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Gertrud Luckner

Wer gilt in Israel als Jude?

Die Krise zwischen Synagoge und Staat in Israel und zur Frage der Mischehen in Israel

Die Frage „Wer ist Jude?" wurde im Laufe der jüdischen Geschichte verschiedentlich aufgeworfen. Sie wird nicht leichter dadurch, dass Juden sich zu verschiedenen Zeiten als Juden, Israeliten oder Hebräer bezeichnet haben, oder dadurch, dass manche sich nach der Nation bezeichneten, in der sie gerade lebten.1 Die Frage ist nun heute wieder in Israel aktuell geworden.

1956 gab der damalige Ministerpräsident Moshe Sharett folgende Definition: „Ein Jude ist, der sich ehrlich als Jude bezeichnet."2 Diese Ansicht, die von jüdisch-orthodoxer Seite bekämpft wird, greift tief in die innerjüdischen Fragen hinein. Es ist noch nicht gelungen, eine Definition zu finden, die sowohl den heutigen Tatsachen wie auch der Überlieferung entspricht.

Es ist dies nun auch für die Christen wesentlich geworden, besonders seit 1957 durch die erstmalige Erlaubnis zur Auswanderung für Juden aus Polen nach Israel unter den aus Polen gekommenen 35 0003 jüdischen Einwanderern eine große Anzahl von Familien kamen, von denen der eine Elternteil, meistens die Mutter, Nichtjuden sind. Von den noch in Polen lebenden Juden sind ein Drittel in Mischehe verheiratet.4 Bis Ende August 1958 wanderten 1510 nichtjüdische Frauen und Kinder5 aus Polen in Israel ein (s. u. S. 93). Dadurch hat sich in Israel ein wichtiges neues juristisches Problem ergeben.

Nach den israelischen Gesetzen kann jeder Jude in Israel einwandern und Bürger werden. Sein Judesein ist eine Frage der Geburt und nicht der Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft. Während im allgemeinen die Einwanderungsabteilung der Jewish Agency die Einwanderung von Nichtjuden auch dann nicht finanziert, wenn es sich um Mischehen handelt, wurde anlässlich der aus Polen kommenden Masseneinwanderung aber die Einwanderung der Mischehen ebenfalls aus jüdischen Geldern finanziert. Man betrachtete sie bei ihrer Einwanderung in Israel als Juden und ebenso ihre Kinder.

Die Gesetze Israels verbieten jede Diskrimination wegen Unterschieden der Religion, der Rasse, der Farbe, der Nationalität.6 Doch nur der Jude allein genießt auf Grund des Rückehrgesetzes ein besonderes Anrecht auf Rückkehr. Er kann sich, weil er Jude ist, in Israel niederlassen und wird bei der Ankunft in Israel automatisch israelischer Staatsbürger. Die von der Cheruth und den Allgemeinen Zionisten unterstützten religiösen Parteien vertreten die Ansicht, dass die Nationalität und Religion für das jüdische Volk identisch seien. Die Frage der Staatsbürgerschaft ist außerdem noch extra geregelt.

Über die Frage der Registrierung ist es anlässlich der Registrierung der nichtjüdischen Frauen und Kinder der genannten Mischehen im Frühjähr 1958 im israelischen Parlament, der Knesseth, zu einer Regierungskrise gekommen; die religiös-nationale Partei ist deshalb aus der Regierungskoalition ausgetreten. Zum Verständnis des Ursprungs dieser Krise muss man wissen, dass in dem seit 1949 in Israel bestehenden Einwohnerregister zwei getrennte Angaben bestehen, für „Staatsbürgerschaft“ und „Nationalität“. Die letztere Angabe wurde mit „ jüdisch“, „arabisch“ oder sonst entsprechenden Angaben bezeichnet. Die Religion wurde nicht angegeben, obwohl sie bei Neueinwanderern auf dem Formular eingetragen wird.7

Man hat von Zeit zu Zeit erwogen, ob man diese Registrierung abschaffen könne, aber dies ist aus Sicherheits- und anderen Gründen noch nicht möglich. In Anbetracht der besonderen Lage Israels gibt es keine praktische Möglichkeit einer umfassenden und dauernden Kontrolle der Grenzen des Landes, um aus den feindlich benachbarten Ländern Infiltrationen, die eine Quelle beständiger Gefahr sind, zu verhüten, so dass es notwendig ist, dass jeder rechtmäßige Einwohner sich durch eine Kennkarte8 ausweisen kann. Für die Registrierung ist der Innenminister zuständig.

Die Regierungskrise war als Folge einer Verordnung aufgetreten, die der Innenminister Bar Yehuda an die ihm unterstehenden Ämter gegeben hatte, derzufolge Kinder in allen Fällen als „jüdisch“ zu registrieren seien, wenn beide Eltern dies wünschten. Die orthodoxen Kreise wollen jedoch nur denjenigen als Juden gelten lassen, der nach allen Vorschriften der Religion als solcher anerkannt ist.

Nach jüdischer Auffassung hat ein Kind die Religion seiner Mutter. Ist die Mutter eine Christin, so kann das Kind nicht als Jude angesehen werden.

