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Augustinus und der „šltere Bruder“

Zur patristischen Auslegung von Lk 15,25–32

Erstdruck UNIVERSITAS, Dienst an Wahrheit und Leben. Festschrift für Bischof Dr. Albert Stohr, i. A. der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz herausgegeben von Ludwig Lenhart. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1960. Bd. I, S. 79–85.

Es sind drei Fragen, die wir im Folgenden zu beantworten suchen:

I. Welches ist der persönliche Beitrag Augustinus zur Interpretation der Gestalt des beim Vater verbliebenen „älteren Bruders“ im Gleichnis vom Verlorenen Sohn?

II. Inwiefern ist in der Form dieses Beitrags das biblische Gotteswort, das er auslegt, sinngemäß verstanden worden?

III. Was folgt daraus?

I.

Man wird wohl sagen dürfen, dass jedenfalls über die exegetische Voraussetzung, derentwegen wir Augustinus’ Auslegung bemerkenswert finden, unter den Vätern Einmütigkeit besteht, wenn man bei nicht weniger als vier großen Kirchenlehrern: Ambrosius, Hieronymus, Augustin und Chrysologus der von dem Letztgenannten (Sermo V, PL 52, 197 ff.) dahin zusammengefassten Überzeugung begegnet, die beiden Söhne im Gleichnis bedeuteten „die beiden Völker, das jüdische und das heidnische“.

Beherrscht nun in der Auslegung wie auch im Gleichnis selbst neben dem Vater zunächst nur der jüngere, der „Verlorene Sohn“ die Szene (V. 12–24), welchem ja auch wieder der voll ausklingende Schlusssatz des ganzen Gleichnisses gilt, so ist immerhin dem älteren Bruder des verlorenen Sohnes das letzte Drittel der Erzählung gewidmet, und so war selbstverständlich unter jener Voraussetzung zu fragen, was hier alles über „die Juden“ gesagt sei.

Dabei war eines unverkennbar: Hauptvergleichspunkt zwischen „dem Juden“ und dem älteren Bruder ist des Letzteren Weigerung, an der Freudenfeier mit dem ins Vaterhaus Heimgekehrten teilzunehmen. Der sich rühmt, noch nie des Vaters Gebot übertreten zu haben, der kann sich nicht ohne weiteres damit einverstanden erklären, dass nun gleich Freudenfeste beim Wiederauftauchen des Abtrünnigen gefeiert werden, welcher den aus dem väterlichen Vermögen herausgezogenen „Lebensunterhalt mit Huren verzehrt“, d. h. Götzendienst getrieben hat (V. 29 f.). Aber nun weiter?

Zwei Fragen sind es, die nach dem Liber Secundus Quaestionum Evangeliorum S. Augustini (Qu. 33 in Luc 15,11 ss. PL 35,1347) sich stellen:

  1. „Wie soll hingenommen werden, dass dieses Volk Gottes Gebot niemals übertreten habe?“
  2. „Von was für einem Bock spricht es, den es nie erhalten habe, dass es mit seinen Freunden ein Freudenmahl hielte?“

Auf die erste dieser Fragen hatte Ambrosius (In Luc VII, CSEL 32, 388 ss.) geantwortet:

„Schamlos und ähnlich jenem Pharisäer, der sich selbst mit einem anmaßenden Gebetswort gerecht erklärt“ (Lk 18,11), „bleibt, der da meinte, dass er nie das Gebot Gottes übertreten habe, weil er das Gesetz dem Buchstaben nach befolgte, der Frevler (Inpius), der seinen Bruder anklagt, mit Huren das väterliche Vermögen verschleudert zu haben, da er doch hätte bemerken müssen, dass ihm selbst gesagt war: ,Huren und Zöllner werden euch ins Himmelreich vorangehen’, draußen stehn ...“

Ebenso unversöhnlich anklagend lautet Ambrosius’ Antwort auf die zweite Frage:

„Der Jude fordert den Bock, der Christ das Lamm; und darum wird für jene Barabbas freigelassen, für uns das Lamm geopfert. Daher herrscht bei jenen der Gestank der Verbrechen, bei uns die Vergebung der Sünden, süß (schon) im Hoffnungsstand, (vollends) wohltuend im Fruchtbringen („dulcis in spe, suavis in fructu“; videlicet aeternae beatitudinis). Wer nach dem Bock verlangt, der erwartet den Antichrist; ist doch Christus ein wohlduftendes Opfer ...“

Augustin nun hat diese Antwort unzweideutig abgelehnt:

„Ganz und gar nicht ist es recht, diesen Sohn in denen unter den Juden zu erblicken, die dem Antichrist Glauben schenken werden.“ (Neque omnino in eis Judaeorum, qui Antichristo credituri sunt, istum filium fas est intelligi."

