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Msgr. John M. Oesterreicher

Päpstliche Unterweisung über die Juden

Mit freundlichem Einverständnis von Msgr. John M. Oesterreicher, Direktor des Instituts für Jüdisch Christliche Studien der Seton Hall Univerity in Newark (N. J.), Konsultor des der Vorbereitung des kommenden Konzils dienenden Sekretariats für die Einheit der Christen, bringen wir eine in der St. Patricks-Kathedrale, New York, anlässlich der Wiedervereinigungs-Octav Januar 1961 gehaltene Ansprache aus ,The Catholic Messenger' (Davenport, Iowa, 26. Januar 1961), S. 7.

Betrachtungen anlässlich der Weltgebetsoktav für die Wiedervereinigung im Glauben

Im Oktober des vergangenen Jahres machten 130 führende Mitglieder des United Jewish Appeal, die sich auf einer Studienreise durch Europa und Israel befanden, in Rom Station, um Papst Johannes XXIII. ihre Verehrung zu zollen. Sie wünschten ihm auch für all das Dank abzustatten, was er als Päpstlicher Delegat in der Türkei getan hatte, um das Leben von Juden zu retten, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung flohen.

Die ihm erwiesene Ehre bewegte den Papst gewiss tief. Aber er ist ein Mann, der immer das Herz der Dinge und der Menschen sucht: Eine bloße förmliche Entgegennahme der ihm dargebrachten Ehrung würde gegen seine Natur gewesen sein. Und so beigrüßte er mit der ihm ganz persönlich eigenen Wärme die Mitglieder der Studiengruppe und durch sie alle Juden mit den Worten des vierten Patriarchen: „Ich bin Joseph, Euer Bruder“ (Gen 45,4.).

Ein Gruß ohnegleichen

Wenn wir ihn nicht vergessen, sondern lebendig erhalten, könnte dieser Gruß durchaus eines jener Worte werden, welche die Geschichte verändern. Es sollte die Katholiken zu größerer Liebe bewegen; es ist geeignet, die Beziehungen zwischen ihnen und ihren jüdischen Nächsten zu verbessern; es könnte sogar einmal, wenn die gottbestimmte Stunde gekommen sein wird, zur letzten Versöhnung von Kirche und Synagoge beitragen.

Als er sagte; ,,Sono io, Giuseppe, il fratello vostro“, „Ich bin Joseph, Euer Bruder“, da zitierte der Heilige Vater nicht nur die Worte Josephs in Ägypten, vielmehr begab er sich für einen Augenblick auch der Erhabenheit seines Amtes.

Indem er seinen eigene Taufnamen benützte, wollte er aus dem eigenen Herzen zu den Herzen derer sprechen, die vor ihm standen, als einer, der die Würde jedes Menschen hoch achtet. Ein so herzliches und überzeugendes päpstliches Willkommen ist ohnegleichen.

Das Erscheinen einer jüdischen Delegation vor einem Papst ist an sich nichts Neues. Solche Begegnungen haben sowohl in früheren, wie in neueren Zeiten häufig stattgefunden. Im Mittelalter beispielsweise pflegte eine Delegation der jüdischen Gemeinde Roms einen neugewählten Papst auf dem Wege zu seiner Kirche, St. Johann im Lateran, zu erwarten. An einem bestimmten Platz huldigte sie ihm und hielt ihm die heilige Torarolle entgegen, damit er ihr Ehrfurcht bezeige.

Und jeder Papst, einer nach dem anderen, antwortete: „Confirmamus, sed non consentimus“. „Das Gesetz bestätigen wir, aber eure Art, es zu befolgen und auszulegen billigen wir nicht. Denn DER, von Dem Ihr sagt, Er werde erst kommen, Er, Den die Kirche lehrt und verkündet, Er, unser Herr Jesus Christus, ist gekommen.“ So wurde mit der feierlichen Bejahung von Gottes Offenbarung an das Alte Israel die Kritik der jüdischen Verschlossenheit gegen das Eine Wort verbunden, in dem alle früheren Worte erfüllt sind.

