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Ramzî H. Mâlik (Fr. Lukas  O. P.)

Israel und Ismael

Der Christ, der das Wort Gottes und die Erfüllung dieses Wortes in der Geschichte ernstlich betrachtet, kann angesichts der Ereignisse in Palästina nicht gleichgültig bleiben. Nicht so sehr wegen des Schicksals der heiligen Stätten und nicht nur, weil Israel als Volk und Staat sich wieder im Heiligen Land befindet, sondern auch weil dort sein Bruder Ismael gegen ihn aufsteht.

Der Christ kann angesichts dieser Ereignisse nicht gleichgültig bleiben, weil das Wort Gottes über die Nachkommenschaft Abrahams sich nicht nur auf Isaak, Jakob und ihre Nachkommen bezieht, sondern auch auf Ismael, Esau und ihre Nachkommen. Und der Christ, besonders der Katholik, der nicht einseitig sein will und der sich für das heutige Schicksal Israels in Palästina interessiert, kann das Problem nicht übersehen, das ihm dort das Vorhandensein der arabischen Mohammedaner stellt. Hier sind einige Anmerkungen über Israel und Ismael.

Die Geschichte des Volkes Israel und des Gelobten Landes beginnt mit Abraham, dem Nachkommen und Erben Sems. Es ist der Glaube Abrahams, der die Verheißung Gottes auslöst; es ist der Gehorsam Abrahams – Gehorsam bis zum Opfer Isaaks –, der den Bund mit Gott unwiderruflich besiegelt.

Abraham wird also der Patriarch par excellence, d. h. der Ausgangspunkt der Biblischen Geschichte und der Erzvater des Volkes Gottes. Es sind Abraham und seine Nachkommen, denen Gott Seinen Segen gibt, denen Er das Land Kanaan verheißt; es ist in Israel, Nachkomme Abrahams und Volk Gottes, in dem alle Völker der Erde gesegnet werden. Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Israels.

Aber Abraham ist nicht nur durch Sara der Vater Isaaks, sondern durch die ägyptische Sklavin Hagar ist er auch der Vater Ismaels.

„Es steht doch geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien“ (Gal 4,22).

Um Abrahams und Hagars willen segnet Gott auch Ismael und macht auch ihm und seiner Nachkommenschaft bestimmte Verheißungen: auch Ismael wird eine zahllose Nachkommenschaft haben, auch Ismael wird zu einem großen Volk werden. Auch dieser Segen und diese Verheißung sind Gottes unwiderrufliches Wort, Seine unwiderrufliche Gabe.

Hier ist das Wort Gottes an Hagar, Ismael betreffend – zunächst vor der Geburt des Kindes, denn auch Hagar hatte ihre Verkündigung:

„Da sagte der Engel des Herrn zu ihr: ‚Kehre zu deiner Herrin zurück und sei ihr gefügig!’ Und weiter: ‚Überaus zahlreich will ich deine Nachkommenschaft machen, sodass sie vor Menge nicht gezählt werden kann.’ Dann fuhr der Engel des Herrn fort: ‚Siehe, du hast empfangen und wirst einen Sohn gebären. Ismael sollst du ihn heißen; denn der Herr hat dein Elend erhört. Ein Wildeselmensch wird er; seine Hand wird gegen jedermann und jedermanns Hand wird gegen ihn sein. Von all seinen Brüdern abgewandt wird er wohnen“ (Gen 16–12).

Dann nach der Geburt Ismaels, als Hagar mit ihrem Kind Abraham und Sara verlassen musste.

„Früh am Morgen stand Abraham auf, nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser. Er gab alles der Hagar, indem er es auf ihre Schulter legte. Dann schickte er sie mit ihrem Kinde fort. Sie ging und irrte in der Steppe von Beerseba umher. Als das Wasser im Schlauche aufgebraucht war, warf sie das Kind unter einen der Steppensträucher.

