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Dr. Ernst Ludwig Ehrlich

Christen und Juden heute

Die christlich-jüdische Wiederbegegnung

Das folgende Königsteiner Korreferat (s. oben!) von Herrn Dr. Ehrlich nimmt Bezug auf den im FREIBURGER RUNDBRIEF (VIII, 3 ff.) abgedruckten und in Königstein ähnlich wiederholten Vortrag von Prof. Dr. Thieme über „Die christlich-jüdische Wiederbegegnung in der Mitte des 20. Jahrhunderts“.

Meine Damen und Herren!
Herr Prof. Thieme hat in seinem so überaus reichhaltigen und im Grunde das ganze Problem der christlich-jüdischen Beziehung umfassenden Referat wohl drei entscheidende historische Zäsuren aufgezeigt. Einmal die neutestamentliche Epoche, in der die Beziehung zwischen der jungen Christengemeinde und den Juden noch, wie wir sagen könnten, völlig „judenbewusst“ war, d. h. man wusste noch, dass man auf gemeinsamem Boden stand.

Auch der Samaritaner, der mit mir nicht im Glauben übereinstimmt, ist mein Bruder und kann Gott näher sein als der, welcher in seinem Hochmut glaubt, im Rate der Weisen zu sitzen. Es ist ein schönes Symbol, wenn diese Linie von Jesus und den Samaritanern dann weiter gezogen wird zu den Urchristen und den Juden. Trotz des zentralen christlichen Ereignisses, nämlich des Wissens um die Messianität Jesu, das Juden von Christen trennt, kann Paulus im Römerbrief 9,3–5 all das, was die jüdische Religion konstituiert, für seine jüdischen Brüder voll gelten lassen, den Bund (die Brit), die Gesetzgebung, und damit meint Paulus die Tora (die Lehre), den Gottesdienst und die Verheißungen. Und es scheint mir sehr bedeutungsvoll zu sein, dass Paulus, obwohl er doch nun schon den Juden sehr viel zugesteht, noch eines über sie hinzufügt, etwas, das so oft in den Jahrhunderten nach Paulus zwar intellektuell gewusst, in der Tat aber wieder vergessen wurde.

Paulus erwähnt hier nicht nur die Väter, denen der Bund gegolten hat, sondern mit den Vätern zusammen nennt er Christus, der doch dem Fleische nach von diesen Vätern abstammt. Paulus betont hier einmal mehr die Einheit Jesu mit der ganzen biblischen Vätertradition, in die eben aber auch nun die Juden eingeschlossen sind. Die Juden zur Zeit Pauli wie die Juden in unseren Tagen. Es schmerzt ihn zwar, dass diese Juden Jesu Zeugnis nicht annehmen können, aber er wäre selbst nicht der auf der biblischen Tradition stehende Paulus, wenn er nun plötzlich mit einem Axthieb die Verbindung mit der jüdischen Vergangenheit unterbräche. Wenn man Paulus gefragt hätte, wie er im Bilde der natürlichen Verwandtschaftsbeziehung das Verhältnis von Judentum und Christentum bezeichnete, so hätte er wohl das Beispiel der Mutter und der Tochter angeführt.

Noch einmal kommt Paulus bekanntlich im 11. Kap. des Römerbriefes 17–24 auf Israel zu sprechen, wenn er Israel mit den natürlichen Zweigen des Ölbaums vergleicht und die aufgepfropften Zweige warnt, nicht hochmütig zu sein und nicht zu vergessen, wer denn eigentlich die Wurzel ist. Paulus überlässt es nicht den Menschen, also nicht seinen Mitchristen, mit Israel in aller Zukunft zu handeln, sondern Paulus verweist auf Gott, der die Macht hat, Israel das zu zeigen, es auf den Weg zu führen, den Gott für dieses, für sein Volk vorbehalten hat. Möchten jene dieses Wort verstehen, die meinen, sie müssten Gottes Aufgabe vollziehen!

Genau hier zeigt sich der Hochmut, den Paulus geißelt und der immer dann besonders widerwärtig ist, wenn er in Verbindung mit einer Religion an den Tag tritt. Hier zeigt sich nämlich das, was uns auch Paulus andeutet, wenn er mahnt, statt hochmütig zu sein, mögen die Menschen sich fürchten, und mit dem Wort „sich fürchten“ verweist Paulus auf die „Gottesfurcht“. Wenn also Paulus hier am Beispiel der Juden im Grunde genau das gleiche aufzeigt wie Jesus am Beispiel der Samaritaner, so wurde diese Linie dann im Mittelalter und noch weit hinein in die Neuzeit auf eine fatal un-biblische Weise unterbrochen.

