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Karl Thieme

Juden

Mit der freundlichen Erlaubnis des Herder-Verlags bringen wir im Folgenden als Vorabdruck aus dem 1959 erscheinenden IV. Band des STAATSLEXIKON, das dort von der Görres-Gesellschaft herausgegeben wird, den Artikel ,Juden’ als den Versuch eines heutigen Gesamtüberblicks auf (verlagsseitig vorgeschriebenem) äußerst beschränktem Raume. (Das hier Wiedergegebene wird im Lexikon selbst noch durch statistische Angaben und eine bibliografische Übersicht ergänzt, worin besonders die Titel der Bücher enthalten sind, auf die der Text nur durch Erwähnung der Verfassernamen Bezug nimmt.)

1. Herkunft und Geschichte

Historisch fassbar seit dem 6. Jh. v. Chr. existieren die Juden (Yehudim von Yehuda: ,Lobpreis’ nach Gen 29,35; 49,8; vgl. Röm 2,28 f.!) teils als ,Volk ohne Staat’ über den Erdball zerstreut in der ,Galut’ (Verschlepptsein) 2 Kön 25,27 (vgl. Jes 45,13), teils – mit der so bemerkenswerten Unterbrechung zwischen 138 (Bar-Kochba-Aufstandsende) und 1948 – in einem vorher relativ, nachher völlig autonomen palästinensischen Gemeinwesen und gelten als Nachfahren der 586 v. Chr. bei der Tempelzerstörung durch Nebukadnezar (und z. T. schon vorher) verschleppten Bewohner des Königreichs Juda unter dem Hause Davids (um 1000 v. Chr.).

Sie sind aber faktisch dank ihrer erfolgreichen Proselytenwerbung im Hellenismus (bis ins 5. Jh. n.Chr., wie M. Simon nachwies), dem Kollektivübertritt der zwischen Islam und Ostkirche lavierenden Krim-Chazaren im 8. Jh. und seit dem Ende des 18. Jh. wieder wachsenden Vermischung mit den Wirtsvölkern blutsmäßig heterogen, also nicht geprägt durch eine „semitische Rasse“ (es gibt nur semitische Sprachen unter den Völkern recht verschiedener Abstammung), vielmehr durch (z. T. aufgezwungenes) Brauchtum, letztlich durch die ihnen offenbar gewordene Religion (z. T. in säkularisierten Derivaten).

Gegenüber dem kryptoantisemitischen Rassismus Sombarts zeigten dies schon die tiefgründigen Untersuchungen Max Webers, die auch von kompetenter jüdischer Seite anerkannt wurden (F. Rosenzweig: „Es ist historisch das gleiche, wie ich es philosophisch ausgesprochen habe“; Briefe 405) und die „ganz unerhörte historische Paradoxie“ eines Volkes analysieren, das sich in seinen gewichtigsten Traditionszeugen als ausgesprochen „geringes“ (Dtn 7,7), „halsstarriges“ (Ex 34,9), immer wieder von dem einzig wahren Gott abtrünniges – aber gerade durch mannigfache Bedrängnis und Erniedrigung gnädig von ihm heimgesuchtes (Am 3,2; 2 Makk 6,13 ff.), für ewig erwähltes und unauslöschlich geliebtes ‚ausgesondertes Volk’ schlechthin versteht (Ex 19,5; Jes 62,12; vgl. Röm 11,28 f.), das zwar immer wieder von dem Wunsche versucht wird, „dass auch wir wie alle anderen Stämme seien“' (1 Sam 8,20), aber doch niemals so sein darf.

Schon im babylonischen Exil des 6. Jh. v. Chr. (wie auch im selbstgewählten ägyptischen, das etwa die Elephantine-Papyri aus dem 5. Jh. bezeugen) durch die Hoffnung beisammen gehalten, dass gleich den Drohungen auch die Verheißungen Gottes (durch seine Propheten) erfüllt werden würden (Tob 14 4 ff.), kehrten die Juden z. T. bereits auf den Erlass des Perserkönigs Cyrus hin (Esr 1) nach Judäa zurück, zu weiteren Teilen (noch immer minderheitlich!) im 5. Jh. unter ,Esra, dem Schreiber’, auf welchen die Unterwerfung des Volkes als ganzes unter ,das Gesetz’ (die Tora, Weisung) als Summa des Einhaltbaren an den im Pentateuch aufgezeichneten Gesetzen zurückgeht (Neh 8).

Auf Jahrhunderte der Konsolidierung solcher ‚Väterreligion’ unter persischer folgt unter makedonisch-ägyptischer Oberhoheit die jene aushöhlende Assimilation der hellenisch gebildeten Oberschicht an das heidnische Brauchtum, die unter den Seleukiden (bes. Antiochos IV Epiphanes) bis zur Verfolgung der Gesetzestreuen führte (nicht ohne Mitschuld der ,Assimilanten’, wie Bickermann zeigte: Jos Antt 12,5, 1,4) und im Tempelvorhof „das Greuelwesen, das zur Verödung führt“, errichten ließ (Dan 11,31), d. h. den Altar, wo dem Himmelsgotte unter dem Namen Zeus 0lympios geopfert wurde (2 Makk 6,2).

