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Prof. Dr. Hendrik van Oyen

Über den Widerstand der Akademiker in Holland während des Krieges

Aus persönlichen Erinnerungen und einigen in meinem Besitz befindlichen Akten möchte ich einiges berichten über den Widerstand der Universitäten in Holland in den Kriegsjahren 1940–1945.

Bekanntlich brauchte die militärische Aktion der deutschen Armee nicht ganz fünf Tage, um die Niederlande zur Kapitulation zu zwingen. Zwar hatte man das Land noch nicht ganz erobert und wurde am Abschlussdamm der Zuiderzee ein unüberwindlicher Widerstand geleistet, aber die verbrecherische Bombardierung Rotterdams (30 000 Tote innerhalb von vier Stunden) und die Drohung, mit den anderen Großstädten gleichfalls so vorzugehen, zwang die niederländische Regierung zur Kapitulation.

Die Königin wurde nach England transportiert, damit die Regierung dort den Krieg und besonders auch das Regiment über Niederländisch-Indien weiterführen konnte.

Befürchtete man anfangs die roheste Vergewaltigung der Bevölkerung durch die deutschen Soldaten, so verhielten sich die deutschen Truppen, von geringen Ausnahmen abgesehen, doch im Allgemeinen gut. Bald nach der Kapitulation ertönte im Radio die Stimme des Reichskommissars Seyss-Inquart (eines gebürtigen Österreichers), die dem niederländischen Volke die vollständige Respektierung seiner konstitutionellen Rechte und geistigen Freiheiten zusicherte.

Zahllose meinten nun also, die deutschen Befehlshaber würden sich infolgedessen in den Niederlanden anders verhalten als in Österreich, Polen und der Tschechoslowakei. Nur wenige durchschauten den falschen Schein, dass die Liebenswürdigkeit Seyss-Inquarts bloß eine fingierte war, bloß taktischer Aufschub, um in allmählicher, schrittweise vor sich gehender Umklammerung das niederländische Volk entweder zu nazifizieren oder zu vergewaltigen.

Die schrittweise Einführung pseudo-legaler Maßnahmen, wobei jeder Schritt an und für sich nur unbedeutend schien und nicht der Mühe wert, sich dagegen zu wehren, war genau das, was der „Führer“ in „Mein Kampf“ als Methode der Besetzung eines feindlichen Landes angegeben hatte: das besiegte Gebiet allmählich durch scheinbar harmlose Maßnahmen zu erwürgen, nicht durch einen vom Feind eingesetzten Zwingherrn, sondern durch eine „aus dem Volke selbst hervorgegangene“ Bestie.

Es fand sich tatsächlich eine Reihe ehrgeiziger und vertrauensseliger Holländer unter Führung Musserts bereit, die Befehle des Reichskommissars auszuführen, wobei zweifellos der Vorwand, soviel niederländisches Geistesgut zu retten, wie nur möglich war, eine Rolle gespielt haben mag. Selbstverständlich wurden die Instrumente der Erwürgung vom deutschen Besetzer mit der größten Verachtung behandelt.

Die Universitäten fingen zunächst nach der Kapitulation wieder zu arbeiten an. Die niederländischen Soldaten wurden bald aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, und so konnten auch die Studenten wieder an die Arbeit gehen.

Am 4. Oktober 1940 erschien jedoch die erste Nummer des studentischen Widerstandsblattes „de Geus“, begründet von zwei Studenten der Universität Leiden, den Gebr. Drion. Das Blatt erschien anfänglich hektographiert, wurde dann bald in einer Geheimdruckerei gedruckt und die Auflage wesentlich vermehrt: sie stieg von 250 auf 800, dann auf 5000–7000 Exemplare.

Die kostbaren Nummern gab man selbstverständlich weiter, ich habe mir erlaubt, eine wichtige Nummer, die vom 15. Mai 1944 mit der Erklärung der Königin und dem sog. Rektorenbrief, in welchem die menschenunwürdige Lage der in den Arbeitseinsatz aufgenommenen Studenten und deren Todesfälle mit Namen erwähnt werden, zu behalten. Die Nummer erwähnt einige Fälle, wobei die Gattinnen und Kinder (Alter von drei und vier Jahren) von untergetauchten Dozenten verhaftet wurden. Wir müssen aber auf diese Vorkommnisse nachher noch zurückkommen.