Der von den Religiösen geführte Kampf um die Verbindlichkeit des Religionsgesetzes für die Eintragungen auf der Identitätskarte ist eine Fortsetzung des alten Kampfes um die Anerkennung des Vorranges des Religionsgesetzes gegenüber dem bürgerlichen und öffentlichen Recht. Bis in die Neuzeit hinein war die Religion und die mit ihr verbundene Tradition die ausschließliche Form, in der sich die jüdische Nationalität geäußert hat. Demgemäss waren auch die Rabbiner die einzige Autorität, die berechtigt war, Recht auszulegen und zu schaffen.9

Nach Ansicht der orthodoxen Kreise sind die jüdische Nation und ihre Religion eine untrennbare Einheit. Die religiösen Behörden in Israel üben zugleich staatliche Funktionen in standesamtlichen und eherechtlichen Angelegenheiten aus und haben auch über die Fragen des Personenstandes zu entscheiden, für den das rabbinische Recht gilt.10 Dieser Rechtsstand wurde aus der Mandatszeit übernommen.

Der Modernisierungsprozess, der die Souveränität des Volkes geschaffen hat, hat auch als die souveräne Rechtsquelle für den Staat den im Parlament verkörperten Willen des Volkes erklärt. Es besteht also ein latenter Konflikt zwischen zwei Rechtsquellen, der Knesseth und dem Religionsgesetz, der anlässlich der Registrierung dieser Mischehen besonders offenkundig geworden ist.11

Die nicht religiösen Kreise auf der Linken sind der Ansicht, dass zwar den Rabbinern gesetzlich das Familienrecht übertragen wurde, dass sie aber nur darüber entscheiden können, wer als Religionsjude, nicht, wer als Jude seiner Nationalität nach gelten kann.

Nach Auffassung der Religiösen können die nichtjüdischen Frauen und ihre Kinder als gleichberechtigte israelische Staatsbürger, ohne die geringste Benachteiligung in ihrer Mitte leben, ohne als Juden zu gelten. Wollen sie aber Juden sein, so müssen sie die rituellen Vorschriften des Glaubens befolgen.12

Nach dem oben erwähnten Austritt der religiös-nationalen Partei setzte die Regierung ein aus dem Ministerpräsidenten Ben Gurion, Justiz- und Innenminister Rosen und Bar Yehuda bestehendes Komitee ein.

Ben Gurion wandte sich im Dezember 1958 an 57 bekannte Rabbiner, Gelehrte, Juristen und Schriftsteller in Israel und der Welt und ersuchte sie um Rat: Wie Kinder aus Mischehen vom religiösen Standpunkt aus zu qualifizieren seien, deren nichtjüdische Mutter vor der Geburt des Kindes nicht zum Judentum übergetreten ist, also die, die in diesen Fällen vorgeschriebenen Zeremonien nicht erfüllt hat, wenn sie aber wünsche, dass ihr Kind Jude sei. Genüge das zum Ausdruck gebrachte Verlangen der Eltern für die Anerkennung oder ist ein zusätzlicher Akt für die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft notwendig.13

Nach wochenlangen Verhandlungen mit der religiös-nationalen Partei hat Ministerpräsident Ben Gurion schließlich die freigewordenen Minister-Portefeuilles verteilt und den sephardischen14 Oberrabbiner von Tel Aviv, Rabbiner Jacob Moshe Toledano, zum Religionsminister bestimmt, dessen Ernennung von der Knesseth bestätigt wurde. Durch diese Ernennung kam er einem in weiten Kreisen, selbst der religiösen Bevölkerung bestehenden Wunsche entgegen, das Religionsministerium zu entpolitisieren. Auch zieht mit Toledano ein zweiter Vertreter der sephardischen Juden in das Kabinett ein, jenes großen Teiles der israelischen Judenheit, der durch die Masseneinwanderer aus den Ländern des Orients an zahlenmäßigem Gewicht gewonnen hat, und sich in der Führung des öffentlichen Lebens benachteiligt fühlt. Da diese die Ernennung begrüßten, wusste sich Toledano von diesen gedeckt und gab den Versuchen der religiös-nationalen Partei nicht nach, die ihn vom Eintritt in die Regierung abzuhalten suchte.

Toledano hat nun in der Frage der Registrierung von Kindern aus Mischehen einen Kompromiss vorgeschlagen, dem zufolge diese Kinder nur auf der Identitätskarte der Mutter verzeichnet werden sollen. Bisher wurden die Kinder auf der Karte des Vaters eingetragen. Jeder Erwachsene, welcher bona fide erklärt, er sei Jude und seine Eltern seien Juden, soll als Jude eingetragen werden. Bisher hatte ein Erwachsener nur seine eigene Zugehörigkeit zu erklären. In Kreisen, die dem Oberrabbinat nahe stehen, nimmt man an, dass gute Aussichten auf eine Annahme dieses Vorschlages des Ministers bestehen sollten.15

Vom Standpunkt der römisch-katholischen Kirche aus hat der in der Altstadt von Jerusalem residierende lateinische Patriarch, Msgr. Alberto Gori, der israelischen Regierung am 31. Juli 1958 zur Frage der Registrierung der von katholischen Müttern geborenen Kinder ein Memorandum übermitteln lassen. Danach soll dem Eintrag der Nationalität auf der Identitätskarte die religiöse Zugehörigkeit hinzugefügt werden. Der Ausdrudk jüdisch solle der Religion vorbehalten bleiben, während der Eintrag hebräisch16 sich auf die Nationalität beziehen solle.

