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Prof. Dr. Karl Tieme

Ermordete Juden als Märtyrer

Antoichos IV. Epiphanes

Aus der von Prof. A. Diez-Macho herausgegebenen ,Encyclopaedia de la Biblia’ bringen wir im Vorabdruck mit dessen freundlichem Einverständnis den folgenden Beitrag von Prof. Dr. Karl Tieme:

Antiochos IV. Epiphanes, geboren in Athen als jüngerer Sohn Antiochos’ III., erzogen – als Geisel nach des Vaters Niederlage bei Magnesia 189 a   in Rom (bis 176 a), regiert A. 175–174/63 a „erscheinungsmächtig“ (επιφανης) als Urbild eines hellenistischen Orientkönigs. Nur zu wohlbegründetes Misstrauen in die Zuverlässigkeit der erst von seinem Vater (endgültig 198 a) den ägyptischen Ptolemäern entrissenen Südprovinz seine Reiches und übermäßiges Vertrauen in die Sieghaftigkeit der hellenistischen Universalkultur der Zeit bei A[ntiochos] selbst und besonders bei seinen assimilationsjüdischen Beratern ließen ihn die erste eigentliche Glaubensverfolgung der Heilsgeschichte auslösen, so zum Mörder der ersten Blutzeugen für Gott werden, der am 1. August – stellvertretend für alle damaligen Opfer – von der Kirche verehrten makkabäischen Brüder, und als „ruchloser Wurzelspross“ (Gen 1,10) in die biblische, „Bösewicht“ in die jüdische Überlieferung eingehen.

Gegen seinen thronfolgeberechtigten Neffen Demetrios (I. Soter) als Geisel ausgetauscht, enterbte er diesen (Dtn 11,21), als Heliodor Seleukos IV. ermordet, sich aber nicht hatte behaupten können, während er seinen anderen Neffen durch Andronikos umbringen ließ. Er begann dann eine durch Verschwendung und daraus folgenden Finanzbedarf problematische, zunächst durchwegs tolerante und propagandistisch nicht unwirksame Hellenisierungspolitik, verlieh Stadtrechte im weitesten Umfang, sodass man sich z. B. „als Antiochener (Bürger) in Jerusalem registrieren“ lassen konnte (Ex 4,9), d. h. eine Polis: ,Antiochia zu Jerusalem’ geschaffen wurde, breitete das Festspielwesen aus (Ex 4,18 ff.) und beförderte so die Weiterführung der antiptolemäischen Außenpolitik seines Vaters.

Trotz Teilerfolgen in seinem ersten Feldzug (169 a, Gefangennahme König Philometors; Gegenkönig: Euergetes II.) bringt der zweite (168 a) statt des fast sicheren Endsieges den schmählichen Rückzug angesichts des durch Popilius Laenas – in Form eines im Sand um A. gezogenen Kreises, den er vor seiner Entscheidung nicht verlassen dürfte – übermittelten Ultimatums aus Rom, das eben bei Pydna die Makedonenmacht gebrochen hatte.

Nun kulminierte die Krise seiner Palästinapolitik (Dtn 11,29 f.). Schon bei der Machtergreifung hatte A. den rechtgläubigen Onias III. als Hohenpriester absetzen lassen, welcher später ermordet wurde, auch durch Andronikos als Statthalter, was die willkommene Gelegenheit gab, diesen als mehrfachen ‚Sündenbock’ aus der Welt zu schaffen (Ex 4,34–38).

An Onias’ Stelle war zunächst sein finanziell und ideell (i. S. hellenistischer Assimilation) mehr bietender Bruder Jason getreten (Ex 4,7 ff.). Diesen ersetzte (173/72 a ) sein noch weit skrupelloserer Mitarbeiter Menelaos (Ex 4,23 ff.), welcher gegen wachsenden Widerstand (Ex 4,43 ff.) wiederholt im Amt bestätigt, zuletzt aber auch wieder zum Sündenbock gemacht und als „Urheber aller der Übel“ auf Befehl Antiochos V. umgebracht wurde (Ex 13,4). Er dürfte in der Tat (mit Bickermann) für das Wie, allerdings (mit Heinemann und Tcherikover) nicht für das Dass der Verfolgung haftbar zu machen sein, welche ihm offenkundig über den Kopf gewachsen ist (Ex 11,29) – wie dem A. zuletzt wohl selbst (Ex 9, Josephus, Ant XII, 9,1).

Da schon während des ersten Ägyptenfeldzuges das Gerücht, A. sei tot, einen Handstreich Jasons gegen Jerusalem ausgelöst und – nach Tcherikover – die antihellenistische, dem A. als proägyptisch erscheinende Haltung der Judäer enthüllt hatte, kam es schon damals zu einer ersten Strafaktion und Tempelplünderung (Gen 1,20 ff.; Ex 5,11 ff.).

