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Universitätsprofessor Dr. Richard Egenter

Gedanken eines Moraltheologen zum Problem Israel

Der Angriff Israels1 auf Ägypten war ein Testfall für die Fähigkeit unseres Gewissens, mit einem unerwarteten Ereignis  auf christliche Weise fertig zu werden. Aber nicht nur das machte er offenbar, sondern auch, wie wir in unseres Herzens Grunde zu den Juden stehen. Geben wir es ruhig zu, manchem von uns ging es durch den Kopf und wohl auch über die Zunge: „Es sind eben doch freche, unverschämte Juden!" Sofort hätte unser christliches Gewissen zupacken müssen: Geben Dir die Tatsachen ein Recht zu diesem Urteil? Und vor allem, was besagt dieses „eben doch"?

Lebt in den Tiefen deiner Seele „eben doch" noch das Bild, die Kollektivlüge vom Juden, treu nach Hitler und Konsorten? Genügt ein politischer Vorfall, der uns nicht gleich verständlich ist, um unsere scheinbare christliche Objektivität mit unkontrollierten Gefühlen der Abneigung zu überschwemmen? Werden wir Christen mit solchen Halbheiten des Herzens imstande sein, falls es wieder einmal wie Krankheit unser Volk befallen sollte, entschiedener und tapferer entgegenzutreten als den Judenverfolgungen im Dritten Reich? Das sind natürlich unangenehme Fragen; aber sie sind heilsam.

Nun zur Sache. Wenn dem Christen etwas Unerwartetes begegnet, wird er nach den christlichen Grundsätzen fragen, die ihm in dem betreffenden Fall zu einem selbständigen Urteil verhelfen. Israel hat einen Krieg mit Ägypten begonnen. Liegt ein ungerechter Angriff vor? Es handelte sich um einen „kleinen Krieg", bei dem aller Voraussicht nach kein Einsatz von Atomwaffen zu erwarten war. Freilich war zu bedenken, wieweit dadurch eine größere internationale Krise ausgelöst werden konnte, ganz gleich, ob man von dem Eingreifen Frankreichs und Englands schon etwas ahnte oder nicht. Was sagt nun die katholische Moraltheologie über die Erlaubtheit des Krieges? Ein Krieg darf nur begonnen werden, wenn eine schwerste Bedrohung des Volkes und des Staates gegeben ist, wenn keine andere Möglichkeit mehr besteht, dieser Bedrohung zu begegnen, wenn der Krieg von der rechtmäßigen Staatsführung erklärt und nicht mit in sich unerlaubten Mitteln geführt wird.

Wie war es im Falle Israel? Mehrfach und unmissverständlich hatten es maßgebende Persönlichkeiten auf arabischer Seite ausgesprochen, dass der Staat Israel sobald als möglich vernichtet werde. Die Israelis mussten zusehen, wie immer mehr Waffen sowie militärische und technische Berater ihren Feinden zur Verfügung gestellt wurden, ohne dass die UNO es hätte verhindern können. Durften sie angesichts dessen auf den Schutz der Westmächte vertrauen? Stand nicht eine derselben unverhohlen auf Seiten der Gegner? Konnte ein verantwortungsbewusster israelischer Staatsmann zuwarten, bis in sehr kurzer Zeit die Araber zu der erdrückenden Übermacht an Menschen auch noch eine ebenso erdrückende Übermacht an Kriegsmaterial angesammelt hatten, um dann ihre Drohungen wahr zu machen? Es kann ein Krieg der äußeren Form nach Angriffskrieg sein, und doch ist er seinem Wesen nach Verteidigung, eben die einzig mögliche Verteidigung. Dann muss man ihn unter den obengenannten Bedingungen als erlaubt bezeichnen.