Im Unterschied zu den Nationalsozialisten wollten Teile der mittelalterlichen Kirche und die in die Neuzeit hineinwirkende teilweise säkularisierte Tradition dieser Kirche, die durchaus von den Protestanten weitergeführt wurde, nicht den Juden ausrotten, sondern die jüdische Religion, nicht den Menschen vernichten, sondern den Glauben des Juden. Mission und Unterdrückung sind dabei zwei Formen, die zum gleichen Ziele führen sollen: Zur theologischen „Endlösung“ der jüdischen Religion. Wer nicht willig ist, soll durch Gewalt gefügig gemacht werden.

Es ist die tiefe Tragik dieser christlich-jüdischen Beziehungen, dass erst der Verruchteste aller Verruchten den Christen die Augen geöffnet hat. Mir scheint, dass es weniger die Verfolgung der Christen im Dritten Reich war, die den Christen gegenüber Israel die Schuppen von den Augen genommen hat, als das Bewusstsein, dass nun hier das, was ein zutiefst heidnischer Mörder am jüdischen Volk getan hat, Christen auf ihre Weise, wenngleich auch aus anderen Motiven, 2000 Jahre lang praktiziert haben. Das Erschreckende dabei war, dass Christen sich dabei auf die Tradition ihrer Kirche beriefen. Das Ergebnis freilich war das gleiche. Was die Kirche den Juden angetan hatte, vollzog nun der Verruchte mit den ihm gegebenen Mitteln der modernen Technik in unvorstellbarem Ausmaß.

Früher hatte man die Juden, weil sie sich – neutestamentlich gesprochen – ihrer Wurzel bewusst blieben, weil sie bei den Vätern blieben, weil sie in der Gegenwart Gottes (hebräisch: „Schekina“) bleiben wollten, früher hatte man sie erschlagen, im Rhein versenkt, ausgetrieben, ausgeplündert, sozial entrechtet, ins Getto gesperrt, aus dem manche noch entkommen konnten, weil es im Mittelalter weder Gaskammern noch Maschinengewehre gab, aber das Endresultat war im Grunde das gleiche. Die Motive wurden anders formuliert.

Und nun in diesem Zweiten Weltkrieg und in den sechs Jahren, die ihm vorangingen, sahen plötzlich die Christen, dass sie sich im Laufe von 2000 Jahren in einer fatalen Bundesgenossenschaft befunden hatten. Hatte nicht auch Luther bereits angeregt, man sollte die Synagogen zerstören und die jüdischen Gebetbücher vernichten? Hatte nicht die mittelalterliche Kirche den Juden einen gelben Fleck ans Gewand angeheftet?

Nein, es war nicht die gewiss beträchtliche Zahl der Christen, die sich gemeinsam mit den Juden in den Konzentrationslagern befanden; es war die Erkenntnis, dass die Methoden jener braunen Verbrecher nicht neu und 2000 Jahre lang nicht von ungläubigen Barbaren, sondern eben von Christen an Juden geübt worden waren.

Aus diesem Wissen heraus trat nun langsam eine Neubesinnung ein. Eine Neubesinnung, die zwei verschiedene Wurzeln hat. Einmal begann man sich zu erinnern, von wem das Neue Testament stammt, wer der Christus der Kirche und seine Apostel waren und welche geistigen Zusammenhänge sie haben. Man begann sich zu erinnern, dass, klammert man das Judentum aus der Kirche aus, streicht man die Psalmen aus der christlichen Liturgie, eliminiert man die Schriften des Alten Bundes aus der christlichen Theologie, interpretiert man das Neue Testament im Hinblick auf hellenistische Mysterienkulte, nichts, rein gar nichts mehr vom Christentum übrigbleibt als eine ungeheure Verfälschung.

