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Dr. Galleiske

Die Verwerfung Jesu Christi und die Zerstreuung der Juden

1. Die Zerstreuung der Juden ist keine Folge der Verwerfung Jesu Christi durch die Juden

Auf einer Religionslehrertagung in Andechs am 13.11.1960, die von der Pädagogischen Arbeitsstätte in München gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München veranstaltet wurde, hat ein Referent in seinem Vortrag über „Das nachchristliche Judentum im Lichte der Heilsgeschichte“ u. a. ausgeführt, die Zerstreuung der Juden sei eine Folge der Verwerfung Jesu Christi, insbesondere der Zerstörung Jerusalems durch Titus (vgl. den Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 14.11.1960 über diese Tagung).

Man kann oft das Schema hören: Kreuzigung Christi, Zerstörung Jerusalems durch Titus, Zerstreuung der Juden in alle Welt. Diese Vereinfachung stimmt aber nicht. Die Zerstreuung, die jüdische Diaspora, ist weder eine Folge der Kreuzigung Christi noch der Zerstörung Jerusalems.

Die erste große Zerstreuung begann bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. mit der gewaltsamen Verschleppung der zehn Stämme des Nordreichs Israel durch die Assyrer (Zerstörung Samarias 722 v. Chr. durch Sanherib), also bereits kurze Zeit nach der Gründung Roms 753 v. Chr. Zu einer weiteren großen Zerstreuung führte im 6. Jahrhundert der Untergang des Südreichs Juda mit der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar 587 v. Chr.

Damals wurden die Juden in langen Zügen gewaltsam nach Babylon deportiert. Viele Juden flohen damals vor den Babyloniern nach Ägypten, Syrien, Kleinasien. In sehr früher Zeit gab es schon eine jüdische Kolonie in Elephantine in Südägypten. Aus der babylonischen Gefangenschaft kehrte unter Kyros nur ein Teil der Juden zurück. Viele blieben in Mesopotamien. Jüdische Söldner aus dem Heere Alexanders des Großen erhielten dort Grundbesitz und siedelten dort. Etwa um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. soll Artaxerxes III. Ochos jüdische Familien ans Kaspische Meer (Hyrkanien) transportiert haben.

Seit der Gründung Alexandrias gab es dort eine starke blühende jüdische Kolonie. Ägypten, insbesondere Alexandria, zog die jüdischen Einwanderer lebhaft an. Ein anderes großes Zentrum der jüdischen Diaspora war Antiochia am Orontes, die Hauptstadt des Seleukidenreiches, die Beherrscherin der Handelsstraßen nach Kleinasien, Nordsyrien, Mesopotamien. –

Zur Zeit Christi lebten bereits mehr Juden außerhalb Palästinas in der Zerstreuung im ganzen römischen Reich als in Palästina, und zwar mehr als 3/4 von ihnen (vgl. Jean Steinmann, Johannes der Täufer, deutsche Übersetzung Heinz Fine S. J.; Roro Monographien Bd. 39, S. 14). Wir haben für diese Angaben zuverlässige Nachrichten aus der Antike. Nur einige seien genannt:

Strabo, der Kappadocier, schreibt über die Verbreitung der Juden zur Zeit des Feldzuges Sullas gegen Mithridates (84 v. Chr.):

„Die Juden sind schon fast in jeder Stadt des Erdkreises verbreitet, und man kann nicht leicht einen Ort in der Welt finden, der dieses Volk nicht beherbergte ...“ (vgl. Josephus, Altertümer XIV, 7,2).

Flavius Josephus schreibt in seiner Geschichte des jüdischen Krieges (VII, 3,3):

„Das jüdische Volk lebt bekanntlich unter den Bewohnern der verschiedenen Länder über die ganze Erde zerstreut; am meisten aber ist es in der seinem Stammlande benachbarten Provinz Syrien und hier wieder vorzugsweise in Antiochia wegen der Größe dieser Stadt mit der übrigen Bevölkerung vermischt.“

Agrippa I., der Herodier, schreibt in einem Brief an den Kaiser Caligula im Jahre 40 v. Chr. über die Ausdehnung der jüdischen Diaspora:

„Jerusalem ist nicht nur die Metropole des Judenlandes allein, sondern sehr vieler Länder auf Grund der Kolonien, die es bei Gelegenheit in die Nachbarländer ausgesandt hat: nach Ägypten, Phönicien, nach Syrien genau so wie in das sogenannte Coelesyrien, in die entferntesten Gebiete wie Pamphylien, Cilicien, in viele Gegenden des Pontus; gleicherweise aber auch nach Europa, Thessalien, Böotien, Mazedonien, Ätolien, Attika, Argos, Korinth und in die bevölkertsten und besten Gebiete des Peloponnes.

