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Jean Halpérin

Verantwortung um Frieden und Gerechtigkeit

Es gibt in der hebräischen Sprache zwei Wörter, die besonders schwierig zu übersetzen sind: Tzedek und Schalom. Tzedek ist eine besondere Art der Gerechtigkeit, die mit Güte, Großzügigkeit und Sorge um den Anderen verknüpft ist. Schalom bedeutet viel mehr als nur Frieden: Es bedeutet Harmonie, Fülle, Ganzheit, Integrität, Begrüßung, Aufnahme, Gastfreundschaft, Segen. Richtig verstanden lehrt uns das Wort Schalom, daß man bereit sein muß, für den Frieden einen Preis zu bezahlen: Es gibt keinen Frieden ohne Opfer, ohne Konzessionen!

Der große Pharisäer Hillel der Weise sagte: „Sei von den Schülern Aarons, Frieden liebend und dem Frieden nachjagend“ (mAv 1,12). Man muß den Frieden lieben, ihm nachstreben, ihn verfolgen. Franz Rosenzweig und Martin Buber haben in ihrer deutschen Fassung der Schrift Dtn 16,20 so übersetzt: „Dem Wahrspruch, dem Wahrspruch jage nach, damit du lebest und das Land ererbest, das ER dein Gott dir gibt!" Dtn 16,20 ist als kategorische Herausforderung zu hören. Das Wort Tzedek (Wahrspruch) wird wiederholt, um die Schwierigkeit der Suche nach der absoluten Gerechtigkeit/Barmherzigkeit zu betonen.

Die Begriffe tzedek und schalom sind auch dadurch verknüpft, dass sie mit dem gleichen Verb verbunden sind: redof (rennen, nachjagen). Das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit verlangt eine andauernde Anstrengung. Der Kampf um Tzedek und Schalom gewährt keine Pause, kein Aufatmen. Er gleicht einem nie endenden Marathonlauf, jedoch immer in Richtung einer unerschöpflichen Hoffnung und nicht der Verzweiflung. Auch das interreligiöse Gespräch kann manchmal als eine Art Sisyphusarbeit empfunden werden. Man gelangt nie entscheidend und endgültig ans Ziel.

Wir haben vorgestern in der Synagoge den Wochenabschnitt Wayyikra („Er rief“ – nach der Übersetzung von Buber und Rosenzweig) gelesen. Wir stehen also unter dem Zeichen des Rufes und der Berufung. Auch das bedeutet eine Herausforderung, stets bereit zu sein, auf den Rufenden – wer er auch sei –, sorgfältig zu horchen und entsprechend zu handeln. In der Erfüllung der Verantwortung um Frieden und Gerechtigkeit müssen wir darauf achten, die eigene Verantwortung nicht auf den Anderen abzuwälzen und nicht auf die eigene Verantwortung zu verzichten. Das lehren uns führende jüdische Denker wie Rabbi Chayim Volozhiner (1749-1821), Rav Abraham Y. Kook (1865-1935), Emmanuel Lévinas (1906-1995) und Yeschajahu Aviad (Oskar Wolfsberg, 1893-1957). Ihre Philosophie und ihre Weltanschauung beruhen fundamental auf der Ethik als Verantwortung.

Die Stimme des Kinderarztes und großen Denkers und Lehrers Aviad Wolfsberg (auch Botschafter in Stockholm und in Bern) muß besonders hervorgehoben werden. In seinem letzten Buch, Yahadut vehove (Judentum und Gegenwart), das erst nach seinem Tod erschien, sehnte er sich nach der Errichtung eines Staates der Redlichkeit und der Gerechtigkeit. Er träumte davon, betete und kämpfte dafür. Viele Seiten in dem sonst knappen Band befassen sich mit dem kategorischen Imperativ des Friedens für die Zukunft Israels. Seine ultima verba beinhalten sein Vermächtnis: Shuv anu nivchanim (wieder einmal stehen wir vor der Prüfung). Gewiß meinte er damit: und diesmal dürfen wir nicht scheitern.

Verantwortung, Frieden und Gerechtigkeit sind nicht bloß Begriffe, sondern ernst zu nehmende Verpflichtungen, die Denken, Lernen, Vergewisserung, Anstrengung, einen festen Willen und vielleicht sogar Schlaflosigkeit verlangen. Sie sind auch von Hoffnung getragen. Sie bedeuten Aufgabe.

„Ich bin Friede, aber ob ichs auch rede, sie sind des Kriegs“ (Ps 120,7). Diesen Satz habe ich jahrelang als eine selbstverständliche Feststellung empfunden – als ob man sowieso nichts ändern könne –, bis ich ihn eines Tages endlich richtig verstanden habe: Ich bin für den Frieden, aber so lange ich davon nur spreche, sind sie für den Krieg. Das heißt also, um zum Frieden zu gelangen, genügt es nicht, davon nur zu reden. Man muß handeln, um den Frieden fest aufbauen zu können.

Schalom ist der höchste Segen. Er hängt jedoch weitgehend – wenn auch nicht ausschließlich – von uns ab. Wir dürfen uns nicht auf die Vorsehung allein verlassen, denn sie entbindet uns keineswegs unserer eigenen und ständigen Verantwortung, auch nicht der von uns geforderten Weisheit.


Dr. Jean Halpérin, Prof. em. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Grenoble sowie für jüdisches Denken an der Universität Fribourg, ist Präsident des Instituts für jüdische Studien an der Universität Genf und Präsident des Kolloquienkomitees französischer Juden. Im Genfer Büro des jüdischen Weltkongresses war er die rechte Hand von Gerhart Riegner. Der Beitrag ist ein Auszug aus einem Vortrag am 2. April 2001 in Basel anläßlich des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich.
Jahrgang 8/2001 Heft 4 Seite 269−270.


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