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Dr. Franz Hengsbach

Liebe siege über die Gewalt

Ansprache im ehemaligen Konzentrationslager Dachau von Dr. Franz Hengsbach, Bischof von Essen, anlässlich der Gedächtnisstunde in Dachau am Freitag, dem 5.August 1960 im Rahmen des 37. Eucharistischen Weltkongresses in München.

Schon am Morgen waren 3000 Jugendliche zur Sühnewallfahrt vom siebzehn Kilometer entfernten Zeltlager Oberwiesenfeld nach Dachau aufgebrochen, die in ihrer Mitte ein schweres Sühnekreuz mit sich trugen. Italiener und Franzosen, ein Trupp von 50 Schotten hatten sich den Deutschen angeschlossen. Kurz  nach Mittag zogen sie in das ehemalige Konzentrationslager ein.1 Hier hatten sich über 25 000 Gläubige, darunter der Kardinallegat und sieben weitere Kardinäle sowie zahlreiche Bischöfe und Minister des Bundes und der Länder, gemeinsam mit früheren Häftlingen des Lagers, zur Gedächtnisstunde für alle Menschen in der Welt, die Unrecht erlitten haben und die Unrecht leiden, zusammengefunden. Auf dem Altar der neuen wehrturmartigen Todesangst-Christi-Kapelle stand der alte Holztabernakel des KZ.

Die Feier wurde von Weihbischof Neuhäusler, selbst ehemaliger Häftling in Dachau, eröffnet. In der Feierstunde sprachen drei ehemalige Häftlinge, der Präsident des österreichischen Nationalrates, Leopold Figl, der mit kurzer Unterbrechung im ganzen sechseinhalb Jahre in Dachau und anderen Konzentrationslagern war, der polnische Erzbischof Adam Kozlowiecki, heute Missionsbischof in Nordrhodesien, der seit 10.11.1939 in Krakau verhaftet, fünfeinhalb Jahre in verschiedenen Gefängnissen und Lagern, u. a. in Auschwitz und Dachau verbrachte, und der französische Justizminister Edmont Michelet, der seit 1943 in Dachau war und das Lager als einer der letzten verließ.

Mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung der Herder-Korrespondenz (XV/1) Oktober 1960 S. 26 ff. entnehmen wir daraus den vollen Wortlaut der Predigt des Bischofs von Essen, Franz Hengsbachs, die sich an den Bericht Minister Michelets anschloss. Er sagte:

„Als ihn die Todesangst überfiel, betete er inständiger“ (Lk 22,44).

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

In der Stunde der Todesangst Christi sind wir hier versammelt, hier, im ehemaligen Konzentrationslager Dachau, das noch vor wenigen Jahren von tausendfachen Todesängsten erfüllt war. Als Christen wissen wir um den tiefen Zusammenhang zwischen der Todesangst des Gottmenschen Jesus Christus und aller menschlichen Todesangst. Darum geht unsere Feier hinaus über ein bloßes Gedenken dessen, was hier einmal geschehen ist. Nicht umsonst sind wir Zeugen geworden, wie sehr sich das unschuldig vergossene Blut im sinnlos vergossenen Blut des Krieges gerächt hat, gemäß dem Wort der Geheimen Offenbarung: „Weil sie das Blut der Heiligen und Propheten vergossen haben, gabst auch Du ihnen Blut zu trinken; sie sind es wert“ (Offb 16,6).

Wir haben uns hier anlässlich des Eucharistischen Weltkongresses versammelt zur Weihe einer eucharistischen Opferstätte, der Todesangst-Christi-Kapelle. Indem wir die Weihe, die dieses Gelände bereits tausendfach durch unschuldig vergossenes Blut erhielt, in jener Weihe vollenden, die vom Blut Christi ausgeht, versuchen wir uns christlich dem Grauen zu stellen, das über dieser Stätte liegt und über allen Stätten, für die Dachau – damals und heute – Symbol und Beispiel ist.

Wir versuchen, als Christen eine Antwort auf dieses Grauen zu geben und diesen Ort, an dem sich die Dämonen austoben durften, in einen Ort des Segens zu verwandeln, im Glauben an den, der die Macht der Dämonen gebrochen hat. Denn Gottes Güte ist so groß, dass wir ihn selbst mit unseren Trümmern und Scherben noch anbeten können, wenn wir sie ihm reumütig anvertrauen, damit er daraus ein Mosaik gestalte.

