwortlaut einstimmig angenommen wurde.

Aber einen Beigeschmack hat die Angelegenheit doch. Wer zu der Sache als solcher steht und lediglich die Formulierung ablehnt, kann das durch eine Stimmenthaltung zum Ausdruck bringen. Dass keiner der 47 Synodalen diesen Weg wählte, zeigt dass auch hier offensichtlich eine „unterschwellige Bewegung“ mitspielte, die zwar nicht genau analysiert werden kann, die aber die Notwendigkeit einer gründlichen theologischen Klärung des gesamten Fragenkomplexes unterstreicht. – Der Vorschlag der zehn Brandenburger Synodalen, die Gemeinden auf das Wort der Provinzialsynode zu den antisemitischen Ausschreitungen hinzuweisen, wurde mit einer Gegenstimme bei zwei Enthaltungen angenommen. 

Das Votum von Pfarrer Locher

Von den Diskussionsvoten der Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (Februar 1960) bringen wir das von Pfarrer Locher aus dem ,christlich-jüdisches Forum’ (Nr. 24. Basel, Oktober 1960. S. 6 f.). 

Pfarrer Locher, Düsseldorf:

Der konkrete Anlass für unser heutiges Gespräch ist die bekannte Welle antisemitischer Sudeleien, von der man gemeinhin sagt, sie habe zu Weihnachten vorigen Jahres mit den Hakenkreuzen an der Kölner Synagoge begonnen, und von der man wohl annehmen darf, dass sie gegenwärtig auslaufe.

Sie hat damals nicht begonnen. Wir Düsseldorfer jedenfalls mussten uns daran erinnern, dass nicht Weihnachten 1959, sondern Januar 1959 die Synagoge unserer Stadt aufs grässlichste beschmiert war, und wir werden ja wohl auch damit zu rechnen haben, dass diese äußeren Zeichen des Antisemitismus auch weiterhin hier und da wieder auftauchen.

Das geschah übrigens nicht allein bei uns; es kam auch unter anderen Völkern und Gemeinschaften vor, und das wissen wir und entschuldigen es nicht. Wir denken aber an das gute Wort, das in der sehr würdigen Diskussion des Bundestages die Ehrenpräsidentin sagte:

„Wenn unter uns in Deutschland gegenwärtig Antisemitismus auftritt, dann ist das immer noch etwas anderes, als wenn das bei anderen geschieht.“

Ich darf auch daran erinnern, dass in der gleichen Aussprache eine dringende Bitte an die Kirchen um Hilfe beim Denken und in der Praxis im Kampf gegen den Antisemitismus ergangen ist. Ich meine, dass es der Synode angemessen ist, diesen Ruf zu hören und ihn an die Gemeinden weiterzugeben, damit jeder von uns das tut, was er tun kann. 

Aber meine Freunde, diese Welle der Sudeleien – wollte Gott, sie wäre nicht geschehen – ist ja nur die Oberflächenerscheinung eines unterschwelligen Antisemitismus, von dem wir wissen und dem wir täglich begegnen. Jugendleiter, Lehrer, Erzieher führen fast täglich Gespräche über diese Frage und begegnen dabei einem konkreten, primitiven, klaren Antisemitismus. Das Wort: „Sie hätten auch die letzten noch vergasen sollen“, habe ich, wie viele andere, unzählige Male vernommen. Es ist die Stimme einer Jugend, die nicht schlechter oder besser ist als andere Generationen, die aber schlicht und in diesem Fall sogar treu und bieder nachsagt, was sie zu Hause hört.

Nun ist freilich mit Freude und Dank zu berichten, dass Hunderte und Tausende von jungen Menschen bei rechter Unterweisung gerne bereit sind, sich in dieser Frage die Einsichten zu eigen zu machen, die hierzu vom christlichen Glauben aus zu sagen sind. Aber sie müssen unterrichtet werden. Wenn da z. B. mit 50 jungen Polizisten über diese Dinge geredet wurde, so vergesse ich bis heute nicht ihre Frage – es war beinahe ein Schrei –: „Warum hat man uns das nicht früher gesagt?“

Wir können nicht genug daran arbeiten, diesen unterschwelligen Antisemitismus aufzudecken und anzugreifen. Die Vorlage unseres Ausschusses spricht von „tiefliegenden Ursachen“ dieser Vorgänge. Genau darum geht es. Zu diesen tiefliegenden Ursachen gehört aber nicht nur die theologisch oft völlig unzureichende gedankliche Verarbeitung der hier angeschnittenen Frage, sondern auch das missliche Erbe eines „christlichen Antisemitismus“. Wie immer man dieses Phänomen auch nennen mag – nennen wir's ruhig so, dieses Erbe aus dem Mittelalter, das durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Jahre hineinwirkt, eine Erbschaft dessen, was in Jahrhunderten praktisch in unserer Christenheit geschehen ist.