Nachdem dies 165 v. Chr. durch den erfolgreichen Aufstand des Judas Makkabi abgestellt war (2 Makk 10), errang dessen Haus (die Hasmonäer) ein provisorisches, nie als vollwertig anerkanntes Königtum (l Makk 14,41), geriet aber mit der Partei der Frommen (Essäer, später Pharisäer, Abgesonderte) in Konflikt und durch Anrufung von Pompeius’ Schiedsspruch 63 v. Chr. unter römisches Besatzungsregime, gegen das und dessen Kollaborateure (Herodes und die Priester aus Sadoks Haus, ,Sadduzäer’) sich vor allem die ‚Zeloten’ empörten (darunter Neo-Essäer, bzw. Essener, die wir durch die Schriftrollen am Toten Meer näher kennen lernten; abgezweigt von ihnen ist wohl auch die Bewegung um Johannes den Täufer, von dessen Ansehen Jesus von Nazaret seine innerjüdische Legitimation nahm (Mk 11,27 ff. u. a.).

Ihre drei zuletzt jeweils vergeblichen Aufstände: ,Titus-Krieg’ (67–70 n. Chr., Tempelzerstörung, Lehrhaus und Synhedrium nun in Jabne-Jamnia), ,Trajanskrieg’ (115–117 in Ostmittelmeerraum und Mesopotamien) und ,Hadrianskrieg’ (135–138 unter dem Pseudomessias ,Bar Kochba’, Sternensohn Num 25,17; vgl. Joh 5,43) hinterließen die Juden als aus Palästina fast restlos vertriebenes, in Mittelmeerraum und Nahost noch immer unter Patriarch und ,Rosch Galuta’ (Haupt der Verschlepptenschaft) straff organisierte Gemeinschaft, unter der die autoritativen Gesetzeslehrer nun den Talmud, d. h. ihre Lehrhausdiskussionen zur Tora aufzuzeichnen begannen.

Auch von Mohammed als Bekenner der ,Schrift’ toleriert (anfangs umworben), gediehen die Juden besonders in Mesopotamien und im maurischen Spanien, wo sie Dichter und Denker ersten Ranges wie Jehuda Halevi (1070–1140) und Mose ben Maimon (Maimonides, 1135–1204) hervorbrachten.

Wie dort seit der Reconquista (Austreibungsdekret 1492), so wurden im Reich, wo sie seit der Römerzeit als Hauptträger von Fernhandel und Feinhandwerk unter besonderem Kaiserschutz auskömmlich gelebt hatten, seit den Kreuzzügen (1096, 1146) die Juden erst einzelfallweise verfolgt (oft unter Druck getauft trotz Widerstreben einsichtigerer Repräsentanten, bes. Päpste), dann immer mehr auf ‚Wucher’ (Pfandleihe etc.) eingeschränkt und obrigkeitlich ausgesogen, maßlos diffamiert und verleumdet(Ritualmordvorwurf, Antisemitismus) vielerorts zur Auswanderung (meist nach Osten) genötigt. (Vollzählig 1306 durch Philipp den Schönen und – nach zeitweiser Rückberufung auf Volkswunsch – endgültig 1394 durch Karl VI. aus Frankreich, 1290 durch Eduard I. aus England.)

Nur noch in Polen (seit dem 13. Jh.) kraftvolle, königlich privilegierte (weil zwischen Adel und Volk mangels genug angestammten Bürgertums unentbehrliche) Mittelschicht, waren in den europäischen Kernlanden die Juden seit dem Spät-Mittelalter auf Toleriertsein im ‚Getto’ (erstmals 1516 für das Judenviertel Venedigs) zurückgedrängt. Aus den herabgedrückten ‚Bettel’- und ‚Schutzjuden’, deren mit hebräischen und slawischen Wörtern durchsetztes Judendeutsch und (östlicher) Jiddisch bis nach Odessa, Kiew, Minsk und Nowgorod als Handelssprache diente, hoben sich mit dem beginnenden Absolutismus als Heereslieferanten und Finanzagenten der Fürsten vereinzelte ‚Hofjuden’ heraus, die z. T. vorübergehend starken Einfluss errangen (so am meisten ,Jud Süß’-Oppenheimer als Finanzrat Karl Alexanders von Württemberg, nach dessen plötzlichem Tode er seine beamtenrechtlichen Vergehen durch Justizmord am 4. 2. 1738 überstreng büßen musste), in der Regel aber (wie H. Arendt herausarbeitete) ganz unpolitisch Reichtum und Aufstieg für ihre Familien anstrebten (manchmal erfolgreich, wie besonders die Frankfurter Rothschilds seit Meyer Amschel R., geb. 1745).

Die grauenhaften Verfolgungen des Hoch- und vollends Spätmittelalters, Massenmorde und Austreibungen hinterließen in den Juden ihre Spuren: Bei den einen Verbitterung (erst im 13. Jh. tauchen die gehässigen ,Toldoth Jeschu’ auf, die z. T. auf ältere Vorformen rekurrierende Anti-Legende von Jesus als Sohn eines Römers ,Pandera’), bei den anderen Vertiefung, wie sie das ‚Buch der Frommen’ des Jehuda von Regensburg bezeugt († 1217), der mit seinem Vater Samuel Kalonymos von Speyer und seinem Nachfolger Eleasar von Worms den deutschen Früh-Chassidismus vertritt und spät-antike jüdisch-gnostizistische Tendenzen wieder aufnimmt (,Buch der Schöpfung’ mit Buchstabenmystik, wie sie bis ins Neue Testament reicht: Apk 1,8).