Aber nicht nur die Kontinente sind voll von jüdischen Kolonien, sondern auch die bedeutendsten Inseln wie Euböa, Cypern und Kreta. Von den Ländern jenseits des Euphrat will ich schweigen, denn mit wenigen Ausnahmen haben Babylonien und alle übrigen Satrapien, die in fruchtbaren Gegenden liegen, jüdische Bewohner“ (Legat. ad Cajum 36).

Aus diesen Tatsachen ergibt sich deutlich, dass die große Zerstreuung der Juden in aller Welt bereits zur Zeit Christi vorhanden war, und dass sie infolgedessen weder eine Folge der Kreuzigung Jesu Christi noch eine Folge der Zerstörung Jerusalems durch Titus sein kann.

Mit dem jüdischen Krieg Roms, der Zerstörung Jerusalems durch Titus und der Vernichtung des Tempels war die staatliche Existenz des Judentums keineswegs erloschen, waren die Juden nicht in alle Welt zerstreut. Es ist völlig falsch, dies anzunehmen.

Die Juden hatten Palästina nicht verloren. Sogar in Jerusalem waren sieben Synagogen der Vernichtung entgangen. Nach dem Kirchenhistoriker Eusebius, selbst Bischof in Palästina, sank damals überhaupt nur die Hälfte der Stadt in Trümmer. Was sich damals abgespielt hatte, war nicht nur ein römischer Krieg, sondern zugleich ein jüdischer Bürgerkrieg zwischen dem vernünftigen und gemäßigten, realistisch denkenden Teil des Volkes und revolutionären Fanatikern (Zeloten) und sozial Unzufriedenen, wobei die Gemäßigten auf der Seite Roms standen.

Man bedenke ferner: der Stabschef des Titus, Tiberius Alexander, ein Neffe Philos von Alexandrien, war ein Jude. Der jüdische König Agrippa II. kämpfte mit seinem kleinen Truppenkontingent auf Seiten der römischen Belagerungsarmee. Die jüdische Prominenz ging im Lager der Belagerungsarmee vor Jerusalem ein und aus. Der jüdische Gelehrte und Schriftsteller Flavius Josephus war Vermittler der Römer zwischen ihnen und den belagerten Juden. Weder Titus noch die auf seiner Seite stehenden Juden wollten den Untergang Jerusalems oder gar des Tempels (vgl. aber hierzu FrRu X, S. 26 u. FrRu XI, S. 73! Anm. d. Red.).

Mit der Zerstörung des Tempels verschwand der zentrale Opferdienst und damit der Opferdienst der Priesterschaft.

„Es blieb die Synagoge. Nach wie vor bestand aber die Kultgemeinde von Jerusalem von den Römern anerkannt und unangetastet (vgl. zu diesen Ausführungen Edmund Schopen, Geschichte des Judentums im Orient, Franke Verlag, Bern 1960, Dalp Taschenbücher Nr. 352, S. 101 ff.; Stewart Perowne, Herodier, Römer und Juden; deutsche Übersetzung Gustav Klipper Verlag, Stuttgart 1958, S. 242).

Ricciotti führt in seiner eingehenden Geschichte Israels (Bd. II § 474) aus:

„Es bedarf keines besonderen Hinweises, dass Judäa nach der Katastrophe des Jahres 70 n. Chr. ebenso wenig in eine Wüste verwandelt war wie einst nach der Katastrophe des Jahres 586 v. Chr. Die Orte, die am schwersten gelitten hatten, waren einige Zentren Galiläas, viele Städte Judäas und insbesondere Jerusalem und dessen Umgebung. Alles Übrige hatte keinen materiellen Schaden erlitten.“

Wäre es anders gewesen, wären tatsächlich nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus die Juden aus Palästina in alle Welt zerstreut worden, wie wäre es dann möglich gewesen, dass bereits 62 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus ein gewaltiger, jüdischer Befreiungskampf gegen die Römer unter Führung von Simeon Bar-Kochba losbrach, der das ganze Volk erfasste.

Es gelang Bar-Kochba, dem „Sternensohn“, sehr schnell, Jerusalem von den Römern zu befreien. Er betrieb eifrig den Wiederaufbau des Tempels. Der Opferdienst wurde wieder eingeführt. Die Priesterschaft trat von neuem in Erscheinung. Er ließ Münzen auf die Befreiung Jerusalems prägen, trat als „Simeon, Fürst von Israel“ an die Spitze eines neuen jüdischen Staates und begann mit dem Tage der Befreiung Jerusalems und seines Regierungsantritts eine neue Zeitrechnung. Er organisierte den Widerstand und die Verteidigung im ganzen Land durch Anlage von Verteidigungsstellungen und Schützengräben.

