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Dr. Nahum Goldmann

Die Aufgaben der nächsten zehn Jahre

[...] Das Hauptproblem, dem Israel an der inneren Fronte in seinem. zweiten Jahrzehnt gegenübersteht, wird ungeheuerlich sein. Es wird die Verschmelzung der vielen Stämme und Gruppen von Juden, die in dem ersten Jahrzehnt nach Israel eingewandert sind, zu einem organischen Volke betreffen. Wir haben es mit einer Million neuer Immigranten zu tun, die nicht nur aus zwanzig- bis dreißig verschiedenen Ländern kommen, sondern, wenn ich es so ausdrücken darf, auch aus verschiedenen Jahrhunderten. Die jemenitischen Juden kamen aus dem 12. bis 13. Jahrhundert, die marrokanischen aus dem 14. oder 15., die europäischen aus dem. 19. und 20., und einige Juden leben  ideologisch bereits im 21. Jahrhundert.

Um alle diese Neuankömmlinge zu einer organischen Nation zu machen, wird das israelische Volk mit manchen seiner Haupt-Charakteristika von heute aufzuräumen haben, vor allem mit dem Cliquen-Geist des Zusammenhockens auf der Basis der Landsmannschaften und mit der Überbetonung der Loyalität für verschiedene politische Parteien. Ich kenne kaum ein Land in der ganzen Welt, wo der Partei-Fanatismus so tief sitzt wie in Israel. In Augenblicken der großen Gefahr vergessen die Parteien sich selbst und sind nur patriotisch. Aber wenn die ummittelbare Gefahr vorbei ist, gewinnt für viele Leute die parteipolitische Realität die Oberhand über die Loyalität zum Staat.

Ein anderes inneres Problem, das freilich schon etwas mit den Beziehungen Israels zur übrigen Welt zu tun hat, ist das wirtschaftliche. Es dürfte das schwierigste sein, denn Israel hat in der letzten Dekade weit über seine Mittel gelebt. Große und entscheidende Einkommensquellen haben Israel instandgesetzt, sein Budget zu balancieren. Aber das wird in der zweiten Dekade nicht mehr der Fall sein. Die deutschen Reparationen werden in ungefähr drei Jahren aufhören, und ich habe das Gefühl, dass die amerikanische Unterstützung eher abnehmen als zunehmen wird. Die Beiträge der jüdischen Gemeinden der Welt dürften allein die gleichen bleiben. Es wäre natürlich töricht, zu erwarten, dass Israel bei der starken Einwanderung innerhalb der nächsten Jahre bereits sich selbst erhalten kann. Es ist auch nicht nötig.

Es wird immer ein jüdisches Volk draußen geben, das irgendwie hilft. Aber Israel wird ein gewisses Maß wirtschaftlicher Unabhängigkeit anstreben müssen, und mehr als es das in der ersten Dekade getan hat. Das kann drastische Opfer von der israelischen Bevölkerung verlangen, etwa eine Senkung des Lebensstandards, der soziale Konflikte auslösen könnte. Vielleicht wird die ganze soziale und politische Struktur durch den Versuch, Israel wirtschaftlich unabhängig zu machen, erschüttert werden. Ich fürchte nun, dass die Wirtschaftsfront, wenn nicht außerordentliche energische Maßnahmen getroffen werden, unhaltbar werden kann. Wir alle wissen aber, dass moderne Staaten nicht nur leicht an der militärischen Front, sondern auch an der wirtschaftlichen Front zusammenbrechen können. Unter den Problemen der äußeren Front Israels sind die beiden wichtigsten das Problem der Beziehungen zu den anderen Ländern im Vorderosten und das Problem der Beziehung zum jüdischen Volk.

Israels Beziehungen zur arabischen Welt werden die größte Probe der staatsmännischen Kunst Israels sein. Der jüdische Staat kann nicht ewig als eine Feste inmitten einer arabischen Welt, die jährlich stärker wird, existieren. Die Lösung dieses Problems ist dazu noch durch die Tatsache schwieriger geworden, dass der Vorderosten heute zum Gebiet der Führung des „Kalten Krieges“ gehört. Der Kalte Krieg ist eine Katastrophe für den Vorderosten und speziell für Israel. Solange es möglich ist, wird immer einer der beiden Blocks sich um die arabische Gunst bemühen.

Die Araber werden einen Block gegen den anderen ausspielen, Israel kann es nicht tun, denn Israel kann aus naheliegenden Gründen dem Westen nicht drohen, dass es sich auf die Seite Russlands schlagen würde, schon nicht wegen der amerikanischen Judenheit, der demokratischen Tradition etc. Die Tatsache aber, dass Russland einen sehr starken anti-israelischen Stand bezogen hat, ermutigt die extremistischen Elemente unter den Arabern, die hoffen, dass sie eines Tages mit Hilfe der Sowjets Israel zerstören könnten. Es ist unnötig, zu betonen, wie lebenswichtig die Lösung dieses Problems für Israels Zukunft ist. Die ökonomischen und politischen Implikationen eines Friedens mit den Arabern brauchen nicht erklärt zu werden.