Glaubt nicht, liebe Schwestern und Brüder, ich wollte etwas von der vordergründigen Brutalität dieses Ortes hinwegnehmen, wenn ich nach den hintergründigen Zusammenhängen frage. Das, was hier geschehen ist, ist ja so grauenhaft, dass das Bestreben Vieler fast verständlich wird, der Wahrheit nicht ins Auge zu sehen, sie vielmehr zu vergessen, zu verdrängen, zu verschleiern, zu verharmlosen. Dachau hat nicht den Reiz einer anziehenden Wallfahrtsstätte, wird ihn nie haben. Der Weg über Dachau im Gang durch unsere Geschichte ist schwerer als die Umwegstraßen, die uns immer wieder ein schlechtes Gewissen bauen möchte.

Dachau liegt wie ein aufgeschlagener Katalog des Nihilismus vor uns. Hier war Vernichtungswut in ein System der perfekten Maschine gebracht. Hier hat sich ein kollektiver Sadismus entladen und ungehemmt ins menschliche Antlitz gespieen, geschlagen und getreten. Hier war die Unmenschlichkeit zum Gesetz des Menschen geworden. Es ist schrecklich, in die Hände des Menschen zu fallen.

Wir müssen dies allein in unseren Blick nehmen. Wir müssen so nahe an dieses Grauen herantreten, dass wir uns nichts mehr vormachen können über die Abgründe menschlicher Angst und Not, menschlicher Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Verlogenheit, die sich auch im Jahrhundert der sprunghaften Fortschritte menschlichen Wissens und Könnens nicht geschlossen haben. Sonst verstehen wir unsere Geschichte nicht, verstehen wir den Menschen der Gegenwart nicht, verstehen wir Gottes Wirken in ihr nicht.

Und welches sind die hintergründigen Zusammenhänge? Was steht hinter all dem Grauen?

Der Abfall von Gott, als dem Urbild des Menschen, der Abfall vom Sohn Gottes, der Mensch geworden ist und dadurch alles Menschentum göttlich geadelt hat, der Abfall von der Wahrheit, von der Freiheit und der Gerechtigkeit, die nur in ihm gewährleistet sind.

Damit aber war für Dachau verloren jede Dimension der Wirklichkeit überhaupt, in der der Mensch menschlich existieren kann. Der Mensch wurde zum Material, zu einer Sache, aus der man – dämonischer Ausdruck der Seelenlosigkeit – Seife machen konnte.

Der Bruch mit Gott und mit Christus steht am Anfang. Am Ende steht der perfekte und staatlich sanktionierte Mord. Am Ende herrscht freie Bahn für das Wüten Satans, von dem uns die Heilige Schrift sagt: „Der Teufel ist zu euch niedergefahren im grimmen Zorne“ (Offb 12,12). In Dachau hatte Satan seinen Thron aufgerichtet (vgl. Offb 2, 13).

Liebe Mitchristen!

Wir sind hier in der Stunde der Todesangst Christi versammelt, um zugleich seiner und der gequälten Menschen Todesangst zu gedenken. Der Zusammenhang zwischen beiden wird uns erst ganz erschlossen aus dem Worte des Menschensohnes: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Wenn wir von daher Dachau deuten, müssen wir sagen: Wo immer solche menschliche Todesangst durchlitten wird, ist die Todesangst Christi gegenwärtig. Er hat hier gelitten, Er hungerte, Er wurde geschlagen, aufgehängt, erschossen, verbrannt. Er schrie zum Vater: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ (Mk 15,34). Denn Er hat sich mit allen identifiziert, die Opfer der Unmenschlichkeit wurden.

Wir können darum gar nicht seiner Todesangst, seines Todes gedenken, ohne dieser Todesangst, dieses Todes der Seinen mit zu gedenken. Golgotha war gegenwärtig in Dachau, so wie Dachau auf Golgotha gegenwärtig war. Und darum können wir auch nicht die Eucharistie feiern, das heißt den Tod des Herrn vergegenwärtigen, ohne in Ihm des Leidens und des Todes derer zu gedenken, denen sein Tod einen neuen Sinn und eine neue Weihe gab.

Liebe Brüder und Schwestern!

