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M. Y . Ben-Gavriel / Prof. Dr. Leo Kohn

Die arabischen Flüchtlinge

Gespräch zwischen M. Y. Ben-Gavriel und Professor Dr. Leo Kohn, Professor für Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität zu Jerusalem1. Sendung im Südwestfunk am 4. April 1961.

Einführung von M. Y. Ben-Gavriel

Als im Jahre 1948 die Heere der sieben arabischen Staaten die Gründung des Staates Israel zu verhindern suchten, kam es zu einer Massenflucht von Arabern aus dem israelischen in das Gebiet der benachbarten arabischen Staaten. Über die historische Realität dieser Tatsache, deren Zeitgenossen und teilweise auch Zeugen wir waren, kann natürlich nicht debattiert werden. Über Details hingegen, von der aktuellen Zahl der Flüchtlinge bis zur Frage, warum sie heute noch Flüchtlinge sind, bestehen naturgemäß weitgehende Meinungsverschiedenheiten.

Um Ihnen, meine Hörerinnen und Hörer, ein Bild der Tatsachen zu geben, wie es von israelischer Seite aus größtmöglich objektiver Sicht gesehen wird, habe ich einen Fachmann in Flüchtlingsangelegenheiten, Professor Leo Kohn, der mehrfach über dieses Thema geschrieben hat, gebeten, einige Fragen in dieser Angelegenheit zu beantworten.

Können Sie uns, Herr Professor Kohn, in kurzen Worten eine Darstellung der Umstände geben, unter denen das arabische Flüchtlingsproblem entstanden ist?

Das palästinensische Flüchtlingsproblem ist eine direkte Folge der Feindseligkeiten, die die Arabische Liga im Frühjahr 1948 gegen den im Entstehen begriffenen Staat Israel entfesselte. Hätte die Liga diesen Krieg nicht begonnen, so gäbe es heute keinen einzigen arabischen Flüchtling.

Wie bekannt, beschloss die Vollversammlung der UNO im November 1947 mit Zweidrittel-Mehrheit die Teilung des Landes und die Errichtung eines arabischen und eines jüdischen Staates in dem früheren britischen Mandatsgebiet. Die Araber beantworteten den Beschluss mit einem Massenangriff auf die jüdische Bevölkerung, der sich bis zum Abzug der Mandatsregierung am 14. Mai 1948 hinzog und Tausende von Opfern forderte.

Nach der Proklamation des Staates Israel am 15. Mai 1948 fielen, ohne jede Kriegserklärung, reguläre Heereseinheiten Ägyptens, Syriens und des Libanon in das Land ein. Das jüdische Jerusalem wurde belagert und in allen Teilen des Landes fanden blutige Kämpfe statt. Der arabische Angriff wurde an allen Fronten zurückgeschlagen und im Frühjahr 1949 wurde dann unter Mitwirkung des Vermittlers der Vereinten Nationen ein Waffenstillstand abgeschlossen.

Schon vor der militärischen Invasion hatte man von Seiten der arabischen Führung der arabischen Bevölkerung Palästinas, ich zitiere hier wörtlich aus der in Amerika erscheinenden libanesischen Zeitung „Al Huda" vom 6. Juni 1951,

„den brüderlichen Rat gegeben, ihre Dörfer zu verlassen und vorübergehend in befreundete Nachbarstaaten auszuwandern, damit sie nicht von den Geschützen der eindringenden arabischen Armeen niedergemacht würden ..."

Man versicherte ihnen, dass sie nach dem bald zu erwartenden Sieg der arabischen Heere in ihre Dörfer und Städte würden zurückkehren können. Dagegen werde man diejenigen, die dieser Aufforderung nicht Folge leisteten und im Lande zurückblieben, als Verräter behandeln.

Die unerwartete Niederlage der arabischen Heere verursachte eine Art Massenhysterie unter der Bevölkerung, die noch wuchs, als sie sah, daß die führenden arabischen Kreise – die reichen Kaufleute, Bodenbesitzer, Advokaten, Bürgermeister und Dorf ältesten – als erste das Land verließen. Viele von diesen haben sich seither mit dem mitgenommenen Besitz in den arabischen Nachbarländern wieder gute wirtschaftliche Positionen geschaffen.

Über alle diese Hintergründe des arabischen Auszugs liegen autoritative Äußerungen von arabischen Führern, Schriftstellern und Zeitungen vor wie zum Beispiel die Erklärung Jamal Husseinis, des damaligen Vizevorsitzenden des Arabischen Obersten Rates, in der Sitzung des Sicherheitsrates der UNO am 23. April 1948 und die Erklärung des Generalsekretärs des Rates, Emile Ghoury, am 6. September 1948.

Wie hoch schätzt man die Zahl der Araber, die 1948 das Land verließen?