Man besann sich darauf, was fleißige jüdische und christliche Gelehrte in Lebensarbeit zusammengetragen hatten, nämlich dass die jüdische Tradition der rabbinischen Quellen mit neutestamentlichem Denken weitgehend verwandt ist. Man erkannte plötzlich, obwohl das doch alles nicht neu erforscht worden war, dass auch hier noch die „Wurzel“ vorhanden ist, von der Paulus spricht, eine Wurzel, die gewiss nicht nur im Alten Bunde vorhanden ist, sondern ebenso sehr in den rabbinischen Quellen des Talmud. Diese Feststellung schließt nicht aus, dass der Talmud eine andere Literaturgattung als das Neue Testament darstellt, in welchem ein Extrakt aus gewissen Äußerungen katechesenhaft dargeboten wird.

Und schließlich erkannte man ein letztes, und das ist mir hier ebenso wichtig als alle theologischen Fragen. Man erkannte, dass der Jude ein Mensch ist, der ebenso als ein Geschöpf im Ebenbild Gottes geschaffen wurde wie der Christ.

Überblickt man die Begegnung zwischen Juden und Christen im Zeitalter, das nach dem Neuen Testament beginnt, bis weit hinein ins neunzehnte Jahrhundert, so trägt das Bild des Juden im christlichen Bewusstsein kaum noch menschliche Züge. Der Jude ist als „der andere“, ein völlig abstrakter Begriff geworden; der „andere“ schlechthin, dessen Bild mit numinosen Zügen erfüllt wird. Er ist ein Individuum, in das man alle nur denkbar negativen Züge hineinprojiziert, sodass er zugleich zum bösen „anderen“ gestempelt wird.

Auch hier ist angesichts von Auschwitz ein ungeheures Erschrecken durch die Christenheit gegangen. Dieses abstrakte Individuum, dieser andere, erwies sich plötzlich als ein Mensch, der stirbt. Im Leide von Millionen Frauen, Kindern und Greisen verlor nun dieser typisch „andere“, dieses Feindliche, an Gewicht. Hier ist vielleicht dann endlich in Bezug auf den Juden das Wissen durchgebrochen, dass auch der Jude im Ebenbild Gottes geschaffen wurde!

Diesen Gedanken hatte man in den Judenverfolgungen des christlichen Mittelalters nicht aufkommen lassen. Damals hatte man den Juden getötet, ohne sich bewusst zu sein, dass er ein von Menschen gezeugtes menschliches Wesen ist, auf die gleiche Weise gezeugt wie der Christ, auf der gleichen Erde lebend wie er, den gleichen Tod sterbend wie alle anderen Menschen.

Hier nun, in diesem größten Massenmord der Weltgeschichte, entdeckte plötzlich die Christenheit das Humane, das sie der Bibel schon 2000 Jahre vorher hätte entnehmen können, und dem sie geflissentlich, was den Juden anbetrifft, aus dem Weg gegangen war. Das ist das schlechthin Neue in der christlich-jüdischen Beziehung, dass nun auch der jüdische Mensch konkret als ein Mensch in den Blickpunkt tritt. Bisher waren es pseudo-theologische Doktrinen gewesen, den Menschen hatte man nicht gesehen.

Dazu kommt ein weiteres. Die Bücher des Alten Testamentes hatte man in die Kirche übernommen und die Menschen des Alten Bundes verfolgt. Gewiss spielte dabei auch der Hass des Sohnes auf den Vater eine Rolle. Man wollte sich etwas aneignen, ohne derer zu gedenken, die es einst geschaffen hatten. In unseren Tagen erst besann man sich darauf, dass die Menschen des Alten Bundes die Väter jener sind, die von den Verruchten verfolgt wurden, und man erkannte plötzlich, dass mit diesen Menschen zusammen auch die Heilige Schrift missachtet wird, die zugleich die Heilige Schrift der Christen ist. Auch hier waren es wieder die Barbaren, die den Christen die Augen geöffnet hatten.

Die Heiligen Schriften der Christenheit wurden gemeinsam mit den Nachfahren jener, von denen sie stammen, verbrannt. In diesem Geschehen erwuchs nun ein Bild von Menschen, nicht nur von den Menschen des Alten Bundes, die diesen Bund bis auf den heutigen Tag auf ihre eigene Weise bewahren. Aus der Feuerglut der Scheiterhaufen stieg im Bewusstsein der Christen der jüdische Mensch auf.

