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Gertrud Luckner
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Leo Baeck

Dieses Volk − Jüdische Existenz

Bei der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt erschien der 2. Band von Rabbiner Dr. Leo Baeck „Dieses Volk – Jüdische-Existenz“. Der 1. Band war zum großen Teil auf Blättern im Konzentrationslager Theresienstadt entworfen, wann immer das Gnadengeschenk eines Fetzens Papier gewährt wurde. Dieser 2. Band entstand in den Jahren der Freiheit, die diesem größten deutschen Juden und heldenhaften Repräsentanten seiner blutig verfolgten Gemeinschaft noch geschenkt waren. Dem Tode widerstrebte er nicht mehr, da er die letzte Korrektur gelesen. Zwei Tage nach der Erteilung der Druckerlaubnis ist Leo Baeck in seinem 84. Lebensjahr am 2. November 1956 in London gestorben.

Rechenschaft, besser noch Zeugnis, zu geben vom jüdischen Glaubensvolk in der Zeit der Vernichtung war die Aufgabe des ersten Teils. Von dem Werden einer Geschichte durch die Jahrtausende spricht das zweite Buch. Dabei ist auffallend, wie sehr die Gedanken des ersten Werkes von Leo Baeck aus dem Jahre 1905 „Das Wesen des Judentums" noch die Gedanken seines reifen Alters sein durften. Mit einem Unterschied freilich: Das Wesen des Judentums war ein apologetisches Buch, gerichtet gegen den großen evangelischen Theologen Adolf von Harnack „Das Wesen des Christentums“, in dem die einzige Existenzberechtigung des Judentums darin lag, den finsteren Hintergrund für das christliche Licht zu bilden. Das Apologetische spielte bei dem alten Baeck nun keine Rolle mehr, das Christentum ist nicht das ständige Gegenüber, es begegnet uns nur − nicht anders als der Islam − an seinem geschichtlichen Ort innerhalb der gesamten Geistesgeschichte des Judentums.

Mit der tiefen, ruhigen Liebe des im ganzen weiten Hause des Judentums heimisch Vertrauten schildert Baeck den Weg des Judentums durch die Zeiten, wie das als wesentlich Erkannte bewahrt, Fremdes aufgenommen oder auch abgelehnt wurde. Er verfolgt den Weg des Juden durch alle seine Exile: Babylon, Griechenland, Rom, die Völker der Christenheit und des Islam. Seine besondere Liebe gilt dabei der Schilderung von der Bewährung einer Minorität, dem Widerspruch der wenigen gegen die vielen, der Machtlosen gegen die Mächtigen.

Eine Folge dieser Position ist die Kraft zum Martyrium, das sich immer wiederholt, wiederholen muss und das dem durch die Hölle des Dritten Reiches Hindurchgegangenen die gleiche Selbstverständlichkeit bedeutet wie dem jungen Theologen in bürgerlich beruhigten Tagen. Noch einmal erhellt „Dieses Volk" den letzten Grund für die Furchtlosigkeit und Unerschrockenheit, die Kompromisslosigkeit und den Kampfesmut eines Mannes, dessen Herzenshöflichkeit sich so schwer zu einem „Nein“ gegenüber ihm fremden Menschen und Ideen verstand. Ja, es will scheinen, als ob die Askese der Neutralität, die er weitgehend ein Leben lang geübt, ihm die Kraft für die entscheidende Auseinandersetzung mit einer Welt bewahrt habe, die nicht nur antijüdisch, sondern auch anti-europäisch war und die hohe Geschichte des Abendlandes verriet. Dabei ist er in diesem Buch, wie auch in seinem Leben, nirgends einem Zeitgeist verfallen, der auch den Juden nicht überging, alles Zeitgebundene liegt unterhalb seiner Betrachtungsweise oder ist weggeschmolzen in dem Feuer der Ewigkeit, das immer in ihm glühte.