Und auch seine erste quaestio beantwortet Augustin völlig anders als Ambrosius:

„Was aber das nicht übertretene Gebot anlangt, so fällt ohne weiteres auf, dass dies nicht von jederlei Gebot gesagt ist, sondern von dem einen notwendigsten, wodurch er geheißen wird, keinen Gott außer dem einzigen Schöpfer aller Dinge zu verehren (Ex 20,3): und nicht in allen Israeliten, sondern in denen ist dieser Sohn personifiziert zu sehen“ (in his intelligitur habere personam) „die sich niemals von dem einzigen Gott abgekehrt haben zu den Götzenbildern ...“

Dies wird auch durch das Zeugnis des Vaters selbst bestätigt, da er spricht: ‚Du bist allezeit bei mir!‘ Er tadelt ihn ja nicht als einen Lügner, sondern, da Er sein Ausharren bei Sich billigt, lädt Er ihn zum Vollgenuss eines noch reicheren und beglückenderen Freudenfestes ein.“ (Secum perseverantiam eius approbans, ad perfructionem potioris atque jucundioris exsultationis invitat.)

Soweit der Gedankengang, den Augustin als Forscher zu den aufgeworfenen beiden Fragen zu äußern hat. Hören wir ihn nun auch – wenigstens auszugsweise – als Prediger über den „älteren Bruder“ des Verlorenen sprechen, was in Sermo 11,8 ff., einer Sammlung neu entdeckter Predigten der Fall ist. (Caillau und Saint-Yves II in Miscellanea Agostiniana I, ed. G. Morin, Rom 1930, S. 260 ff.)

„ ... Und es zürnt der ältere Bruder, welcher vom Acker zurückkehrt, und will nicht eintreten. Es ist dies das Volk der Juden, dessen Animosität“ (animus) „auch bei denen zutage trat, die schon christgläubig geworden waren. Die Judenhaben nämlich darob gegrollt, dass die Heiden auf so abgekürztem Wege dazu kamen“ (venire gentes de tanto compendio), „ohne dass ihnen Gesetzeslasten auferlegt wurden, ohne den Schmerz der Beschneidung des Fleisches inmitten ihrer Sündigkeit die rettende Taufe zu empfangen“ (in peccato accipere baptisma salutare); „haben gegrollt, dass selben vom Mastkalb das Mahl gewährt ward.

Freilich, jene waren ja bereits gläubig geworden; ihnen wurde das erklärt, und sie beruhigten sich. So nun aber auch jetzt vielleicht ein Jude, welcher Gottes Gesetz in seinem Sinn getragen hat und darin gewandelt ist ohne einen Tadel, welcher Art darin gewesen zu sein Saulus erklärt hat (Phil. 3,6), der bei uns ein Paulus ward, ... welcher Jude auch immer nun darin also ist, dass er von sich weiß und in seinem Gewissen bestätigt findet“ (et habeat in conscientia sua), „dass er von seiner Jugend auf den einen Gott verehrt hat, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott, der verkündet wird durch Gesetz und Propheten, und befolgt hat die Kundmachungen des Gesetzes, der beginnt, über die Kirche nachzudenken, da er das Menschengeschlecht im Namen Christi seinen Weg einschlagen sieht“ (videns in nomine Christi currere genus humanum).