Diese christliche Erkenntnis hat auf eine unnachahmliche Weise ein jüdischer Künstler bildhart gestaltet. Chagall zeigt uns ein brennendes Dorf, verfolgte ausgetriebene Menschen. Aber über diesen Menschen zeigt er uns Christus am Kreuz, angetan mit den Gebetsriemen der Juden. An dem einen Querbalken seines Kreuzes ist eine Torarolle befestigt; unter ihr erkennt man einen Engel mit einer Kerze und einem Schofarhorn. Die Welt steht in Brand, und mit den brennenden Menschen zusammen wird Christus verbrannt, Christus der Jude, der an seinem Kreuze die Tora trägt, die Lehre, auf der seine Botschaft an die Menschen beruht, die Wurzel, von der Paulus im Römerbrief spricht. Und Christus schaut auf seine jüdischen Brüder und ist in ihrem Leid bei ihnen.

Er zeigt aber zugleich auch der Welt, dass in jedem verfolgten Juden Christus selbst mitverfolgt wird; durch jeden theologischen und untheologischen Judenhasser Christus aufs Neue gekreuzigt wird; Christus am Kreuze und die Lehre, die er trägt. Er ist bei seinem Volke, er allein ist sich der alten Tradition bewusst, nicht zufällig ist er mit den Tefillin bekleidet. Und um diese Verbindung zwischen ihm und den Juden noch sinnfälliger zu gestalten, bildet der Künstler einen Mann ab und stellt ihn in die Nähe von Jesus, einen Mann, der eine Leiter trägt, die doch symbolisch die Verbindung zwischen dem Kreuze und den Verfolgten darstellen soll. Sie werden dabei an Genesis 28 erinnert, und auch dem Künstler mag dieses Symbol gegenwärtig gewesen sein. Die Leiter stellt die Verbindung dar zwischen der Erde und dem Himmel, und auch hieran mag Chagall gedacht haben. Es wurde also den Christen in diesem Geschehen von Auschwitz deutlich, dass die Judenhasser mit jedem einzelnen Juden zugleich Jesus verfolgt hatten.

Mir scheint, dass vor allem aus einer solchen Erkenntnis sich ein neues Verhältnis zu den Juden herausgebildet hat, wobei nun plötzlich nicht mehr das Trennende in den Vordergrund gestellt wurde, das Trennende was immer da ist, und, was theologisch gesehen, dableiben muss, sondern es wurde die Wurzel betont. Nicht mehr der Hochmut siegt, um wiederum mit Paulus zusprechen, sondern die Gottesfurcht, die, wie wir im Alten Bunde lesen, so oft mit einem fürchterlichen Schrecken, oder wenn wir es mit einem modernen Modewort sagen wollen, mit einem „existenziellen“ Schrecken verbunden ist.

Mir scheint, dass sich hier nun etwas ergibt, freilich aus einem fürchterlichen Anlass heraus, das in dem Verhältnis zwischen Juden und Christen eine fundamentale Wendung bedeutet, eine Rückkehr gleichsam zu einem biblischen Denken. Juden sind nun nicht mehr die anderen schlechthin, sie sind nicht mehr mit Numinosem geladene dunkle Gestalten, sondern sie sind die Träger einer Verheißung, sie sind die Brüder, sie sind die Ebenbilder Gottes, die das gleiche Antlitz tragen wie dieser Eine am Kreuze, der in jedem getöteten Juden mitgetötet wird.

Mit dieser Neubesinnung auf das Menschliche ging dann zusammen eine Neubesinnung auf das Theologische, oder vielleicht zunächst genauer gesagt, auf das Religionsgeschichtliche. Man holte die Arbeiten der Forscher aus den Bücherschränken, putzte von ihnen den Staub ab, der sich in den langen Jahren angesetzt hatte, da man diese Bücher nicht gebrauchen wollte, und begann nun wieder zu lesen, dass die jüdische Tradition kein neurotisches Gesetzesdenken widerspiegelt, die Pharisäer keine Heuchler sind, und dass die jüdische, die rabbinische Ethik eng verwandt mit der Bergpredigt ist. Mit der Erkenntnis des Juden als „Menschen“ ging nun zusammen, dass es doch recht unchristlich ist, das Geistesgut einer anderen Religion zu diffamieren.

Man sah ein, dass es zu vermeiden sei, das biblische, und vor allem das nachbiblische Judentum herabzusetzen, man verstand, dass eine Konfession, die davon lebt eine andere zu diffamieren und dadurch die eigene zu erhöhen, auf dem Sterbeetat ist. Man erinnerte sich plötzlich wieder an das Wort Pauli von dem Hochmut und von der Gottesfurcht, weil man erkannte, in welcher Gesellschaft man sich befunden hatte, als man, ohne eine blasse Ahnung von den rabbinischen Quellen zu haben, ohne ihre Sprache und ihren Geist zu kennen, diese jüdische Tradition auf den Kehrichthaufen geworfen hatte.