Wir fühlen uns nicht zuständig für ein kompetentes Urteil über2 die politischen Tatsachenfragen im Fall des israelischen Angriffes. Aber das eine muss ein rechtlich denkender Mensch doch feststellen: Man kann es der israelischen Regierung nicht verargen, wenn sie angesichts der rasch wachsenden Militärmacht Ägyptens, beeindruckt durch den Rechtsbruch Nassers in bezug auf den Suezkanal mit den hassglühenden Drohungen der Araber in den Ohren zu dem Gewissensurteil kam: Jetzt hat ein Angriff auf Ägypten noch Aussicht auf Erfolg. In einem Jahr ist es mit Gewissheit zu spät und eine wirksame Hilfe der UNO ist zweifelhaft. Also müssen wir losschlagen. Dieses Urteil kann sachlich falsch sein; wer will das sicher entscheiden? Aber sind Männer, die in einer solchen akuten Existenznot ihres Volkes einen Angriff beginnen, der ihnen als letztmögliche wirksame Verteidigung ihres Staates erscheint, „freche, unverschämte Juden"? Indes muss man nicht die grundsätzliche Frage stellen: Ist nicht Israel als Staat das Produkt eines ungerechten Gewaltaktes? Haben die Araber nicht ein Recht auf dieses Land? Prof. Franz Böhm, MDB, hat dazu sehr Beherzigenswertes geschrieben („Die Gegenwart" Nr. 266 vom 11. 8. 1956, S. 496 ff.) [s. Rundbrief Nr. 33/36, S 4 ff.]. Hier genüge folgendes:

1. Die Juden waren seit Jahrhunderten in alle Welt zerstreut und haben immer wieder bitteres Unrecht in ihren Gastländern erfahren müssen. Wir Christen wissen, daß über diesem Volk ein Verhängnis waltet, das nur übernatürlich zu verstehen ist. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir auch diesem Volk das natürliche Recht auf eine Heimat zuerkennen müssen. Das hat der Völkerbund seinerzeit ausdrücklich getan und auch die Sowjetunion hat den Staat Israel nach seiner Gründung im Jahre 1948 ebenso wie die anderen Großmächte anerkannt.

2. Das Gebiet Israels, Syriens, Jordaniens, des Libanon und des Irak stand bis zum Ende des ersten Weltkrieges unter türkischer Herrschaft. Die gleichen Siegermächte, die das Völkerbundsmandat Israel schufen, haben diese arabischen Staaten befreit und ihnen ihre Staatsgründung ermöglicht. Wenn diese Mächte aus dem gewaltigen arabischen Lebensraum das kleine und an Bodenschätzen arme Staatsgebiet Israel aussparten, um die berechtigten Ansprüche der Juden auf eine staatliche Heimat zu befriedigen, so war diese Lösung ihrem Ansatz nach recht und billig. Natürlich waren noch wichtige Fragen wie der Schutz der arabischen Minderheit in Palästina, etwaige Schadensersatzansprüche usw. zu regeln.

Aber warum haben die Großmächte nicht den Juden Teile ihres eigenen Staatsgebietes zur Verfügung gestellt? Einmal wollten die Juden verständlicherweise nach Palästina, in das Land ihrer Väter. Sodann hatten die siegreichen Großmächte, die beträchtliche Opfer für die Befreiung der Araber gebracht hatten und immer noch gewaltige Opfer zur Aufrechterhaltung eines Friedens in Freiheit bringen, das Recht, als Dank und als Beitrag zum Welt-Gemeinwohl das Einverständnis der arabischen Staaten zu diesem unvermeidlichen Kompromiss zu fordern.

3. Unsere katholische Moraltheologie vertritt den Grundsatz, dass ein Mensch, der ein ihm nicht gehörendes Material technisch und künstlerisch bearbeitet, das Eigentum an diesem Gegenstand erwirbt, wenn der Wert seiner Arbeit den des Materials übersteigt. Freilich muss er dann dem ursprünglichen Eigentümer den Materialwert ersetzen. Muss das nicht auch auf unseren Fall angewandt werden?

Israel hat in einer staunenswerten Kraftentfaltung und unter härtesten Entbehrungen die Wirtschaftskraft seines kleinen Landes um ein Vielfaches gehoben, während die Araber die großen sozialen Gegensätze in ihren Ländern nicht beseitigt haben. Diese Arbeit, die das Gesicht des Heiligen Landes neu geprägt hat, verleiht den Israelis wohl allein schon ein Recht auf dieses Land. Etwaige Rechtsansprüche der geflohenen und der verbliebenen Araber können in gütlicher Weise erfüllt werden. Jedenfalls haben die Araber kein Recht, einfach und unbedingt dieses Land, das durch fremden Fleiß ein anderes geworden ist, zurückzufordern. Sie haben noch weniger Recht, unverhüllt mit Krieg zu drohen, nachdem der Krieg ausdrücklich als zulässiges Mittel der Politik von den Vereinten Nationen verworfen worden ist.