„Wenn er sich nun Gedanken macht über die Kirche, dann nähert er sich dem Hause vom Felde her. So nämlich steht geschrieben: ,Als der ältere Bruder vom Felde heimkehrte und sich dem Hause näherte.’ Wie ja der jüngere Sohn täglich zunimmt in Gestalt der gläubigen Heiden, so taucht der ältere Sohn, wenn auch selten, dennoch auf in Gestalt von Juden. Sie machen sich Gedanken über die Kirche; sie wundern sich, was das sei; sie sehen bei sich das Gesetz, bei uns das Gesetz; bei sich die Propheten, bei uns die Propheten: bei sich kein Opfer mehr, bei uns das tägliche Opfer; sie sehen, dass sie auf dem Ackerfeld des Vaters tätig gewesen sind, aber dennoch vom Mastkalbe nicht speisen ...

... Da nun jener solchen Schall aus dem Hause hörte, ,ward er zornig und wollte nicht hinein gehen.’ Wie, fürwahr, kommt es dazu, dass der unter den Seinen verdienstvolle Jude feststellen muss, die Christen vermöchten so großes?“ (boni meriti apud suos Judaeus ut dicat, tantum posse Christianos).

„Wir halten die väterlichen Gesetze ein; zu Abraham hat Gott gesprochen, von welchen wir abstammen. Moses hat das Gesetz entgegengenommen, welcher uns aus Ägyptenland in die Freiheit durchs Rote Meer hindurchführte. Sieh diese Leute an, die unsere Schriften halten, unsere Psalmen durch die ganze Welt hin singen und ein tägliches Opfer haben; wir aber verloren so das Opfer wie den Tempel ...“

Als der „Diener“, den der „ältere Bruder“ dann befragt, erscheinen die Propheten, aber auch die Apostel. Jedoch:

„Solange (nur) der Diener ihn anredet, zürnt jener, will er nicht eintreten.

Zurück denn zu dem Herrn, welcher sagt: ‚Niemand kommt zu mir, außer, wen der Vater herbeizieht’ (Joh 6,44). Also geht der Vater heraus und bittet den Sohn: solches heißt ‚ziehen’; stärkere Gewalt bringt der Höhergestellte durch Bitten auf als durch Gebieten.

Solches aber geschieht, meine Lieben, wenn derartige Menschen aufhorchen, welche um die Schriften bemüht sind und ein solches Bewusstsein guter Werke haben, dass sie zu ihrem Vater sagen dürfen: ,Vater, Dein Gebot habe ich nicht übertreten.’ Dann also, wenn (demgegenüber) von den Schriften her gesiegt wird und sie nichts zu antworten finden, zürnen sie, widerstreben, wollen gleichsam (dennoch) siegen. Danach aber lassest du denselben mit seinen Gedanken allein, und im Inneren beginnt Gott zu sprechen: Dies ist’s, dass der Vater herauskommt und zum Sohne spricht: ,Tritt ein und speise!’

Und jener dawider: ‚Sieh, so viele Jahre diene ich dir, und habe noch nie dein Gebot übertreten; doch nie gabst du mir auch nur ein Böcklein, dass ich es mit meinen Freunden verspeisen möchte. Da kommt aber dieser dein Sohn, der sein Erbe verzehrt hat mit den Huren, und ihm schlachtetest du das gemästete Kalb.’

Das  sind innerliche Gedanken, wo schon der Vater auf verborgene Weise spricht; er klagt nämlich und erwidert bei sich selbst, da schon nicht mehr der Knecht Auskunft gibt, sondern gewissermaßen der Vater bittet und sanft ermahnt: Was ist das nun? Wir halten die (Vor-)Schriften Gottes und sind nicht abgewichen von dem einzigen Gott; nicht erhoben wir unsere Hände zu einer fremden Gottheit; einzig jenen kennen wir, ihn haben wir immerdar verehrt, der da Himmel und Erde gemacht hat; und nicht einmal ein Böcklein haben wir erhalten. –

Wo nun finden wir den Bock? Unter den Sündern. Warum beklagt sich dieser ältere Sohn darüber, dass der Bock ihm nicht gegeben worden sei. Er suchte nach einem, der sündig wäre, von welchem er speisen würde“ (Peccare quaerebat, de quo epularetur); „darum offenbar grollte er. Das ist’s, was die Juden schon schmerzt: das ist’s, was sie einzusehen beginnen, und sie merken, dass ihnen darum der Messias nicht gegeben wurde, weil sie vermeint hatten, er sei ein Bock.

