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P. Bruno Hussar OP

Verstšndnis und Freundschaft zwischen Juden und Christen

Aus dem Bulletin Nr. 1, S. 3 ff., des israelischen „Committee for  Inter-Faith Understanding in Israel and in the World“ das erstmals Ende September 1959 in Jerusalem veröffentlicht wurde (s. Freiburger Rundbrief, Nr. 41/44, S. 94), bringen wir in deutscher Übersetzung den folgenden Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Verfassen und der Schriftleitung.

Mit großer Genugtuung wird die Gründung des Komitees für „Interkonfessionelles Verständnis in Israel und in der Welt“ von allen Katholiken begrüßt, die sich in Israel und in anderen Ländern bemühen, die Barrieren des Missverständnisses niederzureißen, welche die christliche Welt und das jüdische Volk trennen. Das Komitee tritt rechtzeitig in Erscheinung, um seine Anstrengung mit allen Menschen guten Willens zu vereinen, die sich anderwärts im gleichen Sinne bemühen. Ich möchte hier gern einige wenige solche Versuche erwähnen, die in der christlichen Welt unternommen wurden.

Die Seelisberger Konferenz und die Organisation zur Freundschaft zwischen Juden und Christen

Nach der Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten haben weite Kreise der christlichen Welt erkannt, dass man jede nur mögliche Anstrengung unternehmen müsse, um den Antisemitismus völlig auszurotten. Im Sommer 1947 wurde eine erste internationale Konferenz in Seelisberg/Schweiz durch die Nationale Konferenz von Christen und Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zusammengerufen; diese versammelte etwa 80 Mitglieder: Katholiken, Protestanten und Juden – aus 18 Ländern.

Die Konferenz hatte die Aufgabe, einen Überblick über den Antisemitismus im Nachkriegseuropa zu gewinnen und sich auf gemeinsamer Ebene über den Kampf gegen jede weitere Entwicklung von Antisemitismus zu einigen. Ein wichtiges Ergebnis dieses Treffens war die Formulierung von bestimmten Vorschlägen, die als die „Zehn Punkte von Seelisberg“ bekannt sind und dahin wirken sollen, jedes Anzeichen von Antisemitismus, das sich im christlichen Unterricht finden lässt, auszumerzen. [Vgl. auch Freiburger Rundbrief Nr. 8/9, S. 5 ff., Anm d. Red. d. Rundbriefs.]

Katholische Bemühungen um ein besseres Verständnis

Abgesehen von dieser besonderen Aktion zur Förderung eines besserem Verständnisses zwischen Christen und Juden wurde seit Ende des Zweiten Weltkrieges in der katholischen Welt eine Anzahl von Einrichtungen geschaffen, die eine tiefere Einsicht in das Problem vermitteln sollen.

In Frankreich wird die Zeitschrift „Cahiers Sioniens“ seit 1947 herausgegeben, die später mit einem Studien- und Dokumentationszentrum verbunden wurde und die eine hervorragende Leistung darstellt. Diese Zeitschrift unter der Leitung von P. Paul Démann vermittelt den Katholiken ein besseres Wissen über das gemeinsame Erbgut aus jüdischer Geschichte, aus Überlieferung und jüdischem Leben, ein Erbgut, das sie mit den Juden teilen; sie fördert eine richtige Haltung unter den Christen gegenüber den Juden und schafft somit in ihrer Mitte die Bedingungen für eine tiefe und echte Annäherung an die jüdische Welt.

Besonders erwähnen möchte ich ein Buch, das von Paul Démann im Jahre 1952 veröffentlicht wurde: „La Catéchèse Chrétienne et le Peuple de la Bible“ [vgl. Rundbrief Nr. 17/18. S. 12]. P. Démann bringt in dieser Schrift als Ergebnis eines kritischen Überblicks über 2000 Bücher, die in den verschiedenen französisch sprechenden Ländern für Religionsunterricht an katholischen  Kindern geschrieben wurden, Vorschläge für eine Revision des Geistes und der Methoden des Unterrichts. Seit der Veröffentlichung dieses Werkes wurden verschiedene Handbücher in verbesserter Auflage herausgegeben und neue in Übereinstimmung mit den Vorschlägen von P. Démann veröffentlicht.

