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Achille Kardinal Liénart

Das christliche Gewissen und die jüdische Frage

Fastenhirtenbrief 1960 von Achille Kardinal Liénart, Bischof von Lille. Nach: ‚Message’, Num. Spécial; Lille, Februar/März 1960

Meine Brüder,

in letzter Zeit haben sich in verschiedenen Ländern, in Deutschland, Belgien, Italien und auch in Frankreich judenfeindliche Kundgebungen zugetragen. Hakenkreuze und Davidssterne mit antisemitischen Schlagworten wurden an die Mauern der Synagogen gemalt, eine Synagoge wurde sogar in Brand gesteckt.

Diese Fälle sind umso bedauerlicher, als sie beunruhigende Anzeichen eines Wiederauflebens des Antisemitismus sind; hat uns doch der letzte Krieg bewiesen, zu welchen Ausschreitungen er führen kann. Auch in Frankreich fanden Massenverschleppungen jüdischer Familien unter den schrecklichsten Umständen statt: mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder, deren einziges Verbrechen in den Augen der Henker es war, jüdischer „Rasse“ zu sein, wurden in den Gaskammern Deutschlands getötet.

Eine so gefährliche Geisteshaltung darf unter Christen keine Anhänger finden, mag sie sich auch hinter religiösen Vorwänden tarnen. Im Augenblick, da sie wieder auftaucht, halten wir es für angebracht, Euch davor zu warnen, indem wir in diesem Hirtenbrief die zuwenig bekannte Lehre der Kirche über das Geschick des jüdischen Volkes darlegen. Die Kirche verpflichtet uns sowohl vom menschlichen als vom religiösen Gesichtspunkt aus, den Antisemitismus radikal abzulehnen und diesem Volke gegenüber eine Haltung der Ehrfurcht und der Liebe anzunehmen, die jenem völlig entgegengesetzt ist.

Vom menschlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, deutet der Antisemitismus die bösen Instinkte aus, die so leicht die verschiedenen Rassen gegeneinander aufhetzen. Es gibt Rassen, denen wir eine natürliche Sympathie entgegenbringen, während andere bei uns Verachtung oder Antipathie auslösen.

Das tritt bei unserer Einstellung den schwarzen oder gelben Völkern, den Nordafrikanern oder selbst benachbarten europäischen Völkern gegenüber in Erscheinung. Ganz besonders aber lässt sich dies dem jüdischen Volk gegenüber beobachten, das, unter allen Völkern zerstreut, trotzdem seine ethnischen Eigentümlichkeiten, seine eigene Geisteshaltung, seine Gebräuche und seine Religion bewahrt hat.

Hüten wir uns also vor diesem blinden Rassenstolz, der Quelle von so viel Unrecht und Feindschaft. Selbst wenn wir ihn, wie sozusagen jedermann empfinden, so haben wir doch im Namen unseres christlichen Glaubens die Pflicht, uns davon frei zu machen. Denn wir wissen, dass wir trotz aller Rassenverschiedenheit der einen Menschheit angehören, die Gott zur Einheit geschaffen hat; wir wissen, dass alle Menschen Brüder sind und alle das gleiche Recht auf unsere Wertschätzung und Liebe haben.

Wir glauben auch an die allumfassende Erlösung, durch welche Jesus Christus, unser Heiland und Haupt, alle Menschen berufen hat, ein einziges Gottesvolk zu bilden, in dem es, wie St. Paulus sagt, weder Jude noch Grieche, weder Mann noch Weib, weder Sklave noch Freien, sondern nur eine einzige Menschheit gibt, die, in Christus vereint, berufen ist, ihre gemeinsame, übernatürliche Berufung zu verwirklichen.

In dieser Sicht gibt es keinen Platz für den Antisemitismus: religiöse Vorwände, die man hier vorzuschützen versuchte, offenbaren sich in ihrer ganzen Haltlosigkeit.

Wir müssen uns auch vor der schablonenhaften und einfältigen Betrachtungsweise hüten, als ob das jüdische Volk, seitdem es durch seine verantwortlichen Führer seinen verheißenen Messias in der Person Christi zurückgewiesen und den Gottessohn zum Kreuzestod verurteilt hat, zu einem von Gott verfluchten, ja gottesmörderischen Volk geworden wäre.

Von einer solch irrigen Auffassung, die den Schluss nahe zu legen scheint, dass dieses Volk die Verachtung und Feindschaft aller treuen Jünger Jesu Christi verdiene, führt nur ein Schritt zur Überzeugung, dass Israel gegenüber alles erlaubt sei, um es für dieses Verbrechen büßen zulassen.

Die wahre Lehre der Kirche lautet ganz anders: die Haltung, die sie von uns den Juden gegenüber verlangt, ist das gerade Gegenteil von diesem Vergeltungstrieb.