Ein anderer Aspekt aber ist viel weniger häufig betont worden. Das ganze kulturelle Gesicht Israels würde sich nämlich in einer neuen Entwicklung ändern, wenn Israel einmal in Frieden leben würde. Der erste große historische Akt Israels war ein Krieg mit seinen Nachbarn. Unter einem langfristigen historischen Gesichtspunkt haben aber der dort erworbene Sieg und Ruhm eher die Bedeutung einer Katastrophe für Israel. Länder und Völker entwickeln sich oft nach dem Gesetz ihrer ersten Schritte im Leben. Die Tatsache, dass Israel gezwungen war, in seinen ersten zehn Jahren in einem ständigen Kriegszustand zu leben, nur in Begriffen militärischer Stärke zu denken und sich dieser zu rühmen, hat eine gewisse Bedeutung für das, was man in Israel Geist von heute nennen könnte.

Und so komme ich zu dem großen Problem der Erziehung Israels zum jüdischen Volk. Ich glaube, dass die Zukunft Israels von seiner Verbindung mit dem jüdischen Volk in der Welt solange abhängt, wie eine jüdische Diaspora existiert. Und das ist zumindest eine Frage von vielen Generationen. Es wäre durchaus möglich, dass ohne das jüdische Volk ein Israel mit gut disziplinierten und patriotischen Juden weiter existieren kann. Es würde freilich ein ganz anderes Israel sein, ein kleines levantinisches Land, das letzten Endes ein Satellit der arabischen Welt werden würde.

Das jüdische Volk jedoch hat meiner Ansicht nach keine Chance des Überlebens ohne das Zentrum in Israel. Die großen Bastionen der europäischen Judenheit, die Quelle aller großen geistigen Strömungen im modernen Judaismus, sind verschwunden. Amerika kann Europa nicht ersetzen, nicht weil die amerikanischen Juden schlechtere oder unbegabtere Juden sind, sondern weil Amerika nicht Polen ist, weil dort kein Ghetto existiert und kein jüdisches Städtel, und weil es ein Schmelztiegel ist. Israel braucht die Diaspora, und die Diaspora braucht Israel. Wir haben freilich noch nicht angefangen, eine Lösung dieses entscheidenden Problems dieser Beziehungen zu finden.

Das Weltjudentum ist gebeten worden, Israel finanziell zu helfen. Aber Philanthropie kann keine Grundlage für eine ständige Beziehung sein. Es muss eine Form gefunden werden, die den Juden außerhalb Israels ein gewisses Maß von Verantwortlichkeit auferlegt und zubilligt. Das hat nichts mit Souveränität vom juristischen Gesichtspunkt aus zu tun. Es ist eine Frage der moralischen und geistigen Bindung: die Juden der Welt müssen das Gefühl haben, dass sie nicht nur Geld geben, sondern dass ihnen eine gewisse Verantwortung für die Entwicklung Israels und die Art, wie es sich entwickelt, zufällt.

Alle anderen Probleme Israels haben ihre Parallelen bei anderen Völkern. Dies hier ist ein einzigartiges Problem. Es wird sich erweisen, ob das, was man das Genie des jüdischen Volkes und seine Fähigkeit, zu überleben, nennt, weiter lebendig ist. In der Vergangenheit haben wir Wege gefunden, um die Erhaltung des jüdischen Volkes trotz jahrhundertelanger Bedrückung und allen Drohungen physischer Zerstörung zu sichern.

Diese alten Methoden der Selbsterhaltung genügen heute nicht mehr. Wir müssen neue Methoden in einer Welt finden, in der jüdischer Zerfall und jüdische Assimilation so gefährlich sind wie in keiner anderen Periode jüdischer Geschichte. − In einer Zeit, in der das Risiko, die junge Generation zu verlieren, größer ist denn je, nicht durch Pogrome oder einen Hitler oder Antisemitismus, sondern weil jüdisches Leben bedeutungslos wird für die junge Generation, weil der einzelne Jude in den meisten Teilen der westlichen Welt ein zu gutes materielles Leben führen kann [...].

Der Beitrag (leicht gekürzt) von Dr. Nahum Goldmann, Präsident der Weltorganisation und des Jüdischen Weltkongresses, ist mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung  dem ,Aufbau’ (XXIV/30), New York, 25.7.1938, S. 29, entnommen. XI. Folge 1958/59 Freiburg, 9. November, Nummer 41/44 S. 90 f. (15/13).


XI. Folge 1958/59 Freiburg, 9. November, Nummer 41/44, S. 90 f. (15/13)

 



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