Es war ein unerhörtes Glück, dass es das Widerstandsblatt „de Geus“ gab, denn bald erwies es sich als notwendig gegen die unverschämten Maßnahmen, mit welchen in die Verfassung und die Freiheit der Universitäten eingegriffen wurde. Wie nötig es war, wird aus folgenden Ereignissen klar:

Im September 1940 zirkulierte die Nachricht, die deutsche Besatzung würde die Juden aus allen öffentlichen Ämtern entfernen. Sofort reagierten Dozenten und Studenten in einem Protest, um diesen geplanten Maßnahmen Einhalt zu tun. Es wurde ein offener Brief über die Entfernung der Juden aus den Ämtern mit Tausenden von Unterschriften akademischer Persönlichkeiten an Seyss-Inquart adressiert, jedoch ohne irgendeinen Erfolg.

Die Juden wurden entlassen, und von allen im öffentlichen Dienst stehenden Beamten wurde die Unterzeichnung des sog. Arierparagraphen verlangt, die Bestätigung enthaltend, dass man keine jüdischen Ahnen hatte. Praktisch alle niederländischen Beamten unterschrieben, auch die akademischen Dozenten.

Hier liegt zweifellos eines der erschreckendsten Symptome des Versagens des niederländischen Volkes vor: es kam völlig unerwartet, nichts war zum Widerstand gegen die Preisgabe der Juden aus der Gemeinschaft organisiert, jeder einzelne Beamte hatte für sich zu entscheiden und sah sich mit Sicherheit entlassen, falls er sich weigerte zu unterschreiben; man meinte, es würde mit den aus ihrem Amte entlassenen Juden nicht so schlimm werden, man häufte Argumente auf Argumente und unterschrieb, aus Angst, aus Unbedachtsamkeit, doch wohl auch, weil man mit den Juden keine echte Lebensgemeinschaft empfand, und das war das Allerschlimmste. Hätte man ahnen können, welches schreckliche Schicksal auf die Juden wartete, man hätte sich vielleicht doch eher mit ihnen solidarisch erklärt; aber niemand konnte die apokalyptischen Ausmaße der Vernichtung ahnen, die in kürzester Zeit sich an den Ausgestoßenen vollziehen sollte.

Groß war der Sieg der Deutschen, denen es gelang, das niederländische Volk mit dem Arierparagraphen so zu erniedrigen. Nun konnte man ruhig mit der Ausmerzung der jüdischen Bürger fortfahren. Der nächste Schritt war der Judenstern, es folgten die Schließung ihrer Geschäfte, das Verbot, sich in Schwimmhallen, Parks usw. aufzuhalten. Da Leben wurde ihnen täglich enger geschnürt, bis sie dann in Viehwagen in die KZs und Gaskammern abtransportiert wurden.

Da wuchs nun allerdings der Widerstand im Herzen des Holländers mit Macht. Das Entsetzen und das Grauen über die aus direktester Nähe erlebten Verschleppungen erfassten uns alle. Viele Tausende Juden wurden versteckt, in Hinterkammern und Mansarden verborgen gehalten, mit „schwarzen“ Lebensmittelkarten ernährt.

Eine Solidarität zwischen Juden und Holländern erstand erst recht, als das Schicksal der erstgenannten feststand und die letztgenannten zu ahnen anfingen, dass der nächste Schritt wohl die Vernichtung der christlichen Kirche und des christlichen Bekenntnisses sein konnte. Wurde der Gott der Juden angegriffen, warum sollte der Gott der Christen unbehelligt bleiben? Erwiderte mir doch persönlich der Gauleiter von Groningen, Dr. Conring, auf meinen Protest gegen die Judenverschleppungen: Im Kriege müsse man hart sein, der Nationalsozialismus könne bloß gewinnen, wenn die jüdischen Feinde vernichtet wären, und überhaupt gehöre ihm die Zukunft und nicht den christlichen Kirchen, deren Zeit endgültig vorbei sei.

Der akademische Widerstand gegen die Judenmaßnahmen trat sehr früh ein. Nachdem am 23. November 1940 die jüdischen Professoren der Technischen Hochschule in Delft entlassen worden waren und die Delfter Studenten (leider nicht von den anderen Universitäten unterstützt) streikten, folgte am 26. November die Universität Leiden, wo der berühmte Jurist Prof. Meyers entlassen wurde.

