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P. Paul Démann, N. D. S.

Das Fürbitten für die Juden in der neuen Karwochen–Liturgie

Aus den ,Cahiers Sioniens’ ([IX/4, Paris 1950] S. 337 bis 341) bringen wir mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers den daraus übersetzten Text.

Zwei besondere Punkte in den feierlichen Fürbitten für die Juden am Karfreitag haben seit langem die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und zu Untersuchungen und Diskussionen Anlass gegeben:1 Die Ausdrücke, ,perfidi’ und ,perfidia’ und das Unterlassen der Kniebeuge oder genauer des stillen Gebetes auf den Knien, das der Karfreitagsbrauch bei den anderen feierlichen Fürbitten vorschreibt, zu denen das Gebet für die Juden gehört.

In den verschiedenen Schriften, die sich in diesen letzten Jahren mit diesen beiden Besonderheiten befasst haben, wurde mehrere Male der Wunsch laut, dass im Rahmen der in Vorbereitung stehenden liturgischen Reformen der Text und der Ritus dahingehend verändert würden, dass jeglicher missfällige, ja sogar verletzende Charakter und alles, was die Gesinnung der Gläubigen in einem falschen Sinne beeinflussen könnte, von diesem Gebet entfernt werde.

Wir haben früher einmal Gelegenheit gehabt, diesen Wünschen und den in dieser Hinsicht auf Erklärungen hochqualifizierter Persönlichkeiten ruhenden Hoffnungen Widerhall zu geben.2 Nach der Veröffentlichung unserer Notiz, aber noch vor der Bekanntmachung des Erlasses, der diesen Wünschen teilweise entgegengekommen ist, hat Pater Bugnini, der Direktor der „Ephemerides Liturgicae“ in Rom eine Studie erscheinen lassen, die diese Desiderata besonders deutlich formulierte und ihnen die Unterstützung seiner Autorität und seiner Kompetenz entgegenbrachte.3 Es liegt uns daran, größere Auszüge aus den Schlussfolgerungen dieses Artikels wiederzugeben: [...]

2. So, wie sie gegenwärtig lautet, hat die Aufforderung zum Gebet in der „oratio pro Judaeis“ keinen Sinn mehr. Die „monitio“ zu Beginn macht die Seele zum Gebet geneigt, sie ist nicht selbst das Gebet. Die priesterliche „oratio“ sammelt die gemeinsamen Wünsche, die jeder in seinem individuellen Gebet formuliert. Folglich fehlt heute das wirkliche Gebet der ganzen Gemeinde für diese Personenkategorie.

3. Die Formel und der Ritus brauchen also eine Revision und eine Wiederherstellung ihrer Urform, die sie im goldenen Zeitalter der reinsten römischen Liturgie gehabt hatten. Die Kirche selbst ist einem solchen Wunsche gewogen. Der neue Ordo Sabbati Sancti hat dem Gebet der christlichen Gemeinde seinen ursprünglichen Glanz und seine Reinheit wiedergegeben, indem sie es vom Formalismus befreit und es der Wahrheit gemäß wiederhergestellt hat.

In der neuen Übersetzung der Psalmen, die im Auftrag unseres Heiligen Vaters, Papst Pius XII., nach dem Urtext vom Päpstlichen Bibel-Institut durchgeführt worden ist, weil sie zum liturgischen Gebrauch bestimmt war, haben die Übersetzer darauf geachtet, jeden lateinischen Ausdruck zu vermeiden, der in den neueren Sprachen zu einem Widersinn oder einem Missverständnis hätte führen können.