Keine Kritik, kein Vorwurf solcher Art findet sich in der Ansprache Papst Johannes XXIII. an seine amerikanischen Besucher. Gewiss, nachdem er den erschütternden Ausruf des großen Joseph angesichts seiner entfremdeten Brüder – diesen so lange verhaltenen Aufschrei der Liebe – wiederholt hatte, fügte der Heilige Vater hinzu: „Es ist ein großer Unterschied zwischen einem, der nur das Alte Testament anerkennt und einem, der dazu das Neue als höchstes Gesetz und als Weisung annimmt.“

Obwohl er die Tatsache, dass Christen und Juden in ihrem Glauben, ihrer Hoffnung, ihrer Anbetung getrennt sind, nicht verschweigen konnte, blieb er bei ihr nicht stehen. Er betonte vielmehr, dass die Trennung nicht die Bruderschaft auslösche, die aus dem gemeinsamen Ursprung stammt. „Wir sind alle Kinder des einen himmlischen Vaters“, fuhr er fort, „zwischen uns muss immer und ewig das Licht der Liebe und ihrer Betätigung herrschen."

Ich sagte, der Gruß des Heiligen Vaters an die Repräsentanten des United Jewish Appeal sei ohnegleichen. Wenn das übertrieben klingen sollte, wird man mir, hoffe ich, die Hyperbel vergeben. Kann man denn besser Freude, Bewunderung und Dankbarkeit ausdrücken?

Man muss vor Papst Johannes gestanden sein – einem Manne, der, ohne die geringsten Prätentionen zu haben, scharfsinnig und liebenswürdig ist, voller Liebe auch in seinem Humor, gütig, aber unbeugsam in Dingen des Glaubens –, um zu verstehen, dass ein Superlativ wirklich die richtige Art ist, ihn zu beschreiben, etwas, womit man die Worte des Papstes vergleichen kann: die flammenden Worte des ersten Papstes zu Pfingsten.

Die Apostelgeschichte erzählt uns, dass St. Peter, als er zu einer jüdischen Menge vor ihm sprach, sie „Männer aus Israel, Brüder“ nannte (Apg 2,22–29). Das waren nicht nur die Worte des Ersten der Apostel, sie gehören zum Kerygma der jungen Kirche, zu ihrer Glaubenserfahrung und –Verkündigung und daher auf ewig zur Lehre der Kirche. Leider haben Christen späterer Jahrhunderte das Vorbild St. Peters und der frühen Kirche nur zu oft vergessen, und man nannte die Juden „ein verruchtes Volk“, „eine verfluchte Rasse“, „Gottesmörder“, „Satansdiener“ oder einfach „Ungeziefer“.

Unser Vater Abraham

In unseren eigenen Tagen hat die Grausamkeit von Menschen, nicht weniger aber auch die Gnade Gottes viele von Neuem das Band begreifen lassen, das Christen und Juden miteinander verbindet. Papst Pius XI. war der Sprecher des Heiligen Geistes, als er im September 1938 das Wort an eine Gruppe belgischer Pilger richtete, die ihm ein prachtvoll gedrucktes Missale zum Geschenk gemacht hatten. Er öffnete es beim zweiten Gebet nach der Wandlung der heiligen Messe, in welchem wir Gott bitten, unsere Gaben auf dem Altar mit dem gleichen Wohlgefallen anzunehmen, mit dem Er einst Abrahams Opfer annahm. Der Papst las das Gebet laut und sagte dann, dass er, so oft er es läse, von „einer unwiderstehlichen Bewegung ergriffen“ werde.

Als er die Schlüsselworte „sacrificium patriarchae nostrae Abrahae“ kommentierte, rief er aus: „Seht! Wir nennen Abraham unseren Vater, unseren Ahnherrn. Antisemitismus ist unvereinbar mit dem erhabenen Gedanken und der Wirklichkeit, die dieser Text zum Ausdruck bringt!“

Ihm war Antisemitismus eine verabscheuungswerte Erscheinung, an der ein Christ keinen, wie immer gearteten, Anteil haben konnte. All das sagte er angesichts des Elends, das die Nationalsozialisten den Juden auferlegt hatten. Unter Tränen bekräftigte er seine Verurteilung mit den Worten: „Durch Christus und in Christus stammen wir geistig von Abraham ab.“

Aber ein liebender Mensch glaubt nie genug getan zu haben. Und so sprach er noch einmal aus, was die Christen mit den Juden jener alten Zeiten und mit den Juden unserer Tage verbindet: „Dem Geiste nach sind wir Semiten.“

„Semit“ ist weder ein biblischer, noch ein theologischer Begriff. Er war im achtzehnten Jahrhundert von einem deutschen Gelehrten geprägt worden, der mit ihm eine Familie vorderorientalischer Sprachen zusammenfasste. Später erst wurde diesem Begriff eine rassische und zeitweise eine kulturelle Bedeutung gegeben ...