Das große Interesse, das sich heute in Frankreich für alles zeigt, was Israel angeht, ist nicht auf politische und soziale Fragen beschränkt. Eine große Anzahl katholischer Zeitschriften veröffentlicht Artikel und gründliche Studien über jüdisches Leben- und Denken. Zwei Veröffentlichungen der Dominikanerpatres, die von der Elite der französischsprechenden Katholiken gelesen werden, verdienen noch erwähnt zu werden: Eine besondere Ausgabe der Monatsschrift „Lumière et Vie“ (Lyon) mit Beiträgen von Emilie Touati: „Panorama du judiaisme contemporain“; Renée Neher-Bernheim: „L’élection d'Israel“; Andre Chouraqui: „Le Messie d’Israel“; Paul Demann: „Juifs et chréitiens à travers les siècles“; M. J. Stiassny: „Le dialogue entre juifs et chréitiens en Israel“; sowie die Sonderausgabe der vierteljährlichen Beilage von „La Vie Spirituelle“ (Paris), betitelt: „L’âme religieuse juive de nos temps“ mit Texten von Abraham Isaak Kook, Rabbi Nahman, Prof. S. H. Bergmann und A. Chouraqui.

In Deutschland widmet sich der „Freiburger Rundbrief" unter Leitung von Prof. Dr. Karl Thieme und Dr. Gertrud Luckner ähnlichen Zielen. Seine Zielsetzung wird bestimmt von den besonderen Sorgen und Aufgaben im heutigen Deutschland: er bekämpft den nationalsozialistischen Ungeist – dessen Wiederaufleben man immer wieder befürchtet – und er befürwortet materielle und moralische Wiedergutmachung für die Untaten, die vom deutschen Volke den Juden gegenüber begangen worden sind.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika besteht das „Institut of Judaeo-Christian Studies“, das von Msgr. John Österreicher begründet wurde, das Vorträge und Vorlesungen veranstaltet und „The Bridge", ein Jahrbuch jüdisch-christlicher Studien, herausgibt, wovon bereits drei Bände erschienen sind.

In Holland existiert seit 1952 ein „katholischer Rat für Israel“. Ein bescheidenes Nachrichtenblatt wird monatlich an 300 Abonnent versandt. Im Jahre 1958 wurde von Msgr. Ramselaar, dem Präsidenten dieses Rates, erstmals eine internationale Konferenz in Apeldoorn organisiert zum Austausch von Erfahrungen unter den Katholiken, die sich der theologischen und praktischen Arbeit in bezug auf Judentum und Israel widmen [s. Rundbrief Nr. 41/44, S. 80]. Msgr. Ramselaar war gerade jetzt kurze Zeit in Israel als Gast der Regierung. [Eine 2. solche Konferenz fand Ende August 1960 wiederum in Apeldoorn statt. Anm. d. Red. d. Rundbriefs.)

In Spanien wird vom „Instituto Arias Montano“ zum Studium des Judentums und der nahöstlichen Kultur eine wissenschaftliche Zeitschrift, „Sefarad“, unter Mitarbeit von bekannten Gelehrten herausgegeben. Zweck der Herausgabe ist das Studium des bedeutsamen und wertvollen Materials über jüdische Leben und Denken in der Geschichte Spaniens. Wenn auch das Institut und die Veröffentlichungen nicht offiziell katholisch sind, so sind doch ein großer Teil der Mitarbeiter Priester, und ihre Tätigkeit hat bleibende Kontakte zwischen katholischen und jüdischen Gelehrten in der ganzen Welt geschaffen.

In Israel umfasst das „Oeuvre St. Jacques“, das vom Lateinischen Patriarchen in Jerusalem im Jahre 1955 genehmigt wurde, eine Anzahl katholischer Laien und Priester. Ihren Statuten gemäß „will die Vereinigung, welche ein Bindeglied zwischen dem jüdischen Volk und der Christenheit sein möchte, den Antisemitismus in allen seinen Formen bekämpfen und sich um ein gegenseitiges Verständnis, um Sympathie und freundschaftliche Beziehungen zwischen der katholischen Welt und Israel bemühen“.

