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Prof. Dr. Karl Thieme

Geschichte und Existenz des Gottesvolkes des Alten Bundes als Aufgabe religiöser Unterweisung

Aus dem Referat von Prof. Dr. Karl Thieme anlässlich einer Gesamttagung aller Arbeitsgemeinschaften für den katholischen Religionsunterricht in Frankfurt a M. in Gegenwart von Dr. Wilhelm Kempf, Bischof von Limburg, im „Haus der katholischen Verbände“ am 31. Oktober 1960.

Einleitungsweise ging Prof. Thieme davon aus, dass sich durch die Herausgabe des nunmehr zwölf Jahre erscheinenden „Freiburger Rundbrief“ den daran Beteiligten eine neue Gesamtvorstellung von dem, was in diesem Rundbrief das Alte Gottesvolk heißt, Schritt für Schritt herausschälte. Es ist jene in sich betrachtet oder mit ihren eigenen Augen betrachtet, kontinuierliche, für uns Christen dagegen an einer bestimmten Stelle diskontinuierliche Einheit des Volkes, das am Sinai nach der Heiligen Schrift gesagt hat: „Wir wollen tun und hören“ (Ex 24,7; diese immer wieder so viel beachtete Reihenfolge, erst: tun und dann auch: hören wiederholt sich übrigens nicht zufällig in der Bergpredigt auf überraschende Weise [Mt 5,10]: wer solches tut und lehret“).

Das depositum fidei, das verbum Dei scriptum vel traditum in seiner Gesamtheit, das geschriebene und der mündlichen Überlieferung gemäß ausgelegte Gotteswort ermöglicht zunächst in seinem rein statistischen Bestande, in der Totalität der vorliegenden Äußerungen, jemandem, der diese Äußerungen so nutzt, wie es, er würde wahrscheinlich sagen, seinem unbefangenen Empfinden entspricht, genauso gut, vom Alten Testament an, Judenhass zu predigen wie zweierlei Art von Judenliebe, eine Art blinde und sicherlich nicht gemeinte Liebe und eine sehende, wahrhaft brüderliche Liebe.

Das gilt, wie gesagt, nicht etwa erst für die Juden nach Christus, sondern das gilt schon für die des Alten Bundes, wie man ja aus der Literatur wahrlich immer wieder es beweisen kann, schon seit dem sog. Barnabas-Brief.

Seit diesem Barnabasbrief und durch die Jahrhunderte, bis ins zwanzigste, findet man die Zeugnisse einer solchen aus dem Alten Testament bezogenen Judenfeindschaft von Christen, und vollends findet man sie angesichts der im Neuen Testament berichteten Haltung der Juden zu Jesus und zu seinen Aposteln mannigfach bezeugt, begründet, erklärt, mit Tatsachen belegt und dergleichen.

Man „kann“, so sagte ich, die Texte ermöglichen, solchen Hass herauszubeweisen oder als begründet zu belegen, ohne dass eine positive Unwahrheit geäußert werden müsste. Es genügt, Auslassungen vorzunehmen.

Ich glaube, es ist gut, wenn man sich klarmacht, dass in einer wesentlich analogen Weise eine Betrachtung der Kirchengeschichte ebenso gut ermöglicht, mit Tatsachen, mit unbestreitbaren Tatsachen Antiklerikalismus zu belegen, wie auf der anderen Seite zweierlei Arten von Kirchenliebe: eine blinde und eine sehende – erleuchtete.

Jene letzte dürfte Leo XIII. gemeint haben, als er die Historiker bei der Öffnung der Vatikanischen Archive beschwor, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nur die Wahrheit aus den geschichtlichen Unterlagen herauszuholen und den kommenden Generationen weiterzugeben. Von dieser Sicht her wäre also die Frage nicht: welche Bilder sind möglich, sondern welche Bilder sind dem Sinn des geschriebenen und überlieferten Gotteswortes gemäß?

Nun, wenn wir danach fragen, dann steht als das erste Phänomen, das erste scandalum pharisaicum, scandalum für begrenzte, für beschränkte Geister, das Wort von der „Erwählung Israels“ da. Wieviel Spott und Hohn hat dieses Wort von der Erwählung jenes Alten Bundesvolkes unter den Völkern der Erde herausgefordert, und wie leicht wäre es doch gewesen, aus den biblischen Texten heraus, aus dem Gebrauch des Wortes „Erwählung“ in ihnen, der oberflächlichen Kritik zu begegnen.

Da ist jener erratische Block beim Propheten Amos also einem der frühesten, deren Worte uns schriftlich überliefert sind, Amos 3,2: „Euch allein habe ich erwählt vor allen Geschlechtern der Erde, darum suche ich an euch heim all eure Schuld.“ Darum suche ich heim eure Schuld.

Erwählung heißt wahrlich nach biblischem Verständnis nicht: es bequem haben, ein Paradies auf Erden haben, sich alles leisten können, sich besser fühlen können als die anderen und dergleichen, obwohl das immer wieder von den Gegnern des Alten Israels, des Neuen Israels, wie ja die Kirche auch erwähltes Gottesvolk ist, herausgelesen wurde.

Erwählung heißt: besonderer Ernst der Verantwortung, besonderer Ernst der Heimsuchung durch Gott: Mensch sein, Volk sein vor Gottes eigenem Angesicht. Und im zweiten Makkabäer-Buch steht wie eine Art Entfaltung jenes Amos-Worts im Munde dessen, der die ersten Martyrien der Heilsgeschichte, die makkabäischen Martyrien, zu schildern hat:

„Ich ermahne aber diejenigen, die an dieses Buch geraten, sich durch die Unglücksfälle nicht entmutigen zu lassen, sondern davon überzeugt zu sein, dass die Strafen nicht den Untergang, sondern die Erziehung unseres Geschlechtes bezwecken. Wenn nämlich die Frevler nicht lange in Ruhe gelassen werden, sondern baldigst der Strafe verfallen, so ist das ein Zeichen großen Wohlwollens.

Bei anderen Völkern wartet der langmütige Herr zu, beobachtet, und straft erst, wenn sie das Maß der Sünden vollendet haben. Nicht so bei uns.

Uns gegenüber hat er sich entschlossen, dass unsere Sünden nicht bis zum Gipfelpunkt getrieben werden sollen, um uns daraufhin erst in Strafe zu nehmen. Darum hat er uns das Erbarmen auch gar nie entzogen, erzieht uns vielmehr mit Heimsuchungen, verlässt aber sein Volk nicht.“

Diese Botschaft des Alten Testamentes in der knappen Ausprägung, in der unerhört kraftvollen Formulierung bei Amos und in der, wenn man so will, didaktischen Entfaltung der II Makk 6,12 ff., ist das, was am Anfang jeder Erkenntnis des alttestamentlichen Bundesvolkes stehen muss und was als, wie man sagt, ein Leitmotiv jeder Betrachtung von allem, was über dieses Volk berichtet wird, von Abraham und Mose, bis Auschwitz und Tel Aviv oder Staat Israel, immer mitschwingen muss, wenn Christen von Juden im Sinne des göttlichen Offenbarungswortes sprechen wollen.