Es gelang seiner geschickten Strategie, sich drei Jahre lang gegen die Römer zu behaupten. Dann aber brach trotz tapferster, zähester Verteidigung gegenüber den gewaltigen Machtmitteln Roms im Jahre 135 n. Chr. jeder Widerstand zusammen. Aber die Römer mussten zur Niederschlagung der jüdischen Erhebung vier Legionen und Hilfsvölker zusammenziehen. Die syrische Flotte musste von See her unterstützend in die Kämpfe eingreifen. Hadrians bester General Severus, der von Britannien herbeigerufen worden war, leitete die Operationen. Die Katastrophe war furchtbarer denn je. Jerusalem wurde wieder genommen. Bar-Kochba fiel.

Nach Dio Cassius sollen damals etwa 50 jüdische Festungen und fast 1000 jüdische Ortschaften zerstört und über 1/2 Million Juden gefallen und viele Tausende gefangen und als Sklaven verkauft worden sein. Jerusalem wurde diesmal vollständig vernichtet, eine neue römische Stadt „Aelia Capitolina“ an seiner Stelle erbaut und auf dem Zionsberg ein Jupitertempel errichtet. Jedem Juden wurde bei Todesstrafe das Betreten der Stadt verboten! (Riccioti, a. a. O., Bd. II §§ 486–493; Schopen, a. a. O., S. 103 ff.). –

Trotz dieser entsetzlichen Katastrophe hielt sich das Judentum in Palästina weiter. Erst in der Mitte des 5. nachchristlichen Jahrhunderts in byzantinischer Zeit soll nach Schopen endgültig jede staatliche Existenz des Judentums in Palästina erloschen sein (Schopen, a. a. O., S. 110); gemeint ist die zentrale religionsrechtliche Selbstverwaltung der Juden.

Das alles ist leider weitgehend unbekannt. Es passt auch nicht zu dem bequemen Schema: Kreuzigung Christi, Zerstörung Jerusalems, Zerstreuung der Juden in alle Welt. –

2. Die Gefährlichkeit der kritisierten Auffassung

Dr. Willehad Eckert OP von der Albertus Magnus Akademie in Walberberg berichtet in seinem Aufsatz: „Christlich-Jüdische Begegnung in Deutschland nach 1945“ u. a. über eine Arbeitstagung für Religionslehrer in Düsseldorf, die am 7. Februar 1955 von der dortigen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstaltet wurde, und bezeichnete als wichtigste Erkenntnis dieser Tagung die folgenden Ausführungen von Frau Professor Peters:

„Überall da, wo man im christlichen Religionsunterricht seine Aufgabe in unerlaubter Weise vereinfacht, nämlich so vereinfacht, dass man einfach das Wort aus dem Evangelium wiederholt: die Juden selbst haben gerufen: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder‘, und sagt, nun ja – – so ist es dann eben gekommen, überall da vereinfacht man dann auch weiter in völlig unzulässiger Weise, indem man das jüdische Volk mit seiner Beteiligung am Tode Jesu aus der Geschichte verschwinden lässt und höchstens noch als Beleg für die Richtigkeit dieser vereinfachenden Aussage anführt, ... dass das jüdische Volk seine Eigenständigkeit, sein Land, seinen Tempel und seine Kultur verloren habe und von nun an Ahasver folgte und nun mit Recht Verfolgung erlitten habe. Das ist ja damit nicht mehr das wirkliche jüdische Volk, sondern eine Misskonstruktion.“

Dieses Zerrbild macht Frau Professor Peters mit Recht mitverantwortlich für den Antisemitismus und seine Grausamkeiten.

Zu diesem Zerrbild gehört das bekannte Schema: Kreuzigung Jesu Christi, Folge: Zerstörung Jerusalems durch Titus, Folge: Zerstreuung der Juden in alle Welt und von da an ein Ahasver, der von Land zu Land fluchbeladen irrt und Verfolgung um Verfolgung erleidet! –

Zu diesem Zerrbild haben leider auch Bücher für den Religionsunterricht und Geschichtsbücher beigetragen. Das ausgezeichnete Buch von Daniel-Rops (katholisch) „Geschichte des Gottesvolkes“ schließt leider mit der Geburt Christi ab. Auch die ihm beigegebenen synoptischen Zeittafeln enden mit der Geburt Jesu Christi.