Es ist unwahr, dass die Juden die größte, ja die einzige Verantwortung am Tode Christi tragen. Die wahre Ursache seines Kreuzestodes sind die Sünden der Menschheit; und darum sind wir alle dafür verantwortlich: die Juden waren nur die Vollstrecker.

Es ist ebenso unwahr, dass die Juden ein gottesmörderisches Volk seien, denn wenn sie Christi Gottheit erkannt hätten, so hätten sie an Ihn geglaubt und ihn nicht getötet.

Wegen dieses Nicht-Erkennens konnte Jesus Selbst ihnen verzeihen, als er für sie betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Diese Vergebung wurde auch von den Aposteln nach dem Pfingstwunder dem gesamten Volk von Jerusalem verkündet: „Ihr habt den Heiligen und Gerechten verworfen“, sagte Petrus in einer seiner ersten Ansprachen, „ihr habt den Herrn des Lebens getötet ... Und jetzt weiß ich, Brüder, dass ihr aus Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Obern. Gott aber hat auf diese Art erfüllt, was Er durch den Mund aller Propheten vorher verkündet hat, dass Sein Christus werde leiden müssen. So tut denn Buße und bekehret euch, damit eure Sünden nachgelassen werden“ (Apg 3,14–19).

Noch ungerechter wäre es, das gesamte jüdische Volk, das heutige wie das damalige, für den Kreuzestod verantwortlich zu machen und dabei zu vergessen, was wir ihm verdanken. Durch das jüdische Volk ist die Offenbarung des Heilsplanes Gottes im Alten Testament zu uns gekommen: durch Israel wurden wir zu Erben der göttlichen Verheißung. Ihre Propheten sind unsere Propheten, ihre Psalmen sind unser Gebet geworden.

Der göttliche Gründer unserer Kirche gehört Seiner Menschheit nach der jüdischen Rasse an: die heilige Jungfrau Maria, unsere Mutter, der heilige Joseph, die zwölf Apostel und St. Paulus sowie die Christen der Urkirche von Jerusalem waren Juden. „Wir sind Semiten dem Geiste nach“ sagte Pius XI. Wir können also nicht das jüdische Volk als ganzes ablehnen, ohne unsere Herkunft zu verleugnen und eine schwere Ungerechtigkeit zu begehen.

Unwahr ist ferner, dass Israel, das auserwählte Volk des Alten Testamentes, im Neuen Testament zu einem verfluchten Volk geworden sei.

Das religiöse Geschick Israels ist vielmehr ein Mysterium der Gnade, über das wir Christen mit ehrfürchtiger Liebe nachdenken sollen.

Der heilige Paulus hat dieses Mysterium tiefer als die übrigen Menschen durchlebt und durchlitten. Er, der ehemalige Pharisäer, der Israelit, der von sich sagen konnte, dass er „ein übereifriger Anhänger der väterlichen Überlieferungen war“ (Gal 1,14), der durch die Gnade Gottes auf dem Weg nach Damaskus bekehrt worden war, hat zutiefst das Unglück seiner Brüder mitgefühlt, die im Unglauben verharrten; er hat sich mit seiner ganzen Seele bemüht, die geheimnisvollen Absichten Gottes mit Seinem auserwählten Volke zu verstehen.

Er hat uns dieses Geheimnis in seinem Brief an die Römer (Kap. 9–11) offenbart, und seine Lehre ist so voll Hoffnung für das jüdische Volk und reich an Unterweisung für uns, dass wir nichts Besseres tun können, als sie gläubig anzunehmen und zu befolgen.

Worin bestand seiner Ansicht nach der Fehler Israels? Dass es gemeint hatte, sich durch strikte Befolgung des göttlichen Gesetzes selbst erlösen zu können, während doch das Heil ein unverdientes Geschenk Gottes ist, das nur durch den Glauben an Seine Verheißungen und an Christus, der sie verwirklichte, empfangen wird. Sein Unrecht bestand darin, Christus den Glauben verweigert zu haben: seither hat es seinen Weg verlassen und sich verirrt.

Folgt daraus, dass es etwa endgültig von Gott verstoßen worden sei? Keineswegs, sagt Paulus, denn Gott ist getreu, und seine Gnadengaben sind unwiderruflich. Israel wurde demnach nicht zu einem verdammten Volk, sondern bleibt für immer das Auserwählte Volk. Der Faden seines Geschicks ist nicht abgerissen, sondern nur unterbrochen.

Wurde die Entfaltung der Kirche behindert durch die Verirrung Israels? Ganz in Gegenteil, sie hat das Werk Gottes mächtig gefördert. Ein neuer Zeitabschnitt begann: die Heiden traten in die Kirche Gottes ein. Alle Völker wurden zum neuen Gottesvolk zugelassen, alle wurden berufen, dieses Gottesreich bis an die Grenzen der Erde und bis ans Ende der Zeiten auszuweiten.