Pius XI. aber gebrauchte das Wort „Semit“ bewusst und betont, um dem grausamen Antisemitismus seiner Zeit und den noch schrecklicheren drohenden Ereignissen entgegenzutreten. So ungenau es begrifflich sein mag, sein aufrüttelnder Klang bot ihm nicht nur Gelegenheit, von denen gehört zu werden, die ihm sonst zuhören. Es bot ihm auch die Gelegenheit, seine Solidarität mit den Verfolgten in bewegendster Weise auszudrücken sowie die Christen zu der Erkenntnis aufzurütteln, dass Abrahams wegen und vor allem Des Sohnes seiner Söhne wegen die Juden ihre Anverwandten sind.

Die offene Tür

In ihrer Offenheit und Liebe ist Papst Johannes’ Anrede unvergleichlich, obwohl der Weg zu ihr von dem Worte Pius XI. vorbereitet wurde, demzufolge die Christen, Abrahams Söhne und Töchter im Glauben, mit Abrahams Kindern im Fleisch in einer Verwandtschaft verbunden sind, deren Ursprung und Platz im Heilsplan liegt; eine Verwandtschaft, die also Achtung und Liebe verdient.

Papst Johannes’ brüderlichem Gruß war ferner das Wort Pius XII. vorausgegangen, das zu einer Zeit ausgesprochen worden war, als Hitlers Anschlag gegen die Menschheit zu offenem Kriege geworden war. In seiner Enzyklika „Über den mystischen Leib Christi“, die er zum Peter- und Pauls-Fest 1943 erließ, beschwor er die Christusgläubigen, sich das ganze Ausmaß der Liebe Christi zu eigen zu machen.

Wenn wir mit Seiner Liebe lieben, die in Seiner Kirche die ganze Menschheit umfasst, dann werden uns die nahe sein, die mit uns im gleichen Glaubenshaushalt leben, werden wir uns mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden leiden. Aber niemals dürfen wir uns damit begnügen, uns nur um sie zu kümmern. „Wir müssen auch diejenigen als Brüder Christi im Fleisch anerkennen, und als mit uns zur ewigen Erlösung gerufen, die noch nicht mit uns eins im Leibe der Kirche sind.“

Das Geheimnis des Fleisch gewordenen Gottes beschwört uns, in jedem menschlichen Antlitz das eines Bruders zu sehen, das Geheimnis der Weihnacht im Lande der Juden macht jeden Juden zum Nächstverwandten des Christen.

Getreu dieser Sicht lud Papst Pius XII. am Vorabend des Beginns des Heiligen Jahres 1950 alle Menschen nach Rom ein. Im Besonderen sagte er: „Wir öffnen die Heilige Pforte all denen, die Christus anbeten. Wir entbieten ihnen Unseren väterlichen Gruß und schließen jene nicht aus, die zwar aufrichtig, wiewohl vergeblich Sein Kommen noch erwarten und Ihn verehren als den, der von den Propheten verheißen ist und noch kommen soll.“

Erstaunlich an dieser Einladung ist nicht sie selbst, nicht einmal die Tatsache, dass Pius XII. die Juden dieser Zeit als messianisches, als hoffendes Volk ansah, obwohl viele von ihnen es überdrüssig wurden, auf den persönlichen Messias zu warten und ersatzweise von einer Zeit der Gerechtigkeit träumen, die durch Menschen-Bemühen geschaffen wird.

Erstaunlich an der Einladung ist vielmehr, dass die Juden in einem Atem mit dissentierenden Christen genannt werden. Gewiss, zwischen beiden ist ein radikaler Unterschied. Diese sind Christen durch Glauben, jene nur durch die Verheißung, die Verheißung, in welcher der hl. Paulus verkündete, dass sie einst Jesus als Herrn und Messias annehmen werden. Dennoch sind beide darin eins, dass sie von uns getrennt und dass sie unsere Brüder sind.