Was heißt das konkret? Zunächst heißt das, dass wir so an das Geschehen von Dachau herantreten sollen, wie wir an den Altar herantreten – indem wir nämlich vor seinen Stufen das Confiteor beten: „Ich bekenne Gott dem Allmächtigen ...“ Von dem Volk, das Zeuge der Todesangst unseres Herrn am Kreuz war, heißt es im Evangelium: „Alle, die bei dem Schauspiel zugegen waren und die Vorgänge angesehen hatten, schlugen an ihre Brust und kehrten heim“ (Lk 23,48).

Wie sie wollen wir hier bekennen: Nicht nur die Henker von Dachau waren schuld. Nicht nur die Gewalthaber von Dachau waren schuld. In Dachau, wie in allen Konzentrationslagern, ist wie durch eine Brennlinse an einem Punkt massiert projiziert worden, was im Menschen ist, welcher Sünde er fähig ist. Wir wissen, klar oder dunkel, dass wir alle Anteil an der Sünde haben. Das Maß dieses Anteils ist gewiss unterschiedlich, sei es durch Mittun oder durch Unterlassen. Wir wollen es hier nicht nachmessen.

In Dachau liegt diese unsere Schuld offen vor uns. Dabei wissen wir um die besondere Schwere der Schuld von Deutschen, die hier an Mitmenschen aus 23 Nationen schuldig geworden sind. Wie Gott jeden einzelnen von uns und von denen, die wir hier vertreten dürfen, schuldig weiß, so bekennen wir darum vor Gott, vor den Opfern und voreinander unsere Schuld, unsere übergroße Schuld.

Ein Wort aus dem Bericht des Evangeliums über das Sterben unseres Herrn soll dieses unser Schuldbekenntnis ergänzen. Er selbst hat es am Kreuz gesprochen: „Vater, verzeih ihnen, sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).

Wir haben nicht nur Gott im Verzeihung zu bitten. Worin Menschen einander schuldig werden, wird menschlich nur überwunden in herzlichem Verzeihen. Darum bitten auch die Schuldigen unter uns die Opfer unter uns um Verzeihung für das, was ihnen hier angetan wurde. Nicht nur als einzelne, sondern auch von Familie zu Familie, von Volk zu Volk, damit in diesem Verzeihen die Liebe siege übe die Gewalt.

Es sei eine Versöhnung im Zeichen des Versöhnungstodes Christi, bei dessen Vergegenwärtigung wir das Wort des Gebetes sprechen, das Er uns gelehrt hat: „Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt 6,12). Noch ein letztes Wort der Schrift muss für uns über den Geschehen von Dachau stehen. Es ist das Wort des Völkerapostels: „Ich ergänze durch mein Leiden, was dem Leiden unseres Herrn noch fehlt für seinen Leib, die Kirche“ (Kol 1,24).

Unser Schuldbekenntnis, unser Verzeihen, das erbetene oder gewährte, wären unvollständig, christlich nicht vollkommen, wenn wir nicht auch unsere Bereitschaft zur Sühne einschließen wollten. Sühne meint hier mehr als bloße, auch ehrlich und großzügig geleistete Wiedergutmachung gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Sie ist selbstverständlich.

Sühne meint auch mehr als die Beherzigung der Lehren von Dachau, nämlich die Absage an den Geist der Gewalttätigkeit, die Absage an jene Zügellosigkeit im Gebrauch der Freiheit, die die Mutter der Gewaltsysteme ist. Sühne meint hier Gemeinschaft mit dem todwunden Herrn. Sühneleistung mit ihm für die Wunden der Welt, wund sein mit ihm.

Gibt es nicht allzu viele, die ihre eigenen Wunden nicht wahrhaben, viel weniger die Wunden Christi mittragen wollen? Sie verstehen es, ihre Zusammenbrüche zu maskieren. Aber „die Barmherzigkeit Gottes verbindet, keineswegs den, der keine Wunde hat“, sagt Charles Péguy.

Das Entscheidende in unserer Sühnebereitschaft ist, dass wir glauben an die Kraft des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt und dadurch viele Frucht bringt. Und eben darum schließt unsere Sühnebereitschaft dies ein: Bei allem Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt, wenn es sein muss auch für die zwingende Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen und Völker, erwarten wir doch nicht das Heil vom Zwang, nicht einmal letztlich von der Gerechtigkeit unter den Menschen, sondern von dem Kreuz und der Gnade unseres Herrn.