Weit umfassender geschah dies durch Moses de Leon, der – wie Scholem nachwies – im 13. Jh. den ‚Sohar’ (Buch des Glanzes), das Hauptwerk der Kabbala (Überlieferung) als vorgebliche Gesprächssammlung des Rabbi Simeon ben Jochai (aus dem 2. Jh.) schuf, und des Isaak Luria, der daraus im 16. Jh. eine neuartige Erlösungslehre ableitete: Das Exilschicksal des Gottesvolkes wurde hier als Ausdruck einer kosmischen Selbstexilierung der Gottesgegenwart (,Schechina’) selbst aufgefasst, deren zerstreute ‚Funken’ durch Akte der Wiederherstellung neu vereint werden müssten im Tun des Büßers, des Beters, des Messias.

Als solchen meinte ein Luria-Jünger, Nathan von Gaza (1644–1680), den – bis dahin durch religiöse Extravaganz eher bedenklich erschienenen – gemütskranken Sabbatai Z’wi (1625–1676) geschaut und erkannt zu haben, wurde nun „zugleich der Johann Baptist und der Paulus des neuen Messias“ (Herold und Interpret, wie Scholem sagt) und weckte solchen Enthusiasmus für ihn, dass nicht nur die meisten Juden überall praktische Vorbereitungen (bis zur totalen Vermögenshergabe) für die Heimkehr ins Gelobte Land im kabbalistischen Heilsjahr 1666 zu treffen begannen, sondern ein starker Stamm von Anhängern ,Sabbatianer’ blieb, selbst als ihr zur Bekehrung des Sultans triumphal nach Istanbul aufgebrochener ‚Messias’ unter Todesdrohung zum Islam übertrat; – womit er nun nur die Heimholung der auch unter Irrgläubige zerstreuten Funken des göttlichen Urlichts eingeleitet haben sollte. Daher enthemmte er zum Islam nachfolgende Kryptojuden in Form der (um Saloniki bis in unsere Zeit überdauernden) Dönmeh, zum ‚Christentum’ übertretende in Form des – ihn angeblich reinkarnierenden – nihilistisch-genialen Jakob Frank – ca. 1720–1791 – und der Frankisten; wie auch unzählige ‚Marannen’, iberische Zwangsgetaufte, ihr Schicksal nun als Sendung auffassten.

Diese „Revolte gegen das Getto“ steht nach Scholem an der Wurzel sowohl der – mit der gleichzeitigen pietistischen ‚Revolte gegen die Orthodoxie’ vielfach verwandten – osteuropäischen chassidischen Bewegung, seit Israel ben Elieser von Mesbitsch (1700–1760), dem ‚Meister des guten Namens’ (Baalschem-tow), deren Kabbalismus freilich längst zu Magie und Mantik ihrer ,Wunderrebben’ absank, wie auch der geradezu messianischen Begeisterung, mit der vorwiegend speziell sabbatianisch beeinflusste Juden in der Aufklärung die anbrechende Menschheitserlösung, die Wiedervereinigung der in die Exile der positiven Religionen zerstreuten Wahrheitsfunken und Ermöglichung eines Menschheitsreiches vollkommener Gerechtigkeit, erblickten und voranzutreiben suchten, bis hin zu jenen Sozialisten, die das geknechtete eigene Volk (Moses Hess, Zionismus) oder das Volk der Geknechteten schlechthin, der Proletarier, als jenes Reiches Stifter schauten (Karl Marx, Leo Trotzki, Chiliasmus).

War die positive Privilegierung der Juden durch Caesar und seine Nachfolger seit Konstantin und vollends Theodosius eingeschränkt – in manchem immerhin bis zu den Staufern aufrechterhalten – und erst im Spätmittelalter eindeutig in eine negative verwandelt worden, wie Kisch nachwies (‚Kammerknechtschaft’, Judenhu etc.), so war Aufhebung jeden Sonderstatus, völlige Assimilation der Grundgedanke der Juden-Emanzipation seitens der emanzipierenden Obrigkeiten im Gefolge der Aufklärung. (Josephs II. Toleranzedikt von 1783, die Verfassung der USA von 1787, das Gleichberechtigungsdekret der französischen Constituante vom 27. 9. 1791, 1808 die Gewährung des städtischen und 1812 die des staatlichen Bürgerrechts an die preußischen Juden. 1847/49 der Wegfall verbliebener Beschränkungen in Preußen, Österreich und anderen deutschen Ländern, 1863 – unter Druck Napoleons III. wegen der Elsässer – auch in der Schweiz, wie 1858 nach vergeblichen Anläufen schon 1830, 1833/34 und 1848 – in England.)