Schließlich hat die heilige Kongregation der Riten auf die Frage nach dem genauen Sinn der Ausdrücke „perfidi Judaei“, „perfidia judaica“ am 10. Juli 1948 geantwortet, dass „in den Übersetzungen in neuere Sprachen Ausdrücke mit der Bedeutung ‚Unglaube, ungläubig in Glaubensdingen’ annehmbar seien“. Folglich kann man wohl mit Recht wünschen, dass bei der Revision der Riten vom Karfreitag

1. wie bei den anderen „,precationes“ das schweigende Gebet auf den Knien auch bei dem Gebet „pro Judaeis“ wieder eingesetzt werde: „monitio“, Oremus, Flectamus genua (schweigendes Gebet), Levate, Omnipotens;

2. dass man bei der Aufforderung sagt: „Oremus pro incredulis Judaeis“, und im Gebet: „Omnipotens sempiterne Deus, qui etiam iudaicam incredulitatem Amen.“4

Gegenwärtig ist das erste der beiden Desiderata befriedigt. Der Erlass „Maxima redemptionis nostrae mysteria“ der heiligen Kongregation der Riten vom 16. November 1955 hat die liturgische Ordnung der Gottesdienste in der Karwoche reformiert und im Rahmen dieser Reform auch den Brauch, der beim Gebet für die Juden die Unterlassung der Kniebeuge anordnete.

Da, wo bisher zwischen der Aufforderung und dem Gebet die Vorschrift stand:

„Non respondetur Amen, nec dicitur Oremus, aut Flectamus genua, aut Levate, sed statim dicitur ...“,

lesen wir heute:

„Ante Orationem pro conversione Judaeorum, dicitur sicut pro aliis orationibus: Oremus. Flectamus genua. Levate.“

So ist nun aus dem römischen Missale eine alte liturgische Besonderheit verschwunden, deren Erklärung oft diskutiert worden ist,5 aber deren sekundärer − ohne Zweifel wurde sie in der karolingischen Zeit eingeführt − und diskriminierender Charakter, wie auch die Spitze gegen die Juden, von allen Autoren erkannt worden ist, die an diese Untersuchung herangegangen sind.

Mehrere Autoren sind sich ebenfalls darüber klar geworden, dass entgegen dem ersten Eindruck, bei dem andere stehengeblieben sind, die Auslassung der Kniebeuge einen schwerer wiegenden Charakter hatte als die Ausdrücke „perfidi“ und „perfidia“, und zwar ebensosehr durch seine Bedeutung als auch durch seine psychologischen Wirkungen. Es scheint also, dass obwohl es sich um ein winziges Detail handelt, die Sache eine Tragweite hat, die nicht gering zu schätzen ist.

Übrigens haben alle Kommentatoren des Erlasses diese Einzelheit hervorgehoben. Wenn sie sich im allgemeinen nicht dabei aufgehalten haben, dann einerseits, weil die Materie, die der Erlass behandelte, sehr weitläufig war und weil andererseits der sekundäre, unlogische und unangenehme Charakter dieses Brauches allen klar genug vor Augen stand.

Es wäre zu bemerken, dass diese Änderung, indem sie einer besonderen Sorge entgegenkommt, deren Bedeutung jedem klar sein muss, völlig dem Geist und den Grundsätzen dieser ganzen Reform entspricht. Diese strebt nämlich danach, den Riten des Ostertriduums ihre alte Form wiederzugeben, indem sie verschiedene spätere Kompliziertheiten aus ihnen entfernt; und vor allem, wie dies auch bei dem Erlass zur Vereinfachung der Bräuche der Fall war, den „Kollekten“, den Gebeten, ihre Form und ihren Wert wiederzugeben, bei denen, wie bei den feierlichen Gebeten am Karfreitag, der Priester im Namen der Gemeinde die Gebete „sammelt“, die jene zuerst in der Stille beigesteuert haben.

Wenn die gleiche besondere Vorsorge, die die Wiedereinrichtung der Kniebeuge veranlassen konnte, nicht bestimmt hat, im Rahmen dieser Reform die umstrittenen Ausdrücke „perfidi“ und „perfidia“ abzuändern, dann gewiss darum, weil es wohl kaum Gegenstand des Erlasses war, die Texte selbst einer Reform zu unterziehen, außer wenn die neuen Riten solche Veränderungen erforderten oder auch wenn es sich darum handelte, manchen offensichtlich deformierten Texten ihre alte Form wiederzugeben, was bei dem Gebet „pro perfidis Judaeis“ nicht der Fall war.

