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Dr. Conrad N. Rosenstein

Kibbuz − Utopie und Wirklichkeit

Wie in Folge XII Nr. 45/48 S. 19 ff. (Dezember 1959) ein Bild vermittelt wurde von dem einstigen „Städtel“ so diesmal über den heutigen Kibbuz in seinem Gewordensein.

Diejenigen, die vor fünfzig Jahren das große Abenteuer unternahmen, eine neue Gesellschaftsform in Israel zu kreieren, den Kibbuz, waren zweifellos Utopisten.

Unter dem Druck eines zaristischen Russlands, als eine kleine, geächtete Minderheit, zusammengepfercht in die sogenannten Ansiedlungsrayons, in denen es Juden einzig gestattet war, zu vegetieren, suchten sie in einer ganz unbestimmbaren Form „die“ Gerechtigkeit. Ob von Karl Marx oder von Tolstoi beeinflusst, hofften sie dieses Hochziel in Palästina verwirklichen zu können, denn Palästina war der historische Urgrund der Gerechtigkeit, das Land der Propheten!

Nirgends dürfte das Ideal leichter zu erfüllen sein als in diesem Lande, kraft seiner mystischen Überlieferung; und natürlich lebte sie in aller Herzen, auch noch unter den Aufgeklärtesten, die durch das „hochmoderne“ Erziehungssystem der „Haskala“-Schule gegangen waren, in denen man immerhin einige Begriffe allgemeiner Geschichte bekam, man sich schlecht und recht auf einem Atlas orientieren lernte, man sogar Schillersche Dramen las und einiges über Byron erfuhr; Großartiges und Skandalöses zugleich!

Die jungen Zionisten, die da aus Odessa aufbrachen, sie waren schon nicht mehr Adepten der „Jeschiwa“, und wenn sie es waren, so wurden sie Abtrünnige. Aber, wenn ein Jude ein „Abtrünniger“ ist, so bleibt er immer noch ein Jude, was ein Katholik in seinem Falle nicht vermöchte! Das Erbe ist eben kein nur religiöses, es ist ein nationales, und der humane Mythos der Antike ragt noch in seinen Innenraum, wenn er längst nicht mehr die Ritualgesetze einer jüdischen Küche respektieren sollte.

Deshalb: Palästina, besser Erez-Israel, war kein „Territorium“, – wie es vielleicht Uganda gewesen wäre, wenn Theodor Herzl dieses britische Projekt hätte verwirklichen können, dort eine jüdische Heimstätte aufzurichten; sondern es war das historische Land, das der Väter; und es warf einen Schatten von Verantwortung auf den Kommenden, noch bevor er überhaupt seinen Fuß auf diese Erde setzte!

Dass die Welt, um diesen Juden des Städtls herum, schlecht war, das lag auf der Hand, dass der befreite Jude einen besseren Sozialstatus erreichen würde, in diesem geheiligten Raum, – wenn auch vielleicht auf eine sehr säkulare Art, – man könnte es analog zu Max Brod das „Diesseitswunder“ nennen, – das schien nicht minder erreichbar zu sein. Doch zwang nicht nur das Ideal die Menschen dazu, in den Kibbuz zu gehen, in dem es keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten gibt, in dem man von seiner Hände Arbeit lebt, ein Jeder nach seinem Können gebend, ein Jeder nach den Möglichkeiten des Ganzen empfangend, doch auf der Basis des Sozial-Gleichgestellten. Die Realitäten forderten ebenfalls die „Kollektivsiedlung“.

Vor fünfzig Jahren gab es nicht viel „gute Erde“ im heiligen Lande. Erderosion hatte sie in jahrhundertelanger Vernachlässigung ins Meer entlassen. Araber, ein Nomadenvolk, der Tierhaltung mehr verbunden als der „Aufforstung“, hatten es geschehen lassen: Feuer hatte viel niedergebrannt, Ziegenherden hatten die Anpflanzungen total ruiniert. Einmal der Flora verlustig gegangen, wurde die Erdkrume von den starken Winterregen fortgespült. Das gilt im Grunde für die ganzen Gebirgsteile des Landes. Da, wo in der Ebene für keine Drainage gesorgt wurde, war das Gebiet versumpft, das galt für das ganze Emek Jesreel; für die nördliche Hulelandschaft; auch für gewisse Küstengebiete des Wadi Chawarith; für die Umgebung von Chedera. Je mehr man in den Süden vorstieß, um so mehr gelangte man in echte Wüste.

