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Prof. Dr. Herbert Haag

Erwägungen zu den christlich-jüdischen Beziehungen in der Schweiz

I.

Wenn hier über den Stand der christlich-jüdischen Beziehungen in der Schweiz berichtet werden soll, so muss der Schreibende die Schwierigkeiten dieses Unternehmens noch stärker empfinden als die Berichterstatter anderer Länder. Gewiss werden nicht alle Christen und noch weniger alle Juden in der Schweiz die Behauptung unterschreiben, es gebe in der Schweiz keinen Antisemitismus.

Immerhin sah sich der sicher nicht der Schönfärberei verdächtige Ernst von Schenck schon in Nr. 10 des Mitteilungsblattes der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (nachfolgend abgekürzt: CJA) der Schweiz (März 1954) veranlasst, festzustellen, dass „der aggressive Antisemitismus ... in unserem Lande ja glücklicherweise eine kleine Rolle spielt“.

Und wenn in der vorletzten Nummer desselben Mitteilungsblattes (Februar 1960), das seit 1955 den Titel „christlich-jüdisches Forum“ trägt, außer dem theologischen Leitartikel des Präsidenten, Prof. Hendrik van Oyen, sämtliche veröffentlichten Artikel (8) und Dokumente (4) sich mit Vorgängen in Deutschland oder mit in Deutschland erschienener einschlägiger Literatur befassen, so mag im Leser doch der Eindruck verstärkt werden, dass es in der Schweiz keinen Stoff zum christlich-jüdischen Verhältnis gebe.

Es entspricht ja nun gewiss der Friedensmission, die die Schweiz sich immer zur Pflicht gemacht hat, dass die CJA der Schweiz ihrer Tätigkeit von Anfang an eine internationale Note gegeben hat. Diese Note trat wohl am eindrucksvollsten in Erscheinung im internationalen christlich-jüdischen Theologengespräch in Basel vom Jahre 1958, das durch ihre Vermittlung zustande kam und über das im FrRu (XI. Folge, 9. Nov. 1958) ausführlich berichtet wurde.

Dennoch mag hier wieder die Mahnung am Platze sein, die E. von Schenck vor sechs Jahren an der oben genannten Stelle aussprach:

„Natürlich blicken wir immer wieder mit Sorgen über die Grenzen ... Aber denken wir immer daran, dass wir hier bei uns zuständig sind. Das bedeutet andererseits, dass wir in Deutschland denen innerlich beistehen sollen, die den ständigen Kampf um die Wandlung führen. Es ist ein billiges Vergnügen mancher Schweizer, sich täglich daran zu berauschen, wie arg und einsichtslos diese Deutschen doch noch immer seien. Dieselben Leute weigern sich, die Berichte über die echten und vielfach schweren Bemühung en der ,anderen’ Deutschen ernst zu nehmen.“

Es gibt ja überdies – wenn schon über die Grenzen geblickt werden soll – einen christlich-jüdischen Antagonismus nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern es gibt ihn auch und in vielleicht noch heftigerem Maße in Israel, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Es gilt hier nicht, leere Anklage zu führen, wahrhaftig nicht, sonder erkennen zu lassen, wie schwer es auch einem Teil der Judenheit, die im Verlauf von zweitausend Jahren gewiss viel Ursache hatte, sich über diskriminierende Behandlung zu beklagen, fällt, einer religiösen und rassischen Minderheit volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Aufklärung tut hier sicher not, aber sie muss ein objektives Bild der Lage vermitteln und was Deutschland betrifft, auch der „anderen“ Deutschen gedenken, wie E. von Schenck es oben sagt. Beim Aufwerfen der Schuldfrage zur Tragödie, die die Judenheit unter dem Naziregime betroffen hat, sind manche Differenzierungen anzubringen.

Man macht sich die Sache doch bestimmt allzu leicht, wenn man das, was sich zwischen 1939 und 1945 abgespielt hat, auf die einfache Formel bringen wollte: In Deutschland haben die Christen die Juden umgebracht. Dass diese Formel in israelischen Kreisen noch verbreitet ist, hat der Schreibende bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Israel nur zu oft festzustellen Gelegenheit gehabt, und man wird es manchem Oleh auch nicht verargen können, dass er keine bessere Einsicht in die größeren Zusammenhänge hat.

Wenn man aber, wie es dem Schreibenden noch vor wenigen Tagen begegnet ist, diese Formel in Milieus gebildeter Schweizer Juden zu hören bekommt, so mag dies erkennen lassen, wie notwendig eine gewisse Aufklärung auch in diesen Kreisen noch zu sein scheint. Oberflächliche Urteile und leichtfertige Verallgemeinerungen vergiften immer wieder neu die Atmosphäre, ob sie nun von christlicher oder von jüdischer Seite ausgesprochen werden.

II.