In der Vorlesungsstunde ließ nun Prof. Cleveringa einen flammenden, überzeugenden Protest vernehmen gegen die empörenden Maßnahmen. Die Studenten sangen als Antwort die Nationalhymne. Cleveringa wurde verhaftet, und die Studenten begannen einen Streik. Alles erfolgte mit straffer Disziplin, sogar die Mediziner streikten in den Krankenhäusern für die Dauer einer Woche. Die Deutschen staunten. Von woher diese Organisation? Sie bekamen die Antwort: „Nichts ist hier organisiert, doch alles stimmt.“

Nun wütete der Terror: Zahllos waren die Verhaftungen der Professoren und Studenten, sie wanderten in die KZs; die Universität Leiden wurde geschlossen. Die deutschen Autoritäten öffneten sie für äußerst kurze Zeit wieder, und man versuchte, die freigewordenen Lehrstühle durch Nationalsozialisten zu besetzen und aus der Leidener Universität ein großes NS-Zentrum zu machen; aber dann traten alle noch verbliebenen Dozenten aus Protest freiwillig zurück; der Plan wurde unmöglich gemacht.

Natürlich verlor man durch einen solchen Rücktritt alle Gehalts- und Pensionsansprüche. Eine weit verbreitete Organisation unter den Dozenten sorgte indessen durch freiwillige Spenden für die heimliche Unterstützung der Entlassenen. Nach diesem Misserfolg der Deutschen wurde die Universität Leiden endgültig geschlossen.

Die antijüdischen Maßnahmen hatten eine totale Auflösung aller gesellschaftlichen Verbände zur Folge: indem von jedem Verein verlangt wurde, dass er die jüdischen Mitglieder ausstoße, entschlossen sich die meisten Organisationen, sich selbst aufzulösen, so zum Beispiel die studentischen Verbindungen, deren es in jeder Universität viele gab. Nach einm scharfen Protest an den Reichskommissar löste sich das Groninger Studenten-Korps selbst auf.

Es war klar, dass bei der Auflösung der nach außen sich manifestierenden Gesellschaftsformen die Aktivität nach innen desto ausgeprägtere Formen annahm und sich damit der organisierte Widerstand mit Kraft entfalten konnte. Der große Kampf musste jedoch erst noch gekämpft werden, und da war es von Vorteil, dass die Solidarität nach innen täglich zunehmen musste.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr Arbeitskräfte brauchte der Feind. Schon waren Zehntausende von niederländischen Arbeitern in den Arbeitseinsatz nach Deutschland und anderen besetzten Ländern geschickt worden. Die Studenten waren bis jetzt noch aufgespart. Die Deutschen fragten sich aber, wieso „die Plutokratensöhnchen“ eigentlich eine Ausnahme bilden sollten.

Die deutsche Lage wurde immer bedrohlicher, man vernahm Gerüchte von durchgeführten Deportationen von Studenten, der deutsche Helfershelfer Prof. van Dam, Generalsekretär des Unterrichtsministeriums, versuchte mit sanften Erklärungen die wachsende Unruhe zu besänftigen, als plötzlich der Blitz einschlug: Ende Januar und Anfang Februar 1943 wurden in den Universitäten und Hochschulen in Amsterdam, Utrecht, Delft und Wageningen die Laboratorien und Vorlesungen von der „Grünen Polizei“ überfallen. Den Professoren wurde zugeschrieen: „Herr Professor, Ihre Vorlesung ist beendet“, und mit einem „Heraus“ wurden die Studenten mit einer Nummer auf dem Rücken aus den Sälen befördert und in Güterwagen nach Deutschland transportiert. Es waren im ganzen 600, die so wie Schlachtvieh abgeführt wurden.