Das engstens damit verbundene andere ist, dass dieses alttestamentliche Bundesvolk die „Brautgemeinde“ ist, dass der Bund von den Propheten und nicht nur von den Propheten, sondern von der ganzen Gemeinde, ja sogar von der Kirche Jesu Christi, als eine unauflösliche eheartige Verbindung Gottes mit seinem Volke begriffen wird; gerade auch nach dem schmerzlichen Bruch, der für die Christenheit innerhalb dieses Volkes eingetreten ist, hat im 9. bis 11. Kapitel des Römerbriefs der Heidenapostel Paulus eherechtliche Begriffe für das Verhältnis zwischen Gott und auch noch seinem Gott missverstehenden Volke gefunden, wenn er Römer 11,2 feierlich beteuert: „Nicht verstoßen hat Gott sein Volk“, was immer geschehen sein mag; „verstoßen“, das Wort, das auch für die Verstoßung der ungetreuen Gattin sprachgebräuchlich vorkommen konnte.

Die Ehe ist selbst mit der Ehebrecherin Israel von Gott her gesehen nie geschieden worden, Gott kennt keine Scheidung seines Bundes, des Bundes, den er schließt, die Verheißungen und Bünde sind unumstößlich, ametameleta, wie es Römer 11,29 bei Paulus heißt. Die Menschen können irren, die Menschen können für lange Zeiten auf Wege geraten, die kaum zu begreifen sind, die uns erschüttern, bei denen wir mit Paulus sagen müssen „Wir gestehen ihnen den zelos theou, den Eifer für Gott zu, aber ohne epignosis, ohne volle Einsicht“, wie es in denselben zentralen Kapiteln des Mittelstücks des Römerbriefs, Römer 10,2 bei Paulus heißt.

So ist also das Geschehen, das uns im Alten Bundesbuche vom Alten Bundesvolke berichtet wird, ein Gebundensein Gottes an echte, wirkliche Menschen, von denen in rückhaltloser Offenheit gesprochen wird ohne Beschönigung, ohne Abschwächung von irgend welchem Versagen; und es dürfte die Aufgabe eines christlichen Unterrichts von diesem Alten Volke sein, dass er eben diese Linie mit Liebe, mit echter sehender, offener, kritischer aber durch keine Kritik irgendwie abzuschwächender Liebe behandelt und so verstehen lehrt; dass also von den Patriarchen an, die menschliche Schwäche nirgends verschleiert, nirgends beschönigt, aber eben dargestellt, in ihren Folgen gezeigt wird und dann gezeigt wird, wie die göttliche Liebe immer wieder größer ist als unser Herz, als unser törichtes und verzagtes Herz, wie Gott unerschütterlich treu ist, wie diese seine Treue von Abraham bis heute durchhält, das dürfte, allgemein gesprochen, die große Aufgabe einer Behandlung des Alten Bundesvolkes zunächst auf Grund der Gegebenheiten der Berichte, der Geschichte des Alten Bundesbuches sein.

Wenn wir dann innerhalb dieser Geschichte des Alten Bundesvolkes die Linie ganz selbstverständlich besonders betonen und herausheben, die auf den Neuen Bund hinüberführt und für uns so entscheidend wichtig ist, für uns das Geschehen im Alten Bunde zu einer Vorbereitung macht (ich glaube nicht nur zur Vorbereitung, aber jedenfalls zentral gerade auch zur Vorbereitung), dann dürfte wohl in unserer Zeit auf Grund von all dem, was eine vertiefte Beschäftigung mit Altem und Neuem Testament in den letzten Jahrzehnten ermöglicht hat, wichtig sein, dass wir über eine zu einseitige Betonung des einen Wortes unter den verheißungsträchtigen Worten des Alten Bundesbuches hinauskommen, dass wir da nicht mehr so ausschließlich insistieren, nämlich nicht mehr so einseitig auf dem einzigen Wort „Messias“.

Wenn wir im Neuen Testament darauf achten, als was Jesus auch noch, entweder von anderen fragend bezeichnet wird, bzw. darauf angesprochen, ob er es sei, oder aber auch, auf was hin er sich selbst beurteilt, als was er sich selbst betrachtet und als was ihn die Apostel vor allem in der frühesten Zeit nach seiner Auferstehung in erster Linie dem eigenen Volke verkündigen, da ist es sehr bemerkenswert, dass drei andere Worte in mancher Hinsicht, vor allem zeitlich, vor dem Wort „Messias“ eine Rolle spielen, die ich in der Abfolge der alttestamentlichen biblischen Bücher aufzählen will: der Zeit nach der in den biblischen Büchern älteste Begriff des Verheißenen oder Erwarteten ist der Begriff des Propheten, im Deuteronomium 18, Vers  5 steht ja jene Wendung: „einen Propheten wie mich, wird Dir der Herr Dein Gott erstehen lassen aus der Mitte Deiner Brüder, auf den sollt ihr hören“.

Und Sie werden wissen, dass in Johannes 1 die Frage gestellt wird: „Bist Du der Prophet?“ Nun nach christlichem Glauben ist Jesus von Nazaret unter anderem auch der Prophet schlechthin, zugleich der Vollender der Prophetie und der Erfüller in persona der Prophetie, und schon dieser Aspekt sollte uns zu denken geben.

Wenn im Makkabäer-Buch davon die Rede ist, dass der eine der Makkabäischen Brüder, Simon, als Hoherpriester und Fürst anerkannt wird, bis, dort heißt es, „ein glaubwürdiger Prophet“, also nicht unbedingt der Prophet, bis ein glaubwürdiger Prophet ersteht, dann merken wir, dass dieses immer noch erwarten eines Neuaufbruchs von Prophetie in der gesamten schriftlich fixierten alttestamentlichen Tradition vorhanden ist, aber wie uns jene Frage an Jesus aus Johannes 1 zeigt, auch in der neutestamentlichen Zeit, mit, wie wir zu sagen pflegen, messianischer Zuspitzung fortexistiert.

Also diese eine Kennzeichnung ist eine ungeheuer wichtige unter den Attributionen Jesu von Nazaret, die tief im Alten Bunde verwurzelt ist und die uns ja eben auch die eine der Aufgaben bezeugt und zeigt, dass wir das ganze Alte Testament als das Buch der Prophetie, der Propheten verstehen lehren, nicht nur in dem Sinne, in dem es sowieso bei uns üblich ist, Prophetien, die auf Jesus als den „Messias“ zeigen, sondern Prophetien in dem weiteren Sinne, in dem wir inzwischen das Wort Prophet oder Nabi oder Künder verstehen gelernt haben: der, der von Gott betraut ist, Gottes zunächst warnendes und dann oft richtendes und dann dennoch immer wieder verheißendes und tröstliches Wort aus den Ereignissen der Zeit heraus zu den jeweiligen Zeitgenossen zu sprechen.

Das ist eine der Grundlinien der gesamten alttestamentlichen Verkündigung, des gesamten alttestamentlichen Verständnisses der Geschichte des Volkes der Propheten, des Volkes, das der Menschheit diesen Typus Prophet geschenkt hat, diesen Typus, der ja wahrlich nicht mit Johannes dem Täufer ausgestorben ist, denn es gibt, wie wir alle wissen werden, innerhalb des Neuen Testamentes weiter Prophetie und Propheten bis hin zu jenen prophetisch begnadeten Töchtern des Evangelisten Philippus, von denen in der Apostelgeschichte die Rede ist.