Wie weit verbreitet leider in christlichen Kreisen die Verallgemeinerungen über die Juden sind oder mindestens bis in die jüngste Zeit waren, ist bekannt. In dieser Hinsicht sind zweifellos in den letzten fünfzehn Jahren deutliche Erfolge sichtbar geworden, nicht zuletzt durch das Wirken der CJA, die Entgleisungen, wo immer sie in Wort und Schrift feststellbar wurden, mit Entschiedenheit und Würde zurückgewiesen hat.

Es ist offenkundig, dass diese Verallgemeinerungen nicht immer böser Absicht entspringen, sondern oft einer Unkenntnis des Partners, wie sie unter Menschen, die in der gleichen Stadt zusammenleben, deren Kinder die gleichen Schulen besuchen, geradezu unbegreiflich ist. Nochmals seien ein paar Worte aus dem gleichen schon zitierten Beitrag von E. von Schenck hier wiedergegeben:

„Wir müssen einander besser kennen lernen, Christen und Juden in der Schweiz. Wir müssen es immer wieder lernen und lehren, das Miteinander, das uns auferlegt ist, ernst zu nehmen. Wir müssen uns zu diesem Miteinander bekennen – auch wenn und gerade weil dadurch der Traum von einer einheitlichen Sinndeutung unseres Daseins immer wieder in Frage gestellt ist.“

Sicher ist, dass die Christen das Judentum im allgemeinen zu wenig kennen. Manchmal will uns allerdings scheinen, dass daran die Juden nicht unschuldig sind. Vielfach hat der Christ den Eindruck, dass sie die Äußerungen ihrer Religion sorgfältig vor ihm verbergen, als handelte es sich um eine Geheimreligion. Wenn schon die jüdischen Kinder in der Schule ihren christlichen Mitschülern und Mitschülerinnen fröhlich von ihrer Religion plaudern würden, würden schon viele Vorurteile und Legenden für später aus dem Wege geräumt.

Damit soll die Unwissenheit der Christen über das Judentum nicht entschuldigt werden. Aufklärung ist zweifellos besonders nötig bei den Lehrpersonen und noch mehr bei den Geistlichen. Es ist sicher nicht in Ordnung, wenn ein Theologe im Rahmen der Verkündigung des Evangeliums sein Leben lang Veranlassung hat, von den Juden zu sprechen, aber nie in seinem Leben mit einem Juden gesprochen hat. Überdies vermitteln die Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern in den Evangelien leicht ein einseitiges Bild des damaligen Judentums, da die Pharisäer darin zwar wohl die herrschende Richtung waren, aber nicht mit dem Gesamtjudentum von damals und noch weniger von heute identifiziert werden können.

Noch unentschuldbarer ist aber die Unkenntnis des Christentums seitens der Juden. Wenn der jüdischen Bevölkerung Israels eingeräumt werden kann, dass ihr kaum Gelegenheit geboten wird, mit dem Christentum in Berührung zu kommen, so können die Juden der Schweiz doch wahrhaftig diesen Sachverhalt nicht für sich in Anspruch nehmen, da sie inmitten eines christlichen Landes leben.

Die Möglichkeiten, sich besser kennen zu lernen, sind mannigfaltig. Für Theologiestudenten reichen bloße Vorlesungen über das Judentum nicht aus; sie müssen mit dem lebendigen Judentum in Kontakt kommen. Der Schreibende hat während seiner zwölfjährigen Lehrtätigkeit an der theologischen Fakultät Luzern jedes Jahr die Hörer der Einleitung in das Alte Testament einmal in die Synagoge geführt, wobei der Ortsrabbiner jeweils die Freundlichkeit hatte, ihnen die Synagoge zu erklären, den Gottesdienst zu beschreiben und Fragen über jüdische Religion und jüdisches Leben zu beantworten. Weit wirkungsvoller wäre es natürlich noch, wenn man angehenden Geistlichen ermöglichen würde, wenigstens einmal einem jüdischen Gottesdienst selbst beizuwohnen.

Die jüdische Religion offenbart sich aber konkret vor allem in der Feier der Feste. Jeder Theologiestudent wäre zweifellos dankbar dafür, wenn ihm Gelegenheit geboten würde, einmal in einer jüdischen Familie ein Pessach oder auch nur eine Kabbalat Schabbat am Freitagabend mitzufeiern. In den Städten, in denen theologische Fakultäten existieren, sollten sich jüdische Familien freudig zu diesem Dienste bereit finden, selbst wenn dadurch die Intimität der Familienfeier etwas einbüßen müsste. Umgekehrt sollten christliche Familien die Kinder benachbarter jüdischer Familien zu den christlichen Festen, besonders zur Weihnachtsfeier einladen und sie mit beschenken.

III.

