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Zusammengestellt von der Redaktion (1958)

Israel und Judentum in heutigen deutschen Geschichtsbüchern (Teil II)

Hitlers Judenverfolgung und ihre Vorgeschichte

Nachdem im vorjährigen Rundbrief (FrRu X, S. 22 ff., Teil I) die Behandlung der Geschichte Alt-Israels in den vier weitest verbreiteten Geschichtsbüchern für die Oberstufe höherer Schulen aus der Bundesrepublik wiedergegeben worden war, lassen wir (auf vielfachen Wunsch aus dem Leserkreise) diesmal aus denselben Werken Ausschnitte aus ihrer Darstellung der jüngsten Geschichte folgen, also Antwort auf die Frage: Wie wird den heutigen deutschen Oberprimanern das dargestellt, was Hitler (nebst seinen Vorläufern) „weltanschaulich“ vertreten und was er den jüdischen Menschen angetan hat? (Die erst allmählich in die neuen Auflagen der Geschichtsbücher eindringende Behandlung des Staates Israel lassen wir später folgen.)


Grundriss der Geschichte A IV: Weltstaatensystem und Massendemokratie, von Prof. Dr. H. Herzfeld (Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1954).
Rassenlehre und Antisemitismus (S. 76 f.)

Die Entwicklung der modernen Rassenlehre hat sich im 19. Jahrhundert langsam in dem gleichen Maße vorbereitet, in dem die religiöse Überlieferung und das Erbe der europäischen Humanitätsidee verblassen. Der Franzose Gobineau hat in seiner Abhandlung über die Ungleichheit der Rassen zuerst das Wesen der Völker in einer ursprünglichen, sich letzten Endes gleichbleibenden Rassenanlage erblicken wollen und die Auffassung vertreten, dass die „arische“ Rasse allen anderen Rassen der Erde überlegen sei.

Diese Rassenlehre hat in Deutschland erst um 1900 begonnen, stärkeren Eindruck zu machen. Der als Engländer geborene Houston Stewart Chamberlain ist ganz von dem Gedanken erfüllt, dass die arische Rasse alle großen weltgeschichtlichen Leistungen vollbracht hatte. Der Historiker L. Woltmann hat sich, ohne viel Anklang bei der ernsten Wissenschaft zu finden, bemüht, den Auswirkungen des Rassenerbes in der Geschichte der europäischen Völker nachzugehen.

Diese Rassenlehre verbindet sich mit der Überzeugung, dass alle Geschichte nur ein erbarmungsloser Machtkampf sei. Im Nationalsozialismus wird sie vollends naturalistisch und kennt keinerlei Bindung durch transzendente Werte mehr. Sie verleugnet damit alle der gesamten Menschheit gemeinsamen sittlichen Werte. Der Ächtung verfällt so auch die Humanitätsidee, die das geschichtliche Europa als Erbe der Antike und des Christentums bisher stets hochgehalten hat. Seine letzte Zuspitzung erfährt dieses starr gewordene Rassendogma in der Übersteigerung der Judenfeindschaft, im Antisemitismus.

Auch dieser ist im 19. Jahrhundert vielfach, nicht nur in Deutschland bei Treitschke und den Alldeutschen, zum Teil als Abwehrerscheinung gegen mancherlei unerfreuliche Begleiterscheinungen der Judenemanzipation, vertreten gewesen. Den Antisemiten der Zeit um 1919 erscheint das Judentum als verantwortlicher Urheber des sozialistischen Radikalismus und des Bolschewismus, deren erste Träger in Russland, aber auch anderswo (Bela Kun in Ungarn, Kurt Eisner in Bayern) nicht selten jüdischer Abstammung gewesen sind. Nationalismus und Judenhass gehen eine Verbindung ein, die ihre letzte Steigerung durch Adolf Hitler und im Nationalsozialismus findet.

Der Jude erscheint als Weltfeind, als Prinzip des Bösen, das für alle Leiden der Zeit verantwortlich gemacht wird. Aber das jüdische Problem spielt auch in den Randstaaten und auf dem Balkan, in Polen, Ungarn und Rumänien eine überaus große Rolle und macht diese Länder in hohem Maße für den Antisemitismus empfänglich. In der westlichen Welt hat er dagegen zwar nicht gefehlt, ist aber doch überwiegend auf scharfe Ablehnung gestoßen. Selbst das faschistische Italien hat sich ihm nur zögernd unter deutschem Druck angeschlossen. Als Ganzes haben Rassenlehre und Antisemitismus die blinde Ausschließlichkeit des modernen Nationalismus furchtbar gesteigert und ihn durch die Verbindung mit dem Neid auf eine wirtschaftlich erfolgreiche Minderheit besonders verächtlich gemacht.