Und es gibt im neutestamentlichen Gottesvolk prophetische Gestalten wie einen Bernhard von Clairvaux, einen Savonarola, eine Katharina von Siena, prophetische Gestalten, die ganz ähnliche Funktionen in ihrer Zeit erfüllten, wie sie die prophetischen Gestalten des alten Bundesvolkes im alten Bundesvolke erfüllt haben.

Und gerade diese wechselweise Erhellung der Prophetie im Alten Bund durch analoges prophetisches Geschehen im Neuen und dessen bei den eben aufgezählten und noch weiteren Gestalten im Neuen durch das Alte, gerade die sollte uns helfen, dass wir von den Propheten und dem Volke der Propheten als von etwas sprechen können, was nicht irgendwann einmal war, in Christus zu seinem Ziel geführt hat, nur noch wichtig ist um zu beweisen, dass Jesus der Messias war, und im Übrigen nun der Vergangenheit angehört, sondern dass es sich dabei um etwas handelt, was im Alten wie im Neuen Gottesvolke, nach neutestamentlicher Auffassung im Neuen Gottesvolke sogar überschwänglich, sogar erst recht da ist: Kündung göttlichen Wortes durch Gott-Beauftragte sowohl in der Dauer-Form des Lehramts, wie in der jeweils vom Heiligen Geist geschenkten Form, in der es dann freilich gerade auch der Prüfung durch das Lehramt im Sinne des Wortes Pauli in dessen erstem Thessalonicherbrief bedarf: „Prüfet alles, dämpfet den Geist nicht, und das Gute behaltet.“

Also hier ist die eine und in einem gewissen Sinne nicht nur äußerlich eine erste und grundlegende Sicht, die unsere Beschäftigung mit dem alten Bundesvolk pflegen muss, und die helfen muss, dass wir gerade auch Kindern klarmachen können, wie sehr das Geschehen im Alten Bunde nostra res ist, wie sehr hier nostra res agitur. Heute, Ende Oktober 1960, könnte man eine Stunde halten, in der man die Äußerung der französischen Bischöfe zu Algerien als heutiges prophetisches Gotteswort zu heutigen Menschen zusammenbringt mit manchem Wort des Jeremia oder anderer Propheten und daraus etwa zur Fürbitte für die französische und die ganze europäische Christenheit aufzufordern Anlass nimmt.

An zweiter Stelle kommt dann in den Büchern des Alten Bundesbuches das, was uns allen am geläufigsten ist, der „Messias“, in den Samuel- und Königsbüchern als der Davidssohn, der verheißene Thronerbe, und nachklingend in den Prophetien um den Davidsnachfahren Zorobabel bei der Heimkehr aus dem babylonischen Exil, die rettende Königsgestalt.

Hier wäre die Aufgabe wohl, dass man um Verständnis für das wirbt, was bei uns so oft allzu leichthin abgetan wird: dass ein Volk, das sich bedrängt und bedrückt wusste, sich nach diesem irdischen Retter sehnte. Und ich glaube, dass wenige Jahrhunderte es einem so leicht machen, wie das unsere, eben auch menschliches Verständnis für solche Sehnsucht zu wecken, selbst wenn sie irregeleitet ist, die Unterscheidung richtiger und falscher, irregeleiteter, missbrauchter messianischer Sehnsucht und suchenden, tastenden messianischen Hoffens, das über eine bloße Besiegung der Gegner auf dem Schlachtfeld hinausgeht.

Diese Unterscheidung sollte gerade uns in unserer Zeit nicht allzu schwer fallen und uns ermöglichen, eine, nun wir pflegen zu sagen, „pharisäisch“ selbstgerechte Form des Urteils über die primitive Messiaserwartung so vieler Menschen der Zeit Jesu zu überwinden. Insbesondere können wir nie genug daran erinnern, dass ja gerade auch die Apostel selber noch am Anfang der Apostelgeschichte (1,6) den Auferstandenen fragen: „Wirst Du nun das Königtum Israel wieder errichten?“ Das heißt, dass auch sie erst einer langen weiteren Erziehung noch jenseits des Wirkens, des Erdenwirkens, Jesu Christi bedurft haben, um über die so naheliegende, so natürliche, menschliche Erwartung des irdisch gesalbten Königs hinwegzukommen.

Nun aber kommen die beiden wichtigsten Qualifikationen des Verheißenen. An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs einschalten.

Nicht wenige von Ihnen kennen, besitzen vermutlich sogar die in vieler Hinsicht so schöne, deutsche Neutestamentausgabe, die Otto Karrer herausgebracht hat, wo er „Christus“ statt: der Gesalbte oder eben: Christos oder: Messias als „der Verheißene“ übersetzt.

Dem Sachgehalt nach kann man sagen, dass manches für eine solche Übersetzung spricht und dass gerade das, was ich Ihnen jetzt sage, sogar sehr stark dafür zu sprechen scheint, dass statt immer nur von Messias, Gesalbter, Christus im Sinne der Königserwartung zu sprechen, offenbar Karrer sich den Gedanken gemacht hat, man sollte die Leute daran gewöhnen, einen solchen weiteren Ausdruck, der Verheißene, zu wählen, in dem alles zusammen gefasst wäre, was ich jetzt im einzelnen aufzähle.

Ich kann mich trotzdem, aus Gründen der Übersetzungstreue, seiner Wortwahl nicht anschließen und halte es für unmöglich und untunlich, dass man in einer deutschen Übersetzung jemals an der Stelle wo χριστος im griechischen Neuen Testament steht, irgend etwas anderes hinsetzt als, entweder: „Bist Du der Christus?“ in den Fragen, die gestellt werden, oder: „Bist Du der Gesalbte?“, oder eben, indem man das Wort in unserer Transkription so belässt, wie es im Munde der Fragenden geklungen hat: „Bist Du der Messias?“

Nur diese drei Fragestellungen entsprechen, denn wenn man das allgemeine „der Verheißene“ nimmt, dann kommt gerade das nicht heraus, dass er ja eben nun nicht zunächst der Gesalbte sein will, sondern das, was jetzt kommt: der Gottesknecht, oder der Menschensohn, und es wird alles schief, es geht alles durcheinander in Frage und Antwort.

Die Leute wissen sehr wohl, warum sie fragen: „Bist Du der Gesalbte?“, „Bist Du der Messias?“, bist Du der, der uns politisch erlösen soll, bist Du der Davidssohn? Und er weiß sehr wohl, warum er ihnen gerade das zu sagen verbietet, während er vom Menschensohn, der er ist, ständig selber spricht.

Somit also nun diese beiden wichtigsten Selbstbezeichnungen „Gottesknecht“ und „Menschensohn“. Es wird auch das Ihnen allen bekannt sein: der Gottesknecht ist die Heilandsgestalt bei Isaias in dem sogenannten Trostbuch, das unsere Gelehrten heute als Deutero-Jesaja zu bezeichnen und einem großen Unbekannten, der sich gleichsam unter das Patronat des Propheten Jesaja gestellt habe, zuzuschreiben pflegen.

