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David Kohan

Das ostjüdische „Städtel“

(Aus einem [hier nicht genannten] Buchmanuskript über die jiddische Literatur bringen wir die Kennzeichnung der jüdischen Gemeinde in Ostmitteleuropa.)

Um zu begreifen, wie sich das kulturelle Leben der Juden in Osteuropa entwickelt hat, ist es notwendig, wenigstens eine flüchtige Kenntnis von der Lebensweise zu geben, die dort entstanden ist. Eine größere Ansiedlung der Juden im osteuropäischen Raum hat im 14. Jahrhundert begonnen. Sie erfolgte – wie wir bereits wissen – intensiver nach den Judenverfolgungen in den deutschen Gebieten.

Die ersten jüdischen Einwanderer aus Deutschland, die das polnisch-litauische Reich betraten, litten dort unter keinerlei Beschränkungen. Sie konnten sich mit Ackerbau und Handel beschäftigen und alle handwerklichen Berufe ausüben.

Diese Freiheit dauerte aber nicht lange, denn nach der Chmelnitzki-Revolte, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, bei der viele Juden ums Leben kamen, folgte eine ganze Reihe von Beschränkungen, die das jüdische Leben beeinträchtigten. Unter anderem wurde ihnen, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, verboten, sich auf dem Lande anzusiedeln und sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen. Von nun ab konzentrierte sich die jüdische Bevölkerung in den Kleinstädten der Ukraine, Polens und Litauens, wo sie manchmal 80–90 % der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Die soziale Struktur der jüdischen Kleinstadt blieb durch mehrere Jahrhunderte unverändert. Ein Teil der Juden arbeitete als Handwerker in allen möglichen Berufen, der zweite und weitaus größere Teil beschäftigte sich mit dem Handel. Dieser Handel hatte aber keine gesunde ökonomische Grundlage. Abgesehen von wenigen Kaufleuten, die große Warenmengen im Lande selbst oder mit dem Auslande tauschten, sind alle anderen in der Kleinstadt mit dem Einzelhandel beschäftigt, wobei es aber oft mehr Händler als Käufer gibt.

Diese ungesunden wirtschaftlichen Verhältnisse schufen den Typ des jüdischen „Luftmenschen“, der später in der Literatur einen bedeutenden Platz einnahm. Es sind tatsächlich Menschen, die von „Luft“ leben, ohne jede reale Existenz. Den ganzen Tag gingen sie im Städtchen herum, in der Hoffnung, eine Kleinigkeit bei einem flüchtigen Geschäft zu verdienen. Diese Verdienstquellen waren ganz zufällig und verschieden. Einmal war es ein Gutsbesitzer, der vom Lande kam, um einige Einkäufe zu erledigen, bei denen der Luftmensch die Rolle des Kommissionärs spielte. Dann war es ein Bauer, der einen Wagen mit Holz oder Getreide zum Verkauf gebracht hat. Der Luftmensch kaufte die Waren, um sie mit einem kleinen Aufschlag wieder weiterzuverkaufen.

Außer den beiden Gruppen der Handwerker und Händler gab es noch eine dritte, die im jüdischen Leben eine bedeutende Rolle spielte. Es waren die Angehörigen des Klerus, d. h. insbesondere der Rabbiner, der die Gesamtautorität in der Kleinstadt besaß.

Längere Zeit hindurch wurde die gesamte Macht und Selbstverwaltung von den Juden selbst wahrgenommen. Die staatlichen Beamten und die ortsansässigen Grundbesitzer erhielten ihre Steuern pauschal von der jüdischen Stadtgemeinde und überließen es den Juden, alle internen Angelegenheiten selbst dabei zu regeln. Diese Regelung besorgte eine Verwaltung, die vornehmlich aus den vermögenderen und angeseheneren Juden der Stadt und dem Klerus gewählt wurde. Die Macht dieser Verwaltung (sie wurde „Kahal“ genannt), wirkte in mancher Hinsicht unbeschränkt. Ihren Beschlüssen mussten sich alle Juden der Gemeinde fügen. Für ernstliche Verweigerung drohte die höchste Strafe, die in der Verhängung des „Cherem“ (Bann) bestand.