Innere Gegensätze (S. 108 f.)

Die inneren Gegensätze sind trotzdem durch das Ringen um Erfüllungspolitik oder Kampf gegen den Vertrag bis zur Siedehitze gesteigert worden. Damit beginnt eine durch die Gärung der Nachkriegszeit begünstigte verhängnisvolle Verwilderung des politischen Lebens. Der politische Mord wird zu einer Waffe, die radikalnationalistische Rechtskreise, besonders verblendete Jugend, anwenden zu dürfen glauben.

Erstes Beispiel ist schon die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs nach ihrer Gefangennahme während der Berliner Unruhen im Januar 1919. 1921 wird Matthias Erzberger, der den Rechtsradikalen als verantwortlich für den Waffenstillstand und die Unterzeichnung des Friedensvertrags gilt, erschossen. Im Juni 1922 wird Walther Rathenau, den man als Juden und Erfüllungspolitiker ohne jede Vorstellung von seinem geistigen Rang und seiner wirklichen Leistung blindlings hasst, in Berlin ermordet. Die Folge ist der Erlass eines Gesetzes zum Schutze der Republik, das auch beleidigende Angriffe auf die Verfassung, auf führende Männer und die Farben der Republik unter Strafe stellt. Bei der fanatischen Erregung der öffentlichen Meinung kann aber auch diese Maßnahme des Übels nicht Herr werden, sondern hat es zunächst nur noch verstärkt.

Das Wesen des Nationalsozialismus (S. 127 ff.)

Bei aller Hemmungslosigkeit des Machtwillens lassen sich aber doch gewisse Grundgedanken feststellen, die das Wesen des Nationalsozialismus bestimmen. Diese Grundgedanken haben ihn und das deutsche Volk in den größten Zusammenbruch der neueren Geschichte hineingeführt. Ein unbedingter Nationalismus, der schließlich zum schrankenlosen Imperialismus wird, Rassenlehre und Antisemitismus sind Mächte, die ihn, von Anfang an erkennbar und schon in „Mein Kampf“ festgelegt, beherrschen. Sie haben sich im Kern niemals verändert ...

Antisemitismus

Ihre letzte Verdichtung und Steigerung erfährt die Rassenlehre in dem Antisemitismus, der Hitlers ganze Laufbahn vom Beginn bis zum Ende erfüllt. Der Jude ist für ihn der Weltfeind schlechthin, der Urheber alles Bösen, der Schuldige an allem Unheil und Unglück in Vergangenheit und Gegenwart.

Das Parteiprogramm will den Juden unter Fremdenrecht stellen, ihm die Rechte des Staatsbürgers aberkennen. Die Entwicklung seit 1933 führt zu immer brutalerer Verfolgung. Sie beginnt mit dem Boykott des Jahres 1933, führt zu der Nürnberger Gesetzgebung, die dem Juden die staatsbürgerlichen Rechte aberkennt und die Eheschließung mit nichtjüdischen Deutschen verbietet. Das Jahr 1938 bringt nach der Erschießung des Legationsrates vom Rath in Paris das wilde „Pogrom“ der ganz offiziell von der Partei organisierten „Reichskristallwoche“.

Im Weltkrieg mündet dies alles in dem grausigen Versuch, die Juden nicht nur Deutschlands, sondern auch der besetzten Länder, besonders des Ostens, durch Konzentrationslager und Vergasung von Millionen physisch zu vernichten. Diese Verleugnung des ganzen europäischen Kulturerbes ist auf die unvermeidliche Abwehr durch die Juden und jüdischen Flüchtlinge in der ganzen Welt gestoßen. Das Echo, das sie außerhalb der Reichsgrenzen finden, hat für die wachsende Ablehnung des Nationalsozialismus in der Welt schwerwiegende Bedeutung erlangt. Sein Hass ist dadurch vollends zur letzten fanatischen Härte gesteigert worden.