Sie ging hin und setzte sich abseits, einen Bogenschuss weit. Denn sie sagte sich: ‚Ich kann des Kindes Sterben nicht mit ansehen.’ Sie saß gegenüber, erhob ihre Stimme und weinte. Aber Gott horte das Schreien des Knaben.

Der Engel Gottes rief der Hagar vom Himmel aus zu und sprach zu ihr: ‚Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat die Stimme des Knaben dort, wo er liegt, gehört. Auf! Nimm den Knaben, halte deine Hand schützend über ihn; denn ich will ihn zu einem großen Volke machen.’

Gott öffnete ihr die Augen, und sie sah einen Wasserbrunnen. Sie ging hin, füllte den Schlauch mit Wasser und ließ das Kind trinken. Gott war mit dem Knaben. Er wuchs heran und ward ein Wüstenbewohner, ein Bogenschütze. Er siedelte in der Steppe Paran. Seine Mutter nahm ihm ein Weib aus dem Lande Ägypten“ (Gen 21,14–21).

Hier ist noch das Wort Gottes an Abraham, Ismael betreffend, nachdem der Vater für seinen Sohn gebeten hatte:

„Abraham sprach zu Gott: Sollte doch nur Ismael vor dir am Leben bleiben.’ Gott antwortete: ‚Nein, dein Weib Sara soll dir einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Isaak nennen. Aufrichten will ich meinen Bund für immer mit ihm, desgleichen mit seiner Nachkommenschaft nach ihm. Betreff Ismaels habe ich dich erhört. Ja, ich segne ihn, lasse ihn fruchtbar und überaus zahlreich werden; zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich werde ihn zu einem großen Volke machen. Meinen Bund aber richte ich mit Isaak auf, den dir Sara im kommenden Jahre um diese Zeit gebären wird’“ (Gen 17,18–21).

Ismael erhielt sogar vor der Geburt Isaaks die Beschneidung, das Zeichen des Alten Bundes.

„Da holte sich Abraham seinen Sohn Ismael, all seine Hausgeborenen und alle für Geld Erworbenen, d. h. alle männlichen Personen in seinem Hause, heran. Er beschnitt das Fleisch ihrer Vorhaut an demselben Tage, so wie es Gott mit ihm ausgemacht hatte. Abraham war 99 Jahre alt, als er das Fleisch seiner Vorhaut beschnitt. Sein Sohn Ismael war 13 Jahre alt, als mit ihm dasselbe geschah. An dem gleichen Tage wurden Abraham und sein Sohn Ismael beschnitten. Alle männlichen Personen seines Hauses, die Hausgeborenen und die von Fremden für Geld Erworbenen, wurden mit ihm beschnitten“ (Gen 17,23–27).

Obwohl Abraham Saras Wunsch, Hagar und Ismael zu vertreiben, sehr missfiel, führte er ihn auf Befehl Gottes doch aus. Dabei wurde ihm eine Verheißung zuteil, die sich auf Ismael und seine Nachkommenschaft bezog.

„Da sah Sara den Sohn, den die Ägypterin Hagar dem Abraham geboren hatte, Kurzweil treiben. Sie sprach zu Abraham: ‚Vertreibe diese Magd und ihren Sohn; denn der Sohn dieser Magd darf nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak erben.’ Dieses missfiel Abraham sehr um seines Sohnes willen.

Gott sprach zu Abraham: ‚Mache dir des Knaben und deiner Magd wegen keine Sorgen! Gehorche der Sara in allem, was sie zu dir sagt; denn nach Isaak wird deine Nachkommenschaft ihren Namen erhalten. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volke machen; denn auch er ist ja dein Spross’“ (Gen 21,9–13).

Abraham hatte noch eine dritte Frau, Ketura, von der er auch viele Söhne gehabt hat (Gen 25,1–4). Das Wort Gottes aber hat nichts Besonderes, keinen Segen und keine Verheißung für diese Nachkommenschaft. Doch auch die Abkömmlinge des Patriarchen durch die Ketura sollten arabische Völker bilden, besonders die Midianiter, im Gebiet des Golfs von Akaba, und die Sabäer im Süden Arabiens (Jemen). Es waren z. B. midianitische und ismaelitische Aufkäufer, die Josef von seinen Brüdern kaufen sollten (Gen 37,28).