Nach einer grundlegenden Studie, die vor einem Jahr von Herrn Dr. Walter Pinner in London unter dem Titel „How Many Arab Refugees?" veröffentlicht wurde, belief sich ihre Zahl auf 539 000. Diese Schätzung beruht auf der statistischen Feststellung, dass nach amtlichen britischen Quellen die Zahl der arabischen Einwohner Palästinas sich am Ende der Mandatszeit auf 1 282 000 belief, von denen 586 000 in den Bezirken lebten, die heute unter ägyptischer oder jordanischer Herrschaft stehen. Auf die Teile des Landes, die heute zu Israel gehören, entfielen danach 696 000 Araber. Da von diesen letzteren 157 000 im Lande blieben oder später zurückkehrten, so folgt daraus, dass die Gesamtzahl der Flüchtlinge, die das Land im Jahr 1948 endgültig verließen, nicht mehr als 539 000 betrug.

Sie sagten eben, dass eine große Zahl im Lande blieb. Um welche Bevölkerungsschichten handelt es sich hier?

Nicht alle Schichten der arabischen Bevölkerung haben der Anweisung ihrer politischen Führer Folge geleistet. Viele Bauern und halbnomadische Stämme blieben in Galiläa, an der Nordostgrenze und im Süden des Landes. Nazareth ist auch heute noch eine fast ganz arabische Stadt. Überhaupt blieb von der christlichen arabischen Bevölkerung ein großer Teil im Lande zurück. Auch von den 15 000 Drusen verließ kein einziger das Land. Die gegenwärtige arabische Bevölkerungsziffer in Israel beläuft sich auf etwas über 200 000 Die Zahl der Drusen ist inzwischen auf 23 000 gestiegen.

Wie stellte sich die jüdische Bevölkerung zu der Massenauswanderung der Araber?

Von Anfang an bemühte man sich von jüdischer Seite, die arabische Bevölkerung dazu zu bewegen, das Land nicht zu verlassen und ihre normale Lebensweise fortzusetzen. Es wurden Flugblätter in den arabischen Dörfern und Städten verteilt, in denen die Bewohner aufgefordert wurden, den Frieden aufrechtzuerhalten. Die großen jüdischen Körperschaften und Stadtverwaltungen richteten buchstäblich Dutzende von Aufrufen an die Araber, ihre Wohnsitze nicht zu verlassen.

Um nur ein Beispiel zu erwähnen: In dem Bericht eines englischen Augenzeugen über den Auszug der Araber aus Haifa, der in der Londoner Wochenzeitung „Economist" vom 2. Oktober 1948 erschien, heißt es wörtlich:

„Die jüdischen Behörden haben die Araber eindringlich aufgefordert, in Haifa zu bleiben, und garantieren ihnen Schutz und Sicherheit."

Ebenso berichtete ein hoher englischer Polizeioffizier aus Haifa an das Jerusalemer Polizei-Hauptquartier der Mandatsregierung am 26. April 1948:

„Die Juden scheuen keine Bemühungen, die arabische Bevölkerung zum Bleiben zu bewegen und fordern sie auf, ihre Läden und Betriebe offen zu halten.“

Aber auf die Mehrzahl der Araber hatten alle diese Bemühungen und Aufrufe keinen Einfluss. Mehr als einmal geschah es, besonders in den Städten, dass ein Waffenstillstand zwischen den beiden Bevölkerungsteilen geschlossen wurde, nachher aber das arabische Oberkommando strengsten Räumungsbefehl erließ, worauf die arabische Bevölkerung in langen Geleitzügen die Städte verließ. So geschah es in Tiberias, Safed, Jaffa und Haifa.

Wie stellt man sich in Israel die Lösung des arabischen Flüchtlingsproblems vor?

Israel ist an einer baldigen und umfassenden Lösung- dieses lange verschleppten Problems dringend interessiert. Wenn es auch den Flüchtlingen heute viel besser geht als vor zehn Jahren und ein großer Teil von ihnen Arbeit hat, die Wohnverhältnisse erträglich geworden sind und sie durch die Hilfsorganisation der UNO gut betreut werden, so ist doch der gegenwärtige Zustand aus menschlichen und politischen Gründen auf die Dauer nicht tragbar. Die arabischen Staaten haben aus dem Flüchtlingsproblem eine politische Angelegenheit gemacht und benützen es mit nicht geringem Erfolg für ihre Haßpropaganda gegen Israel und die Westmächte.

Eine endgültige Lösung kann nur durch die Ansiedlung der Flüchtlinge in den arabischen Ländern gefunden werden, wo die soziale, religiöse und wirtschaftliche Struktur eine Wiedereinordnung begünstigt.

Israel ist heute nicht in der Lage, Flüchtlinge, die zehn Jahre lang in einer Atmosphäre des Hasses gegen den neuen Staat gelebt haben, aufzunehmen. Es würde nur zu blutigen Unruhen im Lande und zu neuen Kämpfen mit den Nachbarstaaten führen. Auch hat sich die ökonomische und soziale Struktur des Landes in diesen Jahren so grundlegend gewandelt, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge sich weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich hier wohlfühlen würde. Das wissen die meisten von ihnen auch.