Das deutsche Volk als Ganzes ist mit diesem Antisemitismus der Partei und ihrer Führer niemals gleichzusetzen gewesen. Zum mindesten zeitweise und teilweise sind aber unter den nachwirkenden Eindrücken der Weltwirtschaftskrise und unter dem Bann der Erfolge Hitlers nach 1933 nicht unerhebliche Kreise der Verführung dieser antisemitischen Propaganda erlegen. Die verhängnisvolle, aber unvermeidliche Folge ist gewesen, dass die Außenwelt das deutsche Volk als Ganzes dafür verantwortlich gemacht hat ...

(S. 168) ... Die Verfolgung der Juden steigert sich seit 1941 zu Massen-Verhaftungen, deren Opfer in Konzentrationslagern und in Gaskammern zu Millionen den Tod finden, da diese Methode auch auf die besetzten Länder, vor allem des Ostens, ausgedehnt wird ...

Grundzüge der Geschichte VlI: ‚Von der Französischen Revolution 1789 bis zur Gegenwart’ von Dr. phil. habil. Ernst Busch (Verlag Moritz Diesterweg 1956).

(S. 175 ff.) ... Die nationalsozialistische Rassenlehre teilte die Menschheit in ihrem Werte nach ungleichen Rassen ein. Wirklich wertvoll erschien nur die nordische Rasse, deren Bluterbe angeblich vor allem im deutschen Volke weiterlebte. Deshalb war das deutsche Volk zur Herrschaft berufen. Um aber dazu fähig zu sein, musste es sowohl seine völkische Substanz als auch seine Kultur von allen fremdrassischen Elementen reinigen und sich nach den heroischen Werten, wie sie der nordischen Rasse eigen waren, ausrichten. Deshalb sollten die Juden unterdrückt oder ausgerottet werden; als Angehörige einer angeblich minderwertigen Rasse wurden sie vielfach zum Urheber alles Unheils gestempelt, das über das Deutsche Reich insbesondere seit der Revolution hereingebrochen war. Dieser Antisemitismus war schon vor dem Kriege in nationalistischen Kreisen verbreitet. Das Gedankengut der Alldeutschen lebte im Nationalsozialismus fort. (S. 138: „Sie betonten den Vorrang der germanischen Rasse.“)

In religiöser Hinsicht erschien die Bekehrung der deutschen Vorfahren zum Christentum, das vor allem wegen seines geschichtlichen Zusammenhangs mit dem Judentum und unter Nietzsches Einfluss als minderwertige Religion angesehen wurde, als ein Irrtum, der nur durch eine Abkehr vom christlichen Dogma und eine Hinwendung zu den heroischen Werten wiedergutzumachen war. Der Nationalsozialismus forderte, in dieser Hinsicht dem Jakobinertum und dem Bolschewismus ähnlich, die totale Revolution, d. h. die Revolution auf allen Gebieten des Lebens ...

Das Beamtentum wurde „gleichgeschaltet“. Jüdische Beamte oder solche, die durch ihre demokratische Einstellung bekannt waren, wurden pensioniert oder entlassen ...

Durch Terror und Propaganda wurde die Entwicklung gleichsam in die Form einer dauernden Revolution vorwärtsgetrieben. Man richtete Konzentrationslager ein, in die man viele Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Männer, die ihrem Widerspruch gegen den neuen Staat Ausdruck verliehen, ohne Gerichtsurteil einsperrte. Oft wurden sie grausam zu Tode gemartert. Auch Geistliche wurden ins Konzentrationslager gebracht. Die Geschäfte der Juden verfielen dem öffentlichen Boykott, am 8. November 1938 gingen ihre Gotteshäuser in Flammen auf, ihre bewegliche Habe wurde vielfach zertrümmert, viele Juden viehisch ermordet ...

(S. 183) Furchtbar waren die Gräuel, die der Nationalsozialismus in den besetzten Ländern verübte. Zahllos waren die Erschießungen von politisch Verdächtigen und von Geiseln. Die Länder wurden ausgeplündert, ihre Arbeitskräfte nach Deutschland verschleppt. Millionen Juden wurden in den Konzentrationslagern vernichtet ...

Erbe des Abendlandes III: ‚Europa in der Welt’ von Dr. Karl Buchheim (Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1954).