Das dürfte philologisch richtig sein und scheint mir keine Schwierigkeiten für unseren Glauben zu bedeuten kraft dieser stillen Bescheidenheit dessen, der in keiner Weise im eigenen Namen, auch nur im eigenen Namen als dessen, der von Gott den Auftrag bekommen hat, sprechen mag, sondern nichts anderes will, als gemäß dem, was er von Gott gehört hat, weiterführen, fortführen, durchtragen, was der große Prophet früher angefangen hat zu sagen; – also dieses sogenannte Trostbuch enthält jene Worte vom Gottesknecht, bei denen es so wichtig ist, dass eindeutig in dem Text, den wir als inspiriertes Gotteswort heute haben, zweierlei Auslegungen sich aufdrängen, eindeutig die Auslegung, die uns Christen die wichtigste ist: auf einen einzelnen, der Leiden trägt für die Abtrünnigen, für das Volk (Jes 53, 8 ff.), aber auch Worte wie: „Ihr“ (plural!) „seid meine Zeugen, ihr seid mein Knecht“ (Jes 3,10).

Einer unserer katholischen Exegeten des Alten Testaments, Professor Stier, hat auf einem christlich-jüdischen Gespräch, einem trikonfessionellen Gespräch zwischen katholischen, evangelischen und jüdischen Theologen im Haus der Begegnung der Benediktinerabtei in Niederalteich, gerade diese Jesaja-Trostbuch-Prophetie vom Gottesknecht ausgelegt und ließ sie ausmünden in den Appell: Israel, du Gottesknecht, erkenne dein Haupt in Jesus, dem Gottesknecht.

Diese christliche Auslegung wurde von den jüdischen Teilnehmern nicht etwa mit Protest, sondern mit Respekt aufgenommen, und ausdrücklich wurde nachher in der Aussprache gesagt: Wir haben gar nichts dagegen, wenn ein christlicher Theologe, der das so sieht und sehen muss, das auch in dieser Form ausspricht. Wir respektieren das, auch wenn wir den Weg nicht mitgehen können, der implizit uns damit nahegelegt ist.

Also diese Doppelsicht, die ja einer neutestamentlichen Doppelsicht entspricht, denken Sie an das auch nachher noch einmal zu erwähnende Wort des Apostel Paulus, Kolosser 1,24: „Ich ergänze an meinem Fleische, was noch aussteht an den messianischen Leiden“, an messianischen Wehen könnte man sogar übersetzen, Geburtswehen, wurden ja mit der messianischen Zeit verknüpft erachtet, „und zwar“ – ich ergänze an meinem Fleische, was noch aussteht an den Christusleiden – „und zwar für seinen Leib, für die Kirche“, bzw. im Rahmen, im Zusammenhang seines Leibes, im Zusammenhang der Kirche.

Unser abendländisches Denken neigt allzu sehr dazu, absolute Scheidungen durchzuführen und zu sagen, die und die Stelle bezieht sich entweder auf einen Einzelnen oder auf ein Kollektiv. Und da kann man es philologisch noch so wenden, dass man sagt: es ist nachträglich aufs Kollektiv bezogen worden, und die anderen können sagen: nachträglich sind die Worte über den Einzelnen zugefügt, das ist philologisch alles möglich, alles theoretisch und abstrakt diskutabel.

Wenn man aber den jeweils endgültigen Text als das betrachtet, was die Kirche als Gottes heiliges Wort kanonisiert hat, dann wird man nicht in die philologischen Absprechungen und Ergänzungen flüchten, gar nicht flüchten müssen, sondern wird gerade in dieser Doppelheit der Worte vom Gottesknecht das erblicken dürfen, was Gott selbst uns durch das Heraufrufenlassen dieser Gestalt des leidenden Gottesknechtes hat sagen wollen.

Es gibt den absolut einen, einzigen, einmaligen Gottesknecht, als den Philippus den Kämmerer der Kandake von Äthiopien in der Apostelgeschichte Jesus erkennen lehrt, sodass der Kämmerer die Taufe begehrt (Apg 9,30 ff.), und es gibt die gottesknechtliche zeugenhafte Gemeinschaft, wie das Neue so das Alte Bundesvolk in jeweils verschiedener Art und Zuordnung.

„Gottesknecht“ also ist die eine der beiden besonders wichtigen Qualifikationen Jesu, vor allem im Anfang der Apostelgeschichte so deutlich: „Durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus“ habe Gott Wunder gewirkt heißt es im Gebet der Apostel, nachdem sie leiden durften für Jesus; und die letzte, die aus dem Danielbuch stammt, ist dann die Bezeichnung: „Menschensohn“.

„Menschensohn“, wo eine unglaublich primitive Auslegung so oft die sogenannte menschliche Seite oder menschliche Natur Jesu von Nazaret damit ausgesprochen wähnt, während gerade die Menschensohnbezeichnung, nämlich des mit den Wolken kommenden, zur Rechten des Vaters thronenden, oder in der Stephanus-Vision zur Rechten des Vaters stehenden Menschensohnes, die stärkste gottheitliche Selbstaussage Jesu ist; also eine Paradoxie ohnegleichen, dass man sich an dem Wort „Menschensohn“ in oberflächlicher Auslegung angeklammert hat und meint – die vielen liberalen, vor allem populären Exegesen – hier bezeichne sich Jesus ja selbst als Mensch, während gerade seine Selbstbezeichnung als der kommende Menschensohn, der zur Rechten des Vaters thront, das ist, was ihm die Verurteilung im Prozess vor dem Synedrium einträgt. Damit hat er nach dem Urteil des Hohenpriesters, der sein Gewand zerreißt, die todeswürdige Lästerung ausgesprochen.

Da braucht man nicht mehr über eine geplante Tempelzerstörung Zeugen anzuhören und zu diskutieren, was das bedeutet und nicht bedeutet, damit hat er einen Anspruch erhoben, angesichts dessen sogar diejenigen Pharisäer, die ihm wohlwollen, wie Gamaliel oder Josef von Arimathäa, offenbar schweigen mussten, weil sie zunächst über diesen Block, wie man heute sagt, einfach nicht hinwegkommen.

Ja, wenn er das hier vor ihren eigenen Ohren sagt, dann ist da etwas, was alle ihre bisherigen Vorstellungen zerstört: das ist der Punkt, bei dem Paulus als Saulus ansetzt, warum er diese Leute verfolgen muss, selbst in einer Zeit, wo man im Übrigen weithin geneigt ist, sich mit ihnen abzufinden, und sie als eine neue unter den zwanzig Richtungen, die es damals gegeben haben mag, auch gelten und propagieren zu lassen, wie es Gamaliel I. vorgeschlagen hat.