Die persönliche Freundschaft zwischen einigen Mitgliedern des „Oeuvre St Jacques“ und denjenigen des „Committee for Inter-Faith Understanding“ hat schon positive Ergebnisse gezeitigt, und es besteht viel Hoffnung auf eine weitere Ausbreitung dieses freundschaftlichen Geistes.

Einige katholische Priester studieren mit Hilfe von Stipendien jüdische Wissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Es ist zu erwarten, dass eine größere Anzahl diese Gelegenheit wahrnehmen wird, um einen tieferen Einblick in jüdische Gelehrsamkeit zu gewinnen und zu den Bemühungen, die schon in anderen Teilen der Welt zu einem ersten besseren Verständnis geführt haben, vom Staat Israel – dem Herzen der jüdischen Welt – aus beizutragen.

Die Bedingungen zur Förderung eines brüderlichen Geistes

Zum Abschluss dieses Überblicks über die Bemühungen zum besseren Verständnis zwischen Christen und Juden möchte ich mir einige Vorschläge erlauben: In den Beziehungen zwischen Juden und Christen können im Laufe der Geschichte zwei Arten von Gegensätzen unterschieden werden:

1. Zunächst ist es der theologische Gegensatz im Glauben. Hier können Christen und Juden nichts anderes tun, als Gott, unsern Vater, zu bitten, dass Er sie einigen möge durch Seine Erleuchtung und in Seiner Liebe.

2. Dann gibt es einen wirklichen Gegensatz, der gleicherweise der jüdischen und der christlichen Mentalität als Ergebnis eines aufgehäuften Erbes von mehr als neunzehnhundertjährigen Konflikten auf juristischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet eingeprägt ist. Hier kann und muss eine gemeinsame Aktion unternommen werden. Nach den Statuten des Komitees zum interkonfessionellen Verständnis ist es das erste Ziel dieses Komitees, einen Geist der Brüderlichkeit und der Toleranz, ohne Beeinträchtigung der Integrität und Identität einer jeden Religionsgruppe, zu fördern. Drei Bedingungen scheinen mir gleicherweise seitens der Christen wie der Juden als wesentlich zur Schaffung eines echten Geistes der Brüderlichkeit:

a) Jede der beiden Religionsgemeinschaften sollte bereit sein, die historischen Tatsachen, die man ihr vorwirft, zu erwägen und die Verantwortung ihrer Glaubensbrüder, die gesündigt haben, anzuerkennen und zu wissen, dass sie an dieser Verantwortung teilhat, und sie sollte Gott bitten, diese Sünden zu verzeihen.

b) Man sollte die Tatsache gelten lassen, dass fast immer sowohl das Wissen, das ein Christ vom Juden und vom Judentum tat, wie auch das Wissen des Juden vom Christen und vom Christentum voller Ungenauigkeiten, Vorurteile und Missverständnisse ist. Jeder müsste also gewillt sein, alle falschen Vorstellungen zu verabschieden, unbegründete Vorurteile zu verwerfen und sich bemühen, ein wahres Verständnis für jene Brüder zu gewinnen, die nicht seinen religiösen Glauben teilen.

c) Jeder sollte treu gegenüber seiner eigenen Überzeugung sein – d. h. er sollte in voller Übereinstimmung mit derselben leben; und gleichzeitig sollte er aufrichtig die Überzeugung der Brüder anderen Glaubens respektieren.

Es wird lange dauern, bis diesen drei Bedingungen voll Genüge getan wird. Trotzdem ist es für die Zukunft der Menschheit wesentlich, dass alle Menschen guten Willens sich bemühen, dieses Ideal in Übereinstimmung mit dem großen Gebot, „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18 und Mk 12,31), zu erreichen. Es ist ermutigend zu sehen, dass zum ersten Mal in der Geschichte eine immer wachsende Zahl von Christen und Juden sich nicht nur als Einzelne, sondern auch als Leiter von Gemeinschaften um die praktische Verwirklichung dieses hohen Ideals mühen.


XII. Folge 1960/61 (Sonderausgabe zum 60. Geburtstag von Dr. Gertrud Luckiner) Nummer 49, 26. September  1960, S. 18−20.


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