Vor seinem Tode trennt Abraham seinen Sohn Isaak von all seinen anderen Söhnen, die er nach Osten schickt, wie er zuvor Hagar und Ismael nach Süden geschickt hatte.

„Abraham gab seinen ganzen Besitz dem Isaak. Den Söhnen der Nebenfrauen gab Abraham Abfindungsgeschenke. Er schickte sie noch zu seinen Lebzeiten von seinem Sohne Isaak fort ostwärts ins Ostland“ (Gen 25,5–6).

Nach Abrahams Tod jedoch kam nur Ismael wieder zu Isaak zurück, und beide Söhne Abrahams, Ismael und Isaak, begruben ihren Vater, den Patriarchen, auf dem einzigen Grundstück, das er je im Gelobten Land besitzen sollte.

„Dies ist die Zahl der Jahre, die Abraham gelebt hat: 175 Jahre. Abraham verschied. Er starb in schönem Alter, betagt und lebenssatt, und ward zu seinem Stamme versammelt. Seine Söhne Ismael und Isaak begruben ihn in der Höhle von Machpela auf dem Grundstücke des Hethiters Ephron, des Zocharsohnes, Mamre gegenüber, auf dem Felde, das Abraham sich von den Hethitern erworben hatte: dort wurden Abraham und sein Weib Sara begraben. Nach dem Tode Abrahams segnete Gott den Isaak, seinen Sohn. Dieser wohnte bei dem ‚Brunnen des Lebendigen, der mich schaut“ (Gen 25,7–11).

Zwischen Ismael und Isaak liegt also ein Geheimnis der ‚Verwerfung’ und der ‚Erwählung’. Im Hinblick auf die Nachkommenschaft, die zur Menschwerdung führt und die das Alte Testament bildet, im Hinblick auf das Volk Israel ist Ismael mit seiner Nachkommenschaft verworfen und Isaak mit seiner Nachkommenschaft auserwählt.

Doch wird auch Ismael mit seiner Nachkommenschaft zu einem großen Volke werden. Ismael hatte, wie ihm von Gott versprochen wurde (Gen 17,20), zwölf Söhne (Gen 25,12–16). Am wichtigsten ist Nebajot, der Erstgeborene Ismaels, der den Nabatäern ihren Namen geben wird. Die Nabatäer werden ein blühendes Königreich gründen mit der Hauptstadt Petra. Die Nachkommenschaft Ismaels sollte durch seine zwölf Söhne die Volksstämme von Nordarabien bilden.

Dieses Geheimnis der Verwerfung und der Auserwählung wiederholt sich bei den Zwillingssöhnen Isaaks, bei Esau und Jakob: auch hier ist der erste verworfen und der zweite auserwählt.

„Isaak hatte für sein Weib ausdrücklich dem Herrn Bittopfer dargebracht. Denn sie war unfruchtbar. Der Herr ließ sich von ihm erbitten: sein Weib Rebekka wurde guter Hoffnung. Die Kinder stießen einander im Mutterleibe; da sprach sie: ‚Wenn dem so ist, wozu lebe ich dann noch?’ Sie ging hin, den Herrn zu befragen.

Der Herr antwortete ihr: ‚Zwei Völker sind in deinem Schoße, zwei Nationen werden sich von dir scheiden; die eine wird stärker sein als die andere, die ältere wird der Jüngeren dienstbar sein.’ Die Tage kamen heran, da sie gebären sollte; es waren Zwillinge in ihrem Schoße. Der erste kam zum Vorschein, rötlich, ganz mit Haaren bedeckt wie ein Mantel. Man nannte ihn Esau (d. h. ‚der Rote’).