Sofort streikten die Dozenten und Studenten an den noch übriggebliebenen Universitäten. Es wurde nun allen „Gutwilligen“ versprochen, ungehindert weiterarbeiten zu dürfen, falls man eine Loyalitätserklärung unterschrieb. Diese forderte das Versprechen, nach Ehre und Gewissen den im besetzten niederländischen Gebiet geltenden Gesetzen, Ordnungen und Bestimmungen nachzukommen und sich von jeder Handlung gegen das deutsche Reich, seine Wehrmacht oder die niederländischen Autoritäten zu enthalten. Wer zu dieser Unterzeichnung nicht bereit sei, sollte sich für den Arbeitseinsatz melden. Ein Termin, innerhalb dessen man zu unterschreiben hatte, wurde festgelegt.

In den ersten Tagen war die Verwirrung enorm. Namentlich von den (an sich nicht deutschgesinnten) Universitätsbehörden wurde nachdrücklich verlangt, man sollte unterzeichnen. „De Geus“ jedoch ließ keine unsicheren Töne vernehmen: man solle sich nicht beugen, man solle nicht in den Arbeitseinsatz gehen, man solle sich verstecken. Am 18. April 1943 war der Stand der Unterzeichnung folgendermaßen:

Delft: 731 von 2700 = 27 %
Amsterdam:
585 von 3200 = 18,3 %
Wageningen:
182 von 800 = 22,7 %
Utrecht:
500 von 3700 = 13,5 %
Groningen:
121 von 1280 = 9,5 %

In den theologischen Fakultäten war die Bereitschaft zum Unterzeichnen der Erklärung minimal: in Groningen hatten wir einen Studenten, der unterschrieb. Die warnende Stimme Karl Barths hatte in diesen Tagen unter den Theologen in Holland eine große Bedeutung. Er lehnte die Unterzeichnung ab. Im Gegensatz zu seiner Haltung gegenüber der von den Pfarrern der DDR verlangten Loyalitätserklärung, deren Unterzeichnung er bejaht, obwohl die damalige Erklärung in Holland nicht über das hinausging, was er auf S. 31 seines Briefes an einen Ostpfarrer als erträglich umschreibt.

Auch damals wurde keine Gutheißung der Maßnahmen verlangt, bloß Anerkennung ihres Bestandes und ein Versprechen, sich nicht dagegen aufzulehnen! Sollte aber der Entscheid bloß vom Wortlaut einer Loyalitätserklärung abhängen, dann hätten die holländischen Studenten alle ruhig unterschreiben können.

Sie haben aber nicht unterschrieben, weil sie, erstens, den propagandistischen Wert des Regimes mit ihrem „ja“ nicht fördern wollten und weil sie, zweitens, mit Recht befürchten konnten, dass die großartigen Versprechungen, jetzt ruhig studieren zu können, bloß den Leim bildeten, mit dem sie dann für weitere untragbare Konsequenzen gebunden waren.

Uns scheint die Lage für die DDR dieselbe zu sein, und es ist nicht ersichtlich, wieso man damals dem Wortlaut der Loyalitätserklärung nicht Vertrauen schenken durfte, um ihm jetzt dem kommunistischen Regime gegenüber wohl zu vertrauen.

In beiden Fällen ging und geht es um mehr als den bloßen Wortlaut. Wer könnte sich wohl einem totalitären Regime gegenüber die Interpretation der Loyalität erlauben, die K. Barth auf S. 31 gibt:

„‚Loyalität’ schließt den Vorbehalt der Gedankenfreiheit gegenüber der Ideologie, aber auch den Vorbehalt des Widerspruchs, eventuell des Widerstandes gegen bestimmte Explikationen und Applikationen einer vorgegebenen Staatsordnung in sich. Es gibt auch so etwas wie eine loyale Opposition.“

Weder die holländischen Studenten konnten damals mit einer „loyalen Opposition“ dem Regime begegnen, noch heutzutage die Pfarrer in der Ostzone.

Kommen wir wieder auf den studentischen Widerstand gegen die Loyalitätserklärung zurück. Ungefähr 15 % unterschrieben, 30 % begaben sich gezwungen in den Arbeitseinsatz (wobei einige Hunderte umkamen), 55 % tauchten unter in oft unvorstellbar schrecklichen Umständen. Fast der ganze Dozentenstamm weigerte sich, Vorlesungen für die „Unterzeichner“ zu halten. Wenn eine Fakultät aus Mangel an Studenten nicht lesen konnte, wie das in der theologischen Fakultät in Groningen der Fall war, wurde man mit der Ausarbeitung eines Buches, dessen Stoff man selbst zu wählen hatte, beauftragt.