Es war wahrscheinlich mehr Dummheit als Bosheit, aber die Dummheit ist gefährlicher, Bosheit kann mit einem Individuum aussterben, die Dummheit jedoch wird von einem scheinbar gelehrten Buch in ein anderes abgeschrieben. Was auf diesem Gebiet im neunzehnten Jahrhundert und manchmal auch bis in unsere Tage hinein von sogenannten Gelehrten geleistet wird, wenn es um das rabbinische Judentum geht, könnte Witzblätter füllen, wäre es nicht so traurig, und hätten diese sogenannten Gelehrten nicht den nationalsozialistischen Verbrechern Munition geliefert. (Man schaue sich nur die Autoren – keineswegs selten Neutestamentier – in den Bänden des NS-Instituts zur Erforschung des Judentums an!)

Jeder, der irgendwann einmal ein Talmudzitat aus dem Zusammenhang herausreißt, der irgendwo einmal Talmudzitate in Übersetzung gelesen hat, glaubt schon ein „Talmudgelehrter“ zu sein. Würde jemand ähnlich dokumentierte Bücher über Atomphysik schreiben, wäre er dem Gelächter eines Physikstudenten im ersten Semester preisgegeben. In der neutestamentlichen Wissenschaft gilt als Talmudgelehrter oft derjenige, der mit Mühe den hebräischen Text des Alten Testamentes zu entziffern vermag. Hätte Paulus die Werke mancher christlicher Theologen über das Judentum gelesen, so wäre es ihm auch dann Anlass gewesen zu sagen: „dass ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe“ (Röm 9,2).

Auch auf diesem Gebiet ist ein Wandel eingetreten. Verfolgt man vor allem den Freiburger Rundbrief oder die neueste wissenschaftliche Literatur, so wird das Bemühen spürbar, durch das ernste Studium der rabbinischen Quellen zu einer Erkenntnis der Wurzel zu kommen, zu lernen, wo das Judentum der urchristlichen Zeit sich in Übereinstimmung mit den Aposteln befindet und wo sie sich trennen müssen.

Es ist in diesem Sinne ein fundamentaler Fortschritt, dass immer mehr katholische und protestantische Theologen in Jerusalem an der Hebräischen Universität studieren, um sich das Handwerkszeug zu verschaffen, die Quellen selbst lesen zu können, sich ein eigenes Urteil über das Judentum zu verschaffen, das frei von allen Klischees ist, um auf diese Weise erst in der Lage zu sein, wirklich ein Gespräch, einen Dialog führen zu können.

Das ist also nun das Neue: Nicht mehr Mission, sondern ein Gespräch, in dem jeder das eigene vertritt, ein Dialog, in dem sowohl die Auffassung des Judentums, das muss man den Christen sagen, als aber auch die des Christentums, das muss man vielen Juden sagen, voll zur Geltung kommt, ohne jede Harmonisierung, aber auch ohne jede Diffamierung, von welcher Seite auch immer.

Ein solcher Gesinnungswandel muss natürlich praktische Konsequenzen haben. Er kann nicht bei sehr freundlichen, wohlwollenden und toleranten Deklarationen halt machen. Denken Sie bitte daran, dass der Papst in den letzten Monaten, gewiss nicht etwa nur aus einem warmherzigen Taktgefühl heraus, judenfeindliche Bemerkungen aus der Liturgie ausgemerzt hat.1 Zweifellos hat dabei sehr entscheidend mitgespielt, wie gefährlich auch ungefährlich erscheinende polemische Spitzen sich auf das Gemüt des einfachen, frommen Gläubigen auswirken können.

Hier ist ein Anfang und zugleich ein Ernst gemacht worden mit der Forderung, alles zu unterlassen, was das Verhältnis zu den Juden vergiften könnte, gleichgültig, wann diese Polemik aufgetaucht ist. Sie werden wissen, dass das Gebet am Christkönigsfest erst von Papst Pius XI. stammt. Es ist unbezweifelbar, dass ein Satz wie „die Söhne jenes Volkes, das einmal das auserwählte Volk war“, einen schiefen Eindruck vermitteln muss von dem, was das Judentum auch im katholischen Bewusstsein noch immer ist.