Sie erkennen nämlich die eigene Stimme im Evangelium in Gestalt jener jüdischen Oberen, die da sagen: ,Wir wissen ja, dass dieser da ein Sünder ist’ (Joh 9,24). Jener war (in Wirklichkeit) das Mastkalb, aber, da du ihn einen Bock vermeinst, bist du ohne jene Mahlzeit verblieben. ,Niemals gabst Du mir ein Böcklein?’ Nun, weil der Vater den nicht als ,Bock’ verfügbar hatte, der ihm als ‚Mastkalb’ bekannt war“ (quia non habebat pater haedum, quem sciebat vitulum). „Draußen bist du noch: da du nun den Bock nicht erhalten hast, komm schon herein zum Mastkalb!

Was antwortet nämlich der Vater? ,Mein Sohn, du bist allezeit bei Mir.’ Bezeugt hat so der Vater, wie nahe die Juden gewesen sind, die stets den einen Gott verehrt haben. Wir haben ja das Zeugnis des Apostels, welcher sagt, sie seien nahe, die Heiden aber ferne ...“ (Eph 2,17)

Ferne, wie auch im Falle des jüngeren Sohnes im Vergleich mit den Juden, die nicht in die Ferne davongingen, um Schweine zu hüten, den einen Gott nicht verlassen haben, nicht Bilder angebetet, nicht den Dämonen gedient.

Ich spreche nicht von allen, sodass euch nicht die verworfenen und aufrührerischen Juden einfallen mögen. Von denen diese getadelt werden, die mögen euch einfallen, die ernsthaften, die Gebote des Gesetzes einhaltenden, (zwar) noch nicht zum gemästeten Kalb eintretenden, aber schon zu sagen tauglichen: „Dein Gebot habe ich nicht übertreten“; derengleichen, wenn er einzutreten begonnen haben wird, der Vater sagen wird: „Du bist allezeit bei Mir!“ Bei Mir zwar, sofern du nicht weit hinweg gereist bist, aber trotzdem noch in übler Lage außer Hause; Ich will ja nicht, dass du fehlst bei unserm Mahle! Beneide doch nicht deinen jüngeren Bruder, „du bist allezeit bei Mir“. –

Damit bezeugt zwar Gott nicht, dass etwa unbesonnen und anmaßend gesagt worden sei: „Niemals habe ich Dein Gebot übertreten“; aber Er sagt (genau): „Bei Mir bist du allezeit"; nicht: Niemals hast du mein Gebot übertreten. Wahr ist das, was Gott gesagt hat; nicht, sofern jener sich vermessen gerühmt hätte, obgleich er wohl in manchem ein Sünder war; aber dennoch ist er nicht von dem einen Gott abgewichen; sodass der Vater wahrheitsgemäß sowohl sagen kann: „Du bist allezeit bei Mir“ als auch „Alles, was Mein ist, ist dein!“

Alles also ist unser, wenn wir Sein sind.

„Alles, was Mein ist“, sagt er, „ist dein.“ Wenn du friedvoll sein wirst, wenn gefällig, wenn ob der Heimkehr des Bruders erfreut, wenn unser Mahl dich nicht grämt, wenn du nicht außerhalb des Hauses verbleibst, obwohl du doch schon vom Acker zurückgekehrt bist, dann ist alles, was Mein ist, auch dein.

„Das Festmahl aber halten sollen wir und fröhlich sein“, weil „Christus für die Frevler gestorben ist“ und auferstanden. Dies bedeutet es nämlich, dass gesagt ist: „Denn dein Bruder war tot und ward wieder lebendig; er war verloren und ist wiedergefunden.“

Zu dieser m. W. in der gesamten Patristik einzigartigen Würdigung schon des (noch) nicht an Jesus als den Christusgläubigen, aber gesetzestreuen Juden hat schon Bernhard Blumenkranz (Die Judenpredigt Augustins, Basel 1946, S. 175, Anm. 49) treffend betont:

„Wenn auch Augustin warnend bemerkt, er spreche nicht von allen Juden und man möge hier nicht an die ‚verworfenen und aufrührerischen Juden denken’, so spricht er doch von solchen, die wohl ‚außerhalb des Hauses’, d. h. der Kirche, dennoch aber , immer mit dem Vater’ sind.“

Zusätzlich aber ist nun noch festzuhalten, dass Augustin diese Auslegung des Gleichnisses in ausdrücklichem Gegensatz zu jener von seinem verehrten (aber exegetisch auch sonst nicht immer für ihn maßgebenden) Lehrer Ambrosius vertreten hat.1) Er gibt also nicht einfach Überliefertes weiter; er hört ganz persönlich neu auf den Text des Gotteswortes. Gerade dadurch gewinnt seine exegetische Entscheidung ein Gewicht, erhebt sie einen Anspruch, der unsere zweite Frage herausfordert: Hat er recht?