Dazu kommt noch, dass Israel in derselben Zeitspanne über eine Million jüdischer Einwanderer aufgenommen hat, von denen etwa die Hälfte aus den arabischen Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas kam.

Eine halbe Million jüdischer Neueinwanderer aus den arabischen Ländern?

Ja. Ungefähr eine halbe Million Juden sind in diesen 12 Jahren unter dem Druck der arabischen Feindseligkeit und amtlicher Verfolgung nach Israel gekommen, mit wenig mehr als sie in einem kleinen Handkoffer tragen konnten. Die Welt hat sehr viel vom arabischen Flüchtlingsproblem gehört, von den aus den arabischen Ländern vertriebenen Juden aber weiß sie sehr wenig.

Die meisten Glieder der jüdischen Gemeinschaft des Irak und des Jemen, die mehr als 2000 Jahre in diesen Ländern verwurzelt waren, sind nach Israel umgesiedelt. Dasselbe gilt für die Juden aus Libyen und Tripoli. In Ägypten lebten noch vor einer Generation 70 000 Juden. Heute sind es nur noch 14 000. Auch dort hat man ihnen vor der Abreise den größten Teil ihres Besitzes weggenommen. Auch die jüdischen Gemeinden der Länder Nordwestafrikas sind im Aufbruch begriffen. Unduldsamkeit, Boykott, Verhaftungen und blutige Ausschreitungen haben die Juden aus diesen Ländern vertrieben.

Aber während die arabischen Flüchtlinge von den Vereinten Nationen und internationalen Hilfsorganisationen versorgt und verpflegt werden, lag die Last der Sorge für die ausgetriebenen Juden ausschließlich auf Israel und den jüdischen Wohlfahrtsorganisationen.

Wenn man die beiden Auswanderungen, die der Araber aus Palästina und die der Juden aus arabischen Ländern, zusammen nimmt, so handelt es sich hier im Endresultat um einen Bevölkerungsaustausch, der nicht sehr verschieden von dem ist, der zwischen Griechenland und der Türkei nach dem ersten Weltkrieg und zwischen Pakistan und Indien nach dem zweiten stattfand.

Der einzige Unterschied ist der, dass die jüdischen Einwanderer in Israel vom ersten Augenblick an als Brüder aufgenommen und im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben des Landes eingeordnet wurden2, während die arabischen Flüchtlinge aus Palästina von den arabischen Staaten als Fremdlinge angesehen werden, für die die UNO zu sorgen habe.

Die UNO-Hilfsorganisation hat in diesen 12 Jahren mehr als 300 Millionen Dollar für die Unterbringung, Verpflegung, ärztliche Betreuung und Erziehung in den Flüchtlingslagern ausgegeben. Von besonderer Bedeutung ist die Ausbildung der Jugend in technischen Berufen, die es ihr ermöglicht, im Wirtschaftsleben der arabischen Länder, besonders der Öl-Staaten, Beschäftigung zu finden.

Israel hat wiederholt seine Bereitschaft erklärt, einen Beitrag zur Lösung des arabischen Flüchtlingsproblems zu leisten und zwar gerade im Hinblick auf die Erfahrung, die es in der Wiederansiedlung der jüdischen Neuankömmlinge aus den arabischen Ländern gesammelt hat. Es hat seinerzeit alle gesperrten Bankkonten der arabischen Flüchtlinge freigegeben, wodurch indirekt den feindlichen arabischen Staaten harte Währung zugeführt wurde.

Aber zu einer Gesamtlösung des Problems gehört, dass man sich an einen Tisch setzt und die Dinge bespricht, und bei einer solchen Konferenz wird natürlich auch der Anspruch auf das beschlagnahmte jüdische Vermögen geltend gemacht werden. Diese Fragen sind durchaus lösbar. Notwendig ist nur, dass von arabischer Seite der redliche Wille besteht, das Problem einverständlich und endgültig zu lösen, und nicht, wie bisher, die Flüchtlinge als Spielball der arabischen Feindseligkeit gegen Israel zu missbrauchen.

  1. Professor Leo Kohn verstarb unerwartet im Juni 1961 im Alter von 67 Jahren. Israel trauert um eine der einflußreichsten Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Beziehungen Israels zu den Nationen. Professor Kohn war ein Denker, dessen geistige Kraft im stillen wirksam war, aber unablässig Initiative auslöste. Ehemals der einflussreiche persönliche Berater des ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann, in Frankfurt/Main geboren, ging er 1923 nach Palästina.
  2. Wir verweisen zur Ergänzung auf die vom Außenministerium des Staates Israel, Jerusalem, herausgegebene Broschüre: „Der Auszug der Juden aus den arabischen Ländern“. In der gleichen Schriftenreihe erschien auch: „Wirtschaftliche Grundlagen und Entwicklungsaussichten“.

XIII. Folge 1960/61 Nummer 50/52 11. Juli 1961, S. 30−32.


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