Eine Atmosphäre der Verbindlichkeit

Die Aussprüche, die ich zitierte, haben den Weg zu dem so eindringlich persönlichen Wort bereitet: „Ich bin Joseph, Euer Bruder.“ Er ist der Höhepunkt von mehr als zwanzigjähriger päpstlicher Lehre, der Höhepunkt auch der Bemühungen des gegenwärtigen Heiligen Vaters.

Die erste davon war, dass er das Wort „perfidi“ aus der Karfreitagsfürbitte für die Juden streichen ließ. Die Aufforderung „Oremus pro perfidis Judaeis“, mit welcher das Gebet begann, hat niemals etwas anderes bedeutet als: „Lasst uns für die ungläubigen Juden beten.“ Ungläubig aber bedeutet: nicht an Christus glaubend. Keineswegs war es verletzend gemeint, denn „ungläubig“, „nicht glaubend“ könnte genau die Antwort sein, die ein Jude auf die Frage nach seiner Stellung zu Jesus als dem Messias gibt.

Obwohl es also nicht verletzend gemeint war, hatte das Wort aber Jahrhunderte lang bittere Folgen. Viele, die mit dem Latein des antiken Christentums nicht vertraut waren, verstanden die Karfreitagsbitte als: Lasst uns für die perfiden Juden beten.

Aus diesem Grunde befahl Papst Johannes kurz nachdem er zum Oberhirten der Kirche Christi gewählt worden war, das Gebet in den schlichten Text zu verwandeln: „Lasset uns beten für die Juden.“

Mit dem gleichen Feingefühl für die Empfindungen aller Geschöpfe, mit der gleichen Besorgnis, dass stets die Liebe beider Wahrheit sei, ordnete der Heilige Vater noch zwei Änderungen an.

Im Jahre 1925 hatte Pius XI. dem Gebet, in welchem die Menschheit dem Heiligen Herzen Jesu geweiht wird, diese Worte hinzugefügt: „Sieh mit Deinen gnadenvollen Augen auf die Kinder des Stammes, der so lange Dein erwähltes Volk war. Möge das einst auf sie beschworene Blut nun als das Wasser des Lebens und der Erlösung auf sie herabkommen.“

Auch diese Fürbitte war vielfachen Missverständnissen ausgesetzt. Ein hartherziger Hörer konnte aus ihr heraushören, dass nicht ein tobender Haufen, sondern das ganze jüdische Volk vor Pilatus gebrüllt habe: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Mt 27,25.) Tatsächlich lautete die übliche Übersetzung: „Das Blut, das sie auf sich herabgerufen.“

Auch diese Exklamation ließ der Papst der christlichen Liebe streichen, auf dass unser Gebet nicht Pein anstatt Trost, Bitterkeit anstatt Glauben, Trennung anstatt Einheit bringe (vgl. Rundbrief Nr. 45/48, S. 5 ff.: Anm. d. Redaktion des FrRu).

Im gleichen Geiste ließ der Heilige Vater einen alten Taufritus, obwohl er selten angewandt wird, von der Abschwörungsformel reinigen: „Verabscheue den jüdischen Unglauben (an Christus) und verwirf den hebräischen Irrtum (dass der Messias noch nicht gekommen sei)“. Das geschah im Sommer vergangenen Jahres.

Zur gleichen Zeit wurden Formulierungen gelöscht, die Protestanten, Moslems oder Heiden verletzen könnten. Die Zeitschrift Time – mit ihrer Neigung zu provozierenden Wendungen, die manchmal nur abgeschmackt sind – leitete ihren Bericht über die Streichungen mit dem Satz ein: „Der römisch-katholische Ritus wird mehr und mehr diplomatisch.“ Niemand könnte weniger diplomatisch sein, als Papst Johannes. Was ihn leitet, ist die Überzeugung, dass Bescheidenheit und Sanftmut Blutschwestern der Wahrheit sind.

Ein neuer Geist

Was bedeuten nun all diese Änderungen, insbesondere die, welche mit Bezug auf die Juden vollzogen wurden? Hat sich die Haltung der Kirche gegenüber denjenigen, die ihr nicht angehören, insbesondere den Juden gegenüber geändert? Ja und Nein. Oder besser: Nein und Ja.