Das viel gelesene Buch von Werner Keller (evangelisch) „Und die Bibel hat doch Recht“ streift nach einer sehr eingehenden Schilderung der Zerstörung Jerusalems durch Titus mit nur wenigen Zeilen den Aufstand von Bar-Kochba und schließt mit den unzutreffenden und irreführenden Ausführungen:

„Aus den Jahren nach 70 finden die Archäologen in Palästina nichts mehr, was von Israel Zeugnis ablegen könnte, nicht einmal einen Grabstein, der eine jüdische Inschrift trägt. Die Synagogen wurden zerschlagen, auch von dem Gotteshaus im stillen Kapernaum blieben nur Trümmer. Eine unerbittliche Schicksalshand hatte Israels Rolle in der Partitur der Völker gestrichen.“

Besonders bedauerlich ist, dass die erst im vorigen Jahr bei Herder erschienenen „Geschichtstafeln zur biblischen Zeitgeschichte“, herausgegeben von Dr. Karl Fr. Krämer (kath.), die jüdische Geschichte mit 90 n. Chr. abschließen und daher nichts mehr von den dreijährigen Freiheitskämpfen des jüdischen Volkes unter Bar-Kochba und der späteren Zeit bringen. –

3. Die Bedeutung der Zerstreuung

Gott hat von allen Völkern der Erde das jüdische Volk zu seinem Volk erwählt. Gott sprach zu Moses: Ihr sollt mein besonderes Eigentum sein vor allen Völkern, denn mein ist die ganze Erde. Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein (Ex 19,5,6). Der Sinn dieser Erwählung ist ausgedrückt in den Worten des Herrn an Abraham:

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein und in dir sollen gesegnet werden alle Völkerstämme auf Erden“ (Gen 12,2,3).

Jesus weist in dem Gespräch mit der Samariterin eindeutig auf diesen Sinn der Erwählung hin: „Wir wissen, was wir glauben, weil das Heil von den Juden ist (Joh 4,22). – „Alle Völker der Erde verdanken der Erwählung dieses Volkes, dass sie von Gottes Existenz und Wesen Kunde haben können“ (Markus Barth); und zwar gerade durch die weite Zerstreuung dieses Volkes.

Es gibt kein anderes Volk auf der ganzen Welt, bei dem Volk und Religion so untrennbar verbunden sind, wie bei dem jüdischen Volk. Und das jüdische Volk hat, ob es wollte oder nicht wollte, durch die Jahrtausende hindurch trotz aller Verfolgungen und Leiden seine Aufgabe, Gott zu dienen und Gott zu künden, immer wieder erfüllt. Es hat es getan inmitten der verwirrenden, sinnbetörenden Kulte der antiken Welt, es hat es auch getan in einer modernen, entgotteten Welt.

Die große Bedeutung der Zerstreuung Israels für die Verkündigung des Gottesgedankens unter den Völkern schildert Markus Barth (evang.) in seiner Schrift: „Israel und die Kirche im Brief des Paulus an die Epheser“ besonders klar und deutlich. Er schreibt dort:

„Was durch Gottes Hand an Israel geschieht, ereignet sich nicht nur um Israels, sondern auch um der Heiden willen und macht nicht nur Israel, sondern auch Heiden zu Zeugen des Willens und des Werkes Gottes. Wir können abkürzend sagen: Israel ist der erwählte Missionar Gottes unter den Heiden.

Dies gilt nicht nur vom Zeugnis, das Israel durch Worte abzulegen hat, sondern ebenso von seiner Segnung, die zum Segen aller Völker werden soll; von seiner Bestrafung, die exemplarisch für alle Strafen ist; und von seiner Sammlung und Aufrichtung, die Heil auch für die Völker der Welt bedeutet.

Wir beobachten, dass Israel diesen missionarischen Beruf erfüllt, ob es murrt oder nicht, gehorcht oder nicht, ob es sich seiner Mission freut oder nicht, ja, ob es sich ihrer bewusst ist oder nicht. Es ist von Gott zur Natur Israels gemacht worden, dass es Brief, Muster und Garantie von Gottes Gnade und Macht unter den Heiden sein darf – und wenn es sich dagegen sträubt, sein muss. Die Befreiung aus Ägypten, die es sich unter Murren gefallen lässt, wurde von Gott zu Ende geführt, auch und gerade damit die Völker erkannten, dass Gott fähig ist, sein angefangenes Werk zu vollenden (4 Num 14,11–19).