(S. 190) ... Russland wurde einer der wichtigsten Entstehungsherde des Antisemitismus. Die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, die dem Judentum die Schuld an einer großen revolutionären Weltverschwörung zuschieben, sind eine Fälschung der zaristischen Geheimpolizei (Ochrana) (s. u. S. 86).

(S. 212 f.) Die Mittelstandsbewegung vertrat die Interessen solcher Bevölkerungsgruppen, die sich weder zu den Arbeitern noch zu den Kapitalisten rechneten, der Handwerker, Einzelhändler usw. Sie bekämpfte die Übermacht der Warenhäuser und Konsumvereine und den unlauteren Wettbewerb. Ein Teil dieser Schichten zeigte antisemitische Neigungen. Es bildeten sich auch mittelständlerische antisemitische Gruppen im Parlament: Deutschsoziale, Deutsche Reformpartei; aber sie erlangten keinen Einfluss ...

Der größte Teil der deutschen Universitätshistoriker, an der Spitze Heinrich v. Treitschke (1834–1896), erlag einem lauten Nationalismus. Die Rassenlehre des Grafen Gobineau (1816–1882), die das Germanentum verherrlichte, kam in Deutschland zu verhängnisvollem Einfluss. Sie verband sich in der Person Houston Stewart Chamberlains (1855–1927) mit den Bestrebungen des Bayreuther Richard-Wagner-Kreises. Auch an Nietzsche konnte sie anknüpfen. Aus sozialistischen Anfängen wandte sich ihr Eugen Dühring (1833–1921) zu. In stark vergröberter Form wurde sie durch die Zeitschrift „Hammer“ von Theodor Fritsch im Volke verbreitet (seit 1902) ...

(S. 251) Das Programm der Nationalsozialisten, das in „25 Punkten“ aufgestellt worden war, war in sich widerspruchsvoll und hauptsächlich darauf berechnet, möglichst breiten Wähler-Schichten schmackhaft zu sein. Eine ernst zu nehmende Theorie – wie der Kommunismus – besaß der Nationalsozialismus nicht. Auch Rassenlehre und Antisemitismus wurden wohl von vielen Parteigläubigen mit Überzeugung vertreten, von Hitler selbst aber durchaus seinem persönlichen Machtstreben untergeordnet. Ein großes Herrschafts- und Eroberungsprogramm, das er frühzeitig in seinem Buch „Mein Kampf“ (1925) entwickelte, war ihm von Anfang an das Wichtigste ...

(S. 256) Der „Führerstaat“ glich in vielem einer modernisierten orientalischen Despotie. Vor allem die Handhabung der Gesetze beruhte auf Despotenwillkür. So wurden die Juden durch die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 einer reinen Willkür unterworfen. Das Ziel war ihre Ausrottung, die nachher im Kriege an Millionen vollstreckt wurde ...

Geschichtliches Unterrichtswerk für höhere Lehranstalten III: ‚Die neueste Zeit’ (Vom Ursprung der USA bis heute) von Dr. R. H. Tenbrock und Prof. Dr. K. Thieme (Verlag F. Schöningh, Paderborn 1956, 358).

(S. 147) Mit einem übersteigerten Nationalismus verband sich am Ende des Jahrhunderts, übrigens gleichläufig mit großen Judenverfolgungen in Russland (1880 und 1903), der Antisemitismus. Schon 1881 wandte sich der vom Hofprediger Stoecker gegründete „Christlich-soziale Arbeiterverein“ an Bismarck mit der Bitte, die Einwanderung ausländischer Juden zu verhindern und den inländischen Juden den Zugang zum Richter- und Lehramt unmöglich zu machen. Bismarck lehnte das ab.

Aufgrund des 1853/55 in Frankreich erschienenen Werkes des Grafen Gobineau (1814–1882) „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ wurde der ‚Antisemitismus’ scheinwissenschaftlich rassisch begründet, obwohl die Semiten eine Sprach-, allenfalls Völkerfamilie repräsentieren, keine eigentliche ,Rasse’ (wie die weiß-, die schwarz-, die gelb- und rothäutige). Gobineau schrieb alle bedeutsamen Kulturleistung sogenannten höheren Rassen, insbesondere der nordischen, zu, deren Verkörperer die Germanen seien.