All diese Gebiete erforderten gebieterisch Jugend, die mit großem physischem Einsatz Kolonisationsarbeit leisten mußte. An dieser Jugend mangelte es in Osteuropa nicht, und der nötige Idealismus war – wie gesagt – vorhanden. Aber der Weg wäre weniger opfervoll gewesen, hätten die Mittel gereicht. Traktoren gab es in dieser Zeit noch nicht, kaum ein Lastauto. Man wird sagen: „es gab doch immer jüdisc.he Kapitalisten“. Das ist sicher richtig. Indessen rechnet der jüdische Kapitalist – wie jeder Kapitalist –; er steckt sein gutes Geld nicht gerne in eine unsichere Sache. Erez-Israel aber deuchte ein romantisches Anliegen zu sein.

Schließlich hatte die einwohnende Bevölkerung in Jahrhunderten nicht vermocht, die Sümpfe des Emek Jesreel zu trocknen, das Hulegebiet war ein einziges Malarianest. Von Judäa hatten die Dichter berichtet: „Viel Steine gab's und wenig Brot!“ Erez Israel war das Land schluchzender Beter an der Klagemauer Jerusalems, der Almosenempfänger, die den Kaddisch für die Verstorbenen Israels sagen! Israels Friedhof — im Kidrontal — vielleicht! Israels Zukunft — kaum denkbar! Die einzige rühmlidie Ausnahme im Konzert der Kapitalisten war Baron Rothschild in Paris. Er gab, er ließ kolonisieren. Er glaubte! Und dennoch war das wenig, aufs Ganze gesehen! ...

Eine Familie, individuell zu siedeln, erschien utopisch. Galt es doch zunächst „Sicherheit“ zu haben, nicht nur gegen die Anophelesmücke, sondern auch gegen terrorisierende Nomaden. Nur die Gemeinschaft garantierte „Sicherheit“, die Gemeinschaft, in der einer den anderen im Wachtdienst und in der Arbeit ablöst. Die Realität gebot: „Kollektivsiedlung“.

Mehr noch, da man arm, blutarm war, unermesslich arm, – der Ankauf einer Kuh wurde zum nationalen Anliegen, das man im zionistischen Comite in Odessa diskutierte, – so musste man auch gemeinsam wirtschaften, da man nur so zurechtkommen konnte! Gewiss war die Küche für achtzig Personen billiger als die Schaffung von zwanzig Kleinküchen, selbstverständlich war die gemeinsame Nähstube billiger als der städtische Schneider. Man konnte selbst nähen, das Material en gros einkaufen. Mode, Geschmack spielte überhaupt keine Rolle. So entstand die kommunale Speisehalle und die kommunale Nähstube.

Ein weiteres sehr ernstes Problem wurde die „Kindererziehung“. Man konnte sich nicht den Luxus leisten, den Frauen der Arbeitergemeinschaft zu gestatten, ihre Kleinen individuell zu hüten. Jede Hand war vonnöten. Der Weinberg rief nach der arbeitenden Frau, die Waschküche, der Herd, der Hühnerstall. Wollte man also die Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen, einfach vegetieren, so musste man eine Kollektiverziehung anstreben im kommunalen Kinderheim, unter Leitung weniger, fachlich ausgebildeter Kindergärtnerinnen und Pflegerinnen. So entstand das „Kinderhaus“, in dem alle ihr gemeinsames Jugenderlebnis bestanden, die in den Kibbuz hineingeboren wurden.