Die Kirche glaubt weiter und wird immer glauben, dass sie durch alle Zeiten Christi mystischer Leib, Seine unfehlbare Stimme, der Kanal ist, durch den Gottes Gnade strömt und von dem aus sie die ganze Erde erfüllt. Sie bleibt dabei, dass das Herz des jüdischen Glaubens nicht schlägt, wie es sollte, obwohl vieles daran wahr und in seinem Leben und seinem Gottesdienst erhaben ist. Denn ohne Christus hat der Puls der Synagoge den vollkommenen Rhythmus des alten Israel verloren. Die Kirche glaubt weiter, dass es falsch ist, zu sagen: „Alle Religionen sind gleichwertig.“ Oder: „Unterschiede sind unwesentlich.“ Für sie kommen die Unterschiede im Glauben nicht von Gott; an der Wahrheit lässt sie nichts abhandeln.

Dennoch gibt es eine Änderung – eine Änderung der Haltung, der Zugänglichkeit, des Geistes. Das ist nicht überraschend. Obwohl das Glaubensgut der Kirche unveränderlich ist, steht ihr lebendiges Leben nicht still. Das ihr anvertraute göttliche Gut ist unveränderlich, aber das Verständnis seitens ihrer Glieder entwickelt sich mit der Zeit.

Die Umwälzungen und Massenmorde der vergangenen Jahrzehnte, dazu neue Erkenntnisse über erloschene oder noch ebendige Kulturen, Einblicke in das alte hebräische Gedankengut, die erst die moderne Forschung zutage fördern onnte, und die Erforschung der komplizierten Zusammenhänge seelischer Vorgänge haben, zusammen mit einer Reihe anderer Tatsachen, unser Glaubensgut zwar nicht verändert, jedoch unseren Horizont erweitert, unserem Verständnis eine größere Tiefe gegeben.

Gebannt von der strengen Disziplin objektiver Wahrheit, waren frühere Zeiten oft unfähig, auch in einem Zweifelnden oder Andersdenkenden einen rechtschaffenen Menschen zu sehen. Wir modernen Menschen wissen jedoch, dass Irren und böser Wille nicht das gleiche sind; dass jeder Mensch einzig in seiner Art und Erscheinung ist; dass er so manche Last, sowohl persönlicher, wie auch gesellschaftlicher Art zu tragen hat, die ihm entweder mitgegeben ist oder aus seinem Leben sich entwickelte; und schließlich, dass er durch „Vorhänge“ aller Formen und Arten abgetrennt neben seinen Mitmenschen steht. Beweisgründen gegenüber, mögen sie noch so schlüssig sein, ist er nicht aufgetan oder gar willig, sich von ihnen überzeugen zu lassen, wenn sie ihm nicht in einer Atmosphäre der Sympathie und der Achtung begegnen.

Wir können uns nicht länger lediglich auf die Kraft der Argumente verlassen, so sehr wir solche auch ernstnehmen müssen, denn wie großartig die Gabe der Vernunft auch immer sei, die Gabe der Liebe ist größer. Auf ihr ruhen Gottes höchste Verheißungen.

Dieses „ökumenische“ Denken, soviel es auch unserem modernen Dasein schuldig sein mag, ist in Wahrheit Geist vom Geiste Gottes, dessen Ausdruck auch ein neues Verständnis des Volkes Israel und seiner Rolle in Gottes Heilsplan ist.

Im Mittelalter machte der Anblick eines Volkes, das von Land zu Land gehetzt wurde, viele so irre, dass sie in den Juden Wesen sahen, die von Gott dazu verurteilt waren, ohne Ende durch die Welt zu wandern. Wir sind minder schnell bereit zu richten; wir wagen die Dekrete von Menschen nicht für Dekrete Gottes zu halten. Obwohl wir nicht umhin können, einen Schatten über dem Volke zu sehen, aus dem Jesus kam – den Schatten des „Nein!“ seiner Führer zu Ihm als dem Erlöser –, so sehen wir doch in seinem Dasein nichts weniger als die wundervolle Spiegelung seiner altangestammten Privilegien und – da vor der Sicht des Glaubens Zeit ihre Gewalt verliert – auch die Spiegelung seiner künftigen Glorie.

