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Prof. Dr. Kurt Schubert

Methoden und Wege christlich-jüdischer Zusammenarbeit in Österreich

Im Gegensatz zu anderen Staaten gibt es in Österreich keine eigene Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Der Grund dafür ist ein dreifacher:

1. Der österreichische Nationalcharakter, der es nicht liebt, Gegensätze zu betonen und Irrtümer zu bekämpfen, sondern es vorzieht, diese zu verschweigen und mit der Zeit zu vergessen. Die traurigen Erlebnisse aus der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs vom März 1938 bis April/Mai 1945 sollen vergessen werden, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Unter dieser allgemeinen Tendenz hat die christlich-jüdische Zusammenarbeit zu leiden, die natürlich in einem Lande, dessen Territorium zur Zeit der „Endlösung der Judenfrage“ organischer Bestandteil des Deutschen Reiches war, auf die unangenehme, so gerne dem Vergessen überantwortete Vergangenheit hinweisen muss.

2. Deutschland hat im Jahre 1945 einen Zusammenbruch erlebt, Österreich seine Wiederauferstehung und Befreiung. Somit stimulierten weder die österreichischen Behörden noch auch die Besatzungsmächte Organisationen, deren Aufgabe die politische Umerziehung der Bevölkerung war. Gerade in den entscheidenden Jahren zwischen 1945 und 1950, da in der Bundesrepublik die meisten Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen und alliierten Behörden entstanden, war in Österreich diese Arbeit nur der Initiative und dem Idealismus einzelner überlassen.

3. Während in Deutschland und auch zum Teil in der Schweiz weitgehend ein konfessioneller Proporz allgemein üblich und anerkannt ist, ist in Österreich seit 1945 ein politisches Proporzsystem praktisch durchgeführt.

Viele Antinationalsozialisten, die einen Taufschein besitzen, wollten nicht als „christliche“ Exponenten, und viele Mitglieder der Kultusgemeinde nicht als „Juden vom konfessionellen Standpunkt“ einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit angehören. Der Name der Gesellschaft schon, der in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, wurde in Österreich zu einer unübersteigbaren Schwierigkeit.

Die politisch sozialistisch eingestellten Antinationalsozialisten in Österreich wollten sich nicht durch Pfarrer und Theologieprofessoren in einer solchen Organisation vertreten lassen, und ein großer Teil des religiös indifferenten Judentums sah im Oberrabbiner nicht seinen wahren Exponenten. Da man aber keine „arisch-jüdische Gesellschaft“ gründen wollte, weil der Begriff „arisch“ durch die nationalsozialistischen Rassengesetze zu sehr belastet ist, versuchte man es mit einer Reihe von Umwegen.

Der erste Versuch im Frühjahr 1946 ging vom orientalischen Institut der Universität Wien aus. Der Vorstand dieses Instituts, Univ.-Prof. Dr. Herbert W. Duda, veranstaltete gemeinsam mit mir einen Vortragszyklus über Judentum und Antisemitismus im Hörsaal des orientalischen Instituts, zu dem jedermann Zutritt hatte. Die ersten Referenten waren der Korrespondent der Pariser Tageszeitung Le Monde, Dr. Arthur Rosenberg, und Minister a. D. Dr. Ludwig. Diese beiden Referate erschienen gedruckt als eigene Broschüre und waren sehr bald vergriffen.

Der nächste Versuch wurde auf konfessioneller Ebene gemacht. Hier konzentrierten sich die ersten Ansätze um die Person des Akademikerseelsorgers Msgr. Otto Mauer. Diese Versuche konnten aber wegen der oben unter Nr. 3 genannten Schwierigkeiten nicht fortgesetzt werden.

1949 wurde nach der Aufnahme politischer Beziehungen zwischen Israel und Österreich der Versuch mit einer „österreichisch-israelischen Kulturgesellschaft“ gemacht. Hier wurde auf der Basis eines ausgewogenen politischen Proporzes zwischen der österreichischen Volkspartei und der sozialistischen Partei ein repräsentativer Vorstand gegründet, dem maßgebliche Politiker dieser beiden Parteien angehörten. Es gelang auch, eine sehr tatkräftige Organisation in Innsbruck aufzubauen, die sich um die Person des Hochschulseelsorgers P. Suso Braun OFM Cap konzentrierte.

In Wien und Innsbruck fanden häufig Vorträge über einschlägige Themen statt, ebenso wurden Filme gezeigt, die das Thema der christlich-jüdischen Zusammenarbeit und der Aufarbeitung der antisemitischen, national-sozialistischen Vergangenheit zum Gegenstand hatten. In Wien wurde außerdem noch von einer eigens zu diesem Zweck zusammengestellten Schauspielergruppe Anski’s Dibbuk, ein Stück aus dem Milieu des Chassidismus, aufgeführt. Nach einer gewissen Zeit waren aber alle vorhandenen Filme gezeigt und alle allgemeinen Themen über Israel behandelt.

Als die Thematik somit wieder theologisch zu werden begann, fiel die Gesellschaft zunächst in Wien auseinander und löste sich auf. Die Innsbrucker Gruppe, die sich zunächst dem Auflösungsbeschluss nicht angeschlossen hatte, musste aber bald nachfolgen, da sie ohne die ständige Unterstützung aus Wien allein nicht lebensfähig war.