Die Kath. Universität Nijmegen, die Freie Universität in Amsterdam und die Wirtschaftshochschule (kath.) in Tilburg hatten es überhaupt abgelehnt, die Formulare ihren Studenten zur Unterzeichnung zu unterbreiten.

Dass ein großer Prozentsatz in den Arbeitsdienst ging, erklärt sich wohl durch den nun schnell zunehmenden Terror; der Generalstreik, im Westen ausgebrochen, zeitigte ein unbändiges Wüten der deutschen Autoritäten: die Offiziere der niederländischen Armee wurden wieder verhaftet und nach Buchenwald transportiert, viele Verdächtige wurden erschossen, auf unvorstellbare Weise verschleppt, das Dorf Putten wurde – wie Lidice – bis zum letzten Haus zerstört und die Bevölkerung teils erschossen, teils abtransportiert; eine Schreckenszeit brach an, unter welcher viele Eltern es vorzogen, dass ihre Söhne in den Arbeitseinsatz gingen, statt in die gefahrenvollen Verstecke.

Der Feind hatte nun die Schlacht um die Universitäten verloren. Zwar verfügte man über eine Gruppe Studentenarbeiter in den Fabriken und Betrieben, aber die Folgen des studentischen Widerstandes machten sich nicht bloß in akademischen Kreisen, sondern im ganzen Volke bemerkbar. Der Eindruck war gewaltig, bei Bauern, Arbeitern, in den entlegensten Ecken und auf einsamsten Plätzen waren Studenten untergebracht. Die Dozenten reisten in die Verstecke, um insgeheim unter vier Augen die Examina abzunehmen.

Der Mut und die Hoffnung im Volke wuchsen durch diese starke Haltung. Es wurden im ganzen Lande Maßnahmen ausgeführt, die zu einer Desorganisation der deutschen Umklammerung führten: die zentrale Kartothek aller niederländischen Bürger im Haag wurde bombardiert und vernichtet, ungezählte Druckereien lieferten die Karten für die Lebensmittelrationierung der Untergetauchten, Verhaftete wurden aus den Gefängnissen unter Vermummung mit deutschen Uniformen befreit, falsche Urlaubscheine für Studenten in Deutschland wurden angefertigt, falsche Personausweise haufenweise gedruckt.

Namentlich die Studentinnen haben in dieser Zeit des unheimlichen Terrors große Tapferkeit gezeigt, indem sie die Geheimorganisationen durch ihre Tätigkeit ermöglichten (Judenhilfe, Spionage, Warnungen, Verteilung der Lebensmittelkarten usw.).

Wir haben nur in einigen dürftigen Zügen etwas von der ungeheuren Arbeit, die der studentische Widerstand geleistet hat, erzählen können. Es waren besonders die Studenten, die hier ihre Dozenten aufgerüttelt und angespornt haben. Plötzlich wurde es stillen, oft weltabgewandten Gelehrten zugemutet, Charakter, Haltung, Verantwortlichkeit dem Sozialen und Politischen gegenüber zu zeigen. Das war nicht einfach.

Die jüngere Generation, die kurz vorher im Felde dem Feind gegenüber gestanden war, konnte sich eher zu einer geradlinigen, klaren Entscheidung durchringen. Dass dies in den ersten Jahren sehr schwer war und die Dozenten oft nur mit Mühe und Not zu einer solchen Haltung zu bewegen waren, war wohl die Folge des chaotischen Charakters der modernen Universität.

Man war es nicht gewohnt, irgendwie zusammenzuhalten, große politische Entscheidungen waren den Gelehrten fremd, man war eher zum Kompromiss bereit, das Gefühl des „appeasement“ und des Gewährenlassens verschleierte den klaren Blick für die entsetzliche Wirklichkeit. Man lebte oft vom Schein des Trugschlusses, mit einem Kompromiss noch etwas vom volkseigenen Geistesgut retten zukönnen.

Die Jahre der deutschen Besetzungszeit haben uns gelehrt, dass man das nicht kann und das Wort des holländischen Dichters auch für die Universität Wahrheit behält: Es ist unmöglich, Konzessionen zu machen, ohne beschädigt zu werden.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 16–18


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