II.

Die Frage sei als exegetische müßig und nicht zu beantworten, werden uns manche erwidern; „ob der ältere Sohn die Pharisäer darstellt oder bloß die Gerechten im Allgemeinen“, das sei das Problem, wird uns versichert und die einmütige Väterexegese auf die Juden überhaupt nicht erwähnt oder als Allegorese abgetan.

Nun gibt es gewiss bei den Vätern manchmal überbordende allegorische Deutung, und etwa bei dem Rätselraten über den „Bock“ sind wir sehr gern bereit, auf Chrysostomus’ Mahnung gerade zu dieser Perikope zu hören: „Man darf nicht alles, was das Gleichnis enthält, buchstäblich durchbehandeln wollen!“ (Ohne dass dadurch Augustinus Nein zu Ambrosius’ antijudaistischer Deutung des „Bockes“ als „Antichrist“ minder treffend würde, weil sie nicht einmal als „Akkomodation“ brauchbar ist, wenn der „ältere Bruder“ wirklich „der Jude“ ist.)

Aber auch, wer aller Allegorese – als Exegese! — misstraut (und nur die Typologie für wesenhaft biblisch hält), wird sich bei vorurteilslosem Nachdenken der Feststellung kaum entziehen können, dass Lukas’ heidenchristliche Leser, also auch er, der für solche schrieb, ganz selbstverständlich in jenem älteren Bruder, der dem „Verlorenen Sohn“ das Freudenmahl neidet, „den Juden“ erblicken mussten, von dessen gleichartigem Neid Apostelgeschichte und Paulusbriefe voll sind, worauf Augustin ja treffend anspielt.

Und wie „typisch“, dass von ihm (V. 30) dem Verlorenen gerade die „Huren“ vorbehalten werden, auf die sich einzulassen den Juden als heidnisches Hauptlaster galt, weil ja dabei immer an kultische Prostitution gedacht wurde! (Vgl. 1 Thess 4,46; Ps 106,39; Num 25!)

Wenn man dann weiter mit Dausch, Dillersberger, Karrer, Ketter und gar Lagrange OP gelten lässt, dass zum lukanischen Sondergut als ein Wort gütigen Verständnisses für das jüdische Zögern gegenüber dem „neuen Wein“ des Evangeliums jenes hinzu gehört: „Niemand der alten Wein zu trinken pflegt, will neuen; denn er sagt: Der alte ist gut!“ (Lk 5,39), oder dass gerade Lukas – als einziger Evangelist! – den „Philosemitismus“ des Hauptmanns von Kapernaum als ein Motiv für Jesu hilfreiche Tat ihm gegenüber anführt (Lk 7,3 ff.), ist dann diesem speziellen Paulus-Schüler Lukas wirklich nicht zuzutrauen, dass das, was der Apostel Röm 9–11 von der noch immer gegenwärtigen Privilegiertheit Israels (Präsens in Röm 9,4 f.!) und der Unumstößlichkeit der ihm geltenden Gnadenratschlüsse Gottes sagt (Röm 11,28 f.), nun auch von dem Evangelisten in der Gleichnisrede unbefangen überliefert wird. (Bzw. das, was Paulus den Ephesern sagt, nach: M. Barth, S. 8; 19; 24 f.; 33 f.; 40 ff.!)

Kommt in ihr doch nur die Gewissheit Jesu Christi selbst zum bildhaften Ausdruck, dass auch jene „Gerechten“, welche sein Wirken an den Sündern zunächst nicht zu verstehen vermochten, zuletzt am Freudenmahl mit den Geretteten teilnehmen werden, wenn er wiederkehrt, um alle ins Vaterhaus heimzuholen (Mt 23,39). „Darum enthält dieses Evangelium wirklich als Weissagung auch die endgültige Wiederkehr Israels am Ende der Zeiten hinein in den Schoß der göttlichen Erbarmung, wie es die Heimkehr des verlorenen Heidensohnes darstellte“, schreibt treffend Dillersberger (Lukas V. Salzburg 1941, S. 83).