Nichts bringt ja die Menschen einander näher, als wenn sie sich beschenken. Bereits sind die getrennten christlichen Konfessionen zur Erkenntnis gekommen, dass das ökumenische Gespräch allein nicht genügt, dass aber die Liebestat füreinander nicht ungesegnet bleiben kann. So sind sie dazu übergegangen, in den Gottesdiensten der einen Konfession für die Armen der anderen Konfession eine Kollekte zu veranstalten. Nicht nur die Theologie, sondern auch die Erfahrung lehrt, dass in gleicher Weise nichts besser geeignet ist, Christen und Juden einander näher zu bringen, als das gemeinsame Liebeswerk.

Als ein solches hat sich in der Schweiz in den letzten Jahren mehr und mehr das Schweizer Kinderdorf Kirjath Jearim in Israel entwickelt, in dem ca. 80 psychisch geschädigte und schwererziehbare jüdische Jugendliche heilpädagogisch betreut und auf die Eingliederung ins soziale und berufliche Leben vorbereitet werden. In stets wachsendem Maße hat die christliche Öffentlichkeit der Schweiz sich für das Werk interessiert und ihre Mithilfe angeboten.

Man darf sich zwar fragen, ob der schweizerische Charakter des Kinderdorfs sich nicht noch in anderer Weise manifestieren könnte als nur dadurch, dass die Mittel dafür in der Schweiz aufgebracht werden. Während die CJA mehr im intellektuellen Raum arbeitet und auf diesem Wege ein wohlwollendes Nebeneinander und Miteinander von Christen und Juden anstrebt, ist bei den Freunden des Schweizer Kinderdorfes in Israel die Arbeit unmittelbar auf den hilfsbedürftigen jüdischen Mitmenschen eingestellt.

Diese Arbeit bedingt aber ein fortwährendes gemeinsames Handeln von christlichen und jüdischen Menschen, und die religiösen und kulturellen Veranstaltungen, die zugunsten dieses wohltätigen Zweckes unternommen werden, bieten so mannigfache Möglichkeiten zu gegenseitiger Begegnung und Besinnung, dass auf anderem Wege das gleiche Ziel erreicht wird, das die CJA anstrebt. Es hat sich denn auch gezeigt, dass viele Menschen sich für die Idee des Kinderdorfes erwärmen ließen, die von der CJA nicht erfasst wurden, weil sie hier die tätige Liebe sehen, dort aber unfruchtbares Theologengezänk befürchten.

IV.

Dennoch bleibt die weltanschauliche Auseinandersetzung zwischen Christentum und Judentum die unabdingbare Pflicht der CJA, und ihre Wichtigkeit soll durch das eben Gesagte nicht eingeschränkt werden. Es ist eine über alle Maßen schwere Pflicht und ihre Erfüllung äußerst heikel. Gewiss geschieht schon durch die Darlegung der eigenen Religion vor dem anderen Partner Wertvolles, und die Herstellung freundlicher Beziehungen zwischen Christen und Juden ist ein unschätzbares Gut.

Beiden ist aber klar, dass letztlich das Trennende nichts anderes ist als die Christusfrage. Soll sie angeschnitten oder soll sie übergangen werden? In beiden Fällen muss befürchtet werden, dass dies das Ende der CJA bedeuten könnte.

Das Gespräch wird erschwert durch die Uneinigkeit im Lager der beiden Gesprächspartner, sowohl des jüdischen wie vor allem aber des christlichen. Es geht dabei nicht nur um den katholisch-protestantischen Gegensatz. Unter den Katholiken selbst herrscht Unsicherheit im Gebrauch theologischer Begriffe.

Es müssten manche dieser Begriffe einmal von zuständigen Theologen in gründlicher Exegese untersucht werden. Z. B.: Ist es richtig, das heutige jüdische Volk das Alte Gottesvolk zu nennen? Das auserwählte Volk? Mit welchem Recht kann von einem Mysterium Israels die Rede sein? Was ist darunter zu verstehen? Ist es schriftgemäß zu sagen, Israel stehe heute außerhalb des Heils? Befindet es sich auf dem Wege zum Heil?

Die Gründung eines eigenen theologischen Zentrums, eines Instituts zum Studium solcher Fragen und der ganzen christlich-jüdischen Kontroverstheologie dürfte dringend wünschenswert sein. Ein solches Institut könnte allerdings nicht von der Schweiz getragen werden, sondern müsste europäischen Charakter haben.

V.

Wenn die Führer der Judenheit der Schweiz heute gefragt werden, welche Postulate sie gegenüber der christlichen Öffentlichkeit noch anzumelden haben, so lautet die Antwort: Aufhebung des in Art. 25 der Bundesverfassung festgelegten Schächtverbots und Beseitigung des Schreibzwanges in den Schulen für jüdische Kinder am Sabbat (die in vielen Kantonen, wie Basel und Luzern, bereits durchgeführt ist, aber nicht in allen, so nicht in Zürich). Beiden Postulaten wird eine vernünftig aufgeklärte christliche Öffentlichkeit sich nicht verschließen können.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 10–11


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