Ist dieses Erziehungssystem gut, ist es schlecht? Das ist sehr schwer zu sagen. Es kommt nämlich auf den vergleichenden Faktor an. Wählt man das Erziehungssystem der westlichen, höheren Gesellschaft, wo Papa gut verdient, das Familienleben „in Ordnung“ ist, Mama selbst eine wohlerzogene Person ist, die sich um das Kind ausgiebig kümmern kann, nur für die Familie lebt, so dürfte das Ergebnis bessere Resultate zeitigen als das Kibbuzkinderhaus — cum grano salis!

Ist als Vergleichungsobjekt das Kind der Proletarierfamilie gewählt, in der der Vater nur unter Schwierigkeiten das Nötige heranschaffen muss, die Mutter tagsüber mitverdienen muss, die Jungen und Mädchen auf den Hinterhöfen oder in den Treppenhäusern der Großstädte leben, so sind die Kibbuzkinderheime paradiesische Einrichtungen zu nennen.

Im Kibbuz konnten die Eltern in Sicherheit ihrer Arbeit nachgehen. Sie mochten selbst Hunger leiden; die Kinder würden das ihre haben, ausreichende Kost, Sauberkeit, kindliches Spiel; überwacht und geleitet. Aufhebung der Familienbindung? Ach, davon kann keine Rede sein! Das von seinen Spielkameraden geschlagene Kind lief weinend zur Mutter, nicht zu einer „fremden Frau“, das es möglicherweise für „seine Mutter“ hielt ... All solche Erlebnisse, wie sie sich Touristen ausmalten, hat es nie gegeben! Das Kind war emotionell an die Seinen gebunden wie in jeder anderen Gesellschaft auch. Ob es freilich genug „bekam“, das ist natürlich eine andere Sache.

Das prädominierende Problem war: Boden zu schaffen. Auf dem Boden zu pflanzen. Auf den gepflanzten Boden das Vieh zu setzen. Von der Landwirtschaft eine neueinströmende, entwurzelte Population produktiv zu machen – bei geringsten Mitteln.

Da sich so die Kollektivform günstig entwickelte, wurde sie die typische Gesellschafts- und Siedlungsform Israels. Jeder Kibbuz wurde zugleich die Experimentierstation und die Lehranstalt neueinwandernder Jugendgruppen, mit dem Ziel, wieder neue Gemeinschaften zu gebären. Die „Urmutter“ war Um-Djuni, am Kinerethsee, heute D'gania genannt. Etwa zweihundertzwanzig ähnliche Gemeinschaften wurden gegründet, mit politisch differierendem Ausblick, laizistischer oder auch religiöser Prägung.

Die Kibbuzim sind aber freiwillige Unternehmungen der Arbeiter selbst gewesen, niemals regierungsgelenkte oder gar parteierzwungene Produktionsstätten! Jeder Partizipant tritt ihr freiwillig bei, kann sie auch freiwillig verlassen, wenn er es beabsichtigt. Jedes Mitglied nimmt an den kollektiven Versammlungen teil, welche „beschließen oder ablehnen“. Der Kibbuz duldet keine Diktatur. Ja, er duldet nicht einmal den „boss“. Ohne Rang und Titel sind alle Vorsteher und Funktionäre für befristete Zeiträume gewählt und verantwortlich.

Gewiss hat sich mit den Fortschritten der israelischen Ökonomie auch im Kibbuz sehr viel verändert. Die ältere Generation strebt nach „Bürgerlichkeit“, nach der „privaten Ecke“. Man sucht diesen Bestrebungen Rechnung zu tragen, in der Überzeugung, dass auch der Kibbuz in die historische Bewegung eingegliedert ist, die Utopie der Frühe in die Wirklichkeit des Heute zu übersetzen. Bisher ist der Versuch gelungen. Wohin die Fahrt führt, wer weiß es? Weiß es die privatwirtschaftliche Gesellschaft des Westens?

Man lebt der Aufgabe. In Israel ist sie noch immer riesengroß.