Dieser Bann kam beinahe einer physischen Vernichtung nahe, denn abgesehen von der religiösen Bedeutung des Bannes verlor der Bestrafte auch den weltlichen Kontakt mit seinen Glaubensgenossen. Er wurde von ihnen boykottiert, nicht nur in der Stadt, in der er wohnte, sondern auch in jeder anderen jüdischen Gemeinde; denn die Nachricht von einer solchen Strafe verbreitete sich sofort im ganzen jüdischen Gebiet. Im Allgemeinen aber kam es zu diesen Fällen sehr selten, da die Angst vor dem Bann und die Autorität der Selbstverwaltung so groß waren, dass es niemand wagte, ernsthaft zu trotzen.

Eine Beschränkung ihrer Macht erfuhr die Selbstverwaltung der Stadt lediglich in den grundsätzlichen Fragen des religiösen und weltlichen Lebens. Diese Fragen wurden durch die Beschlüsse und Direktiven des „Wad“ (Oberer Rabbinerrat) geregelt. Der „Wad“ war die höchste religiöse und weltliche Instanz im gesamten jüdischen Gebiet Osteuropas. Er setzte sich aus den angesehensten und gelehrtesten Rabbinern zusammen, die sich ihrerseits durch die religiösen Vorschriften der Tora (mosaisches Gesetz) gebunden fühlten.

Diese Beschlüsse, die auch die einzelnen Probleme des Zusammenlebens der Juden im Innern der Gemeinde regelten, waren von hohem ethischen Niveau. Selbst kleinere kriminelle Delikte waren in den jüdischen Kleinstädten sehr selten, fast unbekannt waren Mord oder andere größere Verbrechen. Alle zivilen Streitigkeiten zwischen den einzelnen Kaufleuten wurden durch den Rabbiner entschieden, und seinem Beschluss mussten sich alle Parteien ohne Widerrede fügen.

In ernsteren Fällen konnte die Versammlung der Rabbiner als letzte Instanz entscheiden. Der Rabbiner in der Kleinstadt entschied auch über alle Frage der Ehe und ihrer Scheidung, wobei die letztere nur in seltenen Fällen und bei maßgebenden Argumenten erlaubt wurde. Im allgemeinen war die Familienmoral sehr hoch. Ehebruch oder das Zusammenleben von Unverheirateten kamen sehr selten vor.

Die Erziehung der Jugend lag in den Händen des Religionslehrers. Mit 4 bis 5 Jahren wurde der Knabe in die Religionsschule („Cheder“) gebracht, die er bis zum 15. Lebensjahr besuchte. In dieser Zeit wird er mit der Bibel, dem Talmud und anderen religiösen Schriften vertraut gemacht, wodurch Kinder schon in jungen Jahren oft ein ungewöhnliches Wissen erlangten. Der sehnlichste Wunsch fast aller Eltern bestand darin, ihr Kind einen Rabbiner und gelehrten Mann werden zu lassen, da diese bei den Juden größte Autorität und Verehrung genossen. Um dieses Ziel zu erreichen, scheuten die Eltern keine materiellen Ausgaben. Wenn das Wissen des Religionslehrers nicht mehr ausreichte, wurde der Knabe in eine religlöse Hochschule („Jeschiwe“) geschickt, um seine Bildung zu vervollständigen.

Gering geachtet wurden dagegen die Handwerker, die als Menschen der niedrigen und ungebildeten Klasse angesehen wurden. Einen Handwerker in einer „besseren“ Familie zu haben, bedeutete eine Schande. Man glaubte dagegen stolz sein zu müssen, wenn einer der Verwandten Rabbiner oder überhaupt ein gelehrter Mann war.