Entscheidender aber noch als Gebetstexte ist die Frage des Religionsunterrichtes. Vielfach bezeugt ist bis in die allerjüngste Zeit hinein, keineswegs nur in Deutschland, und gerade dort nicht mehr, weil es nur noch sehr wenig Judenkinder gibt, dass für die jüdische Jugend die Karfreitagszeit und die Weihnachtstage die schlimmste Zeit in der Schule sind. Katholische Kinder werden durch irregeführte Pfarrer und Lehrer in dem Eindruck bestärkt oder zumindest gelassen, dass die heutigen Juden Nachfahren der Mörder Christi seien.

In einer Zeit wie der unsrigen, in der es manchmal scheinen will, als ob das Religiöse nur noch eine relativ kleine Bedeutung hat, wirkt es geradezu grotesk, dass diese jahrhundertealten Vorurteile noch weiter tradiert werden. Immer noch gibt es Pfarrer und Lehrer, welche die Passionsgeschichte so darstellen, als ob alle Juden und die Juden allein und noch die heutigen Juden mit dem Odium des Todes Christi belastet seien. Trotz mancher wichtigen Vorarbeit, ich erinnere hier vor allem an das Werk von Père Démann, ,La catéchèse chrétienne et le peuple de la Bible’, Cahiers Sioniens, Paris2, wird die Passionsgeschichte sowohl im katholischen als im protestantischen Raum keineswegs immer wahrheitsgemäß, sorgfältig und sachlich gelehrt. Es erscheint manchen viel einfacher, ein grelles Schwarz-Weiß-Gemälde zu entwerfen.

Sie mögen nun einwenden, dass etwas primitive, wenig subtile und geistig minderbemittelte Geister nicht maßgebend für eine ganze Kirche sein können. Das ist richtig. Man sollte aber doch den Schaden nicht unterschätzen, den gerade solche Lehrer und Pfarrer anrichten, ohne sich dessen bewusst zu sein, ohne dass sie böse Absichten haben.

Einen wirklichen Erfolg wird man erst bemerken, wenn sich das Gespräch zwischen Juden und Christen sowie die sachliche Interpretation der religiösen Quellen nicht nur auf Universitäts-, Hochschul- und Akademieniveau bewegt, sondern bis ins letzte Dorf dringt. Wir können uns nicht verhehlen, dass der gewiss nun keineswegs christlich geartete Judenhass des Nationalsozialismus bei einfachen gläubigen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen konnte, weil ihm der primitiv kirchliche Judenhass den Weg bereitet hatte.

Der Judenhass, oder wie immer Sie dieses Phänomen nennen wollen, wurde am stärksten in einem nicht adäquaten Religionsunterricht gesät. Es scheint mir daher eine der vordringlichsten Aufgaben zu sein, besonders den nichttheologisch geschulten Katecheten einen sachlichen Leitfaden an die Hand zu geben, der sie befähigt, einen theologisch und historisch korrekten Unterricht zu erteilen, ein Buch, das Auskunft über all die Fragen gibt, die Anlass zu Missdeutungen geben könnten und vielleicht auch gerade wegen ihres Wortlauts, sieht man diesen nicht in einem großen Zusammenhange, geben mussten.

Ich betone, dass hier am wenigsten Bosheit eine Rolle gespielt hat. Die Interpretation biblischer Texte ist bekanntlich keine einfache Sache, aber man sollte versuchen, sie auch den Laien adäquat zu bieten. Gerade der Freiburger Rundbrief hat auf diesem Gebiet bahnbrechen gewirkt: er ist aber vorläufig noch ein Einzelgänger. Hier müsste Arbeit auf viel breiterer Ebene geleistet werden.

Neben der bereits gekennzeichneten Weise, wie man früher mit den Juden umging, gab es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zu Beginn des zwanzigsten auch den Versuch einer allumfassenden humanistischen Betrachtungsweise, die gewiss verdienstlich war, aber weder den religiösen Quellen gerecht wurde noch vor allem einer Geschichte, die uns auseinander geführt hat. Dass aber nun eine Möglichkeit gefunden werden konnte, dieses Menschliche in den Vordergrund treten zu lassen, ohne jedoch das Spezifische des Glaubens zu vernachlässigen, ist das Ergebnis, wenn Sie wollen, das Ereignis der letzten zehn Jahre.