Junge Arbeitergemeinschaftssiedlungen haben auch heute noch einen harten Kampf mit der Scholle zu führen; zu schweigen, wenn es sich um Grenzorte handeln sollte, die stets Wache zu halten haben, weil die Grenzen noch immer als unsicher gelten müssen. Auf Zeiten relativer Ruhe kann plötzlich eine Periode organisierter Angriffe folgen, weil es in irgendeinen politischen Plan der Nachbarn hineinpasst. Leben und Besitz müssen jederzeit geschützt werden ...

Die älteren Siedlungen sind in den Jahrzehnten ihrer Existenz zu einigem Wohlstand gekommen. Das Problem der Erderosion ist im judäischen Bergland weitgehend gelöst, die Austrocknung der Sumpflandschaften ist vollkommen gelungen. In die verkarstete Flur der Jerusalemer Umgebung hat man in vermintes und so aufgebrochenes Gestein Dunglöcher gesetzt, in sie kurzwurzlige Bäume gepflanzt und letztere veredelt. So findet man europäische Obstkulturen, wo einmal nichts als Distel und Dorn zu finden waren.

Hügelabhänge wurden terrassiert und so der Abschwemmung Halt entgegengesetzt. Häufig wurden die Terrassen mit Wein bepflanzt. Nach jahrelangen Experimenten hat man gewisse Rinderrassen als adaptabel erkannt und nur diese importiert. Gibt es am Platz keine Weide, so fahren Jungarbeiter täglich zu den ferngelegenen Futterplätzen, ernten ab und fahren das Grünfutter auf Lastautos in die Scheuer. Riesige Hühnerhöfe sind entstanden, die heute bereits Kücken exportieren, teils Mastgeflügel, teils Legehennen.

Erholungsheime für die arbeitende Bevölkerung sind in junge und doch schattengebende Wälder – meist von Aleppokiefern – gebaut worden, die ihres rustikalen Gepräges wegen höchst beliebt wurden. Industrielle Werkstätten für Maschinen, für Obstsäfte, Marmeladen, Holzverarbeitung, wurden den landwirtschaftlichen Betrieben angegliedert.

Infolge der Ausweitung dieser Wirtschaftsbetriebe gelang es den Lebensstandard erstaunlich zu heben. Begann man einmal mit einem Zeltlager, aus dem sich dann eine Hüttenperiode entwickelte, so ist heute meistens das Kleinhaus zur Regel geworden, in dem zwei bis vier Wohnungseinheiten pro Familie oder Mitglied, entstanden sind. Galt es vor Jahrzehnten als geradezu „horribile“ in privater Ecke auch nur ein Glas Tee einzunehmen, – als geheiligt galt nur das kommunale Speisehaus, – so verabreicht heute eine wöchentliche Verteilungsstelle Kaffee, Tee, Gebäck, Süßigkeit nach freier Wahl, doch im Rahmen des festgesetzten Mitgliedsbudgets.

Einmalige Auslandsreisen sind für ältere Mitglieder in den Kollektivwirtschaften keine Seltenheit mehr, oft macht man auch Fortbildungskurse in anderen Ländern, in mannigfaltigster Richtung; oft geht man auch als Instruktor nach Asien oder Afrika, um eigene Erkenntnisse weiterzugeben.

Die kommunalen Räumlichkeiten haben heute in diesen alten Kibbuzim einen gewissen Komfort. Manche Dörfer besitzen kleine Museen; Ausstellungshallen; Versammlungsräume, in denen konzertiert wird, der wöchentliche Film läuft. Bibliotheken, Leseräume gibt es eigentlich an jedem Platze.

Das wesentliche Problem des Kibbuzes von prinzipieller Bedeutung ist, dass es an Nachwuchs fehlt und auch an genügendem Interesse unter den Neueinwanderern, so dass der „bezahlte Arbeiter“ in die Bresche springen muss und so eine Art neuen „Stand“ in der bisher klassenlosen Kibbuzgesellschaft repräsentiert. Hier fand sich noch keine echte Lösung.


XIII. Folge Nummer 50/20, Juni 1961, S. 28–30


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