Die Beziehungen zwischen den einzelnen Gemeindemitgliedern wurde häufig durch die sozialen Gegensätze und Spannungen kompliziert, die auch im jüdischen Leben eine bedeutende Rolle spielten. Die Gemeindeverwaltungen hielten sich nicht immer an ihre Vorschriften, waren nicht immer ganz sauber und manchmal sogar von korrupten Elementen durchsetzt, die das arme Volk für ihre Zwecke ausnutzten.

Eine wichtige Stellung nahm dabei die „Taxe“, das damals existierende Steuersystem, innerhalb der jüdischen Gemeinde ein. Wie bereits erwähnt, zahlte die Gemeinde dem Staat und dem Gutsherrn der betreffenden Kleinstadt eine pauschale Steuer, die ihrerseits zwischen den einzelnen Gemeindemitgliedern umgelegt wurde. Große Einnahmen bei diesem Steuersystem brachten die Fleischmonopole ein. Da nach religiösen Vorschriften die Juden nur das Fleisch essen durften, das nach speziellem Ritus bereitet war, gab man den Verkauf dieses Fleisches in die Hände weniger Menschen, die für dieses Monopol eine Pauschalsumme zahlten. Dadurch konnten sie nun die Fleischpreise ganz nach ihrem Belieben bestimmen und das Schlachtverfahren als ein gutes Geschäft ausnutzen Die ärmeren Menschen litten Not, da sie wegen der hohen Preise oft nicht in der Lage waren, Fleisch zu kaufen.

Ein zweites Problem, das sich zur Zeit des Zaren Nikolaus I. erhob und viel Unzufriedenheit gegen den „Kahal“ erzeugte, war die Rekrutenaushebung. Ende des 18. Jahrhunderts waren nämlich nach der Teilung Polens größere Provinzen mit jiddischsprechender Bevölkerung zum russischen Reich gekommen. Die zaristische Politik war bestrebt, diese neuen Provinzen zu russifizieren. Den dort ansässigen Juden wurden dabei die gleichen Pflichten auferlegt wie allen übrigen Bürgern, ohne dass die traditionellen Rechte der neuen jüdischen Untertanen geachtet oder die Beschränkungen aufgehoben worden wären. So z. B. mussten sie (mit geringen Ausnahmen) in einem beschränkten Siedlungsgebiet (im Westen des Reiches) wohnen, durften weiterhin nicht auf dem Lande leben, sich nicht mit Landarbeit beschäftigen und konnten weder Beamte noch staatliche Angestellte werden. Sie mussten dagegen allen anderen Pflichten nachkommen, von denen der Rekrutendienst der peinlichste war. Zu jener Zeit wurden Kinder von 10 bis 12 Jahren schon zur Armee genommen und dienten dort 25 Jahre unter den schwersten Bedingungen.

Für die Eltern war ein Kind, das zum Militär kam, für immer verloren, nicht nur als ihr Kind, sondern auch als Jude. Die Rekruten wurden in der Armee sehr oft zur Taufe gezwungen, zumindest aber konnten sie dort nicht alle religiösen Ritualvorschriften erfüllen, die für einen gläubigen Juden erforderlich waren. Natürlicherweise war niemand bereit, sein Kind in die Armee zu schicken. Da aber die Gemeinde verpflichtet war, eine bestimmte Rekrutenzahl pauschal zu stellen, verwandelte sich das ganze Problem der Gestellung in eine interne und oft korrupte Angelegenheit der Gemeindeverwaltung. Sie vermied, dass die Kinder reicher Eltern zum Militärdienst gingen, und bevorzugte statt dessen Kinder armer Eltern oder Waisen. Es entwickelte sich dadurch ein regelrechter Menschenraub. Durch besondere Beauftragte, sogenannte „Chapper“ (Fänger), wurden diese Kinder gestellt und der Armee abgeliefert. Obwohl solche Chapper von der Bevölkerung gering geachtet wurden, spielten sie oft in der Gemeindeverwaltung eine maßgebliche Rolle. Auch die Rabbiner, die sonst großes Ansehen bei der Gemeinde genossen, besaßen oft nicht die Machtmittel, diese vom Staat geschaffenen Zustände zu ändern. Sie beschränkten ihre Macht nur auf religiöse Fragen und überließen die weltlichen Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung.