Danach kam sein Bruder; dessen Hand hielt die Ferse Esaus gefasst; man nannte ihn Jakob (d. h. ‚der Fersenhälter’). Isaak war 60 Jahre alt, als diese geboren wurden. Die Knaben wuchsen heran. Esau war der Jagd kundig, ein Mann des freien Feldes; Jakob dagegen ein friedlicher Mann, der am liebsten in Zelten wohnte (Gen 25,21–27).

Als sie nämlich noch nicht geboren waren und weder etwas Gutes noch Böses getan hatten, wurde ihr, damit der in freier Wahl gefasste Ratschluss Gottes bleibe, und zwar nicht abhängig von Werken, sondern vom Berufenden, gesagt: ‚Der Altere wird dem Jüngeren dienen’, wie geschrieben steht: ,Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst’“ (Röm 9,11–13).

Wir wissen, wie Jakob seinen Bruder Esau überlistete und wie er von Isaak Gottes Segen herauslockte. Und doch ist Esau auch nach seiner Verwerfung Gegenstand des göttlichen Segens.

„Im Glauben segnete auch Isaak mit dem Blick auf das Kommende den Jakob und Esau (Heb 11,20). Esau hörte die Worte seines Vaters. Sogleich erhob er ein ganz erbärmliches und bitterliches Wehgeschrei und schrie seinem Vater zu: ‚Segne du mich auch, mein Vater!’ Der antwortete: ‚Dein Bruder kam hinterlistiger weise und hat dir deinen Segen weggeholt.’ Esau fuhr fort: ‚Ist sein Name nicht Jakob? Hat er mich nicht schon zum zweitenmal überlistet? Meine Erstgeburt hat er entwendet, und jetzt hat er noch meinen Segen gestohlen.’ Er fragte: ‚Hast du nicht noch einen Segen für mich auf die Seite getan?’

Isaak antwortete und sprach zu Esau: ‚Fürwahr, zum Gebieter über dich habe ich ihn gemacht; alle seine Brüder habe ich zu seinen Knechten bestellt, mit Brot und Wein habe ich ihn reichlich bedacht. Was kann ich da nun noch für dich tun, mein Sohn?’

Esau entgegnete seinem Vater: „Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? So segne doch auch mich.’ Er erhob seine Stimme und weinte. Sein Vater Isaak erwiderte und sprach zu ihm: ‚Fürwahr, fern von der Erde Fettgefilden seien deine Wohnsitze und fern vom Taue des Himmels da oben! Von deinem Schwerte sollst du leben und deinem Bruder sollst du dienen. Wenn du dich aber auflehnst, dann wirst du sein Joch abschütteln von deinem Nacken’“ (Gen 27,34–40).

Esau besitzt also im Gegensatz zu Jakob die Züge der Wüstenbewohner. Auch er verließ Kanaan und siedelte im Süden, in Seïrland.

„Esau nahm seine Weiber, seine Söhne und Töchter, alle Leute seines Hauses, sein Viehzeug, seine Tiere und all seine Habe, die er im Lande Kanaan erworben hatte, und zog in das Land Seïr, von seinem Bruder Jakob fort. Denn ihr Besitz war zu groß, als dass sie zusammen wohnen konnten. Nicht vermochte das Land, wo sie als Schutzbürger weilten, sie wegen ihres so großen Besitzes zu ertragen. So wurde Esau auf dem Gebirge Seïr sesshaft. Esau heißt Edom“ (Gen 6–8).

Hier ist es bedeutsam, anzumerken, dass es Gott selbst war, der Esau und seinen Nachkommen dieses Gebirgsland gab.

„Dann sprach der Herr zu mir: ,Lange genug seid ihr nun um dieses Gebirge im Bogen herumgezogen, wendet euch in Richtung Norden! Dem Volke befiehl nun: Ihr durchstreift jetzt das Gebiet eurer Brüder, der Söhne Esaus, die in Seïr wohnen. Sie fürchten sich vor euch, doch sehet euch vor! Lasst euch in keinen Streit mit ihnen ein, von ihrem Lande werde ich euch keine Fußbreite abgeben, denn das Seïrgebirge habe ich Esau zum Erbbesitz verliehen“ (Dtn 2,2–5).