Meine Brüder und Schwestern, wer sich mit der Geschichte des Antisemitismus beschäftigt, stellt zu seinem Grauen fest, dass kein einziges Jahrhundert ohne Pogrome gewesen ist. Es ist ein erschreckendes Zeichen, dass wir zu der Generation gehören, in der die Zahl der Betroffenen nun freilich alles bisher Dagewesene unsäglich überschreitet.

Da ist doch etwas in unserem Glauben falsch. Da muss doch etwas falsch sein in dem Kern dessen, was wir gemeinhin als christliche Lehre oder als kirchliche Praxis lernten oder vertraten. Was Israel braucht, ist unsere Liebe.

Es ist nun freilich zu berichten, dass viel gute, stille Liebe an Israel geschieht. Es könnte gewiss mancher Mann und manche Frau aus Israel auftreten und davon erzählen, was ihm an Liebe und Fürsorge von Männern, Frauen und Kindern begegnet ist, die freundlich zu ihnen gewesen und tapfer für sie eingetreten sind. Wenn z. B. von den 140 000 Juden, die in Holland vor dem Einmarsch der deutschen Truppen lebten, noch 20 000 das Jahr 1945 überlebten – ersparen Sie es mir auszudrücken, wie man das Ende der anderen beschreiben muss –, dann waren es Christen, Sozialisten, Menschen, die wirklich so handelten, wie es im Tagebuch der Anne Frank steht, die ihre in Kammern und Verstecken eingeschlossenen jüdischen Mitbürger verwahrten und versorgten; da ist viel Gutes und Rechtes geschehen.

Aber: ist denn einer von uns in der Lage, das aufzurechnen? Vermag auch nur einer unter uns das einzubringen angesichts auch nur eines einzigen unter uns verletzten oder gar getöteten Juden? Wir wollen von dieser stillen oder offenen Liebe da sprechen, wo es hingehört, in der Erziehung, in der Unterweisung, als Beispiel und Anregung. 

Wir aber hier in der Synode müssen uns zunächst darüber klar werden, was wir und unsere Gemeinden brauchen. Dazu gehören in erster Linie, meine ich, gesunde Predigten, viel mehr gerade in dieser Frage gesunde Verkündigung. Darauf hat schon der Rat der Evangelischen Kirche der Union hingewiesen, und in die gleiche Richtung weist auch das vortreffliche Wort der letzten Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Unsere Ausschussvorlage konnte sich darum mit einem Hinweis auf dieses Wort begnügen. Nochmals: Wir brauchen gesunde, kräftige Predigt aus dem Worte Gottes, damit unter uns das Wunder geschieht, in welchem die Liebe Gottes zu seinem alten Bundesvolk neu unter uns lebendig wird. Dazu bedarf es nach Ansicht des Ausschusses natürlich auch gründlicher Studienarbeit.

Es muss an dieser Stelle der „Ausschuss der EKD für Dienst an Israel“ erwähnt werden, der jährlich und ständig in dieser Studienarbeit schon Beträchtliches geleistet hat. Da treffen sich Christen und Juden, Getaufte und Ungetaufte, da geht das Gespräch über alles, was Kirche und Israel trennt und verbindet. Man mag sich vorstellen, dass wir dann unter Umständen auch das Schweigen unserer jüdischen Brüder bei uns haben, nämlich immer dann, wenn wir über den Antisemitismus sprechen.

Und schließlich gehört zu einer gesunden Predigt und zu einer kräftigen Studienarbeit ein großes Maß von Erziehungsarbeit. Ich kann zu ihr nur Mut machen. Sie ist mir immer wieder eine große Freude. Da wird gehört. Aber das alles wäre nichts ohne die praktische Tat. Man kann das, was wir hier meinen, auch mit den drei Worten vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe sagen. Aber dann sollten wir es nicht nur sagen, sondern auch tun.