Wie es von ihnen gewünscht ward, wollten großenteils auch die westeuropäischen Juden selbst nur noch Mitbürger ihrer nichtjüdischen Mitbürger sein „wie andere Menschen auch“ (und sammelten sich so etwa im ,Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens’, gegründet 1893); nicht wenige akzeptierten, wo dies noch nötig schien, die Taufe „als Entreebillet zur europäischen Kultur“ (Heine) – neben zutiefst vom Christusglauben ergriffenen wie dem pietistischen Theologen A. Neander (David Mendel, 1789–1850), dem ehrw. Ordensstifter (C. S. Sp.) Franz Maria Libermann (1802–1852) und den Brüdern Ratisbonne, Stiftern der Schwestern- und der Priesterkongregation U. L. Frau von Sion (N. D. S.) sowie Edith Stein, der als Jüdin mitgemordeten Ordensfrau vom Karmel.

Mit dem Fortschreiten auch gesellschaftlicher Gleichberechtigung überwogen die Juden, die der Väterreligion treu bleiben, sie aber zeitgemäß reformieren und als mosaische Konfession neben den christlichen pflegen wollten (s. u. 2.), sowie jene, denen nur noch der Fortschrittsglaube und die Humanität als Rest-Religion verblieben war, auf deren zeitgenössische Abwandlungen bei Lessing (Nathan d. W.!), Goethe und den Philosophen des deutschen Idealismus (ev. bis hin zum diesen „vom Kopf auf die Füße stellenden“ Karl Marx) sie allmählich auch das Christentum reduziert zu sehen hofften (etwa Hermann Cohen).

Für sie war der zunächst gerade ihresgleichen als ‚Ferment der Dekomposition’ bekämpfende neue Rassen-Antisemitismus seit dem letzten Drittel des 19. Jh. (Berliner Hofprediger Stoecker, H. v. Treitschke, Wiener Oberbürgermeister Lueger, französische Antidreyfusards: Bekämpfer der Rehabilitierung des auf Grund gefälschter ‚Beweise’ als Landesverräter verurteilten Generalstabshauptmanns A. Dreyfus) eine kaum fassbare, maßlose Enttäuschung, welche die einen zu oft krampfhafter Apologetik trieb, die anderen zum Zionismus, die bedeutendsten – wie Franz Rosenzweig (1886–1929) und Margarete Susman (Lit.) – zu nüchterner Erkenntnis und ‚Annahme’ des eigenen einzigartigen Volksschicksals, manche freilich auch zu Fluchtversuchen daraus, die Ben-Chorin mit dem des Jona treffend verglichen hat (Jona 1,3).

Inzwischen war in Osteuropa, vor allem Zaren-Russland, die Emanzipation so gut wie ganz unterblieben, auch die Aufklärung (Haskala) auf dünnere, oft ins sozialrevolutionäre Lager abgetriebene Schichten beschränkt geblieben, dann sogar ein schwerer Rückschlag eingetreten, indem seit dem Attentat vom 13. 3. 1881, dem Alexander II. zum Opfer fiel, eine systematische behördliche Hetze gegen die Juden begann (obschon keine solchen unter den Attentätern waren), die wenig später in der Fälschung der ,Protokolle der Weisen von Zion’ (als angebliche Selbstzeugnisse jüdischer Weltherrschaftspläne) durch russische Polizeiorgane gipfelte (eine Umstilisierung des antibonapartistischen Dialogue aux Enfers entre Montesquieu et Machiavel von M. Joly) und schon 1881/82, dann wieder 1905 zu furchtbaren ‚Pogromen’ in jenem west- und südrussischen ‚Siedlungskordon’ führten, in den behördlicherseits die Masse der russischen Juden zusammengedrängt war und aus dem sich nun eine allmählich nach Hunderttausenden zählende Auswanderung vor allem nach den Vereinigten Staaten zu ergießen begann.

Von damals her ist heute New York die weitaus am stärksten jüdisch besiedelte Stadt des Erdballs und USA das Land mit den meisten Juden, welche hart darum zu kämpfen haben, ihr eigenes Wesen unter den Assimilationsversuchungen zu bewahren, die kaum irgendwo je so verführerisch an sie herantraten und im Reformjudentum dort schon so großen Erfolg erzielten, dass in USA als jüdisch ,konservativ’ Juden bezeichnet werden, die man in Europa ‚liberal’ nennen würde und welche im religiös völlig zwischen Orthodoxie und praktischer Dissidenz aufgeteilten Staate Israel überhaupt nicht Fuß zu fassen vermögen, obwohl viele dorthin emigrierten früheren deutschen Juden sich nach maßvoller Lockerung der als im neuen Staate verfehlt empfundenen Vorschriften sehnen. (Etwa des staatlichen völligen Verkehrsstops am Sabbat, der stundenlange Fußmärsche zum Meer erzwingt, statt dass Busfahrt möglich wäre.)