Der Engländer Houston Stewart Chamberlain († 1927), Schwiegersohn Richard Wagners, popularisierte später diesen Gedanken in seinem Werk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ (1900). Damit waren die theoretischen Voraussetzungen für den Antisemitismus geschaffen, ohne dass dieser zunächst eine große politische Bedeutung hatte.

Unter dem Druck des Antisemitismus sowohl im Westen (Dreyfus-Fall) wie auch in den osteuropäischen Ländern entstand die Bewegung des Zionismus, die der Wiener Schriftsteller Th. HerzI (1860–1904) begründete. Sie wollte für das jüdische Volk eine gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen. 1897 fand in Basel ihr erster Kongress statt. Schon vor dem I. Weltkrieg siedelten sich die ersten zionistischen Juden im Lande ihrer Vorväter an.

(S. 197 f.) Die Weimarer Verfassung hatte eine Reihe von Gegnern:

  1. Die Spartakisten wollten durch Revolten im Dezember1918, im Januar und im März 1919 die Regierung stürzen. Es kam in Berlin und Bayern zu heftigen Straßenkämpfen; die Regierung blieb jedoch mit Hilfe für den Bürgerkrieg rekrutierter freiwilliger Verbände (Freikorps) Herr der Lage; nicht ohne dass ‚weißer Terror’ (z. B. Ermordung K. Liebknechts und R. Luxemburgs) den roten zu übertrumpfen begann.
  2. Im März 1920 wurde von rechts der sogenannte Kapp-Lüttwitz-Putsch gegen die Republik geführt. Der General Freiherr von Lüttwitz, Stadtkommandant von Berlin, rief den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Kapp zum Kanzler aus. Der Putsch scheiterte an der Nichtbeteiligung des größeren Teils der Reichswehr und besonders am Widerstand der Arbeiter, die einen Generalstreik (Sperrung der Wasser-, Gas und Elektrizitätsversorgung sowie des Eisenbahn- und Straßenverkehrs) durchführten.
  3. Radikale nationalistische Kreise hetzten in verantwortungsloser Weise gegen alle Unterzeichner des Versailler Vertrags. Die Folge dieser Hetze waren politische Morde. Am bekanntesten wurden die Ermordung des Zentrumsführers Erzberger und die des Demokraten Walter Rathenau, des Organisators der Kriegswirtschaft, der zur Zeit seiner Ermordung 1922 Außenminister der deutschen Republik war.

(S. 224 f.) Unter der Tarnkappe des „nationalen Gedanken“ (bzw. des „völkischen“) erstrebte Hitler in Wirklichkeit die Weltherrschaft des „arischen“ oder „nordischen“ reinrassigen „Herrenvolks“, das er aus dem deutschen und den „rassisch artverwandten“ durch rücksichtslose „Ausmerzung“ aller „Minderwertigen“ rekrutieren wollte (wie die Waffen-SS aus ganz Europa rekrutiert wurde).

„Der Führer denkt nicht deutsch, er denkt germanisch“, sagte Himmler, – als Hitler selbst sich bereits über das germanische „Geschrei“ lustig machte und „arisch dachte“.

Von sich selber sagte er: „Ich bin nichts anderes als ein Magnet, der lauernd über die deutsche Nation streicht und den Stahl au diesem Volke herauszieht. Und ich habe oft erklärt, dass die Zeit kommen wird, da wird alles, was in Deutschland an Männern da ist, in meinem Lager stehen. Und was nicht in meinem Lager steht, das taugt sowieso nichts“, ist also ausrottungsreif. Denn der Mensch soll nach Hitler die Natur nachahmen, deren Kampf ums Dasein auch nur dem Reinrassigen und Stärksten das Überleben gestatte.

Aus der Rassenideologie Hitlers erklären sich der Antisemitismus des Dritten Reiches, der Kampf gegen die christlichen Kirchen, die Gegnerschaft gegen jeglichen Pazifismus.

Der Kampf gegen das Judentum begann mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. 1935 wurden alle als Juden bezeichnet, die mehr als zwei jüdische Großeltern hatten. Sie durften nicht Reichsbürger sein, d. h. sie hatten zwar Verpflichtungen gegen den Staat, durften aber keine Ämter bekleiden und nicht wählen. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot die Heirat zwischen Deutschen und Juden sowie zwischen Deutschen und Halbjuden. Scharen von Juden in den gelehrten und den freien Berufen, Professoren, Erfinder, Schriftsteller, Künstler und Industrielle wanderten aus (Emigranten). Ihr Besitz wurde rücksichtslos, entsprechend den Bedürfnissen der deutschen Konkurrenten, verwendet.