Dies lässt natürlich die Möglichkeit für eine spätere Änderung dieses Gebetes offen, die gewiss gelegentlich einer allgemeineren Reform der liturgischen Bücher stattfinden könnte, deren Vorbereitung in Rom im Gange zu sein scheint. Pater Bugnini hat in seinem Kommentar, den er zu jenem Dekret, das die Gottesdienste der Karwoche reformiert, veröffentlicht hat, ebenfalls diesen Wunsch und diese Hoffnung wieder ausgedrückt:

„In hac oratione duplex exstabat difficultas: communitas christiana ad invitationem celebrantis pro Judaeis non genuflectabat: in textu exhortationis et orationis verba perfidi et perfidia male sonabant. Prima difficultas in textu soluta est, et genuflexio restituitur; altera vero non.

Verba perfidi et perfidia manserunt in textu. Perperam tamen. Historia et philologia contrarium absolute sentiunt (cf ...). Accedit ratio convenientiae: Verba illa iuxta hodiernam evolutionem linguae habent sensum offensivum: Ecclesia, dum pro Judaeis orat, illos acribus verbis argueret ...6

Quia autem in instauratis ritibus et in progressiva instauratione liturgiae tota materia etiam in minimis ordinata et revisa est et erit, atque ad diem producitur quoad acquisitiones studiorum, non pauci maluissent et nostrum textum in sua concreta re et significatione corrigi, quod optamus ut aliquando fiat.”7

Ohne die historischen und philologischen Gründe zu verkennen, die die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Formen rechtfertigen könnten, „wegen der hartnäckigen Missverständnisse, welche diese in Frage stehenden Formulierungen verursacht haben und zu erhalten drohen“, können wir uns diesem Wunsch, den Pater Bugnini nach vielen anderen geäußert hat, nur anschließen.

Aber wir täuschen uns nicht darüber hinweg, dass es keineswegs leicht sein wird, eine Formel zu finden, die nicht nur den Forderungen der Nächstenliebe entgegenkommt und jedes Missverständnis ausschaltet, sondern die auch in gerechter und genauer Weise die Stellung des jüdischen Volkes in den Augen der Kirche ausdrückt.8 Denn nach einer sehr richtigen Bemerkung, die P. Thierry Maertens in seinem Kommentar zu der gegenwärtigen Reform anlässlich des Dekrets von 1948 über die Übersetzung „Ungläubige“ und „Unglauben“ macht, ist es wichtig, „diesen Unglauben der Juden, die immer noch das erwählte Volk sind9, nicht mehr mit demjenigen der Heiden auf den gleichen Fuß zu stellen“10.

Dieselbe theologische Forderung, die einem oft zitierten Text des heiligen Thomas entspricht, hat den gleichen Verfasser zu einer Bemerkung und einem Wunsch veranlasst, dessen Bedeutung unseren Lesern nicht entgehen wird:

„Man wird bemerken, dass die Gebete alle mit einem Titel versehen sind. Dieser ist im allgemeinen sehr gut gewählt; so hat zum Beispiel das Gebet ,pro haereticis et schismaticis’ den Titel: ,pro unitate Ecclesiae’, was sehr ökumenisch ist. Dagegen werden Juden und Heiden, die einen wie die anderen, zur ‚Bekehrung’ aufgerufen (8. und 9. Titel).

Es wäre besser gewesen und hätte auch dem Gebet besser entsprochen, wenn man bei den Juden von Erleuchtung sprechen würde, denn von ihnen wird nicht eine Konversion im eigentlichen Sinne verlangt, sondern das Verständnis für die Verheißungen, die ihnen gegeben worden waren.11

Mit der Wiederherstellung der Kniebeuge ist ein entscheidender Schritt getan worden zu einer besseren Formulierung der Fürbitte „pro Judaeis“ am Karfreitag. Wir können uns darüber freuen. Aber man sieht, dass historische Gelehrsamkeit, theologische Überlegung und menschliche Erfahrung gemeinsam daran arbeiten müssen, um eine vollständige Verbesserung dieses Details des Gebetes der Kirche herbeizuführen, das zwar geringfügig scheint, das aber doch eine so große Bedeutung hat, sowohl für die, die es aussprechen als auch für die, die es angeht."