Gewiss ist mit diesem Gedanken das schwierige Problem Israel nicht völlig sichtbar gemacht oder gar geklärt. Aber wenn wir auch nur soviel bedenken, müssen wir dann nicht angesichts unserer ersten gefühlsmäßigen Reaktionen auf den Angriff Israels mit Beschämung gestehen, dass unser christliches Gewissen hier nicht umsichtig und verantwortungsbewusst geurteilt oder sich wenigstens des Urteils enthalten hat?

Dazu haben wir Deutschen uns noch etwas eindringlicher zu sagen: Über dreimal so viel Juden als jetzt in Israel wohnen, wurden von Männern unseres Volkes ermordet. Das lastet auf uns allen, auch wenn wir selber keine andere Schuld daran tragen, als dass wir vielleicht zu sehr geschwiegen haben. Die Versuchung ist riesengroß, dass wir jeden wirklichen oder scheinbaren Fehler der Juden dazu benützen, um durch laute Entrüstung unser schlechtes Gewissen oder doch unsere Scham und Trauer über das Geschehen in der Vergangenheit zu verdecken. So ziemt uns Deutschen taktvolle Zurückhaltung in unserem Urteil und größtes Misstrauen gegen alle Regungen des Missfallens oder gar einer hämischen Genugtuung über etwaige Fehler Israels.

Ein Letztes: Was sich auch in Nahost ereignen mag, auf keinen Fall darf auch nur ein jüdischer Mitbürger in unserem Lande darunter zu leiden haben. Die Urteile dieser jüdischen Mitbürger über den Angriff Israels auf Ägypten sind durchaus nicht einhellig. Aber soweit sie Israel in Schutz nehmen, haben wir das Recht, ihnen das zu verübeln?

Hier erwächst uns Christen eine durchaus praktische Aufgabe: Da, wo es auf unser Verhalten im Alltag ankommt, gegenüber dem einzelnen jüdischen Mitbruder, aber auch hinsichtlich unseres persönlichen Beitrages zur öffentlichen Meinung in unserem Land, müssen wir den „Hitler in uns", d. h. alle unverantwortlichen Gefühle der Abneigung oder gar des Hasses überwinden. Wir müssen so viel Zivilcourage entwickeln, dass wir auch am Biertisch, in der Trambahn oder beim Friseur vor jedermann für eine sachliche, gewissenhafte Beurteilung politischer Vorgänge eintreten, und müssen jedem, der es nötig hat, in die Erinnerung rufen, dass wir Deutsche am allerwenigsten Anlass haben, auf Israel den ersten Stein zu werfen. Im übrigen wissen wir, dass die Juden als Volk in das Geheimnis der Heilsgeschichte hineingewoben sind. Also ist das Gebet die letzte und entscheidende Stellungnahme des Christen' in allen Fragen, die Israel betreffen.

Der Beitrag ist der Münchener Katholischen Kirchenzeitung (49/49) vom 2. Dezember 1956 entnommen.

  1. Vgl. Herbert Haag, Gerechtigkeit für Israel, in: Schweizer Rundschau (57/2, 3, 4/5), Mai, Juni, Juli/August 1957, S. 28 ff. sowie den gesamten Beitrag.
  2. Prof. Dr. Egenter schreibt uns dazu: übrigens hat gestern (am 29. Dezember 1956) in einem Privatgespräch ein bekannter Staatsrechtslehrer eine interessante formaljuristische Feststellung gemacht: Zum völkerrechtlichen Begriff der Aggression gehört als Voraussetzung, dass durch sie ein Friedenszustand gestört wird. Zwischen Israel und den arabischen Staaten aber bestand gerade nach arabischer Feststellung immer noch Kriegszustand.

X. Folge 1957/58 Nummer 37/40, Freiburg, Oktober 1957, S. 77−79, Nr. 17/12.


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