Er weist den Gestaltwandel im modernen Begriff vom Staat auf, der nichts mehr von der polis der Griechen, der civitas der Römer und der Christenheit hat, für die der Staat die organische Form des Zusammenlebens von Menschen bedeutete, die in einem Lande gemeinsam wohnen. Der moderne Staat ist − nach Back − von seinen Ursprüngen her ein ganz anderer, und alle Gefahren, die mittlerweile fürchterliche Wirklichkeit geworden sind, umstanden schon seine Wiege. Aber lassen wir Baeck selbst sprechen:

„Der neue Staat sollte um seiner selbst willen dastehen. Nicht der Menschen wegen, die er umschloss, sollte er seine Aufgabe und seine Befugnis haben, sondern sie waren seinetwegen da, damit er seine Macht besitze und festige. Sein Recht verlangte er nicht von dem Imperium des Glaubens und auch nicht von den Menschen,  durch die er sein Dasein hatte, sondern er trug sein Recht in sich selbst. Er stand oberhalb der Moral und außerhalb des Gewissens. Er war ein Begriff, hart und kalt, ohne Gewissen und ohne Moral, wie ein Begriff, der Begriff einer Macht, deren Tugend die Macht und deren Daseinsform und Daseinsziel daher der Egoismus ist, den die neue Lehre jetzt die Staatsräson nannte.

Dieser Egoismus schuf sich nur zu leicht eine Art von Gesetzen der Gesetzlosigkeit. Was Menschen  und menschlich Gemeinschaften bindend verpflichtete, konnte kein Prinzip für diesen neuen Staat und seine Räson sein. Als Begriff, hinter dem sich vieles verstecken, hinter den vieles sich flüchten konnte, war er ohne Glauben und ohne Gebot. Etwas, was sich wie ein Pflichtgefühl der Morallosigkeit darbot, konnte hier erwachsen. Wie der Staat wurde dann leider auch der ,Diener des Staates’ etwas Begriffliches oder Maschinelles; er hörte als dieser ,Diener des Staates' auf, ein Mensch zu sein."

Wenn man von einer Stelle absieht, in der das Hitlerreich des Verrates an der Pflicht der Treue im Zusammenhang mit der Darstellung der Verbundenheit des deutschen Juden mit Deutschland geziehen wird, ist das eben angeführte Zitat die einzige Antwort des aristokratischen Menschen Baeck auf all das Grauenhafte, durch das er hat gehen müssen, auf den buchstäblich tausend- und aber tausendfachen Tod, den er selbst hat sehen müssen. Wenn es eine Bewährung im Glauben jenseits jeder konfessionellen Verengung gibt; hier scheint sie uns gegeben.

So hat Leo Baeck, der durch keine Zeitlichkeit zu Verwirrende, in seinem letzten Vermächtnis von den Grenzen und doch auch wieder Chancen der Toleranz gesprochen, die ihm so sehr Sache des Herzens ... und des Verstandes war. Einer Toleranz, die unserer zerrissenen Welt so Not tut und ohne die sie nicht genesen kann. Wann immer Menschen glauben die Wahrheit zu besitzen, neben der für nichts anderes Platz ist, eignet ihnen eine gewisse Intoleranz; das übersehen zu wollen, wäre töricht.

Aber auch dann noch können Menschen, wenn sie den Sinn für das Leben sich wahren, wenn sie den breiten, befruchtenden Wassern des Lebens nahe bleiben, den Mitmenschen, arbeitend und strebend, ringend und hoffend ganz wie sie selbst, erkennen und in ihrer persönlichen Einstellung zum anderen tolerant werden. An ihrer Wahrheit halten sie ohne Schwanken fest, aber diese ihre Exklusivität wird versittlicht und vertieft, sie begreift mit innigen Gedanken und innigen Empfindungen das Menschentum der anderen, und damit versteht sie sein Festhalten an seiner Wahrheit. Treue vermag immer Treue zu begreifen.

Von der Geistesgeschichte des jüdischen Glaubensvolkes handelt Leo Baecks posthumes Werk und spricht doch zugleich von der abendländischen Kultur, mit der der Jude vielfach verbunden war und ist. Wem das Wort vom Abendland kein billiges politisches Schlagwort ist, der sollte auf die Stimme dieses großen europäischen Juden hören können – es geht ihn wahrlich an.


XI. Folge 1958/59 Nummer 41/44 Freiburg, November 1958, S. 87 f. (15/8)

 



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