Das gleiche geschah mit Moab und Ammon, den Abkömmlingen Lots, des Brudersohns Abrahams, deren Länder im Osten des Toten Meeres liegen.

„Der Herr gebot mir: ‚Bedränge Moab nicht, lass dich mit ihm in keinen Kampf ein, denn von seinem Lande will ich dir keinen Erbbesitz geben, denn Lots Söhnen habe ich Ar als Erbanteil verliehen“ (Dtn 2, 9).

„Der Herr sprach zu mir: ,Du hast jetzt vor, noch heute, Moabs Gebiet, das Gelände um Ar, zu durchschreiten. Du näherst dich den Ammonitern. Bedränge sie nicht, lass dich in keinen Streit mit ihnen ein. Ich gebe dir vom Land der Ammoniter keinen Erbbesitz. Den Söhnen Lots habe ich es als Erbanteil verliehen’“ (Dtn 2,17–19).

Esau wird eine Tochter Ismaels heiraten; also wird sich die Nachkommenschaft beider kreuzen.

„Esau merkte dabei, dass seinem Vater Isaak die Töchter Kanaans missfielen. Und Esau ging zu Ismael und holte sich die Machalat, des Abrahamsohnes Ismael Tochter, die Schwester Nebajots. Er nahm sie zum Weibe neben seinen anderen Frauen“ (Gen 28,8–9).

Jakob-Israel und Esau-Edom begegnen sich wieder, um ihren Vater Isaak zu beerdigen, wie vorher Isaak und Ismael sich trafen, um ihren Vater Abraham zu beerdigen.

„Dann verschied Isaak. Er starb und wurde zu seiner Stammessippe versammelt, alt und satt an Lebenstagen. Seine Söhne Esau und Jakob begruben ihn“ (Gen 35,29).

Die Nachkommenschaft Esaus vereinigt sich mit der Ismaels, um die Wüste östlich und südlich des Gelobten Landes zu bevölkern. Gen 36,15–43. Israel in Palästina wird also von Volksstämmen umgeben werden, die vor allem von Ismael und Esau stammen, wie es noch heute von Arabern umgeben ist. Inzwischen erschien jedoch der Islam, der aus dem Wüstensand der Stämme und Völkerschaften endlich „ein großes Volk“ gemacht hat, die Nation (Umma) Mohammeds.

Dies sind die wichtigsten Stellen des Alten Testamentes, die aufzeigen, dass auch die Nachkommenschaft Ismaels und Esaus Gegenstand von Gottes Segen und Verheißung sind, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Im Neuen Testament wiederholt sich das Geheimnis der Verwerfung und Erwählung nach Gottes Willen; aber dieses Mal richtet sich die ‚Verwerfung’ gegen Israel selbst, zugunsten der Heiden: der größte Teil der Juden wird verworfen, und die Heiden bilden nunmehr die Kirche Christi. Dieses Geheimnis wird dem Paulus offenbart, damit er es verkünde. Ich beschränke mich hier darauf, drei Stellen zu zitieren.

„Ich frage nun: Sind sie etwa gestrauchelt, um zu Fall zu kommen? Das sei ferne! Vielmehr kam durch ihre Verfehlung das Heil zu den Heiden, um sie eifersüchtig zu machen. Bedeutet aber schon ihre Verfehlung Bereicherung für die Welt und ihr Geringsein Bereicherung für die Heiden, was dann erst ihre Vollzahl? Euch Heiden aber sage ich: Solange ich Heidenapostel bin, will ich meine Aufgabe rühmen, wenn ich damit mein eigen Fleisch zur Nacheiferung aufreizen und einige von ihnen zum Heile bringen darf. Denn bedeutet schon ihre Verwerfung Versöhnung der Welt, was dann ihre Aufnahme anders als Leben aus den Toten?