Die Kräfte, die im Rahmen der österreichisch-israelischen Kulturgesellschaft am Werk waren, zusammen mit einigen neuen Persönlichkeiten, die bisher wegen der bei einer österreichisch-israelischen Gesellschaft notwendig vorhandenen zionistischen Note ihre Mitarbeit verweigert hatten, versuchten es im Herbst 1952 nun mit der Organisation World Brotherhood, die von Genf aus nach Österreich eingeführt werden sollte. Die Ansätze waren vielversprechend, doch auch hier kam es bald zu schwerwiegenden weltanschaulichen Differenzen, sodass es zu keiner Vereinstätigkeit kam und sich die World Brotherhood Organisation wieder aus Österreich zurückzog. Die reichen Mittel, die für die geplante Arbeit gesammelt worden waren, flossen dem Österreichischen Roten Kreuz zu.

Nach diesen Fehlschlägen kamen die meisten Mitarbeiter der vorgenannten Organisationen zu der Einsicht, dass man am besten im Rahmen schon bestehender Gesellschaften arbeiten und keinen neuen eigenen Verein mehr gründen solle. Somit fanden seit dieser Zeit häufig Veranstaltungen, wie sie in anderen Ländern von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit durchgeführt werden, im Rahmen von Volkshochschulen, lokalen oder konfessionellen Bildungswerken statt.

Zu dieser Zeit wurde von einer vollständig neuen Gruppe, die sich bis dahin noch gar nicht exponiert hatte und die zunächst ganz auf Prominenz verzichtete, eine „Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich“ gegründet. Diese Gruppe hat es inzwischen fertiggebracht, von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in anderen Ländern als nationale österreichische Gruppe anerkannt zu werden.

Die Aktion unterhält einen ständigen Beobachtungsdienst und macht die Behörden auf besonders krasse Fälle des Antisemitismus aufmerksam. Ihre Schlagkräftigkeit wird weitgehend durch Differenzen mit der Wiener israelitischen Kultusgemeinde beeinträchtigt. Da der Aktion gegen den Antisemitismus jedwede konfessionelle Bestimmung fehlt, können ihre guten Absichten bisweilen von kommunistischen Managern missbraucht und dadurch leider auch diskreditiert werden.

Die Arbeit im katholischen Bereich ist seit vier Jahren auf die Pax-Christi-Bewegung konzentriert. Die erfolgreichste Veranstaltung war heuer eine Pax-Christi-Wallfahrt zum Konzentrationslager Mauthausen, wo auch etliche Märtyrer ihres Glaubens von der nationalsozialistischen Mordmaschinerie umgebracht worden waren. In den beiden vergangenen Jahren hat die Pax-Christi-Bewegung von Salzburg eine ähnliche Wallfahrt schon in eigener Regie durchgeführt.

Es wurde auch der Plan erörtert, ein eigenes Katechetenseminar über Fragen des Judentums einzurichten. Dieser Plan konnte aber noch nicht verwirklicht werden, weil meine eigene Zeit für die Durchführung eines solchen Seminars nicht ausreicht. Auf die Initiative der Pax-Christi hin setzte daher das Bildungswerk der Katholischen Aktion eine Reihe von Vorträgen an, die als erster Schritt auf dem Wege zu einem echten katholischen Verständnis des Judentums in weiteren Kreisen angesehen werden können. Zum Teil fällt auch der staatspolitische Arbeitskreis des Akademikerverbandes der Katholischen Aktion in diesen Bereich, der sich im Jahre I960 mit den Fragen der Vorgeschichte und Ideengeschichte des Nationalsozialismus befasst.

Ein wesentliches Zentrum der christlich-jüdischen Zusammenarbeit in Österreich ist nach wie vor das orientalische Institut der Universität Wien. Seit 1949 unterrichte ich an diesem Institut Judaistik als Dozent und seit 1959 als außerordentlicher Universitätsprofessor. Die Studenten sind alle in ihrem Bereich als Verwirklicher der Idee einer christlich-jüdischen Zusammenarbeit tätig. Da etliche Studenten katholische oder evangelische Theologen sind, können sie im Rahmen ihres Seelsorgerberufes die Ideen einer echten christlich-jüdischen Verständigung weithin propagieren, ohne dass die Gefahr einer religiösen Nivellierung besteht.

Es ist jedenfalls meine feste Überzeugung, dass die Voraussetzung zu einer fundierten und ernsten christlich-jüdischen Zusammenarbeit die wirkliche Kenntnis der religiösen und kulturgeschichtlichen Gegebenheiten der beiden Partner ist. Eine solche Voraussetzung kann aber nicht durch Vorträge und noch so gut gemeinte Vereinstätigkeit und Publicity geschaffen werden, sondern nur durch intensives Studium, das die Liebe zum Gegenstand mit der Bereitschaft zu wissenschaftlicher Sachlichkeit verbindet.

Das Ziel der christlich-jüdischen Gruppen in allen Ländern müsste daher die Errichtung judaistischer Lehrkanzeln an den respektiven Universitäten sein, um sich ein bleibendes Fundament zu schaffen, das nicht von den jeweiligen politischen Umständen abhängt. In Österreich wurde dieses Ziel zumindest in Wien schon erreicht, auch wenn keine christlich-jüdischen Gesellschaften wie in anderen Ländern bestehen.


XII. Folge 1959/60, Nr. 49, September 1960, S. 8–9


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