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Dr. Irene Marinoff

Jüdisch-christliche Beziehungen in England

Dank seiner geografischen Lage, seiner Geschichte und der dem Volke eigenen Toleranz ist England seit dem 13. Jahrhundert von den gröbsten antisemitischen Ausschreitungen verschont geblieben. Jahrhunderte lang lebten infolge des Ediktes von Eduard I., das alle Juden aus dem Lande vertrieb, nur wenige wie z. B. der Marranen-Arzt Roderigo Lopez, der Leibarzt der Königin Elisabeth I., in England.

Es ist eine der Kuriositäten der englischen Geschichte, dass dieses Edikt niemals formgerecht rückgängig gemacht worden ist. Auch die Rückkehr der Juden in größerer Zahl, die 1656 unter Cromwell einsetzte, ist niemals der Gegenstand gesetzgeberischer Maßnahmen gewesen.

Was den Juden in den folgenden Jahrhunderten noch an Beschränkungen auferlegt war, wurde gleichermaßen von den Katholiken geteilt. Das sozial gesinnte und tolerante neunzehnte Jahrhundert brachte (1871) den Juden die völlige Gleichberechtigung. Allein trotz aller politischen Gleichberechtigung und trotz der Tatsache, dass Juden in den Adelsstand erhoben wurden und alle öffentlichen Ämter bekleiden konnten, wurden sie, wenn auch nicht direkt verfolgt, so doch vom Volke als solchem als Fremdkörper empfunden. Den Juden, der schon über 200 Jahre in England ansässig und bis auf die Religion völlig assimiliert war, ließ man wohl gelten.

Als aber Welle um Welle von armen Flüchtlingen aus anderen Zivilisationen kamen – Juden aus Russland zwischen 1880 und 1905 infolge der durch die Ermordung Alexanders II. ausgelösten Pogrome, Juden aus Deutschland und Österreich (1933–1939), Juden aus aller Herren Länder in den Nachkriegsjahren –, da konnte der Antisemitismus festeren Fuß fassen.

Schon in den dreißiger Jahren trieb Sir Oswald Mosleys Partei im Londoner East End ihr faschistisches Unwesen, kam während des Krieges zum Stillstand, um in den letzten Jahren wieder an Zulauf zu gewinnen. Gewiss wird dieser aktive Antisemitismus von der überwiegenden Mehrheit des Volkes abgelehnt. Latent bleibt er aber bestehen und findet jeweils in Zeiten der Depression, der Wohnungsnot und, besonders in London, der Überflutung durch fremde Elemente wie z. B. die Afrikaner und Westindier, zumindest mündlichen Ausdruck.

Die Haltung des gläubigen Protestanten dem Alten Gottesvolk gegenüber wird durch seine Stellung zum Alten Testament bestimmt. Weit mehr, als das bisher beim Katholiken der Fall war, ist sein religiöses Leben von der Bibel geprägt worden. Alttestamentliche Namen wie Abraham, Isaak, Jonathan, Adam, David und Tobias sind auch bei Christen zu finden, und die Geschichten des Alten Testamentes sind ihnen ebenso geläufig wie diejenigen des Neuen.

Es ist kein Zufall, dass gerade der bibelfeste Cromwell der Wiederkehr der Juden nach England keinen Stein in den Weg legte. Die erste christliche Gesellschaft, die sich um das Problem der Judenheit in einer christlichen Welt bemühte, die „Church Mission to Jews“, wurde vor hundertfünfzig Jahren (1809) von Protestanten gegründet.

Heute, nach hundertfünfzig Jahren und ihren furchtbaren Erfahrungen, ist man auf allen Seiten zu der Einsicht gelangt, dass die Aufklärung über den Glauben und die Eigenart des Andersgläubigen, die Wegräumung von Vorurteilen und die friedliche Zusammenarbeit aller Konfessionen auf sozialem, pädagogischem und kulturellem Gebiet die besten Mittel sind, um gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Achtung zu fördern.

Es ist bezeichnend, dass alle die in diesem Jahrhundert gegründeten Gesellschaften, welche die Pflege christlich-jüdischer Beziehungen zum Ziel haben, sowohl protestantischerseits wie katholischerseits die Aufklärung der eigenen Glaubensgenossen als eine ihrer Hauptaufgaben ansehen. Auch die so viel ältere Church Mission to Jews ist zu der gleichen Überzeugung gelangt.

Es liegt im Wesen der Sache, dass die Initiative hier von christlicher Seite ausgehen musste. Protestantischerseits ist da vor allem „The London Society of Jews and Christians“ zu nennen, die sich aus einer 1924 gegründeten Arbeitsgemeinschaft von Juden und Christen entwickelte. Diese versuchte zuerst pädagogische, soziale und politische Fragen vom Standpunkte der beiden Religionen her zu betrachten, woraus sich dann im Laufe der Zeit die Möglichkeit ergab, auch in streng religiösen Belangen zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zu kommen.

Die Gesellschaft hat ein vierfaches Ziel: erstens: das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen; zweitens: den Geist der Freundschaft zu pflegen; drittens: auf der Grundlage der beiden Konfessionen bei der Verfolgung ethischer, sozialer und religiöser Ziele die Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen zu fördern; viertens: religiöse Feindseligkeit zu, bekämpfen.

Bei der Verfolgung dieser Ziele bedient sich die Gesellschaft verschiedener Mittel. Öffentliche Vorträge werden organisiert, Arbeitsgemeinschaften erlauben freiere Aussprachen, als in der Öffentlichkeit möglich wären. Zusammentreffen von religiösen Führern und Lehrern haben die religiöse Erziehung oder die Arbeit der Kirche und Synagoge zum Thema. Im Frühjahr dieses Jahres waren die Themen der öffentlichem Vorträge die folgenden: „Die Entwicklung der Synagoge und die Urkirche“, „Die Formulierung a) eines jüdischen Glaubensbekenntnisses und Glaubenslebens, b) eines christlichen Glaubensbekenntnisses und Glaubenslebens“, „Jüdische und christliche Kunst, 1. Probleme jüdischer Kunst (mit Lichtbildern), 2. Darstellungen der Kirche und Synagoge“ (ebenfalls mit Lichtbildern).