Die letzte ganz große, bisher größte Katastrophe für die Juden (neben der iberischen von 1492) war ihre Verfolgung durch Hitler und seine Gefolgschaft seit 1933, anfangs als heuchlerisch getarnte, allmähliche Elimination und Aussonderung (Boykott am 1.4.1933, Berufsbeamtengesetz, ‚Nürnberger Gesetze’ gegen ,Rassenmischehe’ etc. 1935), später als offene Plünderung (‚Kristallnacht’ 9.11.1938) und halb-geheime Ausmordung, der fast die ganze bis 1939 im Lande gebliebene Hälfte der deutschen Juden verfiel (also die besonders heimatverbundenen, z. T. anfangs noch als Frontkämpfer des I. Weltkrieges oder dergl. verschonten), dazu die große Mehrheit der Juden des übrigen (vor allem Ost-)Europa, insgesamt, wie sorgsam errechnet wurde, rund sechs Millionen Menschen.

Nach diesem furchtbarsten Martyrium erlebten die Juden den wunderbarsten Erfolg ihrer ganzen Geschichte in Gestalt der Heimkehr von nun schon bald zwei Millionen ins Gelobte Land und Errichtung des Staates Israel (am 15.5.1948). Ob er „ein Staat wie andere Staaten auch“ oder die Gelegenheit werden wird, den Abrahams-Segen voller auszuwirken, ob dieses einzigartige Volksschicksal allenthalben leichter oder – wegen des neuen Problems der ‚doppelten Loyalität’ gegenüber Wirtsstaat und Israel – noch schwerer, ob die tödliche Assimilation an die Wirtsvölker (bes. Russlands und Amerikas) in letzter Stunde gestoppt oder vielmehr noch beschleunigt werden wird, das sind einige noch offene Grundfragen der fortgehenden Geschichte der Juden, an deren Beantwortung auch der Christ – schon wegen der biblischen Verheißung ihrer künftigen ,Wiederherzunahme’ zum in Jesus Christus erneuerten Gottesvolke Seiner Parusie (Röm 11,15. 24 ff.) – brennend interessiert ist.

2. Die jüdische Religion (und das Christentum)

Die Religion der Juden – von denen es heißt, dass jeder seine eigene habe, weil rein theoretisch fast nichts für alle gleichermaßen verbindlich festliegt, kein ‚Dogma’ jeden verpflichtet, – ist bestimmbar als: das unablässige Bemühen, dass in allen Dingen der Wille des Gottes Abrahams geschehe, wie er durch Mose und die Propheten offenbar geworden ist. Wobei alles ‚Kultische’ seit der Tempelzerstörung zurücktritt.

Alles hieraus (für Sein und Sollen) Folgende ist mehr oder minder kontrovers, besonders zwischen der in sich mangels entscheidungsbefugter oberster Lehrautorität – seit Erlöschen des Synhedrions im 5. (Palästina) bzw. 11. Jh. (Babylonien) – vielfach differenzierten ‚Orthodoxie’ (bzw. besser: Orthopraxie) und dem Reformjudentum des letzten Jh., das sich an den Tora-Buchstaben nicht mehr gebunden fühlt und dafür als ‚Christentum ohne Christus’ disqualifiziert wird, in der Tat oft vom ,Neuprotestantismus’ (oder der ‚Biblischen Religion’ K. Jaspers’) kaum zu unterscheiden ist.

Immerhin lassen sich für das synagogale Judentum als Ganzes einige Aussagen über die ,dogmatischen’ Voraussetzungen machen, auf denen das Aufgegebensein der Gottes-Weisung für die Juden beruht (in losem Anschluss an die ,13 Glaubenslehren’ des Maimonides): Gott ist ,der Ewige’ (so oft sein Name: Ex 3,14), All-Schöpfer, reiner Geist, er ist der Einzigeine schlechthin – und ist „unser Gott“, d. h. der Erwähler Israels und Bundes-Stifter vom Sinai; die Aussage, die den Charakter eines rational nicht beweisbaren (und unwiderlegten) Glaubenszeugnisses am deutlichsten von allen trägt. Hieraus erwächst die Ablehnung jeden Götzendienstes (sowie von ,Schittuph’, Vermischung, Gott allein geschuldeter Reverenz mit solcher gegenüber einem Menschen, wie sie Jesus christlicherseits gezollt werde).

Als Glaubensquelle gilt Gottes Offenbarung durch die Propheten, besonders Moses, ihren ‚Meister’, aufgrund welcher Geheiß und Verheißung von Ihm unverbrüchlich sind, Er die Herzen durchschaut, lohnt und straft, der Messias kommt und die Toten erstehen werden.

Gerade diese letzte (wie auch die Unsterblichkeits-)Erwartung tritt bei vielen modernen Juden stark zurück und an die Stelle des persönlichen Messias ein Zustand messianischen Heils (Jes 2,3 f.), dessen Eintreten als einzig sicheres Kennzeichen des Erfülltseins der Verheißungen gilt – und das heute oft als Marx’ „klassenlose Gesellschaft“, Landauers Anarchismus oder dergleichen erwartet wird, ein Chiliasmus, in dessen säkularisierter Gegen-Gestalt nun zu allen Völkern die prophetische Botschaft vom kommenden Gotteskönigtum gedrungen (China) oder zu dringen bereit scheint. Seinem Noch-Ausstehen entspricht inzwischen die jüdische (,aufklärerische’) „bestimmte Verneinung“ (Hegel, vgl. Horkheimer, S. 36 ff., 199 ff.) alles Scheinvollendeten als götzenhaft, die von Nicht-Juden oft als zersetzend empfundene (und bei haltlosen Einzelnen auchf aktisch entartende) „jüdische Kritik“, die seit alters heidnischen Hass wachruft (Dan 14,28 f.).