Ist aber die Erstlingsgabe heilig, so ist es auch der Teig, und ist die Wurzel heilig, dann auch die Zweige. Wenn nun einige Zweige herausgebrochen wurden und du vom Wildölbaum zwischen sie eingepfropft wurdest und an der Wurzel und dem Saftstrom des Ölbaumes Anteil erhieltest, so erhebe dich nicht über die Zweige; erhebst du dich aber, so wisse: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich. Du wirst nun sagen: Die Zweige wurden herausgebrochen, damit ich eingepfropft, werde. Richtig! Infolge ihres Unglaubens wurden sie herausgebrochen; du aber stehst durch den Glauben. Denke nicht überheblich, sondern fürchte! Hat nämlich Gott der natürlichen Zweige nicht geschont, so wird er auch deiner nicht schonen.

Sieh also Gottes Güte und Strenge: Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, wenn du bei seiner Güte verharrst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. Jene dagegen werden, wenn sie nicht im Unglauben verharren, eingepfropft werden; denn Gott ist mächtig genug, sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem Wildölbaum, dem du der Natur nach angehörst, weggehauen und entgegen der Natur in den Edelölbaum eingepfropft wurdest, wieviel mehr werden jene, die der Natur nach hingehören, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden?

Denn ich will euch, Brüder, nicht in Unkenntnis lassen über dieses Geheimnis, damit ihr nicht euch selbst überhebt: Verstockung kam über ein Teil von Israel, bis die Fülle der Heiden eingetreten ist. Dann wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: ,Aus Sion wird der Retter kommen, der wegnimmt die Gottlosigkeit von Jakob. Dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.’

Sie sind zwar in Hinsicht auf das Evangelium Feinde um euretwillen; aber in Hinsicht auf die Auserwählung sind sie geliebt um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind die Gaben und die Berufung Gottes. Wie nämlich ihr einst Gott nicht gehorchtet, jetzt aber Erbarmen fandet infolge des Ungehorsams jener, so sind auch sie jetzt im Ungehorsam infolge des Erbarmens an euch, damit auch sie nun Erbarmen finden. Denn Gott hat alle im Ungehorsam zusammengeschlossen, um sich aller zu erbarmen (Röm 11,11–32).´

Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt, vernehmt ihr nicht das Gesetz? Es steht doch geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd war dem Fleische nach geboren, der von der Freien hingegen zufolge der Verheißung.

Das ist sinnbildlich zu verstehen; denn sie bedeuten die zwei Bündnisse. Das eine nämlich vom Berge Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar. Denn Hagar bezeichnet den Berg Sinai in Arabien, der dem jetzigen Jerusalem entspricht, das mit seinen Kindern in Knechtschaft sich befindet. Das obere Jerusalem aber ist frei; es ist unsere Mutter ... Ihr aber, Brüder, seid wie Isaak Kinder der Verheißung. Aber wie damals der dem Fleische nach Geborene den verfolgte, der es dem Geiste nach war, so geschieht es auch jetzt ... Demnach, Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern der Freien (Gal 4,21–31).

Um dessentwillen bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden. Ihr habt doch wohl von der Aufgabe gehört, die mir von der Gnade Gottes für euch übertragen wurde. Es wurde mir auf dem Wege einer Offenbarung das Geheimnis kundgetan, wie ich es oben kurz beschrieben habe. Daraus könnt ihr, wenn ihr es lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen, das in den anderen Zeiträumen den Menschenkindern nicht so kundgemacht wurde, wie es jetzt geoffenbart wurde seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist, dass nämlich die Heiden Miterben und Mitglieder und Mitteilhaber der Verheißung sind in Christus Jesus durch das Evangelium, dessen Diener ich wurde durch die Gnadengabe Gottes, die mir verliehen ist zufolge der Wirksamkeit seiner Kraft.

Mir, dem geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade verliehen, unter den Heiden den unergründlichen Reichtum Christi zu verkünden und allen Licht zu bringen über die Verwirklichung des Geheimnisses, das von Ewigkeit her verborgen war in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, damit jetzt den Mächten und Gewalten im Himmel die vielgestaltige Weisheit Gottes kund werde durch die Kirche nach dem von Ewigkeit bestehenden Ratschluss, den er ausgeführt hat in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Eph 3,1–11).