Das bedeutet: Wir wollen die vielfachen Leiden, die uns nicht nur im Gefolge des Krieges, sondern – das vergessen wir zu leicht über der Furchtbarkeit des Krieges! – im Gefolge des nationalsozialistischen Unrechts auferlegt sind, vielen einzelnen von uns, vielen Familien, Volksgruppen, Völkern und christlichen Gemeinschaften, als eine gottgeschenkte Chance auffassen und auswerten, um den Fluch der Schuld in den Segen des Kreuzes zu verwandeln, um die Unerlöstheit des Willens zur Macht zu überwinden in dem erlösten und erlösenden Willen zur Nachfolge des Gekreuzigten.

Liebe Brüder und Schwestern!

Begnadete Beter und große Gottesgelehrte der Kirche versichern uns, dass unserem Herrn in der Stunde seiner Todesangst – von der die Heilige Schrift berichtet, dass er „inständiger in ihr betete“ – alle Schuld der Welt gegenwärtig war. Dachau und seine Todesangst sind seitdem der Todesangst Christi unlösbar verbunden.

Einer von den Tausenden, die hier ihre Todesangst mit Christus durchlitten haben, schuf jenes Symbol, das wir an dieser Stätte vor uns sehen, eine schlichte, erschütternde Monstranz aus Holz, aus dem Holz des Elends dieser Baracken, die gewürdigt wurde, den Leib unseres Herrn zu bergen.

Möge unser Herr von dieser neu gesegneten Gedächtnisstätte aus uns allen helfen, in ständiger Vergegenwärtigung seiner Todesangst, im Nichtvergessen der Todesangst von Dachau, dem Holz, aus dem unser Leben geschnitzt ist, jene Fassung zu geben, die würdig ist, seinen heiligen Leib zu tragen. Er mache das einfache christliche Leben eines jeden von uns zu solch einer schlichten, durch die Todesangst der Welt gezeichneten Monstranz, in der er dieser Welt erscheinen kann – Er, „das Brot für das Leben der Welt“ (Joh 6,51). Amen.

An die Predigt schloss sich die Weihe der Todesangst-Christi-Kapelle und ein Totengedenken durch Kardinal Mimmi.

  1. ‚Der Christliche Sonntag’ Nr. 33, Freiburg i. Br., 14.08.1960, berichtet dazu: In Dachau selbst sind viele der Weltkongresspilger, die an diesem Sühnefreitag diese Schmachstätte der deutschen Geschichte besuchen. Wo die Krematorien standen, ist heute nun ein ehrfurchtgebietender Hain entstanden, zwischen Rasen und Blumen stehen Schilder, die auf das furchtbare Geschehen von hier hinweisen; in einem Ausstellungsgebäude sieht man schreckliche Dokumente dieser unseligen Zelt. Schweigend gehen die Pilger an ihnen vorbei, unter ihnen viele Priester, viele ehemalige KZ-Häftlinge. Zwischen hohen Pappelbäumen entlang führt die große Lager-Straße. „Weißt du noch, wie wir sie pflanzten?“ sagte einer zu seinem Freund. Beide waren sie sieben Jahre in diesem Todeslager. Am Ende steht die neue Todesangst-Christi-Kapelle, ein dunkler, massiger Rundbau. Sie soll heute durch den Münchener Weihbischof D. Neuhäusler, der selber die KZ-Nummer 26 680 trug, eingeweiht werden. Die ehemaligen Häftlinge sind heute Ehrengäste – wo mögen die Herren von damals sein? Ob einer von ihnen unter den Tausenden Anwesenden – es sollen 40 000 sein – ist? ... In der Mitte des Raumes der neuen Kapelle schwebt ein schlichtes Holzkreuz, über ihrem Eingang hängt eine Dornenkrone. Auf dem Altar steht eine kleine Holzmonstranz  die – im Lager angefertigt – während der Hitlerzeit dem „Priesterblock“ bei den heimlich gefeierten Messen diente. Nun ist auch der Weihbischof eingetroffen, er grüßt die versammelten Gläubigen, dann kommen die jungen Pilger mit ihren Fahnen und ihrem Sühnekreuz. Danach die Kardinäle und Bischöfe, Purpur und Lila. Es beginnt zu regnen, aber all empfinden dies als eine kleine Genugtuung an diesem Tag.

XIII. Folge 1960/61, Nr. 59/52, Juni 1961, S. 4–5


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