Aus dieser Zusammenarbeit sind mehrere Veröffentlichungen hervorgegangen, eine Monografie über das Verhalten gegenüber den Minoritäten (Attitudes to Minority Groups) und ein Sammelband von Vorträgen „In Spirit and in Truth“ (Im Geist und in der Wahrheit). Hier werden Themen wie „Der jüdische und christliche Gottesbegriff“, „Die jüdische und christliche Auffassung von der Versöhnung“, „Die jüdische und christliche Lehre von dem Übel und dem Leiden“, „Die Stellung Jesu im modernen christlichen Denken“ und ,,Die Stellung des Gesetzes im modernen jüdischen Denken“ behandelt.

Diese grundlegende Arbeit der „London Society of Jews and Christians“ ermöglichte eine weitere Entwicklung. Auf Anregung eines der Mitglieder wurde 1942 der in viel weiteren Kreisen bekannte „Council of Christians and Jews“ gegründet, der unter dem Patronat des Erzbischofs von Canterbury, des Oberrabbiners und des Kardinal-Erzbischofs von Westminster stand.

Dieser „Rat“ verfolgt im großen und ganzen das gleiche Ziel wie die Londoner Society, legt aber weniger Wert auf die theologische Durchdringung der Probleme. Es handelt sich vielmehr um Aufklärung in größerem Stile auf sozialem, rassenmäßigem und politischem Gebiet. Der „Rat“ gibt eine Zeitschrift „Common Ground“ (gemeinsamer Boden) heraus, welcher recht interessante Artikel kulturphilosophischen, theologischen und pädagogischen Inhaltes bringt.

Gleichzeitig wurde eine Reinigungsaktion von Religions- und Geschichtsbüchern, die in Schulen benutzt werden, vorgenommen. Alle jene Stellen, die zum Rassenhass oder religiösen Vorurteilen führen konnten, sollten ausgemerzt werden. Soweit mir bekannt ist, ist diese Arbeit noch im Gange. Dann wurden Trio-meetings organisiert, bei denen ein gestelltes Thema von einem Juden, einem Protestanten und einem Katholiken in geschlossenem Kreis, meist handelte es sich dabei um bestimmte Jugendgruppen oder kirchliche Gemeinschaften, behandelt wurde. Auf diese Weise konnte in aller Freundschaft ein Problem von allen Seiten durchdiskutiert werden.

Bedauerlicherweise mussten die Katholiken wegen der Gefahr des religiösen Indifferentismus später auf die Mitarbeit an dem „Council of Christians and Jews“ verzichten. Sie konzentrieren sich jetzt um Bemühungen, die die Kongregation Notre Dame de Sion zum Mittelpunkt haben.

Die ersten Schwestern der von den Brüdern Ratisbonne in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich gegründeten Kongregation kamen vor genau hundert Jahren nach England, wohin ihnen erst nach dem ersten Weltkrieg die Pères de Sion folgten. Es war am 18. Dezember 1917, dass „The Catholic Guild of Israel“ gegründet wurde, eine Vereinigung von Priestern, Nonnen und Laien, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, den Kontakt mit Juden aufzunehmen und ihnen den Katholizismus zu erklären und durch Gebet und Arbeit eine Annäherung der beiden Gottesvölker zu ermöglichen.

Der berühmte Dominikaner Father Bede Jarett hatte die Bewegung in Gang gebracht, und bald wurden Vorträge im Freien im East End abgehalten, Priester wurden als Sprecher zu jüdischen Veranstaltungen eingeladen, gebildete Juden und Katholiken trafen sich privatim und nahmen Fühlung miteinander. Ein Lesezimmer wurde im East End geöffnet. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese vielversprechende Arbeit.

Nach dem Kriege war die Pioniergeneration fast ausgestorben, und es musste von vorn angefangen werden. Dabei war es durchaus klar, was man schon 1920 gewusst hatte, dass der Hauptakzent auf der Aufklärung in den eigenen Reihen lag. So wurde eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, welche Studientagungen organisierte und sich selbst um die immer tiefere Erfassung des Problems mühte.

Zum Glück gelang es, die Legio Mariae für die Arbeit zu interessieren. Jetzt existieren Präsidien in London, Glasgow, Salford und Liverpool, welche den Kontakt mit Juden aufnahmen. In London selbst findet am ersten Sonntag ein geselliges Beisammensein aller an dieser Arbeit Interessierten statt. Fast jedes Jahr wird in dem Dominikaner Exerzitienhaus Spode House in Mittelengland ein Wochenende jüdisch-christlichen Problemen gewidmet. In diesem Jahr war das Thema der Messias, zu dem ein orthodoxer Rabbiner, ein Liberaler jüdischer Lehrer vom Komitee des Council of Christians and Jews, zwei Dominikaner und ein Alttestamentler vom Priesterseminar zu Worte kamen.

Aus eigenster Erfahrung kann ich bestätigen, dass das Interesse an Judaica in katholischen Kreisen im Wachsen begriffen ist. Nach einem Vortrag über den jüdischen Glauben, jüdisches Brauchtum, jüdische Ethik oder den Staat Israel wird der Redner stets mit Fragen überschüttet.

Das Gespräch zwischen Juden und Christen in England ist in Gang gekommen. Es ist an uns, zu sehen, dass es nicht wieder abbricht.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 12–13

 



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