Weil sich führende Persönlichkeiten aller christlichen Gruppen nach anfangs teilweiser Irreführung den rassistischen (Euthanasie!), speziell antisemitischen Anschauungen und Handlungen widersetzten, kam es allmählich zum offenen Kampfe zwischen dem Hitlerstaat und den Kirchen ...

(S.232) ... Hitler und Goebbels unternahmen es, auch die Kulturpolitik des Dritten Reiches nach ihren Ideen zu bestimmen. Deshalb ordneten sie an, dass jüdische Künstler und solche „Arier“, die von jüdischem Geiste „angesteckt“ waren und deshalb eine „zersetzende Wirkung ausübten“, nicht mehr in Deutschland schaffen durften. Diese suchten Zuflucht im Ausland.

Die Lehrstühle an den Universitäten, die führenden Stellungen in den naturwissenschaftlichen und medizinischen Laboratorien sollten möglichst nur mit Männern besetzt werden, die den Nationalsozialisten genehm waren. Alle Werke moderner Künstler wurden kurzerhand als „entartet“ aus den Museen verbannt und zum Teil ins Ausland verkauft.

Durch diese Maßnahmen wurde das deutsche geistige und künstlerische Schaffen von dem der übrigen Welt abgeschnitten ...

Der Höhepunkt des nationalsozialistischen Terrors (S. 243/245).

Hitlers krankhafte Vorstellung, dass „der Jude“ der Urheber alles Bösen und Minderwertigen in der Welt sei, hatte ihn schon früh Bolschewismus und Judentum gleichsetzen lassen. Im Krieg gegen Russland und den Bolschewismus sah er gleichzeitig einen Kampf gegen das Judentum. Schon 1940 hatte die Regierung alle Juden verpflichtet, den sogenannten Davidstern jederzeit sichtbar an ihrer Kleidung zu tragen.

Seit 1941 wurde der Versuch einer vollständigen Ausrottung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas auf Befehl Hitlers durch Himmler, den „Reichsführer SS“ und seit 1943 Innenminister, unternommen (Hitlers Anweisung „zur Endlösung der Judenfrage“). Durch Massenvergasung in den Konzentrationslagern sollte dieses Ziel erreicht werden. Bis 1944 fielen diesem Terror über 5,5 Millionen Juden zum Opfer.

Aber auch gegen Geisteskranke und deutsche Gegner des Systems ging Hitler mit gleichen oder ähnlichen Maßnahmen vor. Je schwieriger die Kriegslage wurde, um so ungehemmter ließ das System den verbrecherischen Instinkten einer kleinen, aber rücksichtslosen Minderheit im deutschen Volke freie Bahn. Gerade in den letzten Kriegsjahren wurden die Konzentrationslager zu wirklichen Stätten des Grauens.

Die Vorstellung, dass der „Germane“ den anderen Völkern, besonders den Slawen, rassisch überlegen sei, wirkte sich vor allem in der Behandlung des polnischen und des russischen Volkes aus. Die Tatsache, dass beide Seiten – Bolschewismus und Nationalsozialismus – den Krieg in Russland als einen Weltanschauungskampf um Sein oder Nichtsein betrachteten, machte den Krieg an sich schon grausamer, als er es bisher gewesen war.

Darüber hinaus aber versuchten Hitlers Befehle an die Truppen und die Anweisungen einzelner fanatischer nationalsozialistischer Generale den Krieg gegen die Sowjetunion zu einem Rache- und Vernichtungskampf zu gestalten, in dem auch Gefangene, Greise, Frauen und Kinder dem brutalen Zugriff einer fanatisierten Minderheit des deutschen Volkes in SS- und Parteiorganisationen geopfert wurden. Das Ergebnis war, dass man diese Maßnahmen dem gesamten deutschen Volke zur Last legte, für das die Machthaber zu sprechen und zu handeln sich anmaßen konnten.


XI. Folge 1958/59, Nr. 41/44, November 1958, S. 20–22


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