Wenn wir auch erst am Anfang stehen, so darf doch gesagt werden, dass die Fortschritte groß sind, zu groß, als dass man jemals denken könnte, diesen Boden des Dialogs wieder zu verlassen. Andererseits ist man sich trotz aller Unterschiede auch bewusst, in einem gleichen Lager zu stehen, wenn man sich heute vergegenwärtigt, wer der große Gegner jeder Menschenwürde, jedes religiösen Bewusstseins, jedes Glaubens an den einen Gott der Bibel ist.

Auch diese gemeinsame Anfechtung durch einen gemeinsamen Gegner trägt heute wiederum mit dazu bei, dass dieser Boden des christlich-jüdischen Dialogs, das Wissen um die gemeinsame Wurzel, nicht mehr verlassen werden kann. Wir würden uns selbst aufgeben, würden wir in die Polemik vergangener Zeiten zurückfallen. Wir würden die Grundlage unserer Religion verraten, würden wir wieder mit diesem hochmütigen Missionsanspruch dem Judentum begegnen, der doch verbunden ist mit dem Anspruch, Alleininhaber des Heils zu sein.

Andererseits muss aber natürlich auch vom Judentum erwartet werden, dass es in diesem Dialog erkennt: Das Christentum ist nicht mehr die „böse Tochter“ der Mutterreligion, sondern es will endlich auch durch die Tat beweisen, dass es seiner eigenen Lehre gemäß zu leben vermag, auch was die Juden anbetrifft. In einem Augenblick, in welchem das Christentum nicht mehr als Verfolger oder Helfershelfer der Verfolger auftritt, sondern als ein echter Partner in einem echten Dialog, ja sogar mehr noch, als der wahre Menschenbruder des Juden und damit als der brüderliche Mitmensch, ergibt sich auch hier nun ein tieferes Verständnis, ein Eindringen in die Quellen und ein Wiedererkennen.

Ich darf bei dieser Gelegenheit vielleicht daran erinnern, dass es heute keinen einzigen ernst zu nehmenden jüdischen Gelehrten gibt, der sich nicht auf seine Weise bemüht, dem Christentum gerecht zu werden, mit allen Vorbehalten, die er als ein Jude anzubringen hat. Wir sind auch hier nun von der Ebene des Verschweigens, wie es die jüdische Technik in den früheren Jahrhunderten gewesen war, nicht nur in das Stadium der Kenntnisnahme, sondern in das Stadium einer echten Auseinandersetzung eingetreten. Diese hätte schon längst vorher stattfinden können, wenn äußere Ereignisse und innere Besinnung es erlaubt hätten.

Vom jüdischen Boden aus steht dem nichts im Wege. Schon die rabbinische Tradition suchte durch die Anwendung der noachidischen Gebote alle Nicht-Juden, also auch die Christen, in den großen Heilsplan eines göttlichen Königtums einzuordnen. Da die Christen, wenn sie wirklich Christen sind, diesen noachidischen Geboten nicht zuwider leben, haben sie, nach rabbinischer Auffassung, Anteil an diesem Königtum. Die gesamte Menschheit wird so zum Partner des Judentums. In dem Rückgriff auf Noah und nicht auf Abraham als Begründer Israels, wird hier eine umfassende Heilslehre aufgestellt, weil man dadurch andeuten wollte, sie wäre älter als Israel. Die Bezugnahme auf die noachidischen Gebote ermöglichte eine Vermeidung der Teilung der Welt in zwei Teile: Israel und Nichtjuden, wie wir es in den Schriften der Gemeinde vom Toten Meer finden.

Eine Religion wie die jüdische, der im Unterschied zu sektiererischen Strömungen, die Vernichtung des anderen abscheulich sein musste, und die eben, um diese Vernichtung vermeiden zu können, den entscheidenden Begriff der Umkehr geschaffen hat, musste auch die anderen, die nun nicht zu Israel gehören, in Gottes Heilsplan einbeziehen. Wie konnte man sonst mit Anstand den Missionsanspruch des Christentums abweisen? Dieses Bild von den Nichtjuden wird in einem späteren rabbinischen Midrasch folgendermaßen gezeichnet:

Die Gerechten sitzen im Paradiese und hören auf Gottes Auslegung der Tora. Am Ende rezitieren sie das Kaddischgebet: „Möge sein großer Name gesegnet und geheiligt werden in alle Ewigkeit.“ Darauf sprechen die Bösen: Amen.