Auf den alten Baumstamm Israel, der seiner natürlichen Zweige beraubt worden war, wurden die Heiden gleichsam aufgepfropft, um aus seinem Saft zu leben und ihn mit neuen Blüten zu schmücken. Wenn aber „die Vollzahl dei Heiden aufgepfropft sein wird“ (Röm 11,25), dann wird der Tag kommen, da Israel selbst von Gott wieder auf den Baum des Heils gepflanzt werden und sein von der Vorsehung ihm zugedachtes Geschick wiederfinden wird. „O Abgründe des Reichtums und der Weisheit und der Einsicht Gottes“ ruft Paulus, wie überwältigt von der Herrlichkeit dieses göttlichen Heilsplans aus. „Wie unbegreiflich sind Seine Gerichte, wie unerforschlich Seine Wege! ... Ihm sei die Ehre für alle Ewigkeit“ (Röm 11,33.35).

Wir Christen aber, die wir aus dem zeitweisen Zurücktreten Israels Vorteil gezogen haben, müssen uns hüten, uns auf seine Kosten zu rühmen und uns über Israel zu erheben. Denken wir vielmehr daran, dass Gott, wenn er schon auf so tragische Weise die natürlichen Zweige stürzen ließ, auch uns abschneiden könnte, wenn wir untreu würden. Persönliche Demut und Liebe zu Israel sind die Gesinnungen, welche der Einblick in dieses Geheimnis in uns erwecken sollte.

Manche Menschen könnten der Ansicht sein, dass, angesichts der äußeren und inneren Konflikte, die heute die Völker der ganzen Erde in Atem halten, die Frage des Antisemitismus nicht wert sei, Eure Aufmerksamkeit festzuhalten. Ihr aber, meine Brüder, habt sicher verstanden, dass die Kirche nicht über etwas schweigen darf, was sie in der Heiligen Schrift liest.

Ich glaube übrigens, dass die Folgerungen, die sich aus der Lehre der Kirche in dieser Frage ergeben, von so allgemeiner Tragweite sind, dass sie uns Christen lehren können, welche Haltung wir den schweren Problemen der heutigen Welt gegenüber einnehmen sollen und welchen großen Dienst wir der Welt leisten können, wenn wir dem Evangelium die Treue halten.

In einer christlichen Seele darf es keinen Rassenhochmut geben. Es wäre zu wenig, wollten wir uns damit begnügen, weder die Juden, noch die Nord-Afrikaner, noch die Neger oder irgend ein anderes Volk der Erde etwa zu hassen oder zu verachten: wir müssen sie vielmehr als unsere Brüder lieben und ihre Menschenwürde ehren, weil alle nach dem Bilde Gottes geschaffen und weil alle in Jesus Christus zur Gotteskindschaft berufen sind.

In einer christlichen Seele darf es aber auch keinen Klassenhass geben, da es, wie Paulus lehrt, weder Sklaven noch Freie mehr gibt, sondern nur mehr eineinziges Volk Gottes. Wenn zwischen Individuen und zwischen Völkern berechtigte Interessen-Gegensätze auftauchen, dürfen Christen sie nicht auf Grund des Rechtes des Stärkeren lösen, sondern nur im Geist der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Nächstenliebe, wie unter Brüdern, die einander achten.

Noch weniger dürfen wir die Würde der Person antasten, weder durch gewaltsame physische Einflussnahme auf ihre Leiber oder ihre Güter, noch durch moralischen Druck, indem wir sie wie minderwertige Wesen behandeln oder sie unwürdigen Demütigungen aussetzen. Sogar unseren Feinden müssen wir zu verzeihen wissen.

Es ist deshalb kein Platz für den Christen in den Reihen der „Anti“, welcher Schattierung sie auch sein mögen, denn die Kirche bekämpft zwar Irrtümer, aber nie die irrenden Menschen. Sie lädt uns vielmehr ein, uns in den Dienst der allumfassenden Nächstenliebe zu stellen, die Christus zu Seinem höchsten Gebot machte. Seine Jünger haben die Pflicht, alle Menschen und alle Völker zu lieben; ihre Aufgabe ist es, in der Welt den Sinn für die Gleichheit aller Menschen vor Gott auszubreiten.

Wem würde nicht klar, wie dringend diese Aufgabe ist und wie sehr sie das Aufgebot all unserer Kräfte verdient? Die Welt, in der wir leben, ist unglücklich. Zwietracht und Hass, die sie zerfleischen, vermehren nur die Leiden – und all das kommt daher, dass die Menschen verlernt haben, einander zu lieben.

Nehmen wir doch das Gebot unseres Heilandes ernst. Versuchen wir, zu denen zu gehören, die alle ihre Brüder wahrhaft lieben, und deren Beispiel sie wieder lehrt, einander mit Achtung und Güte zu begegnen. So werden wir sie auf den einzigen Weg mitnehmen, der uns zu dem von der ganzen Welt ersehnten Frieden führt, zum Frieden Christi.


XIII. Folge 1960/61, Nummer 50/52, Juni 1961, S. 6–7


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