Wir verstehen die zahlreichen Aussprüche Jesu gegen Seine Stammesverwandten, die uns die Evangelien berichten, nicht mehr als verächtliche, sondern als besorgte, nicht mehr als schneidende Verdammungen, sondern als barmherzige Ermahnungen. Wir wissen heute besser denn je, dass die Kinder Israels trotz ihrer bisherigen Ablehnung des Evangeliums Gott lieb bleiben, denn Er ist der treue Gott (Röm 11,28–29).

Das Unerlässliche und die Hoffnung

Was Papst Johannes und die früheren Päpste taten, ist: Sie schufen eine Atmosphäre der Achtung und des Vertrauens. Wenn wir darin fortfahren und sie bewahren wollen, müssen wir auf beiden Seiten beharrlich und geduldig danach trachten, Unwissenheit und Vorurteile zu verringern, bis sie schließlich ausgetilgt sind. Dies haben wir zu leisten, weil wir uns eines höchst anspruchsvollen und kühnen Tuns unterfangen: des Gebetes.

Unser Gebet ist, dass der Tag nicht fern sein möge, an dem Marias Volk ihren Sohn anerkennen wird, aber unsere Bitten werden schwerlich erhört werden, wenn wir nicht zuvor für die eigene Umkehr beten und schaffen. Wir können nicht aufrichtig dafür sein, dass Israel in sein Eigentum komme, wenn wir selbst es uns nicht zueigen machen. Wir können der Welt nicht Christus predigen, wenn wir nicht durch unser Leben ein Vorbild geben.

Wenn wir hinter der Zeit herhinken, anstatt ihr voranzugehen, wenn wir mit der Zeit laufen, anstatt gegen sie zu stehen, dann werden wir die Unüberzeugten nicht davon überzeugen, dass das Evangelium das Gericht über die Welt und zugleich der Sauerteig der Geschichte ist. Wenn wir nicht das „Unmögliche“ versuchen, dem Menschen Jesus immer ähnlicher zu werden, dann werden wir nicht viele Hörer finden, wenn wir die revolutionärste aller Botschaften verkünden: In Jesus wurde Gott Mensch, um gesehen, gehört, berührt zu werden. Wenn wir nicht wie erlöste, wiedergeborene, neue Menschen leben, werden nur Wenige unser Zeugnis annehmen, dass im Kreuze Erlösung ist.

Als der gegenwärtige Papst die Worte aussprach: „Ich bin Joseph, Euer Bruder“, erwies er sich in aller Wahrheit als Pontifex Maximus, denn pontifex bedeutet „Brückenbauer“ und hat wohl ursprünglich „Pfadfinder“ oder Wegbereiter bedeutet.

Papst Johannes ist beides. Seine Worte sind Worte der Liebe, aber auch der Hoffnung, bedeutungsvoll hinsichtlich der Gegenwart und wegweisend in die Zukunft.

Den Kirchenvätern bedeutete die Gestalt Josephs eine Vorerscheinung Jesu. Jakobs Bevorzugung Josephs seinen Brüdern gegenüber, ihr Streit, seine Demütigung, seine so hoch hervorragende Stellung in einem fremden Lande, diese und andere Merkmale erscheinen ihnen wie ein früher Umriss des Lebens Christi.

Dennoch ist für die Kirchenväter Josephs Bedeutung als eine Vorerscheinung des Erlösers nicht mit seiner Erhöhung vollendet. Als er sich als Beherrscher Ägyptens seinen von Furcht gepeinigten Brüdern mit den Worten zu erkennen gab: „Kommt näher zu mir ... Ich bin Joseph, Euer Bruder“, als er, vor Freude weinend, Benjamin, den Jüngsten umarmte und Benjamin in seines Bruders Armen weinte; als er dann alle in seine Arme nahm und küsste, als diese nun zuversichtlich geworden waren und sich nicht mehr fürchteten, mit ihm, ihrem Retter und Bruder, zu reden, da waren auch diese Worte und Taten prophetisch. Bis dieser Heilsplan sich aber erfüllt, können wir nur vertrauen, warten, beten und lieben.


XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 8–10

 



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