Bei solcher Handhabung würde ein Kind aus einer Mischehe, dessen Mutter Christin ist, und die nicht zum Judentum übergetreten ist, als hebräischer Nationalität, dem Glauben seiner Mutter nach registriert werden.17

  1. Nach World Jewish Affairs (W. J. A.) Nr. 333. London, 7.1.1957.
  2. Renaissance. Nr. 64. Zürich, Mai 1958, S. T.
  3. W. J. A., No. 691, 6.11.1958.
  4. Dass., Von den in Polen lebenden Juden will die Hälfte in Polen bleiben, der vierte Teil nach Israel und die übrigen in andere Länder auswandern, − wie die jiddische ,Folksstzyme berichtet, waren im Sommer 1958 noch 48 000 Juden in Polen (Jedioth Chadashot, 30.6.1958).
  5. Hakidmah, Tel Aviv, 29.8.1958.
  6. Vgl. Staatsgründungsurkunde von 1948, S. 13.
  7. Jerusalem Post vom 11.7.1958.
  8. Hakidmah, 29.8.1958.
  9. Hakidmah, 4.7.1958.
  10. Danach ist es gegenwärtig möglich, dass das Rabbinat manche Paare nicht trauen kann. Deswegen fordern laizistische Kreise die Möglichkeit einer Zivilehe für Israel. (Eine im Ausland geschlossene Ehe wird in Israel anerkannt.)
  11. Vgl. Hakidmah, 4.7.1958.
  12. Die Hakidmah, 6.8.1958, erinnert in ihrer Rubrik ,Jerusalemer Beschwerdebuch’ daran, dass Tausende christlicher Frauen sich in den Jahren der Verfolgung ihrer jüdischen Männer wegen gefährdeten, und dass sie ihre Heimat und ihre Familien verließen und ihren jüdischen Männern ins jüdische Land folgten. Schalom Ben-Chorin wirft den betr. Beamten der Einwanderungsabteilung vor, dass sie den aus Polen kommenden Mischehen nicht vorher bestehende Schwierigkeiten aufzeigten (s. u. S. 93). In dem gleichen Beitrag erinnert derselbe daran, dass auch nach rabbinischem Recht ein Nichtjude, der sich zu Israel bekennt, der die nichtrituellen, sondern rein ethisch-religiösen sieben noachidischen Gebote beachtet, ein Ger-Toschav, den Israeliten durchaus gleichzustellen ist, und dass man, da es einen Staat Israel gibt, den Begriff des Ger-Toschav wieder erneuern müsse.
  13. Aufbau (XXIV/50) vom 12. 12.1968, S.1. In dieser Anfrage betonte Ben Gurion 4 Hauptpunkte: 1) Jeder Bürger in Israel hat das uneingeschränkte Recht, so zu leben, wie er will, d. h. religiös oder nicht. 2) Israel ist ein Sammelpunkt für Juden aus aller Welt = „Kibbuts-Galuyott“, es hat das alle Judenschaften der Welt Einigende zu bekräftigen und vorhandene Differenzen soweit als möglich zu überbrücken. 3) Das Judentum in Israel braucht Assimilation an eine nichtjüdische Mehrheit nicht zu befürchten. 4. Israel als Glied des gesamten jüdischen Volkes, das sich dem Weltjudentum eng verbunden fühlt. − Bis Januar sind bisher 28 Antworten auf die Anfrage eingegangen.
  14. Sephardische Juden sind Juden südeuropäischer (orientalischer) Herkunft; aschkenasische Juden sind Juden mittel- und osteuropäischer Herkunft.
  15. Nach Jedioth Chadaot, 16.1.1969.
  16. Vgl. Schalom Ben-Chorin ("Das Wesen des Judentum" aus Jedioth Chadaschoth, 18.7.1967): Das Judentum stellt ein Erbe antiken Hebräertums dar. Man kann Judentum und antikes Hebräertum nicht ohne weiteres gleichsetzen. Mose war kein Jude, sondern ein Hebräer [...]. Unter Saul sind aus Hebräern „Israeliten“ geworden [...]. Seit der Teilung des Reiches 922 haben wir von Judäern und Israeliten zu sprechen, bis 587 v. Chr. durch den ersten Fall Jerusalems die geschichtliche Kontinuität ihre Unterbrechung erfährt [...]. Um 450 bildet sich die Gesetzesgemeinde des Esra, die wir als den Beginn des Judentums ansprechen können. Man kann also sagen, dass das Judentum im 5. vorchristlichen Jahrhundert beginnt.
  17. Nach: Jerusalem Post. 12.9.1958.

XI. Folge 1958/59 Freiburg, 9. November 1958, Nummer 41/44, S. 92 f. (15/15a)


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