Trotz dieser, zum Teil durch äußere Anlässe entstandenen Missstände herrschte jedoch in der jüdischen Kleinstadtgemeinde eine starke Solidarität, die besonders in den Zeiten der Verfolgungen und Pogrome gefestigt wurde. Verbunden durch die religiösen Gesetze und Vorschriften, schufen die Gemeindemitglieder ein Netz freiwilliger Gesellschaften, die bestrebt waren, ihren Glaubensgenossen in der Not zuhelfen. Es gab z. B. eine Gesellschaft zur Krankenhilfe („zu helfen den Kranken“). Sie besorgten freiwillige Pflegerinnen für Kranke und Arme. Eine andere sammelte Geld, um armen Bräuten eine Mitgift für die Heirat zu ermöglichen. Andere unterhielten kostenlose Religionsschulen für arme Kinder und versorgten sie mit Speise und Kleidung.

Die Pflicht, Armen und Notdürftigen zu helfen, war für die gläubigen Juden ein „Mizwe“ (gute Tat), die nach dem Tode belohnt werden würde. Reiche Juden verschenkten ihr ganzes Vermögen für wohltätige Zwecke; ihre Spenden ergingen dabei manches Mal im Geheimen, in der Annahme, dass Gott sie ungenannt höher einschätze. Diese Sitten und Gebräuche hatten ihren Ursprung in den religiösen Vorschriften der Juden und verwandelten sich mit der Zeit in eine Tradition, die die ganze Lebenshaltung des osteuropäischen Judentums bestimmte.

Der besonderen Frage nach dem Verhältnis der osteuropäischen Juden zu ihren Nachbarvölkern (Polen, Ukrainern, Weiß-, Großrussen, Litauern) sei zum Schluss dieses Kapitels noch gedacht. Im allgemeinen waren die Beziehungen, die vom menschlichen Zusammenleben getragen wurden, zwischen den einfachen Menschen freundlich. Sie waren bestimmt durch die ökonomische Zusammenarbeit der Volksgruppen. Der christliche Bauer verkaufte sein Getreide an den jüdischen Händler und kaufte seinerseits beim jüdischen Handwerker und Kleinhändler die notwendigen Gebrauchsgegenstände und Kleidung. Mancher der Partner hatte schon seit Generationen seine bestimmte Lieferanten- oder Abnehmerfamilie, mit der er sich gut verstand und die ihm nötigenfalls auch Kredit gewährte.

Feindselig gestalteten sich die Verhältnisse zwischen Juden und ihren nichtjüdischen Mitmenschen, wenn diese durch politische oder kirchliche Agitation aufgehetzt wurden. Dann erfolgten die berüchtigten Verfolgungen oder Pogrome, die viele Menschenleben forderten. Einerseits sind solche Ereignisse durch katholische und orthodoxe Priester hervorgerufen worden, die in ihren Predigten, Christus sei von „den Juden“ gekreuzigt worden oder, „die Juden verwendeten Blut christlicher Kinder zu ritualen Zwecken“, zu Judenverfolgungen aufgerufen haben.

Andererseits war die Ursache dazu die zaristische Nationalitätenpolitik, die mit dem Ausspielen einer Minderheit gegen die andere mehr oder weniger erfolgreich ihre eigenen Ziele tarnte.

Dieses jüdische Leben in der osteuropäischen Kleinstadt fand seinen Niederschlag in der jiddischen Literatur, [der wir uns im folgenden Kapitel zuwenden].


XII. Folge 1959/60, Nr. 45/48, Dezember 1959, S. 19–21

 



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