Es war die Erscheinung des Islam, die das Schicksal und die Erbschaft Ismaels in der Religionsgeschichte der Menschheit über etwa fünfundzwanzig Jahrhunderte hinweg neu beleuchtete. Mohammed nämlich beruft sich auf Abraham und auf den Gott Abrahams, durch Ismael, den Stammvater der Araber. Denn nach Mohammed waren es im Koran Abraham und Ismael, die den Tempel in Mekka, die Kaaba, reinigten und sogar aufbauten, denen von Gott der Kult anvertraut wurde, die folglich die Wallfahrt dorthin einführten. Es waren ihre Nachkommen, die dort siedelten, um dem wahren Gott zu dienen, und die zu einem großen Volke, zu einer Nation (Umma) wachsen sollten. Es war Abraham, der Gott bat, dieser seiner Nation einen Gesandten (d. h. Mohammed selbst) zu schenken.

„Und (denket daran) als sein Herr Abraham auf die Probe stellte durch gewisse Gebote, die er er-füllte, da sprach Er: ,Ich will dich zu einem Patriarchen für die Menschen machen.’ (Abraham) fragte: ,Und aus meiner Nachkommenschaft?’

Er sprach: ,Mein Bund erstreckt sich nicht auf die Ungerechten.’ Und (gedenket der Zeit) da Wir das Haus zu einem Versammlungsort für die Menschheit machten und zu einer Zuflucht; und nehmet die Stätte Abrahams als Bethaus an. Und wir geboten Abraham und Ismael: ,Reinigt mein Haus für die, die (es) umwandeln, und für die, die in Andacht (darin) verweilen, und die, die sich beugen und niederfallen (im Gebet).’

Und (denket daran) als Abraham sprach: ‚Mein Herr, mache dies zu einer Stadt des Friedens und versorge mit Früchten die unter ihren Bewohnern, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben’, da sprach er: ,Und auch dem, der nicht glaubt, will Ich Wohltaten erweisen auf eine kleine Frist: dann will Ich ihn in die Pein des Feuers treiben, und das ist eine üble Bestimmung.’ Und (gedenket der Zeit) da Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses errichteten (indem sie beteten): ,Unser Herr, nimm (dies) an von uns; denn Du bist der Allhörende, der Allwissende.

Unser Herr, mache uns beide Dir ergeben und (mache) aus unserer Nachkommenschaft ein Volk, das Dir ergeben sei. Und weise uns unsere Wege der Verehrung, und kehre Dich gnädig zu uns; denn Du bist der oft gnädig Sich Wendende, der Barmherzige. Unser Herr, erwecke unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte, der ihnen Deine Zeichen verkünde und sie das Buch und die Weisheit lehre und sie reinige; gewiss, Du bist der Mächtige, der Weise“ (Koran 2,125–130).

Für Mohammed ist Ismael also auch Patriarch und, mehr als Gesandter, Prophet, der auch Gottes Offenbarung bekam, wie die anderen Patriarchen und Propheten, einschließlich Moses und Jesus.

„Sprecht: ,Wir glauben an Allah und was uns offenbart worden, und was offenbart ward Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und (seinen) Kindern, und was gegeben ward Moses und Jesu, und was gegeben ward (allen anderen) Propheten von ihrem Herrn. Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen; und Ihm ergeben wir uns’“ (Koran 2,137).

„Wahrlich, Wir sandten dir Offenbarung, wie Wir Noah Offenbarung sandten und den Propheten nach ihm; und Wir sandten Offenbarung Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und (seinen) Söhnen und Jesu und Hiob und Jonas und Aaron und Salomo, und Wir gaben David ein Buch“ (Koran 4,164).

Für Mohammed wird Allah dann der Gott Abrahams, Ismaels, Isaaks und Jakobs.