Sie kann in Verbindung mit (verbotenerweise) „das Ende bedrängender“ Ungeduld („jüdischer Hast“) und überspitztem (oft verweltlichtem) völkischem Erwähltheitsbewusstsein die eigentliche Substanz der jüdischen Ethik gefährden, die nach wie vor in der bräutlichen Treue gegenüber dem Bundesgott besteht, den ungeteilt zu lieben das täglich mehrmalige „Sch’ma Israel“ mahnt („Höre Israel“ Dtn 6,4 f.) und dessentwegen auch der Nächste und der ,Fremdling’ zu lieben sind (Lev 19 2. 18. 34), womit im Hauptgebot ja auch die christliche Ethik zusammenfällt (Mk 12,29 ff.), die sich als sinngemäße Erneuerung der ursprünglichen Absicht des göttlichen Gesetzgebers der Juden in der Bergpredigt Jesu versteht (Mt 5,17 ff.; vgl. 19,4 ff.).

Nicht die Ethik unterscheidet Juden und Christen, wenn man billigerweise Ideal mit Ideal, Entartungsformen im einen mit ebensolchen im anderen Lager vergleicht und dann höchstens graduelle Unterschiede infolge gelegentlicher Übersteigerung subtiler Kasuistik und massiver Lohnmoral bei den die ,Halacha’ (den gesetzesgemäßen Wandel) debattierenden ‚Jüdischen Moraltheologen’ feststellt (Kommensalität hindernde ,rituelle Reinheit’ der Speisen etc.); vielmehr zunächst die Anthropologie, sofern die Juden dem Menschen (trotz auch vorhandenem, aber stets bezwingbarem ,bösen Trieb’) mehr Freiheit zum Guten auch nach dem Sündenfall verblieben glauben als die Christen; vor allem, soweit diese den urjüdischen Paulus (den Baeck und Asch wieder sehen lehrten) im Sinne Augustins (manichäisierend miss-)verstehen, d. h. die Erbsündenfolgen überschätzen, das gnadenhaft befreite Mitwirken zum eigenen Heil ableugnen (trotz Phil 2,12 f.; 3,12 ff.).

Wäre jedoch immerhin das Menschenbild der Juden noch mit dem katholischen vereinbar (wenn auch, ‚pelagianisch’ überhöht), so scheiden sich völlig die Wege, wo jene dem Gott der Väter wohl die ,Kondeszendenz’ zu Israel am Sinai, den keinem bloßen ,Gott der Philosophen’ zutraubaren Bundesschluss mit einem Menschenhäuflein, nicht aber die noch wunderbarere Herablassung in der Person Jesu als des Menschensohns „vom Himmel her“ der Danielprophetie (Dan 7,13 f.; Mt 26,64 f.) glauben können, – bis einst – laut dem traditionsgemäß verstandenen Neuen Testament – die Hülle über ihrem Herzen ... „hinweggenommen“ (2 Kor 3,15 f.), der „Edelölbaum“ Israel (d. h. das erweiterte Israel der Patriarchen, Propheten und Apostel „aus Juden und Heiden“) durch Wiedereinpfropfung der in den Augen des Heidenapostels zeitweise davon abgetrennten jüdischen Zweige voll restituiert, Jerusalem als die „nie verlassene Stadt“ (Jes 62,12) beglaubigt sein wird (Lk 21,24).

Insoweit auch die Juden erwarten, dass am Ziel der Zeiten Gott „den Völkern reine Lippen geben wird, dass Ihm alle mit einer Schulterbeugung dienen“ (Soph 3,9), teilen auch sie die ökumenische Hoffnung der Christen, wie diese die der Juden auf den messianischen Heilszustand in Gestalt des Offenbarwerdens der bisher noch verborgenen Herrlichkeit Jesu bei seiner Parusie: als beider Gesalbter König. Für die Zwischenzeit gelten die Christen den Juden oft als ,Noachiden’ (so Benamozegh), Teilhaber am älteren Gottesbunde vor dem mit Abraham (Gen 9,8 ff.), bzw. als potenzielle ‚Gerechte aus den Völkern’, deren Frömmigkeit im Talmud als besonders verdienstlich gilt.

Erklärte also Plus XII. zu Anfang des Heiligen Jahres: „Allen denen, die den Messias verehren – ohne Ausschluss jener, welche ihn in aufrichtiger, aber überflüssig gewordener Erwartung als von den Propheten Verheißenen, aber noch nicht Gekommenen verehren –'', öffne er seine Arme und sein Herz, so ist auch auf jüdischer Seite im Maße wachsenden Verstandenwerdens seitens der Christenheit wachsendes Verständnis für diese (trotz Rückschlägen, bes. in der versuchlichen Monopolsituation Israels) zu beobachten.