Aber wenn diese Leute behaupten, dieser Mensch Jesus sei „Menschensohn“ von Gott, dann ist das etwas, was der Eiferer für Gott und das Gesetz, Saulus, nicht ertragen, nicht dulden, nicht hinnehmen kann, und darum muss ihm dieser „Menschensohn“ vom Himmel her erscheinen, ihm als dem einzigen unter allen, dem er eine Auferstandenenbegegnung – nicht eine bloße Vision, Lukas kann das sehr gut unterscheiden, wie wir aus einer anderen Stelle in der Apostelgeschichte (22,17 f.) deutlich ersehen – eine Auferstandenenbegegnung wie vorher den Zwölfen und den 500 geschenkt hat, muss vom Himmel her kommen, nun die Anrede „Herr“ von ihm entgegennehmen als göttlicher Herr und muss ihm jenes: „Warum verfolgst du mich?“, mich in meinen Gliedern, mich in meiner Brautgemeinde, entgegenrufen.

Also dieser „Menschensohn“, der taucht nun in der Abfolge der alttestamentlichen Bücher ja an letzter Stelle auf, als der vom Himmel her Kommende, zu einer Zeit, wo ein sozusagen rein irdischer Retter nicht mehr zu erwarten ist, wo alles für das Gottesvolk so düster aussieht, dass nur noch vom Himmel her Rettung erhofft werden kann, wie während jener Zeit der makkabäischen Verfolgung, wo die letzte Hand an das Buch Daniel in seiner heutigen Fassung gelegt worden sein dürfte.

Dieses nur und allein auf Gott noch hoffen, das ist die Situation, in der das Danielbuch so vollendet worden ist, wie es uns jetzt vorliegt, wobei man wieder sich nicht philologisch darüber zu streiten braucht, welche Vorstufen wieweit zurückreichten, die noch vorher vorhanden gewesen sein mögen, das kann man wohl den Forschern überlassen zu prüfen.

Jedenfalls, damals ist Israel die Erkenntnis aufgeleuchtet: die eigentliche Rettung kommt nicht durch den bloßen Davidsspross, durch irgendeinen zur Zelt gar nicht bekannten Nachfahren des Zorobabel, der das Banner ergreift und uns gegen den Antiochos und seine Griechenheere oder Syrerheere führt, die eigentliche Rettung kommt durch ein direktes Eingreifen Gottes von oben, und das war in der Gestalt des vom Himmel her kommenden Menschensohnes verdichtet, und als der Menschensohn tritt in seiner eigenen Selbstbezeichnung immer wieder Jesus in Erscheinung.

Das geht so weit, dass es heute eine ganze Richtung von Theologen um den bekannten Rudolf Bultmann gibt, von denen man also hören oder lesen kann, dass Jesus niemals den Anspruch erhoben habe, Messias sein zu wollen. Das hätten erst hinterher die naiven Spekulierer in der Urgemeinde sich so ausgedacht, aus populären Bedürfnissen und dergleichen; in dieser Form halte ich das für einen ausgesprochenen Unsinn, nach vielerlei Unsinn, der durch viele Jahrzehnte hindurch von der jeweils triumphierenden Schule geschaffen worden ist.

Man muss dann allerdings dazu sagen, dass glücklicherweise neben den jeweils triumphierenden Forscherschulen das evangelische Kirchenlied im Großen und Ganzen immer noch dasselbe singt, was es aus jüdischen Psalmen und katholischen Liturgien und Litaneien übernommen hat, und dass wir in dem Kirchenlied, wie unser „Kirchenlied“ gezeigt hat, sozusagen zu 99 Prozent dasselbe singen können, wie die anderen singen, und daher die immer neuen Wellen einer jeweiligen rabies exegetica, die auf den Spuren einer rabies philosophica oder scientifica wieder für ein paar Jahre fast alle Lehrstühle erobern und dann abermals nach ein paar Jahren zu den Akten gelegt werden und in die Forschungsgeschichte übergehen, uns nicht zu sehr aufregen, sondern uns auch veranlassen sollten, alles geduldig zu prüfen und die gelegentlichen Körnlein von sehr schön brauchbarer Wahrheit herauszunehmen, die darin enthalten sind.

Und diese eine Tatsache, dass von Jesus selber aus die beiden Begriffe „Gottesknecht“ und „Menschensohn“ am wichtigsten sind, die dürfen wir ganz ruhig aus dem Neuen Testament heraus uns sagen lassen und dann sehen, dass im Alten Testament auch der „Menschensohn“ bei Daniel (7,13 f.) nicht nur von einer Einzelgestalt, sondern ebenso von „dem Volke der Heiligen des Höchsten“ verstanden wird (7,28).

Jesus von Nazaret ist der Menschensohn, der Gottesknecht, der gesalbte König, der Prophet und Erfüller aller Prophetie, der Erwählte und Geliebte des Vaters; aber auch das Alte Bundesvolk ist „Menschensohn“ und „Gottesknecht“, königlich und prophetisch, gotterwählt und gottgeliebt.

Und ich bitte Sie nun, dass ich dies doch noch ein wenig ergänzen darf durch einiges, was nicht mehr unmittelbar zum Alten Bundesvolk vom Alten Bundesbuche her zu sagen ist, sondern vom Fortgang des Geschehens her.

Ganz kurz fassen kann ich mich bei der Frage nach der Aufnahme des Verheißenen, wie ich jetzt einmal einen Augenblick mit Karrer sage, durch ja nun eben nicht einfach „sein Volk“ oder „die Juden“, sondern durch die verschiedenen Richtungen, Gruppen, Parteien, oder wie immer sie es nennen wollen; das ist ja wohl etwas, was nachgerade im Lauf der letzten Jahrzehnte ins allgemeine Bewusstsein zu dringen pflegt, dass es überhaupt nicht ein gemeinsames Echo der Juden, im Sinne der Totalität der jüdischen Menschen jener Zeit, auf Jesus gegeben hat, sondern, dass es eine ganze Fülle von sehr verschiedenartigen Reaktionen gab.

Zunächst die Reaktion der mit Rom kollaborierenden „Sadduzäer“, also hohepriesterliche Aristokratie und Herodianer, d. h. der Umgebung des Satelliten-Kleinkönigs Herodes, die in der messianischen Bewegung um Jesus eine tödliche Gefahr für sich selber, für ihre Machtposition, für ihr Geld und Gut sehen, und von da aus mit zynischer Gleichgültigkeit den Mann, der im Mittelpunkt dieser Bewegung steht, und also eine Gefahr für sie darstellt, aus der Welt schaffen wollen, zunächst, wenn es nach ihnen gegangen wäre, heimlich durch Mord. Und da es eben, „leider“ in ihren Augen, nicht anders geht, durch die Anklage, die bei Pilatus gegen ihn erhoben wird; das Echo im Jakobusbrief (5,6): „Ihr Reichen habt den Gerechten gemordet.“

Es ist heute als eine Erkenntnis weiter Kreise der Forscher anzusehen, dass an dieser direkten Hauptschuld der „Hohepriesterlichen“, so sollte man das etwa übersetzen, bzw. der Sadduzäerpartei sowohl an dem Kreuzestode Jesu wie an der anfänglichen Verfolgung der Apostel in Jerusalem wirklich kein Zweifel sein kann.

Völlig anders war die Lage bereits bei den „Pharisäern“. Die Pharisäer waren, das pflegt ja auch allmählich bekannt zu sein, die Männer der ernsten Frömmigkeit, der genauen Gesetzesbefolgung, am ehesten zu vergleichen einem Tertiarenorden, einem Laienorden, der sich Priesterverpflichtungen freiwillig auferlegt, um Gott in voller Treue zu dienen.