Da wendet sich Gott an die dienenden Engel und fragt sie: „Wer sind diese, die aus der Hölle heraus ‚Amen’ schreien? Man antwortet ihm: Es sind die Abgefallenen und Sünder, die trotz ihrer furchtbaren Qualen sich doch nicht enthalten können, einzustimmen in den Segensspruch deiner Heiligkeit.

Da sagt Gott zu den Engeln, nehmt sie hinweg und bringt sie heraus aus ihrer Verdammnis. Es heißt, in dieser Stunde wird Gott selbst die Pforten des Paradieses öffnen und wird die einstigen Sünder hinausführen zu den Gesegneten, wie es bei Jesaja 26,2 heißt: „Tut auf die Tore, dass eintrete das gerechte Volk, das Treue bewährt.“

In diesem Midrasch ist nun nicht mehr von den Juden die Rede, sondern von den Treuen. Es ist ein Charakteristikum der jüdischen Religion, dass sie den Begriff des Glaubens und auch den Begriff der Religion überhaupt nicht kennt. Das, was man gelegentlich mit „Glauben“ zu übersetzen pflegt, bedeutet eigentlich Treue. Und diese Treue ist nicht nur Israel allein vorgeschrieben:

„Dass eintrete ein bewährter Stamm, der Treue hält“, Treue seinem Gott, Treue seiner Tradition, die der Mensch zu bewahren hat.

Diese Auffassung wurde dann im Mittelalter weiter entwickelt, bemerkenswerterweise auch trotz der Verfolgung der Juden. Rabbi Isaak der Tosaphist, Rabenu Tam und schließlich um 1306 Rabbi Menachem Ha Meiri unterscheiden klar zwischen Muslimen und Christen auf der einen Seite, den Heiden auf der anderen. Die Muslims und die Christen erhalten die Bezeichnung „Völker, die durch ihre Religion erzogen werden“. Auf diese Weise konnten die Rabbiner an die Theorie von der naochidischen Religion anknüpfen und fanden einen gemeinsamen theologischen Boden mit den Christen.

In unseren Tagen haben wir nicht nur den Versuch unternommen, sondern sind schon ein gut Stück Wegs zusammengegangen, um ein festes Fundament zu legen, auf dem wir beide, Juden und Christen, gemeinsam stehen können. Ich darf in diesem Zusammenhang das Wort eines großen Freundes des jüdischen Volkes zitieren, der als ein treues Glied der katholischen Kirche vor einigen Jahren in Südfrankreich gestorben ist. Aimé Pallière sagte:

„Es war die Religion, die Juden und Christen getrennt hat, es ist die Religion, die sie wieder beide zusammenbringen muss.“

Pallière sprach nicht von der Theologie, er sprach von der Religion. Die Theologie kann uns nicht zusammenbringen, aber die Religion vermag es vielleicht, denn Religion ist mehr als Theologie: es ist der ständige Versuch, mit Gottes Liebe zu wetteifern. Intoleranz bedeutet wetteifern mit Gottes Gericht, mit seinem Urteil und seinem Rechtsspruch. Welcher Mensch wäre dazu befähigt, wenngleich Menschen sich nur allzu oft angemaßt haben, auf Gottes Richterstuhl zu sitzen. Das volle Geltenlassen des anderen aber kommt allein aus dem Prinzip der Liebe Gottes, die wir alle immer aufs Neue zu verpersönlichen haben, d. h. täglich neu bewähren müssen. In einem alten Midrasch heißt es:

„Sei doch wie Gott, so wie er gnädig und barmherzig ist, sei auch du gnädig und barmherzig.“

In dem gleichen Geist fordert ein anderes rabbinisches Wort:

„So wie Ich heilig bin, sollt auch ihr heilig sein.“

Jeder von uns in seiner eigenen Religion hat die Möglichkeit und die Pflicht zugleich, zu seinem Teile mitzuarbeiten, damit ein Abglanz von Gottes Liebe unsere Welt erwärme.

  1. Vgl. Freiburger Rundbrief V/17/18, P. Démann, Die Juden in der christlichen Katechese, S 12–16.

XII. Folge 1959/60, Nr. 45/48, Dezember 1959, S. 15–19.


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