Das Babylonische Exil, das nicht nur als Katastrophe, sondern vor allem als wohlverdiente Strafe dargestellt wird, ist das Mittel, durch welches Israel zum Licht der Heiden wird (Jes 42,6; 49,6). Die schändliche Flucht Jonas vor Gott kann nicht verhindern, dass derselbe Mann wunderbar errettet und, wenn auch wider Willen, für Ninive zum Werkzeug und Typus der Rettung allein aus Gnade wird.

Die Überlieferung Jesu in die Hände der Heiden und die Verwerfung des gepredigten Evangeliums, welche die Apostel zur Verkündigung an die Heiden treibt – auch diese Ereignisse fügen sich in den Chor der vielen Stimmen, die alle das eine und selbe aussagen: Israel ist und bleibt Gottes Missionar unter den Völkern“ (Barth, a. a. O., S. 38).

Es bleibt auch sein auserwähltes Volk. „Gott steht in unwandelbarer Treue zu seinem Heils- und Erwählungswillen. Die Treue Gottes hat sich dem ungetreuen Volk gegenüber immer wieder durchgesetzt und bleibt auch dem Unglauben gegenüber Jesu Botschaft bestehen“ (P. Dionys Schötz O.P., Grundsätze christlicher Lehrtätigkeit im Hinblick auf das Gottes-Volk des Alten Bundes, Verba Vitae Heft 3/4 I960). Paulus sagt: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. Das sei ferne!“

Die Zerstreuung Israels in alle Welt hat endlich die allergrößte Bedeutung für die Vorbereitung und die schnelle und weite Verbreitung des jungen Christentums in der antiken Welt gehabt. Überall, wo sich Synagogen befanden, konnten die judenchristlichen Missionare ihre Lehre verbreiten und fanden sie Heiden, die für den Glauben an Gott aufgeschlossen waren.

Wenn man auf die Geschichte des Judentums, insbesondere auf seine Leiden und seine Zerstreuung zurückblickt, kann man nur mit Paulus sprechen:

„O welch eine Tiefe der Gnadenfülle, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich sind seine Wege. Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm zuerst etwas geschenkt, dass es ihm wieder vergolten würde? Denn von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit“ (Röm 11,33–36).

Anmerkung

Dazu zwei Beispiele, eins aus der Antike und eins aus unserer Zeit. Flavius Josephus schreibt in seiner Schrift „Contra Apionem“ (zitiert nach Ricciotti, a. a. O., Bd. 2 § 211):

„Auch unter den Massen der Heiden ist seit langer Zeit ein lebhaftes Verlangen nach unserer Religion vorhanden. Es gibt keine Griechen- und keine Barbarenstadt mehr, ja kein einziges Volk, wohin die Übung des siebenten Tages als Ruhetag noch nicht gedrungen wäre, und wo unsere Feste, das Anzünden von Lichtern und viele unserer Speisegebote nicht beobachtet würden.“

Es gab damals überall in der jüdischen Diaspora Proselyten, die den jüdischen Monotheismus bekannten. So wirkte der jüdische Gottesglaube und Gottesdienst auf die antike Welt. –

[Rabbiner] Robert R. Geis sagt in einer Gedenkrede in Karlsruhe anlässlich des 15. Jahrestages der Deportation nach Gurs und der Synagogenzerstörungen des Jahres 1938 (zitiert nach Manfred Seidler, der 9. November 1938, Werkhefte Katholischer Laien 11/58):

„Für mich ist eine Stunde im Lager Buchenwald unvergessen und unvergleichlich. Da standen wir zu Tausenden und Abertausenden an diesem Tag von morgens 6 Uhr bis spät in die Nacht auf dem Appellplatz.

Zur Abendstunde wurde vorn am Kommandoturm, für uns nicht sichtbar, ein Jude zu Tode geprügelt. Er rief mit immer schwächer werdender Stimme das Bekenntnis; ,Höre Israel, Gott ist unser Gott, Gott ist Einer!’ – Juden, für die jeder Laut das Ende bedeuten konnte, beteten dennoch mit dem sterbenden Bruder: ,Höre Israel, Gott ist unser Gott, Gott ist Einer!’, antworteten wie Juden gläubigerer Zeiten, bekannten sich in der Stunde, die todeserfüllt bis über den Rand war, zu dem Gott ihrer Väter. –“

So lebten Juden in unserer Zeit der entgotteten Welt ihren Glauben an Gott vor und bekannten durch die Tat die Verse des 72. Psalms:

„Wen habe ich im Himmel, wenn nicht Dich? Und bin ich bei Dir, dann freut mich die Erde nicht. Mein Leib und mein Herz vergehen, Gott aber ist meines Herzens Fels, mein Anteil in Ewigkeit.“

 


XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 20–23

 



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