Solches pflegen mehr noch als die oft in bloßem Humanitarismus steckenbleibenden ‚Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit’ (international zum Teil angeschlossen der Worldbrotherhood) evangelischerseits die über frühere simplifizierende ,Missions’-Praxis hinauswachsenden Kreise um das Internationale Committee of the Christian Approach to the Jews beim ‚Weltrat der Kirchen’ und katholischerseits Kreise wie die prêtres de Notre Dame de Sion (,Cahiers Sioniens’), der Niederländische Katholische Rat für Israel, das Institute of Judaeo-Christian Studies Newark N. J. (The Bridge) sowie die Herausgeber des FREIBURGER RUNDBRIEFS, Beiträge zur Förderung der Freundschaft zwischen dem Alten und dem Neuen Gottesvolk im Geiste beider Testamente.

Inzwischen durchpilgert der fromme Jude auch weiterhin ,das Jüdische Jahr’, wie es Rosenzweig (,Stern’ III, 1) so eindrucksvoll gedeutet hat: Jeden Freitagabend im häuslichen Kerzenschimmer bei Brot und Wein als bräutliches ,Fest der Schöpfung’, Sabbatmorgen mit der wechselnden Laien-Bibellesung im Lauf eines Jahres die ganze Tora) als Gedenken der Offenbarung, nachmittags im gemeinsamen ‚Gebet der Erlösung’. Und aus diesem Wochenrhythmus herausragend Pesach-Ostern wieder als häusliches Fest der Befreiung aus Ägypten; am „50.“ Tage darauf „Pfingsten“-Schawuoth als eigentliches Offenbarungsfest; zur Ernte unter freiem Himmel das Sukkot- bzw. „Laubhüttenfest“ der in der Wüste Ruhe und Erlösung Erhoffenden im Anschluss an die ‚furchtbaren Tage’: Neujahr (Rosch ha Schana), die Vorwegnahme des Gerichts mit dem Posaunen-(Schofar-)Blasen, und der Versöhnungstag (Jom Kippur), im Sterbekleid, der Begnadigung dessen, – der zu Gott umkehrt.

3. Juden und menschliche Gesellschaft

a) Das Familienleben machte lange die Stärke der Juden aus und verbürgte als hauptsächliche liturgische Kraftquelle (besonders an jedem Sabbat!) ihr religiös-nationales Überleben, das eben darum nie gefährdeter war, als seit sie erschüttert ist.

Ursprünglich vaterrechtlich orientiert (Söhne sichern Dauern der ‚Vaterhäuser’ bis zur Heilszeit; ‚Leviratehe’ Dtn 25,5 ff.!), erhöhter Wert der ,Aqeda’, (Bindung, Opferung des Sohnes durch Abraham, wie sie so oft jüdischen Vätern durch Taufzwang aufgenötigt erschien!), haben die Juden doch schon früher auch die Frau zu würdigen gewusst; biblisch: Debora (Ri 5), Abigail (1 Sam 25), Hulda (2 Kön 22,14 ff.), Esther und Judith; rabbinisch: Akibas Frau, deren Arbeit er sein Studium verdankte; Meirs, den die seine Demut lehrte. Doch kam es nicht zu längerem ,Matriarchat’ (Atalja 2 Kön 11 f.) und ward die Frau nie voll ,religionsmündig’ in der Synagoge, sodass sie erst durch die Emanzipation zu gesellschaftlicher Entfaltung kam (Berliner jüdische Salons einer Rahel Varnhagen, Henriette Herz, Dorothea Veith geb. Mendelsohn, spätere Schlegel) und nun oft von Nichtjuden besonders geschätzt wurde (W. Raabe, Frau Salome), wie auch die jiddische „Maimme“ ihre Familie zusammenhielt (schon die Glückel von Hameln laut ihren berühmten Memoiren; rechtlich ist die jüdische Mutter für Religionszugehörigkeit maßgebend; vgl. Apg 16: Timotheus).

Den ‚Weltvölkern’ gegenüber befindet sich soziologisch das ,Priestervolk’ der Juden in ähnlicher Lage, Verpflichtung und Versuchung wie der Klerus unter den Laien (näher ausgeführt in dem Rundfunkvortrag ‚Antisemitismus – Antiklerikalismus, FrRu 8/9), bleibt also wesensmäßig immer und überall in gewissem Sinn ,Fremdling’, ,Gast’ (Lev 19,34; 25,23; Ps 146,9; vgl. 1 Petr 2,1.

Die unausweichliche Problematik dieser Lage ist die Hauptwurzel des ,Antisemitismus’, den schon v. Chr. die Bibel unzweideutig charakterisiert (Est 3,8; 13,5; Dan 14,27 ff.).

b) Insbesondere auch das Verhältnis der Juden zu Staat und Rechtsordnung ist beidem gegenüber durch den Abstand eines Volkes bestimmt, in dessen Tradition die eigentliche Staatsbildung (durch Sauls Königswahl) als Abfall vom unmittelbaren Gotteskönigtum über die ‚Eidgenossenschaft’ Alt-Israels erscheint (1 Sam 8; vgl. Ri 8,22 ff.).