Wir haben gottlob seit einem Jahr die wunderschöne Doktordissertation von Wolfgang Beilner „Christus und die Pharisäer“, von der mir vor einem Jahr der heutige Kardinal Bea sagte: „Wir haben uns gefreut, diese Arbeit als Dissertation beim Päpstlichen Bibelinstitut entgegennehmen zukönnen.“ Dort ist nachgewiesen, wie viel zunächst Jesus mit den Pharisäern verbindet, wie weit davon entfernt er ist, ihre Frömmigkeit etwa einfach abzulehnen, da er doch vielmehr sagt: „solches sollte man tun, und das weitere nicht lassen“.

„Wenn aber eure Frömmigkeit und Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Pharisäer, dann werdet ihr nicht ins Königtum des Himmels eingehen“, und dass erst jener Punkt, den ich vorher schon erwähnte, die göttliche Autorität, mit der Jesus sprach, das Gottheitliche an ihm, die Stelle war, wo, je ernster einer Pharisäer war, wie Saulus, desto schwerer es ihm fiel, darüber hinweg zu kommen, und wo also dann der Gegensatz auch zu dieser Gruppe entstand.

Und dann natürlich zu dieser Gruppe mit einer viel tieferen Leidenschaft als zu den Sadduzäern, wo von vornherein nichts zu machen war, die man nur als unglückliche Leute beklagen konnte etwa in dem Gleichnis vom reichen Mann, der die eine Scheuer abreißt, eine größere baut und meint, er habe nun seinen Reichtum geborgen, und über Nacht stirbt (Lk 12,16 ff.). Das ist der Typus des Sadduzäers, das ist der Typus, über den man nur bedauernd die Achsel zucken und gelegentlich, wie im Lukasevangelium (6,24) allerdings auch „Wehe“ rufen kann.

Aber die Pharisäer, das sind die Leute, um die Jesus gerungen hat, unter denen er seinen größten Apostel schließlich gefunden hat, die aber als Gruppe eben dennoch ihn aus diesem einen Grunde, wegen des Gottheitlichen in meiner Selbstprädikation, nicht haben folgen können.

Und dann haben wir bekanntlich die dritte breite Gruppe der „Zeloten“, während die Pharisäer ein Laienorden waren, dessen Zahl auf sechstausend in ganz Palästina beziffert wird von Josephus, also im ersten Jahrhundert, nicht mehr [...]. Man merkt daraus, wie sehr es eine herausgehobene kleine Elite in ihrer Art ist.

Demgegenüber dürfte die zelotische Bewegung damals schon sehr viel breiter gewesen sein und hat ja dann zeitweise im Ansturm das ganze Volk für kurz erobert, hat den Sadduzäern eben jenes Schicksal bereitet, das sie laut Johannes 11,47–48–49 ungefähr für sich befürchtet haben: „Dann kommen die Römer und nehmen uns diese Stätte und das Land.“

Und diese zelotische Bewegung war die Widerstandsbewegung, die Freiheitsbewegung, die Partisanenbewegung gegen die römische Besatzungsmacht, von der sich Jesus losgesagt hatte auf jene heikle Frage nach dem Zinsgroschen hin. Denn ein Zelot, Judas der Galiläer, hatte ja gelehrt, es ist nicht erlaubt, dem Cäsar Zensus zu zahlen, nur Gott, dem Tempel in Jerusalem zahlt der fromme Jude irgend eine Steuer laut dem Worte Gottes, alles andere ist Sünde und Verbrechen.

Diese Aufforderung zum Steuerstreik war eine der Auslösungen messianischer Aufstandsbewegung gewesen, das war die kritische Frage, aber wie gesagt, das pflegt bekannt zu sein. Jesu Artwort auf diese Frage einerseits und Jesu Verbot an seine Apostel in der Gethsemane-Nacht, das Schwert für ihn zu ziehen, diese beiden Dinge dürften es gewesen sein, die bewirkten, dass am Karfreitag die Masse der Leute, die zunächst zum Teil wirklich dieselben gewesen sein mögen, die am Palmsonntag dem kommenden Davidssohn zugejubelt und ihn zum König proklamiert hatten, nun in bitterer Enttäuschung nicht diesen scheinbaren Versager, Jesus, den man Messias nennt, freibetteln lässt, sondern den wahren Widerstandskämpfer, den episemos, berühmten Aufstandsführer Jesus Barabbas.

Nach mehreren Manuskripten des Matthäusevangeliums, an zwei Stellen, hat Barabbas unheimlicher Weise auch den Vornamen Jesus getragen, eine Antichristgestalt, wie sie im Buche steht. Der wahre Jesus Nazarenus, der falsche Jesus Barabbas, Sohn des Vaters, die Karikatur, die die zelotische Masse als den wahren Widerstandskämpfer frei haben will, während der Gottesknecht für sie leiden soll.

Ja, und dann haben wir jene sogenannten Stillen im Lande, von denen wir gar nicht sagen können, wie groß ihr Anteil mengenmäßig war. Aber wenn man bei Lukas liest, wie die Frauen weinend Jesus begleiten und er sagt: „Weint nicht über mich, sondern weint über euch und eure Kinder“, wenn man bei Lukas liest, wie von denen, die unter dem Kreuze standen, die meisten hinterher „umkehrten“ und bekümmert nach Hause gingen, dann merkt man, dass Lukas offenbar den Anteil dieser Menschen unter der vorhandenen Bevölkerung Jerusalems sogar einschließlich damals der Pilger gar nicht so gering einschätzt. Und im Wesentlichen aus diesen Gruppen dürften ja dann auch die ersten Neugetauften von Pfingsten an zu dem kleinen Kreis der unmittelbaren Jesusjünger hinzugestoßen sein.

Wenn Sie noch fragen, wo die neugefundenen Qumran-Essener, wie man sie zu nennen pflegt, innerhalb dieser Aufzählung hingehören, dann ist wohl zu sagen: in mancher Hinsicht zu den Zeloten, denn sie waren sehr radikal kämpferisch gesinnt, in mancher Hinsicht aber auch ganz offensichtlich zu diesen Stillen im Lande. Die Gemeinsamkeiten in der organisatorischen Struktur der Jerusalemer Urgemeinde und der qumran-essenischen Gemeinschaft sprechen jedenfalls dafür; im Laufe der nächsten Jahre wird dazu wohl noch weitere Klarheit aus der Diskussion der Gelehrten hervorgehen.

Das wäre die Aufnahme Jesu durch das Alte Bundesvolk, bei der man also, wie gesagt, überhaupt nicht von einer Einheitlichkeit sprechen kann, sondern von mindestens vier völlig untereinander verschiedenen und deutlich abgrenzbaren Gruppen.