„‚Wir werden anbeten deinen Gott, den Gott deiner Väter – Abraham und Ismael und Isaak –, den Einigen Gott; und Ihm ergeben wir uns’“ (Koran 2,134).

„Sprich: ,Wir glauben an Allah und an das, was uns offenbart worden und was offenbart ward Abraham und Ismael und Isaak und Jakob ...’“ (Koran 3,85).

Die muselmanische Tradition wird noch größere Stücke auf Ismael und seine Mutter Hagar halten als der Text des Korans selbst. Ein Teil dieser Tradition wird später im Opfer Abrahams sogar Ismael an die Stelle von Isaak setzen!

Versteht man nun das Wort „Religion“ im strengen Sinne, so tragen nur drei Bekenntnisse diese Bezeichnung zu Recht: das Judentum, das Christentum und der Islam. Nur diese drei erheben den Anspruch, dass sich in ihnen der einzig wahre transzendente persönliche Gott offenbart habe. Alle anderen Systeme, die nur in einem übertragenen Sinne religiös genannt werden dürfen – also Buddhismus, Konfuzianismus, Hinduismus, um nur einige Beispiele zu nennen – sind ihrem eigenen System nach lediglich menschliche Spekulationen.

Nur diese drei: Judentum, Christentum und Islam anerkennen einen und denselben Gott, den Gott Abrahams. Sie glauben also an denselben Gott und anerkennen denselben Abraham als ihren Patriarchen, d. h. als denjenigen, der am An-fang ihrer Geschichte steht, der auch der Urvater ihres jeweiligen monotheistischen Glaubens ist.

Wenn heute der atheistische Materialismus Gott leugnet und bekämpft, leugnet und bekämpft er nicht irgendeinen Gott, sondern genau diesen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – den Vater unseres Herrn Jesus Christus, ja, Jesus Christus selbst – und auch den Gott des Islam.

Im Lichte des oben Dargelegten stelle ich folgende Fragen: Gibt es in Gottes Plan ein Geheimnis und eine Dialektik nicht nur zwischen Israel und den Heiden, nach dem Alten Testament, nicht nur zwischen der Kirche und Israel, nach dem Neuen Testament (bis zur Wiedervereinigung ganz Israels mit der Kirche), sondern besteht dieses Geheimnis auch zwischen der Kirche Gottes einerseits, Judentum und Islam andererseits?

Gibt es in Gottes Plan neben dem noch dauernden Geheimnis Israel, trotz der partiellen und vorläufigen ‚Verstockung’ der meisten Juden, auch ein Geheimnis Ismaels, das in einem gewissen Sinne und trotz der offensichtlichen Irrtümer und Verfehlungen Mohammeds und des Islam noch die Mohammedaner einschließt?

Gibt es im Plan des Gottes Abrahams ein Geheimnis, das die Nachkommen Israels und Ismaels zusammenfasst, diese beiden dem Fleisch nach Nachkommen Abrahams, diese beiden, die nacheinander ,verworfen’ wurden? Ist Gottes Antwort auf den heutigen atheistischen Materialismus nicht vielleicht die Versöhnung aller, die an den Gott Abrahams glauben, aller, die auch Kinder Abrahams sind, nämlich Juden und Christen und Mohammedaner?

Ist die Rückkehr Israels nach Palästina ein wichtiges Moment in dieser Versöhnung? Spielt das Gelobte Land noch eine wesentliche Rolle im Heilsplan Gottes? Spielt dieses Land eine wichtige Rolle gerade zwischen Israel und Ismael? Liegt die Initiative nach Gottes Willen jetzt bei Ismael? Soll Ismael das Gelobte Land seinem Bruder Israel schenken, und wird Israel es von seinem Bruder Ismael annehmen?

Sankt Josef Kloster. Düsseldorf, den 4. September 1957: Fest der seligen Catherina von Racconigi, Jungfrau des Predigerordens.


X. Folge 1957, Nr. 37/40, Oktober 1957, S. 34–38


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