Es geht um den Glauben, dass Gottes Verheißung über sein Volk nicht aufgehoben ist. Nur so begegnen wir Israel recht, indem wir ihm lassen, was sein ist:

„Israel, wer ist dir gleich, du Volk, dass du durch den Herrn selig wirst!“

Es geht um die Liebe, die sich in der Tat für Israel hingibt. Und es geht um die Hoffnung, dass Israel mit uns vereinigt wird in Gottes Barmherzigkeit. Lasst uns dieses kurze Wort verstehen, liebe Freunde, als ein Wort der Liebe an Israel.

  1. Es erfüllt uns mit Schrecken und Scham, wie in den letzten Monaten unsere jüdischen Mitmenschen in ihrer Ehre verletzt worden sind. Wir stehen solidarisch bei denen, die hier beleidigt und beschimpft werden.
    Die Synode bittet den Rat zu veranlassen, dass die nach ihrer Meinung tiefliegenden Ursachen dieser Vorgänge gründlich erforscht, die vielschichtige Frage nach dem Verhältnis von „Kirche und Israel“ noch eingehender bearbeitet und das Ergebnis für die Gemeinden fruchtbar gemacht wird.
    Wir empfehlen allen Gemeinden, das Wort der Provinzialsynode Berlin-Brandenburg vom Januar 1960 zu hören und zu beherzigen.
    (4. Entschließung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Vom 26. 2. 1960. Entnommen aus dem ‚Amtsblatt d
    er Evangelischen Kirche in Deutschland’ (3/1960) Hannover, 15. 3. 1960. S. 92.)
  2. Angesichts der Welle antisemitischer Aktionen, die unser Volk mit neuer Schuld bedrohen, erinnern wir uns und die Gemeinden noch einmal mit allem Ernst an die Verpflichtungen, die wir auf uns genommen haben mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis und mit der Erklärung der EKD-Synode in Weißensee vom 27. April 1950. Diese Synode hat einstimmig erklärt:
    Wir glauben an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt.
    Wir bekennen uns zur Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist.
    Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.
    Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.
    Wir warnen alle Christen, das, was über uns Deutsche als Gericht Gottes gekommen ist, aufrechnen zu wollen gegen das, was wir an den Juden getan haben; denn im Gericht sucht Gottes Gnade den Bußfertigen.“
    Wir müssen heute bekennen, dass wir diesen Verpflichtungen nur unzureichend nachgekommen sind. Wir sind vor allem schuldig geworden an der Jugend, der gegenüber wir es an der nötigen Belehrung und dem verpflichtenden Zeugnis haben fehlen lassen. Daher ist es nicht zu verwundern, dass der Ungeist auch in Kreisen der Jugendlichen sich immer wieder aufs neue breitmacht. Demgegenüber müssen wir es uns erneut klarmachen und es bezeugen: der immer wieder durchbrechende Judenhass ist offenkundige Gottlosigkeit.
    Darum erarbeitet Euch die biblische Erkenntnis, dass unsere Rettung von der Erwählung Israels nicht zu trennen ist. Macht Gebrauch von den Hilfsmitteln, die Euch zur Verfügung gestellt werden, damit Ihr in der Predigt, in gemeinsamer Arbeit der Gemeindegruppen und in der Unterweisung der jungen Menschen Gottes Willen mit Israel erkennt.
    Darum brecht als Eltern und Erzieher das weitverbreitete peinliche Schweigen in unserem Land über unsere Mitverantwortung am Schicksal der Juden und widersteht dem, dass die junge Generation zur Judenfeindschaft verführt wird.
    Darum sucht die Begegnung mit den überlebenden jüdischen Mitbürgern, solange sie unter uns wohnen wollen, und zeigt Euch dankbar dafür, dass wir um Jesu willen ihre Brüder und Schwestern sind.
    Darum tretet ein für die Wiedergutmachungsleistungen. Bedenkt aber, dass Gesinnungswandlung wesentlicher ist als eine Renten- und Kapitalabfindung, die wenig bedeuten kann für Menschen, welche den größten Teil ihrer Angehörigen durch Gewaltmaßnahmen verloren haben.
    Darum lasst alles Rechten. Zeigt Euren jüdischen Brüdern und Schwestern, dass Ihr aus der Vergebung lebt, damit auch sie vergeben können.
    Darum betet um den Frieden Gottes mit Israel. Betet um den Frieden Israels unter den Nationen, an den Grenzen seines Staates und in unserer Mitte.

XIII. Folge 1960/61 Nummer 50/52, 11. Juni 1961, S.  41–43.


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