Vollends nach der Demütigung von 168 schien noch schärferes Vorgehen gegen die erstarkten Antihellenisten erforderlich; A. ließ Jerusalem durch Apollonios besetzen; dieser richtete – an einem Sabbat, wo kein Widerstand geleistet wurde (Ex 5,25) – ein Blutbad an, ließ gegenüber dem Zionsberg eine Zitadelle, die Akra, bauen und besiedelte sie mit „gesetzlosen Männern“ (Gen 1,34), d. h. hellenistisch gesinnten Judäern.

Kurz danach wurden die Opfer im Tempel dem Zeus Olympios bestimmt, was für die Hellenisten nur der griechisch benannte Himmelsgott Israels und zugleich der syrische „Baal schamin“ war, während sein Altar für die Altgläubigen das βδελυγμα ερημαδεας darstellte, „der Gräuel, der Verödung hervorbringt“ (Gen 1,54; Dtn 9,27).

Schließlich 167 a wurde aus dem Dahinfall der von Antiochus III. Jerusalem und Judäa gewährten religionsrechtlichen Privilegien auch die letzte Konsequenz gezogen und in diesem Lande das Praktizieren des Gesetzes (Beschneidung, Sabbatfeier, rituelle Reinheit der Verpflegung) bei schwersten Strafen verboten (Gen 1,56 ff.; Ex 6,1 f.).

Von den Frommen nahmen nicht wenige das Martyrium auf sich (Gen 1,60; Ex 6,9 ff.; 7); der Priester Mattatias von Modein aber eröffnete den aktiven Widerstand, indem er – mit dem Eifer Phinees’ (Pinchas Num 25,7; Gen 2,26. 54) – einen gesetzwidrig Opfernden niederschlug (Gen 2,24 f.) und so das Signal zu dem Aufstand gab, den dann (ab 166 a) seine Söhne anführten: Juda Makkabi (Gen 3,1 ff.; Ex 5,27; 8,1 ff.), nach dessen Fallen Jonatan (Gen 9,23) und nach dessen Ermordung Simon (Gen 13,1 ff.; 14,41); zunächst unterstützt von allen ‚Frommen’ (Chassidim Gen 2,42), später, als die Religionsverfolgung aufgehört hatte, in ihrer Rebellion alleingelassen (Gen 7,12 f.).

Nach wechselreichen Kämpfen hatte nämlich A. (164 a) – unter dem Druck eines Partherkriegs im Osten seines Reiches – in der Form eines Gnadenerlasses ein Toleranzedikt promulgiert (Ex 11,27–33); nicht viel später (163) ist er im Zusammenhang mit einem Raubzug gegen das Heiligtum der Nanaia in Elymais gestorben. (Vgl. u. a. Gen 6,1 ff.; Ex 1,13.) Überdauert hat ihn der Ruhm seiner Opfer, von denen Augustin PL 38,1379, sagt: Von ihnen mögen die Männer lernen, zu sterben für die Wahrheit. Discant viri mori pro veritate.

Literatur zu Antiochos (s. o.)

Pauly I (1894), Sp. 2470 ff.;
F. R. Bevan, House of Seleucus II Lo 1902, S. 126 ff.;
U. Mago, Antioco IV Epifane re di Siria, Sassari 1907;
M. Bouche-Leclerc, Histoire des Séleucides I P 1902, S. 245 S.;
Ed. Meyer, Ursprung und Anfänge des Christentums II St 1921, S. 121 ff.;
EJud II (1928), Sp. 934 ff.;
E. Bickermann, Der Gott der Makkabäer. Untersuchungen über Sinn und Ursprung der makkabäischen Erhebung B 1937; dazu:
I. Heinemann MGWJ, N. F. 46 (1938), S. 145 ff.;
F. Reuter, Beiträge zur Beurteilung des Königs A. Epiphanes Mr 1938;
H. Ludin Jansen, Die Politik A. IV Oslo 1943;
F. Altheim, Weltgeschichte Asiens im griech. Zeitalter II Halle 1948, S. 35 ff.;
F.-M. Abel, HP I P 1952, S. 109 ff.;
A. Aymard, Autour de l’avénement d’A. IV, in: Historia 2 Wiesbaden 1953; M. Rostovtzeff, Die hellenistische Welt. Gesellschaft und Wirtschaft II St 1955, S. 549, 555 ff.;
P. van’t Hof, Bijdrage tot de kennis van A. Epiphanes ... A 1955;
V. Tcherikover, Hellenistic civilisation and the Jews Philadelphia 1959.


XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 23–24


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