Man muss nur als Anmerkung sagen, was an sich auch bekannt sein sollte, dass die Bezeichnung „die Juden“ im Evangelium des Johannes manchmal einfach im Sinne von „die führenden Kreise“ verwendet wird, so ähnlich, wie sie in Theodor Haeckers Tag- und Nachtbüchern gelegentlich von „den Deutschen“ von 1940 an gesprochen finden, ohne dass er die Totalität des Volkes meint, sondern die Führungsschicht und, die dieser Führungsschicht sich angeschlossen haben, und unmittelbar danach kann derselbe Haecker seine Hoffnung auf die deutsche Jugend, Scholl und ähnliche, aussprechen; genau so konnte man unmittelbar neben dieser Verwendung des Ausdrucks „die Juden“ für die führenden Kreise, die Jesus ans Kreuz gebracht hatten, auch wieder den Appell an Israel, für das ja dies alles zuletzt geschehen sei, im Apostelkreis aussprechen.

Das Apostelzeugnis nun ist nicht nur in einer Entscheidung an einem Tage in einer Stunde in Jerusalem vom Volke, an das es ergangen ist, beantwortet worden, sondern hat Jahrzehnte Zeit gehabt, um verschiedene Stufen der Reaktion zu erfahren.

In der ersten Phase, die uns in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte berichtet werden, stellen sie alle eindeutig fest, dass es wirklich nur die sadduzäischen eigentlichen Kollaborationistenkreise sind, die den Aposteln sagen: „Ihr wollt sein Blut auf uns bringen“ und ihnen das zu verbieten versuchen.

Und bereits der hoch angesehene pharisäische Sprecher und Lehrer des Saulus Gamaliel, den man auch Gamaliel I. nennt, um ihn von seinem Enkel und Nachfolger zu unterscheiden, Gamaliel I. gibt jenes vorsichtige Votum, Apostelgeschichte 5, dass man abwarten müsse. Gerade aus Kreisen der Pharisäer, so erfahren wir später, ist nicht nur der eine Saulus, sondern sind eine ganze Menge Leute, die nur nicht alle so weitgehende Konsequenzen zogen, wie Saulus-Paulus, zu dem Glauben an Jesus als den Menschensohn, Gottesknecht, Propheten und Messias umgekehrt.

Auch aus den Kreisen der Zeloten hat es solche Umgekehrten gegeben, der uns allen am besten bekannte dürfte der sogenannte Schacher zur Rechten sein. Denn diese beiden Schächer sind ja nicht gewöhnliche Gewaltverbrecher, Räuber oder dergleichen, sondern sind auch wieder Widerstandskämpfer. Die Kreuzesstrafe wurde ja speziell als politische, besonders harte Strafe von den Römern zunächst im großen Stil gegen die Schuldigen des Spartacus-Aufstandes, des Sklavenaufstandes in Rom, verwendet und dann auch weiter für politische Verbrecher wegen ihrer als besonders abschreckend geltenden Wirkung, ihrer Grausamkeit, verwendet und so sind eben auch diese beiden Schacher rechts und links nicht als gewöhnliche Verbrecher, sondern als Widerstandskämpfer anzusehen, was alles Pickl in „Messiaskönig Jesus“ vor 25 Jahren schon gesagt hat.

Und der eine von ihnen hat eben gesehen: unser Weg war der falsche, wir haben den Weg des Mordes und des Totschlags versucht und dafür geerntet, was wir gesät haben. Dies, was Jesus geht, aber ist der wahre Weg; und dann kann ihm Jesus sagen: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein.“

Also, so haben die verschiedenen Gruppen zunächst das Zeugnis der Apostel verschieden aufgenommen. Dann allerdings hat Paulus nach seiner Aufnahme in die Kirche jene von Israel her gesehen schwer erträgliche Gleichberechtigung der unbeschnittenen Heiden im Neuen Gottesvolke auf dem Apostelkonzil durchgesetzt, und dadurch ist eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen der ecclesiola, dem erneuerten Israel Gottes in Jerusalem, und den übrigen Juden Palästinas speziell Jerusalems eingetreten, ein neuer Spannungszustand, der sich zunächst vor allem in der Feindschaft gegen die Person des Saulus-Paulus ausgewirkt hat.

Trotzdem hat der Mann des konservativen Flügels, Jakobus, den wir, ich glaube mit einem gewissen Recht, den ersten Bischof von Jerusalem zu nennen pflegen, hat dieser Jakobus noch Jahrzehnte danach in Jerusalem als hoch angesehener Mann zu wirken vermocht.

Wenn es dann schließlich nach all den erwähnten Ereignissen zur Trennung von Kirche und Synagoge, zur absoluten Trennung gekommen ist, dann liegt in diesem Falle die Initiative eindeutig auf der Seite der Synagoge.

Nach der Zerstörung Jerusalems, nach heutiger Historiker-Auffassung, im Jahre 94, hat das damalige Oberhaupt der sogenannten jüdischen Akademie, des obersten Lehrhauses und Lehrgerichtes in Jammia oder Javne am Mittelmeer, der Vorsitzende dieses Lehrhauses und Lehrgerichtes, Gamaliel II., verfügt, dass in das alltägliche Achtzehnbitten-Gebet, dass dort in die 12. Bitte bzw. Benediktion, das ist diejenige, die zunächst gerichtet war gegen die „dreiste Regierung“, soll heißen, gegen Rom, dass in diese eine Verwünschung der „nosrim und (sonstigen) minim“, der Anhänger des Nazaräers Jesus und aller etwa so ist noch Abgespaltenen hineingenommen werde, und dadurch sollten die Jesus-Gläubigen aus der Synagoge zum Selbstausschluss veranlasst werden.

Noch Jahrhunderte danach musste man darauf insistieren, dass beim öffentlichen Gebetsvortrag in den Synagogen diese 12. Benediktion nicht weggelassen oder willkürlich verändert werde. An sich hatte man in der Synagoge den schönen Brauch, dass das Gebet nicht formelhaft absolut fixiert war, sondern dass, wenn jemand aus der Fülle seines Herzens, wegen eines besonderen Anliegens zum Beispiel, etwas hinzusetzen wollte, er das ohne weiteres durfte.

Aber speziell bei der 12. Benediktion, Gott möge die „dreiste Regierung“ so schnell wie möglich beseitigen, also der römischen Gewaltherrschaft ein Ende bereiten, da musste man den genauen Text einschließlich dieser Verwünschung der „nosrim“ aussprechen, damit ja kein heimlicher Messias-Jesus-Gläubiger in der Synagogengemeinschaft verharren möge.

Daraus entnehmen wir, dass es falsch ist, wenn man meint, es sei bereits 70 alles abgebrochen worden. Jedenfalls noch 94 war die Menge der Jesus-gläubigen Juden so stark, die Gefahr von der Synagogenführung her gesehen so groß, dass man mit derartigen Maßnahmen vorgehen musste, und noch zwei, drei Jahrhunderte nachher war die Gefahr so wenig endgültig und eindeutig abgewendet, dass man darauf bestehen musste: die anderen Benediktionen, da kann man mal eine weglassen und ersetzen und ergänzen und abwandeln, aber gerade die zwölfte mit der Verwünschung der „nosrim“, damit nicht immer wieder solche „nosrim“ unter uns auftauchen, muss ausgesprochen werden.