  1. Wir brauchen hier die Liste der wichtigsten Publikationen zu dieser Frage nicht zu wiederholen. Man wird sie leicht in jeder der erwähnten Untersuchungen finden. Zwei neuere Veröffentlichungen verdienen jedoch, dass auf sie hingewiesen wird: A. Bugnini, C. M., „Una particolarità del Messale da Rivedere: la preghiera ,pro judaeis’ al Venerdi santo“, in „Miscellanea Mons. Giulio Belvederi“, Rom, 1955, S. 117–132; Gerhard Römer, „Die Liturgie des Karfreitags“ in „Zeitschritt für katholische Theologie“ 1955 Nr. 1, SS. 39–93. − In Nr. 1 von 1954, S. 65–67 unserer „Cahiers Sioniens“ haben wir letztmalig eine Notiz veröffentlicht: „A propos de la priere ,pro perfidis Judaeis’“. Im „Mémorial Renée Bloch“, das wir bald herauszugeben hoffen, wird man eine wichtige „Note sur la prière ,oremus et pro perfidis Judaeis’“ von Jules Isaac finden.
  2. Vgl. „A propos de la prière ,pro perfidis Judaeis’”, S. 66.
  3. Una particolarità … , vgl. Anmerkung 1.
  4. A. a. O., S. 131–132.
  5. Die erwähnte Studie von Isaac (Anm. 1) wird diese Debatte merklich klären, indem sie eine irrtümliche, von den meisten Autoren angenommene Erklärung beseitigt.
  6. Der Verfasser bezieht sich in den ausgelassenen Stellen wie in dem obengenannten Artikel, S. 338, auf das Beispiel des neuen Psalters und auf den Erlass über die Übersetzung der in Frage kommenden Ausdrücke.
  7. A. Bugnini, C. M. / C. Braga, C. M., „Ordo Hebdomadae Sanctae instauratus“, in: „Ephemerides Liturgicae“, Bd. LXX, Heft II—III, 1956, S. 175, Anm. 14. Übersetzt ins Deutsche: Bei dieser Fürbitte bestand eine doppelte Schwierigkeit: Die christliche Gemeinde pflegte auf die Einladung des Zelebrierenden (zur Fürbitte) für die Juden nicht die Knie zu beugen; im Text selbst hatten die Worte der Aufforderung und der Fürbitte perfidi und perfidia einen bösen Klang. − Die erste Schwierigkeit wird durch den Text (des Dekrets) beseitigt und die Kniebeugung wieder eingeführt; nicht aber die zweite. − Die Worte perfidi und perfidia sind im Text stehengeblieben. Doch zu unrecht. Geschichte und Philologie stehen ihnen völlig entgegen ... Ein Konvenienzgrund tritt hinzu: Gemäß dem heutigen Stand der Sprachentwicklung haben jene Ausdrücke einen beleidigenden Sinn: Indem die Kirche für die Juden bittet, würde sie dieselben mit harten Worten anklagen ... Da nun aber ebensowohl bei der Wiederherstellung der Riten wie bei der fortschreitenden liturgischen Reform überhaupt das ganze Gegenstandsgebiet bis in die letzten Einzelheiten neu geordnet und revidiert wurde und werden wird und zur Veröffentlichung gemäß den Ergebnissen der Wissenschaft gelangt, hätten nicht wenige vorgezogen, dass auch unser Text in seiner konkreten Sachaussage und Bedeutung korrigiert worden wäre; dass dies noch geschehn möge, können wir nur wünschen.
  8. Vgl. „A propos de la prière ,pro perfidis Judaeis’“, S. 67.
  9. Die geschichtliche Wirklichkeit der Erwählung besteht eben wenigstens in dem Sinne, dass das jüdische Volk, einmal durch Gott zu einer in seinem Heilsplan noch nicht endgültig erfüllten Rolle berufen, nimmermehr einfach – aus heilsgeschichtlichem Standpunkt – den Heidenvölkern gleichgesetzt werden kann.
  10. „La Semaine Sainte“, in: „Paroisse et Liturgie“, 1956, Nr. 2, S. 135.
  11. Ibid.

X. Folge 1957/58, Freiburg, Oktober 1957, Nummer 37/40, S. 15–17


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