Zweieinhalbtausend Jahre hindurch war dann der Staat für die Juden (und blieb für die meisten bis heute) nicht die eigene, sondern Sache der Weltvölker, deren Obrigkeit man im eigensten Interesse ein gewisses Maß von Loyalität zollte (Jer 29,4 ff.; vgl. 1 Petr 2,12 ff.), aber keinesfalls ,religiöse’ Hingabe (Dan 6; vgl. Mk 12,17; Apg 12,19 ff.). Darum stehen alle innergeschichtlichen Staaten für die Juden unter Gottes drohendem Gericht und außerhalb ihrer ureigenen Verantwortung, bis durch die Entstehung Israels für dessen jüdische Bürgerein neuartiger Zustand eintrat, der sich bisher erst negativ am Mangel einer Verfassung verdeutlichte (weil die Orthodoxie jede nichttheokratische ablehnt), bald aber die Frage nach weiteren Konsequenzen steillen dürfte.

Gegenüber jeweils geltendem Recht manifestiert sich die Fähigkeit vieler Juden zu subtile Distinktion (pilpul), welche im Lehrhaus (der Jeschiwa, ‚Judenschule’) gepflegt wurde und manchmal bis zur unfruchtbaren Rabulistik getrieben werden kann.

c) Auch die Beziehung der Juden zu Geist und Kultur im Allgemeinen ist durch die dort vorausgesetzte Höchstschätzung rationalen Geschultseins in der jüdischen Gesellschaft (der ‚Gelehrte’ als Schwiegersohn, wenn man schon selbst ,Amhaarez’, ‚Landvolk’, bleiben muss!) und dort gezüchtete bewegliche Intellektualität bestimmt, der nicht immer Phantasie und gesunder Menschenverstand die Waage halten; andererseits durch das – in der Spätantike (Synagoge von Dua-Europos) aufgelockerte – Bildverbot, das Juden von der Bildenden Kunst bis zur Emanzipation fernhielt und kaum vor 1900 erstrangige Maler (wie Chagall, Liebermann, Modigliani) oder Zeichner (wie S. Steinberg) aus ihnen hervorgehen ließ, seltener Plastiker (wie Lipchitz).

Ihre Stärke liegt in der musikalischen Produktion (oder Interpretation: synagogale Vokal-, später auch Instrumentalmusik; Meyerbeer, E. Halévy, F. Mendelssohn-Bartholdy, Offenbach, Schönberg; J. Joachim, Br. Walter, O. Klemperer, Y. Menuhin u. a.), sowie vor allem in der literarischen.

Angefangen von – z. T. dem Väterglauben entfremdeten – Philosophen (bzw. auch Theologen) wie Moses Mendelssohn (1722–1786), Salomo Maimon, Marx, Lassalle, Cohen, Husserl, Simmel, Bergson, Cassirer, Scheler, W. Benjamin, M. Buber, F. Rosenzweig (1886–1929), über ganz unzählbare große Gelehrte: Naturforscher wie Haber und Einstein, Ärzte wie Ehrlich und Freud, besonders auch Juristen wie H. Dernburg, P. Laband, G. Jellinek und H. Sinzheimer, bis zu Theatermännern (M. Reinhardt), Schriftstellern und Dichtern wie Heinrich Heine, der nur aus seinem zeitweise in ,jüdischem Selbsthass’ geschmähten, dann reuig wiederentdeckten Judentum verstehbar ist (Brod), B. Auerbach, Wolfskehl, Wassermann, Else Lasker-Schüler, Borchardt, Döblin (starb als gläubiger Katholik), Sternheim, Broch, Werfel, Josef Roth, sowie den zwei ganz Großen aus Böhmen: Franz Kafka und Karl Kraus; Erscheinungen, vor denen die Fülle der vom letzteren in seiner ,Fackel’ gegeißelten Nachschwätzer, Schmutz- und Schundlieferanten, die natürlich auch nicht fehlt, zur nichtigen Folie verblasst, welche wirklich mehr den extra et intra muros peccierenden Zeitgeist der Vor- und ersten Nachkriegszeit kennzeichnen als „die Juden“, deren wortgewandteste sich ihm in oft geradezu rauschhaftem Genuss ihrer neuen ,Freiheit’ gerade auch von der einst bergenden, ,jetzt’ nur noch fesselnden ,Mischpoche’ (Sippe) hemmungslos hinzugeben versucht waren, – nun doch endlich „Menschen wie andere Menschen auch“.

Als die Synthese wie auf dieser unteren so auf jener obersten Ebene vollendet erschien und kein Redlicher mehr hätte leugnen dürfen, dass die Kultur der Deutschen mit der der Juden eine Paarung eingegangen war, wie es keine fruchtbarere – im Guten und im Bösen – seit der spanisch-jüdischen gegeben hatte, da begannen die Ereignisse, aus denen Wolfskehl schon 1933 „die Stimme“ heraussprechen hörte:

Immer wieder, wohl, und immer wieder
Schüttl’ ich Meines Zornes Sturmgefieder,
Immer wieder habt ihr Mich verraten,
Wettert’ ich ob eurer Frevelsaaten.

Immer wieder doch, und immer wieder
Steigen auf zum Himmel eure Lieder,
Immer wieder such Ich das zerstreute
Israel, nie wird’s der andern Beute! ...


XI. Folge 1958/59, Nr. 41/44, November 1958, S. 15–19


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