Und ganz besonders beweiskräftig für das Gewicht des Väterzeugnisses im Sinne dieser Auslegung erscheint es uns nun, dass sogar Ambrosius trotz seiner so schroff antijudaistischen Interpretation des Vorangehenden den Schluss des Gleichnisses auch nicht wesentlich anders verstehen kann als Augustin sodass die letzten Sätze seiner Auslegung lauten:

„Von draußen nämlich vernimmt Israel Musik und Reigen, und es zürnt, dass hier der Menge Danksagung laut wird und der einmütige Jubel des Volkes. Aber der gütige Vater begehrte, auch diesen zu retten: ,Du bist immerdar bei mir gewesen’, sei’s als Jude in der Ordnung des Gesetzes, sei’s als Gerechter (aus den Völkern) in (ununterbrochener) Gemeinschaft“ (uel quasi Judaeus in lege uel quasi iustus in communione, aufgefasst im Sinne der von Paulus Röm 2,14 f. erwähnten „gerechten Heiden“); „und wenn du nun doch noch aufhörst, neidisch zu sein, dann ist auch alles, was mein ist, dein; sei’s, sofern du als Jude (schon) die Sakramente des Alten Bundes, sei’s sofern du als Getaufter auch die des Neuen zu eigen hast“.

Soweit die Väter-Auslegung des „älteren Bruders“, welche uns bei Augustin die wesentliche Aussage des Evangeliums in dieser Hinsicht voll – und unüberholbar – verstanden zu haben scheint.

Unsere dritte Frage nun, nach dem, was daraus folgt, bitten wir in Form eines das Gleichnis weiterführenden „Midrasch“ beantworten zu dürfen, welcher erstmals anlässlich des 75. Deutschen Katholikentags 1952 in der Berliner Corpus-Christi-Kirche den Teilnehmern an der damaligen Arbeitsgemeinschaft 9 vorgetragen wurde, die unter der Frage stand: „Wo ist dein Bruder?“

III.

Auf des Vaters inständige Einladung zum Freudenmahl für den heimgekehrten verlorenen Bruder gab der ältere Sohn keine Antwort, sondern er ging hin und vermauerte die Tür zwischen den ihm vom Vater zugewiesenen Wohnräumen und den übrigen des Gehöfts, zäunte seinen Teil der Felder ab und mied inskünftig das gesamte übrige Gelände.

Beide Brüder heirateten und hausten nebeneinander; aber die Fremdheit zwischen ihnen wurde immer mehr zu gehässiger Feindschaft. Und da die Sippe des einst Verlorenen weit stärker anwuchs als die des Älteren, zog sich diese stets scheuer zurück; jene aber vergaß allmählich das Verwandtschaftsverhältnis und kannte zuletzt nur noch Verachtung für die anderen, die sie mit dem Stammvater völlig verfeindet wähnte. –

So kam es, dass eines Tages der jüngste Sohn des Verlorengewesenen einen der kleinen Vettern, von denen er so viel Böses gehört, in einem blinden Wutanfall erschlug – wie einst Kain den Abel.

Der greise Vater erhob sich bei dieser Nachricht, trat in die Tür des Hauses und rief mit lauter Stimme: Wo ist dein Bruder? – Da ging ein Schauder durch die Sippe des einst Verlorenen; sie kehrte um, begann durch Liebe um die Liebe ihrer getrennten Brüder zu werben; und am Ende der Tage versöhnte sich die ganze Familie und vereinte sich zu dem vollkommenen Freudenmahl, welches kein Ende nimmt in alle Ewigkeit. Amen.

  1. Weitere Beispiele für Augustins Abweichen von Ambrosius bei M. Pontet, L'Exégèse de S. Augustin prédicateur, Paris o. J. [1945], S. 208 f., Anm. 55; zu Ambrosius als Traditionszeugen für die endzeitliche Rettung von „ganz Israel“ s. u. S. 26!

XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 24–26


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