Also von der Synagoge ist die Trennung zwischen Kirche und Synagoge schließlich ausgegangen, und daraus erklärt sich auch die neue Schärfe, mit der im Johannesevangelium, das ja als letztes fixiert worden ist, gesprochen wird, da war das eine ganz frisch blutende Wunde, dass es nun soweit gekommen war: „Sie werden euch“ nicht nur, wie es bei den Synoptikern heißt, „geißeln in den Synagogen“ und dergleichen, sondern „ausschließen“, aposynagogoi werdet ihr werden. Ausgeschlossene aus der Synagoge, das ist das direkte Echo, das wir im Evangelium nach Johannes auf diese Ereignisse des Jahres 94 finden. Damit war der Bruch vollzogen.

Und nun war also aus der einen Gemeinschaft des Gottesvolkes als ganzem, mit der Jerusalemer Urkirche dem in ihm erneuerten „Israel Gottes“, in der Mitte (Gal 6,16), etwas anderes geworden.

Der bisherige Zustand war schon manchmal da gewesen. Wenn Elias in der Wüste klagt über das Volk, dann sagt ihm Gott: „Ich habe aber siebentausend gelassen, die ihre Knie nicht beugen vor Baal“, und so konnte es Paulus empfinden, als er das zitierte Römer (11,4), in der Mitte dieses Volkes lebt dieses Israel Gottes, das Pflänzchen, der Teil, das, was beim alten Ölbaum festgeblieben ist, während die anderen ein Abgeschnittenwerden vom heiligen Ölbaum erfuhren, aber sie können ja jeder Zeit wieder eingepflanzt werden (Röm 11,24).

Nun nach der scharfen Trennung schien es so manchen so, als wenn das mindestens ins Unbestimmte, absolut Ferne vertagt wäre, dieses wieder eingepropft werden der abgeschnittenen Zweige in den eigenen Ölbaum, und es beginnt vom zweiten Jahrhundert an die scharfe, die leidenschaftliche, die oft überbrodelnde leidenschaftliche Polemik auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Totschweigetechnik des Talmud, der talmudischen Weisen, die entweder gar nicht oder nur in schwer durchsichtigen Anspielungen auf die eingehen, von denen sie nichts mehr wissen wollen, die sie als Abtrünnige, als Vermischer der einen Gottheit mit Menschlichem empfinden.

Und so kommt es zu jener Feindschaft zwischen dem Alten Bundesvolk und dem Neuen Gottesvolk, die ein schmerzliches, eins der schmerzlichsten Kapitel der ganzen Heilsgeschichte ist, von der wir aber wenigstens tröstlich auch für diese Zeit sagen können, dass es immer wieder einzelne gegeben hat, die nicht nur gewusst haben, dass diese Feindschaft nicht ewig ist, das haben fast alle gewusst, denn fast alle haben ja an der Verheißung der schließlichen Rettung ganz Israels von Römer 11,26 festgehalten.

Solches liebreiche hoffnungsvolle Verhalten hat ein Augustin seiner Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, dann auch ein Gregor der Große verlangt, als er sagte, man solle so zu den Juden sein, dass sie die Christen nicht fürchten, nicht vor ihnen sich zurückziehen müssten; ein Bernhard von Clairvaux, als er sich leidenschaftlich gegen den Pöbel, der die Kreuzfahrer begleitete, mit seinen Judenverfolgungen wandte und sagte, wer Israel angreife, greife den Augapfel Gottes an, und etwa gleichzeitig ein Abaelard, der über die jüdische Situation mit äußerstem Scharfsinn geschrieben hat, dass man sie erst zu Berufen nötige, eben zum Zinsnehmen, bei denen sie sich verhasst machen müssten, und sie dann natürlich auch entsprechend hasse.

Und all die wunderbaren Darstellungen der Synagoga an unseren Kirchentüren die Hoheliedkommentare, etwa eines Ruppert von Deutz, das Auftreten der Synagoga im Tegernseer Ludus de Antichristo, alles das sind die mannigfachen Zeugnisse dafür, dass es neben der Überlieferungslinie der bloßen Feindschaft auch die katholische Traditionslinie gibt, in der nicht vergessen wird, dass Synagoga die Brautgemeinde ist, die zwar im Augenblick noch abgewendet ist, die aber ihrer Natur nach (natureigener Edelölbaum bei Paulus!) zurück muss und zurückgehen wird zu ihrem Herrn.

Das drückt sich auf den Synagogenplastiken zum Teil darin aus, dass die Füße auf Christus zugewendet sind und das Haupt von ihm weg, sodass also gewissermaßen die ganze Figur in einer solchen Wendung steht, die Füße auf den Herrn hin, das Haupt von ihm weg, der innere Zwiespalt sinnfällig an die Kirchentüren gestalthaft hingestellt, das ist das, was wir von diesem Volke wissen, im Glauben wissen, während manche von uns das unselige Wort des halbarianischen Bischofs Eusebius von den Gottesmördern, gegen das sich Augustin (in Ps 65,5) gewandt hat, immer noch nachplappern.

Und so kam es im Verfolg der Spannungen dazu, dass sich an die Stelle dieses edlen Synagogenbilds ein Bild vom verteufelten Juden in der Christenheit eingefressen hat, das haltbar blieb über die jeweilige christliche Gläubigkeit eines Menschen hinaus und das dann das grauenvolle Bild des jüdischen Untermenschen in der nationalsozialistischen Ideologie bestimmt hat, das, was wir nun endlich überwinden müssen.

Wenn wir es überwinden werden, dann wird das eine Frucht, eine Frucht neben anderen, jener Leiden sein, die in der ersten von Juden und Christen gemeinsam erlittenen Verfolgung, der nationalsozialistischen, gelitten wurden und die vor allem mengenmäßig in allererster Linie jüdische Leiden gewesen sind.

Wer von Ihnen etwa den jetzt auch deutsch erschienenen Roman „Der Letzte der Gerechten“ von André Schwarz-Bart liest, keine leichte, keine angenehme Lektüre, der wird eine sehr zentrale Sicht dieser Leiden finden, wird allerdings auch mit Trauer und Erschrecken wahrnehmen, wie sehr für einen aus Osteuropa, aus dem Ostjudentum kommenden jüdischen Menschen das „Christliche“ noch ununterscheidbar mit dem Heidnischen in der Verfolgergruppe verquickt ist.

Wenn man weiß, wie ich es selber von einem ostjüdischen Menschen gehört habe, dass die Teilnehmer an Prozessionen der Kartage zum Teil jüdischen Kindern, die sich in Treppenhäuser vor der Prozession geflüchtet hatten, nachliefen und sie so lange schlugen, bis sie bluteten, weil das Blut Christi durch das Blut dieser Kinder gerächt werden sollte, dann wird man verstehen, dass ein aus Osteuropa eingewanderter jüdischer Mensch zunächst noch nicht imstande ist, zwischen dem wirklichen Christen und den Massen zu unterscheiden, die er als Verfolger erfahren und erlebt hat.

Das, was dann unter Hitler geschah jedoch, das ist die letzte Phase, die nun unter einigen zunächst von uns Christen eine Besinnung erweckt hat, durch die wir das Alte Bundesvolk neu sehen lernten; und ich möchte Ihnen allen wünschen, dass Sie als Unterrichtende zu dieser neuen Sicht beitragen und sie in die Seelen, in die Herzen der Kinder senken können.


XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 12–18

 



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